# taz.de -- Humanitäre Lage im Gazastreifen: Ein getötetes Kind pro Tag
       
       > Gab es im Gazastreifen nie eine Hungersnot? Israels Regierung führt einen
       > UNICEF-Bericht an, um das zu behaupten. Das Kinderhilfswerk widerspricht.
       
 (IMG) Bild: Sauberes Wasser bleibt knapp. Ein erschöpftes Mädchen am Rande eines Zeltlagers in Gaza-Stadt
       
       Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, UNICEF, hat Fortschritte im
       Kampf gegen Hunger im Gazastreifen vermeldet: Die Ernährungssicherheit für
       Kinder habe sich seit Beginn der sogenannten Waffenruhe verbessert, gab es
       kürzlich i[1][n einer Pressemitteilung bekannt]. Die israelische Regierung
       nahm das als Beleg dafür, dass es im Gazastreifen nie eine Hungersnot
       gegeben habe.
       
       Auf X verbreitete Israels Außenministerium vorige Woche eine Karte der
       Region und schrieb dazu, dass es im Küstenstreifen [2][laut einem
       UNICEF-Bericht] kaum Mangelernährung gebe – sogar weniger als in
       Nachbarländern wie Ägypten und Jordanien sowie Syrien und dem Irak, die auf
       der Karte in Gelb und Rot eingezeichnet waren. Israels UN-Botschafter Danny
       Danon schrieb triumphierend, selbst UN-Organisationen würden inzwischen
       einräumen, dass es im Gazastreifen nie eine Hungersnot gegeben habe. Viele
       israelische Medien berichteten darüber, auch die Jüdische Allgemeine griff
       die Geschichte auf.
       
       Das Kinderhilfswerk widerspricht: „Die jüngste Erhebung zur
       Ernährungssicherheit im Gazastreifen bildet die Lage Mitte 2026 ab“, betont
       UNICEF-Sprecherin Christine Kahmann – das sei mehr als neun Monate, nachdem
       die Vereinten Nationen im August 2025 anhand der IPC-Skala (Integrated Food
       Security Phase Classification) dort eine [3][Hungersnot festgestellt]
       hätten, bald darauf [4][eine Waffenruhe in Kraft] getreten und daraufhin
       die humanitäre Hilfe erheblich ausgeweitet worden sei. „Diese Erhebung sagt
       nichts darüber aus, wie die Lage im August 2025 war“, sagt Kahmann der taz.
       „[5][Damals wurde eine Hungersnot festgestellt], und die akute
       Mangelernährung bei Kindern ist seitdem zurückgegangen. Diese Verbesserung
       ist Folge der [6][in der Zwischenzeit geleisteten Hilfe] – und kein Beleg
       dafür, dass sie nicht notwendig gewesen wäre.“
       
       ## Die Lage im Gazastreifen ist weiter prekär
       
       Die Herausforderungen seien noch immer enorm, so UNICEF. „Im Gazastreifen
       ringen Kinder weiter um Sicherheit und ihr Überleben“, betont das
       UN-Hilfswerk. Die Menschen lebten nun zusammengedrängt [7][auf etwa einem
       Drittel des ursprünglichen Gebiets] und inmitten zerstörter Gebäude,
       Trümmer und angehäuftem Müll. Obwohl sich die Situation leicht verbessert
       habe, seien noch immer schätzungsweise 1,4 Millionen Menschen – also zwei
       Drittel der Bevölkerung des Gazastreifens – laut IPC von akuter
       [8][Ernährungsunsicherheit auf Krisenniveau oder schlimmer] betroffen. Etwa
       212.000 Menschen befänden sich weiterhin in einer akuten Notlage, und rund
       74.000 Kinder müssten voraussichtlich wegen akuter Mangelernährung
       behandelt werden, so UNICEF.
       
       Insgesamt seien etwa [9][eine Million Kinder auf humanitäre Hilfe
       angewiesen]: „Sie leiden weiter an Hunger, Krankheiten, verunreinigtem
       Wasser und beschädigten Sanitäranlagen.“ Nach wie vor halte Israel mit dem
       Grenzübergang Kerem Shalom/Abu Salem nur einen Weg in den Gazastreifen
       offen. „Dadurch bleibt die Einfuhr lebenswichtiger Güter, die für den
       Wiederaufbau gebraucht werden, begrenzt“, so UNICEF.
       
       Schlimmer noch: [10][die israelischen Angriffe gehen trotz der Freilassung
       der Geiseln durch die Hamas] weiter. In der vergangenen Woche machte
       [11][das UN-Kinderhilfswerk] darauf aufmerksam, dass seit der Verkündung
       der angeblichen Waffenruhe im Oktober 2025 im Gazastreifen Berichten
       zufolge in den vergangenen 300 Tagen mindestens 300 Kinder getötet wurden.
       „Das entspricht im Durchschnitt einem getöteten Kind pro Tag“,
       [12][rechnete das Kinderhilfswerk vor]. Die Kinder im Gazastreifen
       bräuchten weiterhin dringend Schutz, humanitäre Hilfe und langfristige
       Perspektiven. „Dazu gehören ein verlässlicher Zugang zu Gesundheit, Bildung
       und Schutz sowie ein Wiederaufbau, der ihr Wohl und ihre Rechte ins Zentrum
       rückt“, so UNICEF. Mehr als alles andere bräuchten sie aber erst einmal ein
       Ende der Gewalt.
       
       ## Fehlerhafte Karte mit Nebenwirkungen
       
       Die vom israelischen Außenministerium lancierte Behauptung, die
       Ernährungslage im Gazastreifen liege laut UNICEF im grünen Bereich, wurde
       von israelischen Stellen, proisraelischen Influencern und anderen
       Apologeten dankbar aufgenommen und im Netz eifrig weiter verbreitet. Die
       israelische Botschaft in Deutschland und Israels „Koordinierungsstelle für
       Regierungsaktivitäten in den besetzten Gebieten (COGAT)“, die dem
       israelischen Verteidigungsministerium untersteht, posteten die Karte, die
       Israels Außenministerium verbreitet hatte, auf X weiter und verbreiteten
       dessen Narrativ. Andere, darunter Ralf Fücks, der Ex-Chef der grünennahen
       Heinrich-Böll-Stiftung, und die HR-Journalistin Esther Shapira, griffen das
       zustimmend auf.
       
       Der Tweet des israelischen Außenministeriums hatte aber auch noch ein
       unerwartetes diplomatisches Nachspiel. Die darin enthaltene Karte enthielt
       nämlich zahlreiche Fehler: Unter anderem fehlte ein Teil des Südlibanons,
       der einfach Israel angegliedert wurde. Der Libanon protestierte dagegen
       umgehend in Washington – laut der libanesischen Zeitung L’Orient Today
       [13][soll sich Libanons Präsident Joseph Aoun sogar persönlich beschwert
       haben].
       
       Israels Außenministerium hat seinen Tweet inzwischen gelöscht. Dennoch
       geistern die fehlerhafte Karte und die fabrizierten Behauptungen durch das
       Netz und werden von proisraelischen Accounts weiter verbreitet.
       
       14 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/presse/-/gaza-news-300-kinder-getoetet/350376
 (DIR) [2] https://drive.google.com/file/d/1yfidZV6MXmsvobOKUbhsON5le5daATAc/view?pli=1
 (DIR) [3] /Gaza-Stadt/!6106207
 (DIR) [4] /Analyse-zur-Waffenruhe-in-Gaza/!6115099
 (DIR) [5] /Hungersnot-in-Gaza/!6102490
 (DIR) [6] /Gaza-Tagebuch/!6108747
 (DIR) [7] /Waffenruhe-im-Gazastreifen/!6182767
 (DIR) [8] /DRK-Leiter-zu-Gaza/!6114411
 (DIR) [9] https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/blog/-/kinder-in-gaza-fakten/346320
 (DIR) [10] /Krieg-in-Nahost/!6197384
 (DIR) [11] /Jahresbilanz-von-Unicef/!6141773
 (DIR) [12] https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/presse/-/gaza-news-300-kinder-getoetet/350376
 (DIR) [13] https://today.lorientlejour.com/article/1544055/israel-deletes-map-showing-annexed-lebanese-territory-from-x-but-not-telegram.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Daniel Bax
       
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