# taz.de -- Buch über Demokratie und Architektur: Mehrzweckbauten mit Charme
       
       > In „Straße, Platz, Palast“ fragt der Politologe Jan-Werner Müller, welche
       > Bauform der Demokratie angemessen ist. Nüchternheit oder Protz?
       
 (IMG) Bild: Zitadelle der Demokratie: Louis Kahns Parlamentsgebäude in Dhaka ist von Wasser umgeben
       
       Der Kaiser hat seinen Palast, der König ein Schloss. Der (Französischen)
       Revolution schrieb der Historiker Jules Michelet zu, ihr entspräche
       städtebaulich die Leere. Welche Bauform symbolisiert dann wohl am besten
       die Demokratie? Vielleicht nüchterne Mehrzweckbauten wie die des
       Europäischen Parlaments, mit moderner, aber austauschbarer Optik – und viel
       Glas, einem vagen Versprechen von Transparenz folgend?
       
       Vielleicht ist aber auch das von Wasser umgebene zitadellenartige
       Parlamentsgebäude des US-Architekten Louis Kahn in Dhaka ein typisches
       Bauwerk für die Demokratie: Klarheit und Durchlässigkeit suggerierend,
       optisch selbstbewusst, aber auch zugangsbeschränkt – was das Volk nicht
       daran hinderte, 2024 das Parlament zu stürmen und Bangladeschs autoritäre
       Machthaberin Sheikh Hasina zu verjagen. Der in London lehrende deutsche
       Demokratietheoretiker [1][Jan-Werner Mülle]r, der 2025 nach Dhaka reiste,
       beschreibt, wie er das beschädigte Gebäude wahrnahm: als „gutes Gewissen“,
       an dem die Menschen ihre politische Wut ausgelassen hatten.
       
       Welche Symbole braucht Demokratie, und gibt es ein Bauen, das Demokratie
       befördert oder verhindert, fragt Müller in seinem neuen Buch „Straße,
       Platz, Palast“, in dem er die Wechselbeziehung von Architektur, Städtebau
       und Demokratie erkundet.
       
       Die gebaute Umwelt spiegelt, so stellt Müller eingangs fest, reale
       Machtverhältnisse wider. Gebäude können aber auch lügen – etwa wenn sich
       Autokratien mit Gebäuden schmücken, die an Ideale von Freiheit und
       Gleichheit appellieren.
       
       ## Zurück in die Antike
       
       Simplen Raumdeterminismus, wonach sich in einer entsprechend gestalteten
       Umgebung demokratische Ideale fast von selbst einstellten, lässt Müller
       nicht gelten – er fragt provokativ: „Wann und wo habe ich zuletzt ein
       spontanes Gespräch mit Unbekannten angefangen? Die wahrscheinlichste
       Antwort lautet heute: „im Internet“.
       
       Stattdessen geht der Autor zurück in die Antike und fragt nach der Rolle
       von Plätzen und Gebäuden in der athenischen Demokratie und im
       republikanischen Rom: Die Agora beschreibt er als engen, formlosen Ort der
       Zusammenkunft, auf der vom Obstmarkt bis zum Scherbengericht oder
       Opferritual alles Mögliche stattfand – während die erhöht gelegene Pnyx und
       die Akropolis als offizielle Orte der Gesetzgebung eine theaterhafte
       Anmutung hatte. Die Römer wiederum riefen die Bürger zur Stehversammlung
       auf dem Forum zusammen – das aber auch der Selbstdarstellung Mächtiger
       durch Monumente diente.
       
       Noch heute, bilanziert Müller, brauche jede Demokratie eine Agora (oder
       auch eine Straße) für die informelle Zusammenkunft und Meinungsbildung, und
       eine Pnyx (heute: Parlament) als Ort formeller Entscheidungen. Als Erbe aus
       der Antike sieht er auch die Angst vor Volksversammlungen – eine Angst, die
       sich städtebaulich in der Wahrnehmung von Plätzen als Orten möglicher
       Aufstände niederschlägt.
       
       ## Pflanzkübel gegen Versammlungen
       
       Vom Tahrirplatz in Kairo bis zum Tian’anmen in Peking könnten gerade große
       Plätze zu zahlenmäßig beeindruckenden Protesten einladen, wobei eine
       geografische Nähe zur Macht über den Erfolg mit entscheide. Andererseits
       seien solche Orte besonders anfällig für Repression. Doch auch durch
       staatliche „Verschönerungsmaßnahmen“ wie Pflanzkübel aus Beton auf dem
       Tahrirplatz oder eine Privatisierung des öffentlichen Raums, die Zugänge
       qua Hausrecht versperrt, könnte größeren Versammlungen der Zutritt verwehrt
       werden.
       
       Ausgehend von Trumps Dekret, wonach öffentliche US-Gebäude bevorzugt im
       klassizistischen Stil errichtet werden sollen, stellt Müller die Frage,
       welche baulichen Repräsentationsformen einer Demokratie angemessen sind:
       Sind Paläste oder [2][Monumentalarchitektur] per se undemokratisch? Leidet
       die Demokratie unter einem Mangel an Symbolen, da ihr Wesen
       „bilderstürmerisch“ sei, wie der 6. US-Präsident John Quincy Adams
       behauptete? Wie sehr kann und soll politische Autorität sichtbar gemacht
       werden, wenn diese immer nur temporär gewährt wird? Und folgt daraus
       notwendigerweise, dass Parlamentsbauten das Aussehen einer örtlichen
       Sparkasse haben müssen, wie Helmut Schmidt einmal über das Bonner
       Kanzleramt klagte?
       
       Von den überlangen homogenen Fensterreihen einer auf Überwältigung
       setzenden [3][Naziarchitektur] bis zu den Volkspalästen sozialistischer
       Länder als Verschleierung tatsächlicher Machtverhältnisse, bis zu Norman
       Fosters bemüht „transparenter“ Glaskuppel für den Berliner Reichstag –
       Jan-Werner Müller entlarvt am Beispiel vieler bekannter Bauwerke populäre
       Glaubenssätze über das „richtige“ Verhältnis zwischen Demokratie,
       Repräsentanz und Architektur. Seine Typologie von „Straße, Platz, Palast“
       erweitert er um flüchtige Bauten wie Barrikaden und gebaute Machtgesten wie
       Denkmäler und stellt fest: Es gibt weder einen spezifisch demokratischen
       Stil noch ein Baumaterial oder eine spezielle Ikonografie.
       
       Ganz ohne Symbole stehe die Demokratie dennoch nicht da, betont Müller und
       verweist auf Gesten wie die Kontextualisierung umstrittener historischer
       Denkmäler (statt Abriss) oder Straßenumbenennungen. Am Ende seiner
       scharfsinnigen, oft auch spitzzüngigen Analyse warnt der Autor davor, seine
       Beobachtungen zu sehr auf die Goldwaage zu legen: „Politische Probleme
       haben keine architektonische Lösung (auch wenn architektonische Probleme
       politische Lösungen haben können).“
       
       14 Aug 2026
       
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