# taz.de -- Die „Volksstimme“ in Sachsen-Anhalt: Und am Wochenende ist Disco mit Peter
       
       > Die Lokaljournalisten kennen jedes neue Feuerwehrhaus und die meisten
       > AfD-Politiker aus dem Sandkasten. Ihre Zukunft sehen sie von denen nicht
       > bedroht.
       
 (IMG) Bild: Täglich erscheinen 18 verschiedene Ausgaben der „Volksstimme“
       
       Zu den [1][weit verstreuten Dörfern Sachsen-Anhalts] kommt man ohne Auto
       nur zweimal täglich per Bus und findet dort oft weder Bäcker noch Apotheke.
       Dafür sieht man hier überall an Zauntüren und Hauseingängen etwas, was
       anderswo längst verschwunden ist: Zeitungsboxen. Aufschrift: Volksstimme.
       
       BRD-deutsch-Sozialisierte zucken bei dem Namen („klingt irgendwie Nazi“).
       Dabei wurde die Volksstimme 1890 in Magdeburg als sozialdemokratische
       Tageszeitung gegründet, 1933 von den Nazis verboten und zwischen 1947 und
       1990 als SED-Parteiblatt weitergeführt.
       
       Wie ist die Stimmung in der Volksstimme? „Eigentlich prima“, sagt
       Chefredakteur Marc Rath. „Vielleicht sogar besser als in Berlin?“
       
       Rath ist sympathisch, unideologisch und schwer aus der Fassung zu bringen.
       Digitale Medien haben die klassische Zeitung abgelöst, Sachsen-Anhalt ist
       das am stärksten schrumpfende Bundesland und möglicherweise das erste, das
       AfD-geführt werden könnte – woher seine gute Laune? „Wir sind für die
       Zukunft bestens aufgestellt“, sagt Rath. „Die Volksstimme wird die letzte
       gedruckte Zeitung Ostdeutschlands sein und der Lokaljournalismus das
       Letzte, was die KI ersetzen kann.“
       
       ## Die größte Zeitung von Sachsen-Anhalt
       
       Mit einer verkauften Auflage von über 115.000 Exemplaren ist die
       Volksstimme Sachsen-Anhalts größte Zeitung. Es gibt rührende Geschichten,
       wie die der 92-Jährigen, die seit 70 Jahren Abonnentin ist, zum Sohn „in
       die alten Bundesländer“ zog und sich bis heute die Zeitung dorthin schicken
       lässt. Aber auch die Auflage der Volksstimme sinkt, nur nicht so rapide wie
       anderswo. Andere Lokalzeitungen hätten sich aus der Fläche zurückgezogen,
       setzten auf große Geschichten. „Aber dass im Kulturhaus am Wochenende Disco
       mit Peter ist, erfährt der Leser dort nicht mehr. In der Volksstimme
       schon“, sagt Rath.
       
       Täglich erscheinen 18 Ausgaben: von der Salzwedeler über die Wolmirstedter
       bis zur Staßfurter. „Die Leute in Osterburg wollen wissen, ob der Markttag
       in Osterburg verschoben ist. Ob im 22 Kilometer entfernten Stendal ein
       Supermarkt eröffnet hat, ist ihnen schon egal“, sagt Rath.
       
       Rath ist Wessi: 1966 in Solingen geboren, gelernter Verlagskaufmann und
       Absolvent der Journalistenschule in Köln. Gleich 1991 machte er rüber –
       „journalistisch konnte ich mir nichts Aufregenderes vorstellen“. Seitdem
       war er bei der Volksstimme Redakteur, Redaktionsleiter und Reporter und
       deckte einen [2][folgenreichen Wahlfälschungsskandal der Stendaler CDU]
       auf. Rath ist Vollblutlokaljournalist (beide Kinder sind von Geburt an
       taz-Genossen) und Vollblut-Sachsen-Anhalter. Auf der Fahrt zwischen
       Tangermünde und Magdeburg erzählt er von Spargel, Zuckerrübenböden und
       Rotmilanen von der Altmark bis zur Börde. Sein Wochenendidyll mit Elbblick
       hat er natürlich über eine Anzeige in der Volksstimme gefunden, seine Frau
       nicht. Mit der Journalistin ist er genauso lange verheiratet und genauso
       lang kennt er die Stendaler Redaktionsassistentin Ines Beier, die ihn „mein
       Bester“ nennt und 1991 natürlich über eine Anzeige in der Volksstimme zur
       Volksstimme kam.
       
       In Raths Wochenendidyll sitzen bei einem Nachbarn die Störche auf dem Dach,
       beim anderen weht die Reichskriegsflagge im Garten. „Ein Lokaljournalist
       ist ständig im Balanceakt“, sagt Rath. „Er muss es aushalten, den
       Bürgermeister zu kritisieren, dessen Kinder in die gleiche Schulklasse
       gehen. Er muss nah an den Leuten sein und dazu gehören auch Wähler und
       Politiker der AfD.“
       
       ## Heute mal ohne die AfD
       
       In dem hübschen Altbau, in dem die Stendal-Redaktion sitzt, hocken an einem
       Vormittag im Juli zwei Reporter vor ihren Rechnern, ein weiterer ist
       unterwegs, der Chefreporter gerade nach Havelberg ausgeliehen. Einer der
       beiden Redaktionsleiter, Donald Lyko, ist mit Zoomkonferenzen beschäftigt,
       in denen sich dutzende Lokalredaktionen der Volksstimme untereinander und
       mit der Mitteldeutschen Zeitung austauschen: „In Sangerhausen machen wir
       den finalen Aufschlag zur Wahl“. „Die Jessener freuen sich über eine neue
       Gastronomie-Eröffnung“. Dessau bietet den Umbau eines Wohnblocks an,
       Naumburg eine sexuelle Belästigung bei den Maltesern. „Mit Aschersleben ist
       abgesprochen, dass wir den toten Korn-König und sein Waffenlager machen.“
       
       Die AfD ist an diesem Tag kein Thema. „Kommt vor“, lacht Rath.
       Selbstverständlich würde die Volksstimme auch über das AfD-Grillfest in dem
       Häuschenhäufchen berichten, wo sich sonst keine Partei blicken lässt. „Wir
       gehen mit der AfD journalistisch um, wie mit jeder Partei. Aber die AfD ist
       keine normale Partei. Daher haben wir auch mehr und anderes zu berichten
       wie rechte Strukturen auf dem Land oder rechtsradikale Strategen im
       Hintergrund.“
       
       Redet Rath über die „Berliner Blase“, kriegt er einen zynischeren Ton. Wie
       sie beispielsweise den Lokaljournalismus ignoriert, stört ihn: „U[3][nser
       Interview mit Siegmund] ist nicht schlechter als das von Lanz.“ Im Übrigen
       aber ist er der Meinung, dass diese Interviews überbewertet sind. Nicht mit
       einem Interview, sondern allenfalls mit Recherche könne man die AfD
       „stellen“.
       
       Bewässerungsverbot, Pferdemarkt, Volksfest, Hochzeit – die Lokalzeitung
       lebt von Menschen, die darüber gern berichten wollen. Der Stendaler
       Redaktionsleiter Lyko, der von hier stammt, ebenfalls seit über 30 Jahren
       bei der Volksstimme, ist so einer.
       
       Verändert habe sich der Lokaljournalismus: „Schreibe ich über einen neuen
       Sushi-Laden oder die ‚NVA-Feldsuppe‘ eines Lokalunternehmens, landet das
       schnell bei zehntausenden Klicks. Schreibe ich eine Kulturkritik, dümpelt
       die bei 800. Das muss man auch aushalten.“
       
       Aushalten und Vertrauen – immer wieder fallen diese Wörter im Gespräch mit
       den Volksstimme-Journalisten, sie prägen den Alltag wie ansonsten die
       Wörter „Abdecker“, „Austausch“, „Blaulicht“, „Keller“ oder „Aufmacher“.
       
       Eines der wertvollen Vertrauenstools: das Lesertelefon. Für die
       Redaktionsassistentin ist hier morgens Hochbetrieb: Leute beschwichtigen,
       die keine Zeitung bekommen haben, Fehler und Termine entgegennehmen. Eine
       Stunde am Tag sitzt auch ein Redakteur dort. „Lügenpresse“, „Ausländer“ und
       „zu wenig AfD-Texte“ höre man da gelegentlich schon. „Auch da muss man
       durch“, sagt Lyko.
       
       ## „Das gehört zum Job“
       
       Aushalten lässt es sich in der Volksstimme aber auch, weil die [4][Bauer
       Media Group] (Bravo, Cosmopolitan, TV Movie) mit der Übernahme der Zeitung
       1991 entsprechende Bedingungen geschaffen hat. Eine davon steht in
       Barleben. Hier sitzt die Mantelredaktion und das Druckhaus. Davor eine
       Fahrzeugflotte mit der Aufschrift „Biberpost“, dem verlagseigenen
       Lieferunternehmen, das jeden Morgen die Post bis in die abgelegensten
       Häuschenhäufchen Sachsen-Anhalts bringt: private Päckchen, amtliche
       Wahlunterlagen, die Volksstimme. Wenn die Zeitung trotzdem mal nicht
       ankomme, fährt der Chef schon mal persönlich zu einem Häuschenhäufchen und
       bringt dem jungen Feuerwehrmann die Ausgabe mit dem neuen Feuerwehrhaus.
       
       Alina Bach, Jahrgang 1999, Social-Media-Redakteurin der Volksstimme, sitzt
       in der Barlebener Redaktion und hat wie Rath und Lyko keine Manschetten vor
       irgendwas. Unter ihrem Instagram-Post zum Programm der AfD mit lustigen
       Emojis hagelte es wütende Kommentare von links: Die AfD werde verharmlost.
       Sie überprüft jede Kritik, aber den Vorwurf der Verharmlosung findet sie
       meistens nicht gerechtfertigt. „Alle haben ganz viel Meinung, aber
       möglichst objektiv darzustellen, was ist, das ist nun mal Journalismus.“
       Vor Hass und Häme durch die AfD habe sie keine Angst und sagt: „Das gehört
       zum Job. Journalisten müssen Gesicht zeigen.“ Mehr Sorgen mache ihr der
       Vertrauensverlust der Leser in die Zeitung.
       
       Es gibt in der Redaktion aber auch beunruhigtere Mitarbeiter, und die
       Redaktion habe im Austausch mit Rechtsextremismusexperten Fragen zum
       journalistischen Umgang mit der AfD diskutiert, erzählt Rath. Die
       Volksstimme aber sei nicht von Staatsverträgen abhängig wie der MDR, und
       selbst wenn die Staatskanzlei ihr den Zugang versperren würde, bliebe er
       entspannt: „Wir sind Journalisten. Wir wissen, wie man an Informationen
       kommt.“
       
       Zwischen Rath und Lyko passt keine Zeitungsseite. Sie sind sich auch darin
       einig, dass Journalismus zwar eine Lüge aufklären, ihre Verbreitung aber
       nicht unbedingt verhindern kann.„Panik gehört nicht zum Handwerk eines
       Journalisten“, sagt Lyko. „Wir kennen die AfD-Akteure unserer Region seit
       Jahren aus unserer täglichen Arbeit und können einschätzen, ob sie was
       draufhaben oder nicht. Darum hat man eher Angst vor fragwürdigen
       Personalentscheidungen, wenn ich es mal höflich formulieren darf. Davor,
       dass Wollen und Können nicht immer im Gleichgewicht sind.“
       
       Was also kann Lokaljournalismus gegen rechte Hegemonie tun? „Wir schauen
       hinter die Kulissen der Kommunalpolitik, was sonst keiner macht“, sagt
       Rath. Und wenn das neue Feuerwehrhaus in „ihrer“ Volksstimme die Leute
       stolz mache, sei das ein Beitrag zur lokalen Demokratie. Antifaschismus
       heißt also auch: Rettet die Lokalzeitung!
       
       23 Aug 2026
       
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