# taz.de -- Siedlergewalt im Westjordanland: Hügeljugend im Häuserkampf
       
       > Seit Tagen terrorisieren israelische Siedler einen Hauskomplex im Dorf
       > Qusra. Israels Militär soll ihre Belagerung beenden. Doch es bleibt
       > untätig. Selbst US-Botschafter Mike Huckabee spricht von „Terror“.
       
 (IMG) Bild: Drei israelische Siedler sitzen auf einer Mauer vor dem umzingelten Haus der palästinensischen Familie Hassan im Dorf Qusra
       
       Zwischen Olivenbäumen, auf einer kargen Ebene in der sengenden
       Mittagssonne, steht Abdelkarim Hassan. Der Mann im karierten Hemd schaut
       nachdenklich auf drei Häuser auf dem Hügel gegenüber. Neben ihm brutzelt
       ein silberner Peugeot-Kombi in der Sonne.
       
       Vor den Gebäuden steht eine Gruppe junger Männer mit Hoodies, Kippot und
       Schlabberjeans: israelische Siedler. Einige Meter weiter eine Gruppe
       israelischer Soldat:innen in olivgrüner Vollmontur, weiter hinten zwei
       Militärfahrzeuge. Auf der Hausmauer sitzt ein Dutzend Jungs – auch sie
       Siedler – plaudern, schwingen die Beine in die Luft. Niemand hier weiß, was
       in den nächsten Minuten passieren wird.
       
       Hassans Ehefrau und Sohn befinden sich gerade in der Villa hinter den
       Mauern. In ihrem eigenen Wohnhaus, das von den Jungs in Hoodies umzingelt
       ist. Sie dürfen nicht raus – und Hassan darf nicht rein. Er habe es
       versucht, sagt er und zeigt auf eine Serpentine im Hügel. Die Männer hätten
       Metallteile auf die Straße gestreut, um die Reifen aufzuschneiden.
       
       Also sei Hassan zu Fuß weitergegangen – und in einen Steinhagel geraten. Da
       hat er aufgegeben. Jetzt blickt er, müde und unrasiert, aus der Ferne auf
       sein Haus. „Wir machen uns Sorgen um die psychische Gesundheit unserer
       Kinder. Sie schauen aus dem Fenster und sehen maskierte Männer, die
       versuchen, das Fenster einzuschlagen. Jede Nacht.“
       
       ## Fünf Tage ohne Wasser, Essen und Strom
       
       Seit fünf Tagen belagern radikale Siedler den Wohnkomplex in Qusra. Der
       Hausbesitzer Loui Ridi ist US-Staatsbürger mit palästinensischer
       Familiengeschichte und hält sich gerade in den Vereinigten Staaten auf.
       Doch sein Bruder, sein Neffe und deren Familien harren seit Sonntag in der
       zweistöckigen Villa und den zwei angrenzenden Häusern außerhalb des Dorfes
       im Nordwestjordanland aus. Ohne Leitungswasser, fast ohne Nahrungsmittel.
       Ohne Strom. Und ohne Anzeichen, dass sich die Lage so schnell bessert.
       
       Als am Mittwoch dann die Militärwagen ankommen, ist die Spannung groß.
       Schließlich haben die Soldat:innen versucht, die Siedler zu evakuieren.
       Doch diese haben den Weg mit Steinen versperrt und sind auf die
       Streitkräfte losgegangen. Daraufhin setzen die Militärs Tränengas ein,
       treten dann aber zurück. Manche Beobachter:innen betonen, sie seien in
       Unterzahl gewesen, andere unterstellen, es fehle der Wille, hart gegen die
       eigenen Landsleute vorzugehen.
       
       Videos der ersten Tage zeigen junge Männer mit Schläfenlocken, die breite,
       gehäkelte Kippot auf dem Kopf und weiße Schaufäden unter den Hemden tragen
       – typische Kleidung radikaler Siedler, der sogenannten Hügeljugend. Sie
       stehen unter einem improvisierten Gartenpavillon und beten. Vor ihnen
       israelische Soldaten, die ebenfalls in ritueller Andacht hin und her
       schwingen.
       
       ## Reporter:innen werden behindert und bespuckt
       
       Als Journalist:innen der israelischen Zeitung Haaretz am Montag
       versuchen, das Haus zu erreichen, werden sie von einem Mob auf Quads
       gestoppt. Sie beleidigen, treten und bespucken die Reporter:innen. Sie
       trauen sich sogar, die Luft aus ihren Reifen herauszulassen. Die anwesenden
       Soldaten intervenieren nicht, teilen den Siedlern lediglich mit, es handele
       sich um [1][militärisches Sperrgebiet]. Das heißt eigentlich: Niemand darf
       es betreten. Bloß für die Siedler scheint diese Ansage nicht zu gelten.
       
       Dann versuchen Aktivist:innen, in einem Krankenwagen mitzufahren, werden
       aber von Soldat:innen angehalten. Nicht mal die Sanitäter:innen
       dürfen weiter. Eine Debatte entflammt: Für die einen gehören
       Aktivist:innen nicht in ein medizinisches Fahrzeug und sollten gestoppt
       werden, für die anderen haben Mediziner:innen stets das Recht, Kranke
       zu erreichen. Einem Kind in dem belagerten Haus geht es nämlich schlecht.
       
       Erst am Dienstagabend konnten Ruqqaya Hassan und ihre zwei Töchter Kinda
       und Hur, vier und zwei Jahre alt, das Haus verlassen. Jetzt sitzen sie auf
       einem roten Sofa im Garten ihrer Stiefmutter, die zwei Mädchen in
       grüngrauen Pyjamas mit glitzerndem Strass, die 28-jährige Mutter in
       Langkleid und Schleier. Eines der Kleinen schläft auf dem Schoß der Mutter,
       das ältere starrt uns an.
       
       „Sie hatte Husten, Fieber und Erbrechen. Und ich bin auch ein bisschen
       krank“, sagt sie. Immer wieder muss Ruqqaya Hassan beim Reden husten. Drei
       Tage sind sie in dem belagerten Haus geblieben. Das älteste Kind mag
       seitdem nicht mehr allein auf die Toilette gehen. Sie hat Angst, dass die
       Siedler kommen.
       
       „Sie kamen am Sonntagnachmittag in zwei Autos, hatten Ausstattung dabei,
       saßen auf dem Boden, schauten sich um und begannen, ein Zelt aufzubauen.
       Sie sagten nichts. Wir sahen sie durch die Überwachungskameras. Wir
       schlossen uns ein und riefen die israelische Polizei an“, erinnert sich die
       Mutter. Mit den Händen zeichnet sie die Umrisse des Wohnkomplexes in die
       Luft, die Siedler hätten einen seitlichen Pfad benutzt. Manche seien über
       die Mauer geklettert, später seien immer mehr dazugestoßen.
       
       ## Steine werfen und Kaffee trinken
       
       Sie schnitten Stromkabel ab, brachten Schafe auf die Felder neben dem Haus,
       warfen Steine gegen die Fenster und schrien. Ruqqaya Hassan bestätigt, die
       ersten gerufenen Soldat:innen hätten Kaffee mit den Siedlern getrunken
       und mit ihnen unter dem Zelt gebetet. Auch hätten die Siedler versucht,
       ihren Krankenwagen zu stoppen. Nur unter Begleitung der Streitkräfte, die
       zu Fuß vor und hinter dem medizinischen Fahrzeug fahren, können die
       Ärzt:innen die Familie schließlich erreichen.
       
       Auf dem Hügel haben inzwischen die Militärs mit den Siedlern gesprochen,
       mehrmals. Das lässt sich von dem Beobachtungspunkt sehen, an dem wir uns
       mit mehreren Reporter:innen von verschiedenen Medien aufhalten. Dann
       steigen sie in ihre Fahrzeuge und fahren weg. Die Siedler bleiben.
       
       Wir versuchen, uns dem Haus zu nähern, aber auf dem Weg stoppen uns
       vermummte Soldat:innen in Kampfausrüstung. Etwas weiter hinten sieht man
       einen Siedler, der mit Soldaten spricht. Er darf zunächst bleiben. Ein
       Kommandant kommt an, deklariert die Zone als militärisches Sperrgebiet,
       höflich, aber in einem Ton, der keine Widerrede duldet. Die Streitkräfte
       drängen uns langsam zurück.
       
       ## Nicht der erste Angriff
       
       Es ist nicht das erste Mal, dass die Hassans angegriffen werden. Seit acht
       Monaten, seitdem einige Hundert Meter hinter ihrem Haus ein neuer
       Außenposten aufgebaut wurde, versuchen Siedler, das Gebäude zu stürmen.
       Offenbar mit der Absicht, es zu besetzen. So wie andere Gebäude in der
       Region.
       
       Um das zu verhindern, bleiben stets Mitglieder der Familie dort, in
       Schichten. Abdeldkarim Hassan sitzt seit Monaten nachts in seinem silbernen
       Peugeot auf der kargen Ebene. Eine kleine Schlafmatte bringt er sich mit,
       und beobachtet die Hügel. Wenn sich jemand den Häusern nähert, ruft er die
       Familie an. Inzwischen eine Vollzeitbeschäftigung.
       
       Bürgermeister Abdul Wadi verschränkt die Arme vor der Brust, wenn man ihn
       fragt, ob er etwas tun kann. „Mir tut es leid, dass drei Familien dort
       sind. Aber ich kann nichts für sie tun. Ich sage ihnen, dass sie sich
       gedulden müssen.“ Die Siedlerangriffe hätten sich in den letzten Jahren
       verschärft. Jetzt würden sie auch in Gebiet B eindringen, wo Wohnhäuser
       sind, erzählt er unter einem Olivenbaum, wenige Meter von den israelischen
       Soldat:innen entfernt.
       
       ## Ein umkämpfter Ort südlich von Nablus
       
       Das Dorf Qusra hat etwa 5.500 Einwohner:innen und liegt südlich von
       Nablus. Das halbe Dorf gehört zu Gebiet B, die andere Hälfte zu Gebiet C.
       [2][Laut Oslo-Abkommen] hat Israel die zivile und militärische Kontrolle
       über Gebiet C, während B unter Verwaltung der Palästinensischen
       Autonomiebehörde (PA) steht. Eigentlich sollte die Sicherheit hier
       gemeinsam von PA und Israel garantiert werden. Doch faktisch hat Israel das
       Sagen.
       
       Immer wieder [3][entflammt Gewalt in der Gegend] um Qusra, in der es
       mehrere Siedlungen und illegale Außenposten gibt. Vor rund zwei Wochen
       haben Siedler Feuer bei der Al-Rahma-Moschee in Qusra gelegt und deren
       Wände mit Graffitis wie „Rache“ besprüht. Kurz davor waren in einem anderen
       Dorf zwei Israelis und vier Palästinenser gestorben.
       
       Schon vor drei Jahren, kurz nach dem 7. Oktober, war das kleine Dorf,
       eingenistet auf dem kargen Hügel zwischen den Olivenhainen, Schauplatz von
       tödlichen Angriffen. Sechs Menschen starben dort innerhalb von zwei Tagen,
       alle bei Attacken von israelischen Siedlern. Unklar ist, wer sie genau
       getötet hat. Als die taz dort war, hingen noch die Plakate mit den
       Gesichtern der sechs Männer, die typischen Traueranzeigen, über der
       Rathaustür.
       
       ## Palästinenser:innen sind machtlos
       
       Damals trauten sich die Dorfbewohner:innen kaum noch, auf die Felder
       zu gehen, um ihre Oliven zu ernten. Heute, drei Jahre später, haben sie
       immer noch Angst. Auf die palästinensische Polizei hofft hier niemand, sie
       hat hier de facto nichts zu melden, nicht einmal im Gebiet B. Und die
       israelischen Sicherheitskräfte zeigen sich fast genauso machtlos, wenn sie
       mit den radikalen Siedlern auf diesen Hügeln konfrontiert werden.
       
       So schilderten israelische Soldaten gegenüber Haaretz jüngst, wie Siedler
       im Westjordanland selbst Streitkräfte, die sich ihnen entgegenstellen
       wollen, bedroht und angegriffen hätten. Der Grund: Die Siedler genießen den
       Schutz von Reservisten aus den Siedlungen und von machtvollen Offizieren.
       Nach dem 7. Oktober sind etwa 5.500 Siedler:innen in die
       Hagmar-Bataillone einberufen worden. Die israelische Armee verneint solche
       Vorwürfe regelmäßig. Doch die Videos, auch die aus Qusra, erzählen eine
       andere Geschichte.
       
       In den belagerten Häusern ist inzwischen die Großmutter der Hassans
       angekommen. Sie fuhr im Krankenwagen mit, der die zwei Mädchen und Ruqqaya
       Hassan am Dienstag abholte. Es dürfen nicht zu wenig Familienmitglieder
       dort allein sein, denn ihr Zuhause wollen sie nicht aufgeben. Koste es, was
       es wolle. Sogar der US-Botschafter Mike Huckabee hat sich zum Vorfall
       geäußert und ihn [4][als „Terror“ bezeichnet]. Die israelische Armee teilte
       am Mittwoch mit, sie werde die Israelis wegräumen. Unklar ist jedoch, wann.
       
       ## Es bleibt bei Worten
       
       Eine Anfrage der taz beantwortet es nicht, doch in den vergangenen Tagen
       hat das Militär die Handlungen der Siedler als „illegal, verwerflich und
       inakzeptabel“ beschrieben und Strafen gegen eventuell beteiligte Soldaten
       angekündigt. Am Mittwoch besuchte ein israelischer General die
       palästinensischen Familien. Ein Infanterie-Bataillon ist im Gebiet
       angekommen.
       
       Abdelkarim Hassan steht am Mittwochnachmittag wieder auf dem Hügel vor dem
       Wohnkomplex, in dem sich seine Ehefrau und sein Sohn gerade
       verbarrikadieren. Soldaten sind wieder da, die Jungs auch. Er sieht
       wehmütig aus, eher resigniert als wütend. „Wenn die israelische Regierung
       das Problem wirklich lösen wollte, wäre das innerhalb von einer Stunde
       erledigt“. Doch am Donnerstag stehen die Siedler noch immer vor seinem
       Haus.
       
       13 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
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