# taz.de -- Krieg in Nahost: Haben wir verloren?
       
       > Die Bewegung für palästinensische Rechte und Selbstbestimmung hat
       > schmerzlich wenig erreicht. Darüber zu sprechen, ist nicht das Gleiche
       > wie Resignation.
       
 (IMG) Bild: Bei israelischen Angriffen in den letzten Jahren zerstörte Häuser in Gaza-Stadt, Juni 2026
       
       Haben wir verloren? Die Frage mag anmaßend klingen. Denn wer, bitteschön,
       soll dieses Wir sein? Ich meine alle, die sich in den vergangenen drei
       Jahren bemüht haben, palästinensisches Leid in Deutschland sichtbarer zu
       machen, in der Hoffnung, dies werde Folgen haben, humanitär und politisch.
       Das ist die denkbar breiteste Definition. Dennoch soll sich hier niemand
       zwangsintegriert fühlen. Meine Überlegungen sind das Resultat einer
       gewissen Verzweiflung – und vielleicht kann eine nüchterne Bilanz dazu
       beitragen, Auswege zu finden.
       
       Die Bewegung für palästinensische Rechte und Selbstbestimmung hat
       schmerzlich wenig erreicht. Darüber zu sprechen, ist kein Defätismus. Und
       ob sich gewisse andere dabei die Hände reiben, interessiert mich nicht. Wir
       haben das gesellschaftliche Bewusstsein verändern können, aber nicht das
       Handeln der politischen Klasse. Und vieles ist statt besser schlimmer
       geworden. Die Menschen in Gaza verbringen nun s[1][chon den dritten Sommer
       in ofenheißen Zelten, umgeben von Trümmern und Unrat, zusammengedrängt auf
       einem Drittel ihres einstigen Territoriums]. Israel verweigert alles, was
       Erleichterung verschaffen könnte, und die deutsche Politik steht – grosso
       modo – an Israels Seite.
       
       Die Mehrheit der Deutschen lehnt Israels Unrechtspolitik ab, ein passiver
       Dissens, ohne Bewusstsein für die deutsche – und damit die eigene –
       Mitverantwortung. Die Zahl prominenter Stimmen, die das Massensterben und
       die Strangulierung palästinensischen Lebens als Genozid verurteilen, ist
       kaum gestiegen, obwohl sich alle relevanten internationalen
       Menschenrechtsorganisationen nach und nach dem Befund Völkermord
       anschlossen.
       
       In immer schnellerer Folge treffen alarmierende Aufrufe israelischer
       Menschenrechtsaktivisten ein, die mit den Worten beginnen: „Urgent call to
       the international community …“ Jeder neue Appell, Siedlerterror und
       Armeegewalt im Westjordanland Einhalt zu gebieten, fällt wie Flaschenpost
       in ein Meer der Teilnahmslosigkeit. Als Deutsche, als Europäerin sitzt man
       da und schämt sich stellvertretend für die Untätigkeit derer, die handeln
       könnten.
       
       Statt die Nahostpolitik völkerrechtskonform neu auszurichten, wie es die
       Mehrzahl hiesiger Nahostexperten fordert, hat sich die Bundesregierung noch
       enger an ein zunehmend rechtsextrem agierendes Israel gebunden, durch große
       Rüstungsgeschäfte und den Cybersicherheitspakt. Die [2][Bundesregierung
       trägt so zu jener Straflosigkeit bei, die Israel paradoxerweise zusätzliche
       Macht verleiht] – für fortgesetzt neue Verstöße gegen internationales
       Recht. Damit ist Deutschland in einer Rolle, in die es gerade vor dem
       Hintergrund seiner Geschichte niemals hätte kommen dürfen.
       
       ## Dreiste Deutsch-Dummheit
       
       Nach einem meiner Vorträge bedankte sich die Leiterin einer
       Bildungseinrichtung, weil es „so zivilisiert“ zugegangen sei – niemand
       hatte geschrien oder den Saal verlassen. Erschöpft sich in der braven
       Nicht-Erregung deutsche Zivilisiertheit? Das liberale Establishment liebt
       die Sekundärtugenden, wenn es eigentlich um die Primärtugend, die ethische
       Substanz eigenen Handelns geht. Am schwersten zu ertragen ist die dreist
       auftretende Deutsch-Dummheit, wie jüngst in Gestalt der CDU-Generalin
       Franziska Hoppermann, die ohne jegliche Expertise in der Sache trötet, für
       ihre Partei existiere kein Völkermord in Gaza.
       
       Die Dummdreisten können einfach losbehaupten, sie ficht kein Zweifel an,
       denn sie spüren nicht, wie klein sie selbst sind gegenüber der Größe des
       Leids, über das sie wegschwadronieren.
       
       Anstatt zu fragen, ob wir verloren haben, wäre es vielleicht besser zu
       fragen, was verloren hat, was auf der Strecke geblieben ist? Bei mir ist es
       die Hoffnung in ein Minimum an Humanität. Binnen dreier Jahre durften
       gerade einmal zwei – in Worten zwei! – schwerverletzte Kinder aus Gaza zur
       Behandlung in Deutschland einreisen. Mehr würden, ach, unsere Sicherheit
       gefährden. Was tun wir uns an mit dieser Vorstellung von Sicherheit? Die
       moralische Selbstbeschädigung, über die ich immer wieder geschrieben habe –
       sie bekümmert einfach nicht.
       
       Verloren ging das Vertrauen in die Wirkung des Wortes. Bedrückender als ein
       durch Canceln erzwungenes Schweigen ist mittlerweile das folgenlose
       Sprechen. Ein Schwall von Plädoyers, Dokumentationen, Berichten, Videos,
       Podcasts ergießt sich Woche für Woche, prallt gegen eine unsichtbare
       Barriere – und versickert. „Niemals waren wir sichtbarer, lesbarer,
       gegenwärtiger im Diskurs der Welt. Und doch geht die Vernichtung weiter“,
       schreibt der palästinensische Intellektuelle [3][Abdaljawad Omar]. „Bei
       westlichen Institutionen hat das Ausmaß an Beweisen nicht etwa eine Krise
       des Gewissens bewirkt, sondern im Gegenteil Übersättigung und den Wunsch,
       dies alles hinter sich zu lassen.“
       
       ## Erinnerungskultur jenseits autoritärer Staatsräson
       
       Gewiss: In den vergangenen drei Jahren sind zahllose gute Initiativen,
       Projekte und Bündnisse entstanden, die gleiche Rechte für alle in
       Israel-Palästina zusammendenken und eine Erinnerungskultur jenseits der
       autoritären Staatsraison erschaffen. Solche Prozesse haben ihren eigenen
       Wert. Doch ab welchem Grad an politischer Wirkungslosigkeit ist die Grenze
       zur puren Selbsttröstung überschritten? Tröstung darin zu finden, dass man
       sich der eigenen Humanität versichert, ist nicht verwerflich. Nur hilft es
       der Mutter in den Trümmern von Gaza wenig.
       
       Haben wir Fehler gemacht? Gewiss. Die Bewegung war, bitte ankreuzen, zu
       radikal, zu zahm, zu laut, zu leise, zu zersplittert … Aber keine dieser
       Schwächen, kein Versäumnis war entscheidend für die deprimierende Bilanz
       von so viel Bemühen. Entscheidend war und ist die Liturgie der Verweigerung
       und der Gewissenlosigkeit auf Seiten jener, an die wir appellierten. Was
       daraus folgt? In Mut- und Tatenlosigkeit zu versinken, ist keine Option.
       Aber es scheint Zeit für einen kollektiven Reflexionsprozess und für neue
       Strategien.
       
       12 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [2] /Historiker-Moshe-Zimmermann-ueber-Israel/!6184780
 (DIR) [3] https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=CAESZwHuR6pN8sf40YW1Q6HJ8-ICfjtAL_sKATHjzZKXTKge4XqrLtoJr9XRvg1IsX-R5PHh51RVB9pOga1hcu9V_lQiDWkGrC9SpfKlyZqYFXazChRVA3ywd-EXkfLGsWR_YsOFpVXGQhs=&ved=2ahUKEwi4lpf9n5iWAxVyZ_EDHRW3LGgQFnoECCMQAQ&uoh=2&usg=AOvVaw23l4trJcPHfDiBiRkNIglw
       
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 (DIR) Charlotte Wiedemann
       
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