# taz.de -- Ausstellung über Jugoslawiens Bauten: „Architektur hatte Verantwortung“
       
       > Die Schau „Toward a Concrete Utopia“ in New York zeigt, dass
       > inspirierende Architektur auch in der sozialistischen Welt existierte.
       > Ein Gespräch mit Kurator Vladimir Kulić.
       
 (IMG) Bild: Andrija Mutnjaković. Nationalbibliothek des Kosovo. Prishtina, Kosovo. 1971 bis 82
       
       taz: Herr Kulić, warum sollte sich ein US-Bürger eigentlich für eine
       Ausstellung über das Bauen in Jugoslawien interessieren? 
       
       Vladimir Kulić: Ich glaube, es gibt dafür zwei Gründe. Zum einen hat das
       US-Publikum so eine Ausstellung noch nie gesehen. Dabei zeigt sie, dass
       moderne Architektur auch jenseits der kanonischen Gegenden blühte. Werke
       über die Geschichte moderner Architektur befassen sich geografisch
       hauptsächlich mit Westeuropa und den Vereinigten Staaten. Vor allem aber
       zeigt diese Ausstellung, dass inspirierende Architektur auch in der
       ehemaligen sozialistischen Welt existierte. Jugoslawien ist ein tolles
       Beispiel, um zu zeigen, dass die Geschichte viel komplizierter ist.
       
       Und zum anderen? 
       
       Nach vier Jahrzehnten des Neoliberalismus sehen wir endlich eine erneuerte
       Wertschätzung der Rolle der Architektur beim Aufbau der bürgerlichen und
       öffentlichen Sphäre – [1][eine Betonung des Gemeinschaftlichen] anstatt des
       Privaten. Besonders in den USA wurde Architektur zu einer Schau für
       Superreiche reduziert. Der architektonische Diskurs befindet sich jetzt in
       den Händen des obersten Prozents. So gesehen ist Jugoslawien eine
       Erinnerung daran, dass Architektur mal eine umfassendere gesellschaftliche
       Verantwortung bei der Gestaltung von Gesellschaft hatte.
       
       Wieso wählten Sie den Zeitrahmen 1948 bis 1980? 
       
       1948 löste sich Jugoslawien von der Sowjetunion, [2][1980 starb Tito].
       Allerdings sind das auch Wendepunkte in der Architektur, denn nach 1948
       verschwand recht schnell der zu Beginn auferlegte sozialistische Realismus.
       Und nach 1980 betrat man die Architektur-Periode des Postmodernismus.
       
       Die Ausstellung behauptet: Jugoslawien war ein Experiment? 
       
       Jugoslawien war zweifellos ein Experiment. Es entwickelte sich ständig.
       Daher ist der Titel „Zu einer konkreten Utopie“ passend, nicht nur im
       offensichtlichsten Sinne, wenn man von Betonarchitektur (concrete
       architecture) spricht, sondern auch in Anspielung auf [3][Ernst Blochs
       Konzept der konkreten Utopie], das die Idee einer Gesellschaft in
       unaufhörlichem Werden betont, Utopie als einen Prozess der ständigen
       Transformation. So gesehen war Jugoslawien tatsächlich eine Utopie, weil es
       kontinuierlich auf der Suche nach Verbesserung war. Die Ausstellung
       argumentiert, dass ein großer Teil der in Jugoslawien produzierten
       Architektur ziemlich experimentell war. Die Frage ist, ob das Experiment
       gescheitert ist.
       
       Und? 
       
       In den entwickeltsten kapitalistischen Ländern kamen Modernisierung und
       Urbanisierung durch extreme Opfer der Arbeiterklasse zustande. Man könnte
       mutmaßen, dass der Preis der Modernisierung in Jugoslawien gerechter
       verteilt war. Jugoslawiens Versagen bestand letztendlich in der fehlenden
       Erneuerung des eigenen Systems, was dem Kapitalismus wiederum gelingt,
       trotz ständiger Krisenzyklen.
       
       Neben Modernismus und Brutalismus waren der Strukturalismus, Metabolismus
       sowie der Postmodernismus in Jugoslawien ebenfalls dominant. Wie vermittelt
       die Ausstellung diesen sehr ausgearbeiteten Architektur-Wortschatz? 
       
       Dazu gibt etwa vier monografische Räume, die einzelnen Architekten gewidmet
       sind: Vjenceslav Richter, Edvard Ravnikar, Juraj Neidhardt und [4][Bogdan
       Bogdanović]. Ihre äußerst konträren persönlichen Werke illustrieren die
       extreme Vielfalt des architektonischen Vorgehens in Jugoslawien. Richter
       stand im Mittelpunkt der Neo-Avantgarde-Bewegung der 1950er und 1960er
       Jahre. Bogdanović war das Produkt der surrealistischen Bewegung der 1920er
       und 1930er. Neidhardt war vielleicht die interessanteste Figur als die des
       kritischen Regionalismus, während Ravnikar Architekturideen großartig
       synthetisierte, von Plečnik bis zu [5][Le Corbusier] und Aalto. Trotz ihrer
       Unterschiede trugen alle vier Architekten zur Errichtung der meisten
       politisch signifikanten Strukturen des Landes bei, von Parlamentsgebäuden
       und [6][Ausstellungspavillons] bis zu Monumenten des Zweiten Weltkriegs.
       Solch eine Vielfalt darstellender Sprachen war anderswo selten.
       
       Alle vier sind Männer …
       
       Eines meiner liebsten Ausstellungsstücke ist das Foto, auf dem die
       serbische Architektin Milica Šterić mit Kunden aus Afrika in einem Büro im
       Energoprojekt-Hauptquartier in Belgrad sitzt. Um sie herum stehen weiße
       Männer, die ihnen zuhören. Das Bild sagt etwas über die Subversion der
       traditionellen Rassen- und Geschlechtshierarchien aus und demonstriert die
       wahrhaft utopische Dimension Jugoslawiens, das versucht hat, die
       unterschiedlichsten Gruppen, die im Laufe der Geschichte entrechtet wurden,
       zu befreien und zu emanzipieren – dazu gehörten auch Frauen.
       
       Wie eben Milica Šterić. 
       
       Sie war als Architektin wichtig, noch mehr aber als Architektur-Managerin,
       die überall in Afrika und dem Nahen Osten erfolgreich Verträge aushandelte.
       Eine weitere gut vernetzte Frau war Svetlana Radević, die in den 1960ern
       den nationalen Architekturpreis gewann. Danach lernte sie bei Louis Kahn,
       arbeitete mit Kisho Kurokawa, verbrachte Zeit in der Schweiz und in Japan
       und produzierte sehr viel interessante, fortschrittliche Architektur. Ich
       will damit nicht sagen, dass Jugoslawien eine Art feministisches Paradies
       war, denn Frauen waren in der Architektur immer noch eine Minderheit, sie
       konnten die gläserne Decke nur schwer durchbrechen, aber man bemühte sich
       bewusst um ihre Inklusion.
       
       Wie wurde im Vergleich zu anderen osteuropäischen Ländern der Wohnungsbau
       in Jugoslawien entwickelt? 
       
       Eine kurze Antwort wäre: Massenunterkünfte in Jugoslawien waren ebenfalls
       recht vielfältig. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren Standardisierung,
       Typisierung und Industrialisierung des Wohnungsbaus an der Tagesordnung.
       Und das nicht nur in Osteuropa, sondern auch in Westeuropa, denn eine
       enorme Anzahl von Menschen hatte kein Zuhause. In einigen osteuropäischen
       Ländern, wie etwa der DDR und der Tschechoslowakei, waren Standardisierung
       und Typisierung äußerst erfolgreich. Die Sowjetunion produzierte 30
       Millionen Wohnungen, die alle auf standardisierten Designs basierten. Das
       könnte man als größtes architektonisches Modernisierungsprojekt der Welt
       bezeichnen.
       
       Und in Jugoslawien? 
       
       In Jugoslawien geschah so etwas nicht, teilweise aufgrund der frühen
       Dezentralisierung. In gewisser Hinsicht war das ein Versagen des
       Nachkriegsideals des Massenindustriebaus, der Nebeneffekt war jedoch die
       Vermeidung der städtischen Eintönigkeit, die man in manchen anderen Teilen
       Europas kennt.
       
       Kann man den Wohnungsbau von den Tourismus-Gebäuden abgrenzen, die zur
       gleichen Zeit große Erfolge feierte? 
       
       Die Tourismusarchitektur war eine der Erfolgsgeschichten Jugoslawiens. Als
       in den frühen 1960er Jahren der Massentourismus an der Adria zu explodieren
       begann, hatte man anderswo im Mittelmeerraum schon einige Erfahrungen damit
       sammeln können, so dass ein Bewusstsein für die Gefahren einer
       unkoordinierter, chaotischen Entwicklung vorhanden war. Dieses Bewusstsein
       wurde in die DNA der Tourismusarchitektur eingebaut. Man bemühte sich sehr,
       Hunderttausende Touristen, die an die Adria kamen, unterzubringen und
       gleichzeitig die Qualität der Natur und der historischen Städte zu
       bewahren. Der Architekturkorpus, den wir aus den 1960er und 1970er Jahren
       geerbt haben, ist immer noch aufschlussreich, er beinhaltet viel
       kulturelles Kapital, das bis heute überlebt hat.
       
       Welcher Rolle spielt die von Ihnen abgebildete Denkmalarchitektur? 
       
       Die Denkmäler schließen die Ausstellung ab. Sie zeugen von einer wichtigen
       architektonischen Typologie, die im Jugoslawien der Nachkriegszeit
       produziert wurde, doch in gewisser Hinsicht gedenken sie auch Jugoslawiens
       selbst. Einige der wichtigsten sind schwer beschädigt, ihre [7][aktuelle
       Form dient als Erinnerung] an die Zerstörung Jugoslawiens. Und am Ausgang
       der Galerie stellt eine Wandmalerei von David Maljković eine wichtige
       Frage: Was bedeuten diese verfallenen antifaschistischen Denkmäler für uns
       heute? Im aktuellen politischen Klima ist das eine sehr wichtige Frage. Die
       Ausstellung schließt mit einer Frage und einer Mahnung.
       
       Übersetzung: Katarina Novak
       
       25 Nov 2018
       
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