# taz.de -- Live-Reporter unter Rechten: Stream of Sorgen und Ängste
> Politische Streamer sind Hype. Der bekannteste: Marcant. Er tummelt sich
> auf Nazi-Demos und AfD-Festen und macht vor, wie „mit Rechten reden“
> geht.
(IMG) Bild: Marcant beim AfD-Parteitag Anfang Juli auf dem Erfurter Messegelände
Im August war Jubiläum, das Deutschland-Hut-Mann-Meme! Dieser [1][Typ mit
dem ausgeblichenen Deutschland-Fischerhut], der am Rande einer Pegida-Demo
ein ZDF-Team anging und aufgebracht in tiefstem Sächsisch „argumentierte“:
„Sie haben mich ins Gesicht gefilmt, das dürfen Sie nicht,
Frontalaufnahme!“
Ich werde ihn nie vergessen. Es war eine Zeit, in der Teams von Spiegel TV
bis ZDF verstehen wollten, warum Leute zu diesen Demos gehen. Der großen
Leitsätze: „Mit Rechten reden; die Sorgen und Ängste der Menschen ernst
nehmen“.
Es wollte dann selten jemand reden. Was blieb, waren O-Töne von Wut- und
Hutbürger:innen, kein echter Austausch. Das Hut-Meme war
10er-Jahre-Rechte-Demo-Core at it’s best.
Acht Jahre später hat sich einiges geändert. Schmierige rechtsextreme
Streamer übertragen Pegida-like Demos live und gehören zum erweiterten
AfD-Wahlkampfteam, junge Menschen radikalisieren sich via Tiktok, inklusive
Glatze und Springerstiefeln, und die Distanz zu öffentlich-rechtlichen
Medien ist nicht gerade kleiner geworden.
## 30-Tage-Tour durch Sachsen-Anhalt und MV
Doch dann kommt da ein 2,09 Meter großer Leuchtturm um die Ecke:
[2][Marcant]. Mit mehreren Youtube-Kanälen, Twitch-, Instagram- und
Tiktok-Accounts, eigenem Podcast, Millionen von Klicks und einem
unermüdlichen Grind. Aktuell tourt er 30 Tage durch [3][Sachsen-Anhalt] und
Mecklenburg-Vorpommern.
Er ist sein eigenes Medienhaus, Chefreporter, Chefredakteur und Gesicht der
Marke in einem. Ich könnte den nächsten Monat nichts anderes machen, als
24/7 seinen Contet zu binge-watchen, und wäre nicht fertig. Der greift das
auf, was damals während des Pegida-Peaks so oft diskutiert wurde: „Mit
Rechten reden; die Sorgen und Ängste der Menschen ernst nehmen“. Er ist gut
darin.
Denn Marcant geht nicht nur auf die großen Nazi-Demos und konfrontiert
identitäre Spinner, sondern auch aufs AfD-Sommerfest im letzten Kaff. Er
bewegt sich als unermüdlicher Sophist durch die rechten Reihen, lässt sich
nicht von der ersten Pöbelei verunsichern und dringt dadurch immer weiter
zum Kern vor. Was beschäftigt die da eigentlich genau? Das Credo: Wer ihn
ernst nimmt, wird ernst genommen.
Einige sprechen dann wirklich darüber, was falsch läuft: Rente, Mieten, die
Sehnsucht nach einem guten Leben. Keine rechten Themen, aber trotzdem die
falsche Abbiegung genommen. Marcant steht kurz hinter dieser Abbiegung und
motiviert zum U-Turn. Vor allem Jugendliche, mit denen er immer wieder
spricht, nehmen das an und lassen sich von Marcant (der selber einen
politischen Entwicklungsprozess durchlebt, sagt: „Ich gehöre zu keiner
Partei“, „Ich bin Zentrist“, früher mal Lindner-, jetzt Linken-Fan ist)
überzeugen. Viele sagen: Wegen dir bin ich nicht mehr rechts.
## Entwaffnende Offenheit
Auch weil man mit vielen Leuten, die in seinen Videos auftauchen, lieber
nicht abhängen will. Dass er bestimmt früher gemobbt wurde, keift eine Frau
ihm einmal entgegen. Ich wurde gemobbt und das war schlimm, sagt Marcant.
Die Frau macht sich darüber lustig. Es ist diese entwaffnende Offenheit und
die Position des Ruhepols innerhalb aggressiver Räume, die es schafft,
einen Teil der AfD-Wählerschaft zu entlarven.
Und weil Marcants Content in Überlänge unterhaltsam und darum so
erfolgreich ist, gibt’s mittlerweile Epigonen. Plötzlich machen der
ehemalige Fashion-Youtuber Vincent oder der esoterische Tiktok-Tänzer
„König Thomas“ in Politik. Politische Vlogs und Streams als (Edu)tainment
erleben einen Hype, hätte ich vor zwei Jahren auch nicht gedacht.
Gute Entwicklung, vor allem mit Marcant an der Spitze des Hypes, der dann
zum Beispiel das rechtsextreme Streamer-Hündchen „Aktivist Mann“ fragt: Wie
stehst du zum Holocaust? Bist du Jude oder was, schreit der – und wird
wenige Tage später von seinen AfD-Herrchen zurückgepfiffen. Auch ein Meme,
der Deutschlandhut wirkt lächerlich harmlos dagegen.
27 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Pressefreiheit-in-Sachsen/!5525681
(DIR) [2] /Influencen-gegen-rechts/!6099125
(DIR) [3] /Migrantenstreik-in-Sachsen-Anhalt/!6207343
## AUTOREN
(DIR) Johann Voigt
## TAGS
(DIR) Kolumne Click Tales
(DIR) Youtube
(DIR) Social Media
(DIR) Schwerpunkt Wie umgehen mit Rechten?
(DIR) Rechtsextremismus
(DIR) Schwerpunkt AfD
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Wahlen in Ostdeutschland
(DIR) Schwerpunkt Landtagswahlen
(DIR) Landgericht
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Vor der Wahl in Sachsen-Anhalt: Zuwachs für das antifaschistische Bollwerk
Eine neue Umfrage zeigt leichte Zugewinne für SPD und Grüne. Die könnten
wahlentscheidend sein. Ohne Umfragen wären Wähler:innen
orientierungslos.
(DIR) Die „Volksstimme“ in Sachsen-Anhalt: Und am Wochenende ist Disco mit Peter
Die Lokaljournalisten kennen jedes neue Feuerwehrhaus und die meisten
AfD-Politiker aus dem Sandkasten. Ihre Zukunft sehen sie von denen nicht
bedroht.
(DIR) YouTube fördert die Raserei: Je gefährlicher, desto mehr Klicks
Die meisten Moto-VloggerInnen fahren verantwortungsbewusst. Wer das nicht
tut, kann damit richtig Geld verdienen.