# taz.de -- Chefredakteurin der „Badischen Zeitung“: „Die Bundestagswahl versteht jeder. Aber Landespolitik?“
       
       > Hat der Lokaljournalismus eine Zukunft? Ja, sagt „BZ“-Chefredakteurin
       > Carolin Buchheim – wenn er auf die Menschen zugeht und zu erklären bereit
       > ist.
       
 (IMG) Bild: Analoge Wahlwerbung in Lahr: Hier hatte die AfD bei der letzten Bundestagswahl einen Stimmenanteil von 31,4 Prozent
       
       taz: Frau Buchheim, Sie kommen vor allem aus dem Onlinebereich, wie passt
       das damit zusammen, dass sie nun Chefredakteurin eines Lokalmediums sind? 
       
       Carolin Buchheim: Es stimmt, ich bin nicht die klassische
       Politikjournalistin. Ich komme aus der digitalen lokalen Berichterstattung,
       habe eine Zeit lang viel Justizberichterstattung gemacht und viel zu
       Internet- und Popkultur gearbeitet. Mein Profil ist eigentlich ein anderes:
       Ich war in den letzten Jahren in der Themenplanung im Newsroom, habe die
       Berichterstattung aus unserem gesamten Verbreitungsgebiet gesichtet,
       sortiert, geschärft. Mein Herz schlägt für das Lokale und Regionale.
       
       taz: Die Badische Zeitung begleitet gerade den Wahlkampf für die
       Landtagswahlen in Baden-Württemberg. Wie wichtig sind Onlineangebote und
       Social Media für Sie? 
       
       Buchheim: Wir sind ein lokales Medienhaus – und stehen wie alle vor
       derselben Herausforderung: Wir müssen eine starke Zeitung machen für unsere
       treuen Print-Abonnentinnen und -Abonnenten. Und gleichzeitig eine jüngere
       Zielgruppe erreichen. Wobei „jung“ für Regionalzeitungen ja manchmal schon
       ab 40 beginnt.
       
       taz: Also zwei Zugänge? 
       
       Buchheim: Ja, ich glaube, wir machen viele Themen, die auch für Jüngere
       relevant sind. Aber wir haben oft keinen direkten Draht mehr zu ihnen. Und
       da ist Social Media ein Einfallstor. Menschen kommen wieder mit uns in
       Kontakt und merken: Da passiert etwas, das mich betrifft.
       
       taz: Sie setzen aber nicht nur auf Digitales. 
       
       Buchheim: Nein. Wir setzen auch auf direkte Kontakte mit den Menschen in
       der Region. Im vergangenen Sommer haben wir eine Pop-up-Redaktion gehabt
       und wir machen viele Veranstaltungen. Zur Oberbürgermeisterwahl in Freiburg
       machen wir jetzt das Beteiligungsprojekt [1][„Deine Stimme, Deine Themen“
       von Correctiv.] Wir haben in allen Stadtteilen Menschen gefragt: Was
       interessiert euch wirklich? Und das prägt jetzt unsere Berichterstattung.
       
       taz: Was kam dabei heraus? 
       
       Buchheim: Ganz klar: [2][wohnen]. Außerdem Schulsanierungen und Fuß- und
       Radverkehr. Aber vor allem hat mich die Tiefe überrascht. Es heißt ja oft,
       die Leute beschäftigen sich nicht mehr ernsthaft mit Kommunalpolitik. Das
       sehe ich so nicht. Da ist viel Interesse, viel Wunsch nach Mitgestaltung.
       
       taz: Gilt das auch für die Landtagswahl? 
       
       Buchheim: Da ist es komplizierter. Die Bundestagswahl versteht jeder. Aber
       Landespolitik? Für viele ist das schwer greifbar. Bildung und Polizei – das
       sind die beiden Felder, bei denen klar ist: Dafür ist das Land zuständig.
       Dazu kam diesmal die [3][Änderung im Wahlrecht], Wahl ab 16, Erst- und
       Zweitstimme. Das mussten wir erst einmal erklären.
       
       taz: Also gibt es viele Erklärstücke? 
       
       Buchheim: Ja. Wir sehen einen hohen Bedarf an Einordnung. Gleichzeitig gibt
       es einen Unterschied zwischen dem, was Menschen sagen, was sie wollen – und
       dem, was sie tatsächlich lesen. Wenn wir fragen, wünschen sich viele tiefe
       Analysen. Geklickt werden dann oft eher erklärende Stücke. Ich sehe uns da
       als Dienstleisterinnen.
       
       taz: Messen Sie das an Klickzahlen? 
       
       Buchheim: Nicht primär. Uns ist wichtiger, wie lange Texte gelesen werden,
       wie sich E-Paper-Nutzung entwickelt, ob neue Abos dazukommen.
       
       taz: Auf Ihrer Website finden sich viele Agenturmeldungen. Wie entscheiden
       Sie, was Sie selbst machen? 
       
       Buchheim: Wir sind eine lokal-regionale Reporter_innen-Zeitung. Unser Fokus
       ist klar Südbaden. Teile unseres überregionalen Mantels beziehen wir vom
       [4][Redaktionsnetzwerk Deutschland]. Die Landespolitik machen wir selbst –
       mit Korrespondentinnen und Korrespondenten in Stuttgart. Und alles, was wir
       nicht leisten können, kommt von der dpa. Unsere Energie bündeln wir auf
       das, was nur wir können: vor Ort sein.
       
       taz: Vor Ort sein heißt auch: Alle Kandidierenden porträtieren? 
       
       Buchheim: Ja. Wir haben alle Parteien vorgestellt, die im Landtag sind oder
       realistische Chancen haben. Auch die AfD.
       
       taz: Gab es Kritik? 
       
       Buchheim: Natürlich. Es gibt Leserinnen und Leser, die meinen, dass ein
       Porträt zur Kandidierendenvorstellung eine Wahlempfehlung sei. An einem Tag
       bekomme ich den Vorwurf zu hören, wir seien „linksgrün versifft“ und am
       nächsten Tag schreibt jemand, wir seien zu rechts. Das stimmt mich manchmal
       ratlos – aber wir nehmen Feedback ernst. Und wir finden: Wenn
       wahrscheinlich 20 Prozent der Menschen diese Partei wählen, müssen wir
       zeigen, wer da kandidiert.
       
       taz: Und wie zeigt man das am besten? 
       
       Buchheim: Porträts und Analysen sind für uns der beste Weg. Da ordnen wir
       dann auch ein, anstatt die Politikerinnen und Politiker nur selbst reden zu
       lassen. Das kostet Zeit und Kraft, aber das ist es wert.
       
       taz: Wie diskutieren Sie intern den Umgang mit der AfD? 
       
       Buchheim: Es gibt keine starren Regeln, aber einen ständigen Austausch. Wir
       springen nicht über jeden Stock, den uns eine Partei hinhält. Wir
       entscheiden jedes Mal neu: Ist das berichtenswert? Ist eine Schwelle
       überschritten?
       
       taz: Sie haben auch über die sexistischen Aussagen des CDU-Kandidaten
       Manuel Hagel berichtet. Manche hatten den Eindruck, das sei eher
       zurückhaltend gewesen. Wie haben Sie da abgewogen? 
       
       Buchheim: Uns war wichtig, das einzuordnen – und genau deshalb gab es einen
       klaren Kommentar. Ich fand das an der Stelle richtig: Wir haben gesagt, was
       wir zu sagen hatten. Man hätte noch weitere Formate machen können, etwa
       lokale Kandidierende damit konfrontieren. Eine Abwägung gehört immer dazu:
       Was ist die angemessene Höhe? Und wann beginnt man, eine Debatte nur noch
       weiterzutreiben?
       
       taz: Haben Sie viel Feedback dazu bekommen? 
       
       Bei mir ist nichts gelandet – weder massive Kritik noch der Wunsch nach
       mehr zu der Causa. Aber natürlich schauen wir uns an, wie so etwas
       aufgenommen wird. Und wir diskutieren im Haus: Reicht das? Oder hätten wir
       anders berichten sollen?
       
       taz: Haben Sie Grenzen, über was sie berichten? 
       
       Buchheim: Fakten sind keine Meinungen. Ob es den Klimawandel gibt, ist
       keine Pro-und-Contra-Frage. Aber über politische Maßnahmen kann man
       streiten. Diese Unterscheidung ist zentral.
       
       taz: Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Badischen Zeitung?
       
       Buchheim: Dass Menschen erkennen, was verloren geht, wenn lokale Medien
       verschwinden. Lokaler Journalismus ist anstrengend, teuer – aber essenziell
       für die Demokratie. Und er muss konstruktiv sein: Probleme benennen, aber
       auch Lösungen aufzeigen.
       
       taz: Und mit Blick auf KI? 
       
       Buchheim: KI kann zusammenfassen. Aber sie kann nicht mit Menschen
       sprechen, Zusammenhänge erspüren, Stimmungen aufnehmen. Unser Auftrag ist,
       genau das zu tun, was nur Menschen können. Handgemachter Journalismus hat
       Zukunft – davon bin ich überzeugt.
       
       taz: Sie klingen optimistisch. 
       
       Buchheim: Wenn ich das nicht wäre, hätte ich mir den falschen Beruf
       ausgesucht.
       
       5 Mar 2026
       
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