# taz.de -- Politisches Gedenken in Bangladesch: Ein revolutionäres Museum
> In der Hauptstadt Dhaka bekommt die Revolution von 2024 ein spektakuläres
> Denkmal. Diese Revolution stürzte die Premierministerin Sheikh Hasina.
(IMG) Bild: Skulptur eines Rikscha-Fahrers, der einen erschossenen Demonstranten zu dessen Familie bringt
Am 5. August 2024 hat in Bangladesch eine neue Zeit begonnen: Nach
wochenlangen Demonstrationen erstürmten Oppositionelle die Residenz der
damaligen Premierministerin Sheikh Hasina. Die „Juli-Revolution“ war eine
GenZ-Bewegung. Geführt wurde sie von Studierenden der Universität Dhaka,
die sich nicht länger mit Hasinas autoritärem Regierungsstil abfinden
wollten. Die zweite Amtszeit der „Eisernen Lady von Bangladesch“ hatte 2009
begonnen und das Land zunehmend entdemokratisiert.
Als die Demonstranten über das Tor der Residenz kletterten, floh Hasina im
Helikopter nach Indien. Eine Interimsregierung unter Muhammad Yunus wurde
installiert. Der Gründer von Bangladeschs Grameen Bank und Pionier der
Mikrokredite hatte 2006 als Friedensnobelpreisträger Weltruhm erlangt. Es
war seine Idee, aus dem Gelände der Residenz eine Gedenkstätte der
Juli-Revolution zu machen. Er beauftragte den Filmregisseur Mostafa Sarwar
Farooki als „Chief Advisor on Cultural Affairs“ ein Konzept zu entwickeln.
Am 20. Januar wird er das „July Revolution Memorial Museum“ abnehmen, das
dann kurz danach eröffnet werden wird.
Während sich das politische Klima vor den Wahlen am 12. Februar weiter
aufheizt, wurde zuletzt in den weitläufigen Gemächern noch fieberhaft
gearbeitet. „Wir wollen, dass das Gebäude von denen, die es erstürmt haben,
dauerhaft besetzt wird: ein Denkmal für die Errungenschaften der
Revolution, die ein faschistisches Regime zum Einsturz gebracht haben“,
sagt der auch international bekannte Farooki. Er engagierte ein Team aus
Kuratoren und Architekten unter der Leitung von Marina Tabassum und Tanzim
Wahab, die auch zu den Revolutionären zählten. Sie entwickelten die
Wegführung und Ideen für die Gestaltung der Räume.
Man betritt das Anwesen über die Gartenanlage, in der ein Rondell mit
symbolischen Grashügel-Gräbern für die 4.200 Opfer erschaffen wurde, die
während der Revolution und unter der Amtszeit Sheikh Hasinas getötet
wurden. Ihre Namen sind auf der Mauereinfassung zu lesen, mit Bänken zum
Verweilen und Trauern.
## „Revolutionshelden neue Eigentümer des Palastes“
„Die Idee dieses Denkmals ist, dass diese Menschen die neuen Eigentümer des
Palastes sind,“ sagt Farooki. In seitlichen Beeten wurden nach ikonischen
Fotos lebensgroße Skulpturen von Menschen erschaffen, die während der
Revolution berühmt wurden: eine Schülerin, die sich nur mit einem
Cricketschläger bewaffnet unter die Protestierenden mischte, ein
Riksha-Fahrer, der die Leiche eines Ermordeten zu dessen Familie brachte…
Im Eingangsbereich wird man von einer Video-Skulptur empfangen, die eine
Montage aus Revolutionsszenen zeigt, bevor man die Repräsentationshalle
betritt. Wie im gesamten Gebäude wurden die damals demolierten Wände samt
Graffitis wie „Dikator“ oder „Mörderin Hasina“ so belassen wie am Tag der
Besetzung. Auch der Boden voll zertrümmertem Porzellan, mit Stöcken,
Haarspangen und Protestbannern der Besetzer:innen blieb wie
vorgefunden. Man läuft über Glasplatten, durch die man alles sieht.
Die Sofas wurden rearrangiert, an die Wände werden Videos projiziert, die
zeigen, was sich hier am 5. August 2024 abspielte. Es ist eine streng
dokumentarische, gekonnt kuratierte Momentaufnahme, die das Chaos auf
ergreifende Weise so nachvollziehbar macht wie den Triumph und die
angestaute Wut.
Farooki und Tanzim Wahab, der als Kurator auch bei der [1][Berliner Spore
Initiative] tätig war, erklären: „Das ganze Gebäude ist so geplant, das man
sich nach dem Besuch nicht nur an diesen denkwürdigen Tag erinnert, sondern
begreift, warum wir weiter für ein demokratisches Bangladesch kämpfen
müssen.“ Geplant seien auch ein Archiv mit Zeitzeugenberichten sowie
Veranstaltungen. Es sei ein Ort der Trauer für die Hinterblieben der Opfer,
der zugleich die Ideale der Revolution weiterentwickeln wolle.
Eine Vitrine zeigt den letzten Brief eines 16-Jährigen an seine Eltern. In
Hasinas ehemaligem Schlafzimmer sind blutige T-Shirts der Opfer
ausgestellt, deren Erschießung sie angeordnet hatte.
## Pluralistische Darstellung statt alleingültiges Narrativ
Das Museum besticht durch quasi-cineastisches „Storytelling“ und ein
Ausstellungskonzept, das vor allem den an der Revolution beteiligten Frauen
viel Platz eingeräumt. Anders als z.B. das „Museum der bedinglosen
Kapitulation des Großen Vaterländischen Krieges“ in Berlin-Karlshorst – in
seiner ursprünglichen Existenz – erzählt dieses neue Museum keine
alleingültige Narrativ aus Sicht der Sieger. Es versucht vielmehr, in den
verschiedenen Räumen Platz zu geben für eine pluralistische Darstellung der
Geschichte des Landes, die zur Revolution 2024 führte.
Während derzeit die Interimsregierung für Versäumisse während ihrer kurzen
Regierungszeit im Kreuzfeuer steht, wirkt das Museum wie ein überzeugendes
Bekenntnis zu ihrem Versuch, den Weg zu einem demokratischen Bangladesch zu
ebnen. Vielleicht nicht zufällig kamen viele einflussreiche Menschen der
Protestbewegung aus den Kunstabteilungen der Universität. Zwar fürchten
sich die Verantwortlichen etwas vor dem erwarteten Andrang zur Eröffnung,
aber ihre Hoffnung, dass sich dieses Kulturereignis positiv auf die Wahlen
auswirkt, scheint berechtigt.
19 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://spore-initiative.org/
## AUTOREN
(DIR) Dorothee Wenner
## TAGS
(DIR) Bangladesch
(DIR) Sheik Hasina
(DIR) Revolution
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