# taz.de -- SPD-Pläne empören Union: Wird Hitzeschutz ein Fall fürs Grundgesetz?
       
       > Nach dem Extremsommer fordern die SPD-Minister*innen mehr Klimaanpassung
       > – und legen sich mit der Union an. Was die Pläne bringen könnten.
       
 (IMG) Bild: Wenn das Wasser fehlt, können Brunnen nicht mehr erfrischen
       
       [1][1. Es kracht in der Bundesregierung]. Der Grund ist die Klimakrise. Was
       ist da los? 
       
       Die Bundesminister*innen der SPD begehren auf. Offenbar ohne sich mit
       der Union abzustimmen, sind sie Mitte August mit einem
       Hitze-Aktionsprogramm an die Öffentlichkeit getreten. Im Zentrum des
       Streits steht nun die Frage: Soll im Grundgesetz stehen, dass
       [2][Klimaanpassung und Naturschutz eine Gemeinschaftsaufgabe von Bund,
       Ländern und Kommunen sind]?
       
       Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) hält das für „zwingend
       notwendig“. Die neue CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann attackierte
       ihn direkt im Gespräch mit der Rheinischen Post. Für sie sei das Ganze
       „wohlfeil und bringt nichts“. SPD-Fraktionsvize Esra Limbacher feuerte
       zurück: „Die erste Reaktion der neuen CDU-Generalsekretärin ist
       unverständlich.“ Die Parteien der Mitte müssten sich dieses Problems
       annehmen. „Ein weiterer ähnlicher Sommer mit evakuierten Dörfern, Tausenden
       Hitzetoten und massiven wirtschaftlichen Einbußen in der Landwirtschaft und
       der Industrie – darauf haben die SPD-Ministerinnen und Minister eine erste
       Antwort entwickelt.“
       
       2. Wie viele Menschen sind bisher in diesem Jahr infolge von Hitze
       gestorben? 
       
       2026 ist in Deutschland das bislang tödlichste Jahr in Bezug auf Hitze,
       seit diese Daten erhoben werden, also seit 1992. Jede Woche gibt das Robert
       Koch-Institut derzeit einen Bericht heraus. Das neueste Update: Bis zum
       Stichtag 9. August starben rund 14.000 Menschen infolge hoher Temperaturen.
       Die bisherigen Rekordjahre waren 1994 und 2003 mit je 10.200 Hitzetoten.
       
       Besonders krass war der Juni: Allein an den heißen Tagen in der zweiten
       Monatshälfte, als die Temperaturen deutschlandweit an vielen Orten über 40
       Grad lagen, starben etwa 9.600 Menschen hitzebedingt.
       
       Das Robert Koch-Institut zählt die Fälle nicht, sondern errechnet die Zahl
       der Hitzetoten mit statistischen Methoden. Das liegt daran, dass nur in
       seltenen Fällen wirklich die Hitze auf dem Totenschein steht, etwa bei
       einem Hitzschlag. Oft verschärfen extreme Temperaturen bestehende
       Vorerkrankungen, die dann als Todesursache vermerkt werden – obwohl auch
       die Hitze maßgeblich war.
       
       3. Eine Aufnahme der Klimaanpassung ins Grundgesetz – würde das wirklich
       etwas bringen? 
       
       Die Definition als Gemeinschaftsaufgabe würde es dem Bund ermöglichen,
       Klimaanpassung in Ländern und Kommunen dauerhaft mitzufinanzieren.
       Besonders die Kommunen klagen über klamme Kassen. „In den Kitas haben
       diesen Sommer unfassbare Temperaturen geherrscht“, sagt Ralf Bermich,
       Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Politik beim Klima-Bündnis Deutschland.
       Hauptberuflich verantwortet er Energie und Klimaschutz in der Stadt
       Heidelberg. Der Klimaschutzmanager würde gern für kühlere Räume für Kinder
       sorgen. Aber: „Uns fehlt Geld, um die öffentlichen Gebäude zum Beispiel
       durch Sonnenschutz, Lüftung in der Nacht und Wärmedämmung besser vor der
       extremen Hitze zu schützen.“
       
       Wo die baulichen Maßnahmen nicht ausreichten, seien zunehmend auch
       Klimaanlagen erforderlich. Abseits von Modellprojekten darf der Bund so
       etwas aber bisher nicht mal dann bezahlen, wenn er wollte. Die
       Zuständigkeiten sind klar abgegrenzt: Für die Klimaanlage in der Kita ist
       die Kommune zuständig, für die im Krankenhaus das Land. Für
       Klimaanpassungen der dürregeplagten Bundeswasserstraßen ist der Bund
       verantwortlich. Vermischt werden darf bisher nur in Ausnahmefällen.
       
       4. Haben die Länder und Kommunen nicht gerade erst 100 Milliarden Euro
       extra bekommen? 
       
       Damit argumentieren viele CDU-Politiker*innen. Der Bund hat im Zuge der
       Lockerung der Schuldenbremse ein Sondervermögen für Länder und Kommunen
       aufgesetzt. Darin stecken tatsächlich 100 Milliarden Euro. Aber: Die Summe
       [3][verteilt sich auf zwölf Jahre]. Jährlich fließen also 8,3 Milliarden
       Euro an die Länder, die das Geld teilweise an die Kommunen leiten. Der
       Bedarf liegt aber viel höher. Laut einer [4][Studie des Forums
       Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft] brauchen allein die Städte und Dörfer
       jährliche Investitionen von 21 bis 24 Milliarden Euro, um zukunftsfest zu
       werden.
       
       Auch Ralf Bermich sagt: „Das Geld reicht bei Weitem nicht, zumal es ja
       nicht nur für Klimaschutz, sondern auch für andere Infrastruktur gedacht
       ist.“ Er ist deshalb für die Gemeinschaftsaufgabe. Enttäuscht ist er aber
       darüber, dass sie sich nur auf die Anpassung an die Folgen der Klimakrise
       beziehen soll und nicht auf ihre Bekämpfung. Auch dafür fehle den Kommunen
       Geld. „Die Beschränkung nur auf die Anpassung ist eine verpasste Chance, da
       sie mit weitersteigenden Temperaturen an Grenzen stoßen wird“, sagt er.
       „Die Gemeinschaftsaufgabe hilft außerdem nur, wenn sie am Ende auch mit
       genügend Geld hinterlegt wird.“ Von guten Absichten lassen sich schließlich
       noch keine Kitas sanieren, Trinkwasserbrunnen bauen oder Betonflächen
       entsiegeln.
       
       5. Meint die SPD das eigentlich ernst? 
       
       Das Vorgehen der Sozialdemokrat*innen ist ungewöhnlich konfrontativ.
       Ihr eigenes Heizungsgesetz aus Zeiten der Ampelregierung haben sie im
       klimapolitischen Kern kassiert, ohne mit der Wimper zu zucken. Dass vor
       allem die unionsgeführten Ministerien nicht viel zum Klimaschutzprogramm
       von Schwarz-Rot beigetragen haben, hat Umweltminister Schneider galant
       kaschiert – [5][indem er formal richtige, aber praktisch veraltete Daten
       nutzte], die das Gebotene in ein gutes Licht rückten. Noch vor ein paar
       Wochen [6][argumentierte er im Übrigen wie jetzt die CDU], und verwies die
       Kommunen in puncto Hitzeschutz auf das vereinbarte Sondervermögen. Und
       Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) fiel letztens
       klimapolitisch vor allem dadurch auf, [7][dass er Milliarden aus dem Klima-
       und Transformationsfonds des Bundes abzwacken wollte, um im Haushalt Löcher
       zu stopfen].
       
       Also alles nur ein Wahlkampfmanöver vor den anstehenden Landtagswahlen?
       Zumindest die Linke meldet Zweifel an den Intentionen der SPD an. „Würde
       die SPD es ernst meinen mit dem Hitzeschutz, könnte sie sofort konkrete
       Maßnahmen umsetzen. Eine Grundgesetzänderung, die mit ihrem
       Koalitionspartner nicht zu machen ist, ist reine Schaufensterpolitik“,
       spottet Parteichefin Ines Schwerdtner. Bundesfinanzminister Klingbeil müsse
       jetzt „Geld lockermachen – sonst bleibt der SPD-Vorstoß nur Gerede“.
       
       21 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Susanne-Schwarz-ueber-SPD-Hitzeprogramm/!6204577
 (DIR) [2] /Umstrittene-Grundgesetzaenderung/!6204016
 (DIR) [3] /Bund-Laender-Treffen-im-Kanzleramt/!6091595
 (DIR) [4] https://www.klima-allianz.de/presse/meldung/studie-kommunen-brauchen-bis-zu-24-milliarden-euro-pro-jahr-fuer-die-modernisierung-vor-ort-investitionsbedarf-deutlich-hoeher-als-angenommen
 (DIR) [5] /Klimaschutzprogramm-der-Bundesregierung-Ein-Plan-gegen-die-eigene-Politik/!6165698
 (DIR) [6] /Hitzeschutz-in-den-Kommunen/!6191706
 (DIR) [7] /Neue-Haushaltsplaene/!6193452
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Susanne Schwarz
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Klimawandel
 (DIR) Klimaanpassung
 (DIR) Hitzetote
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Hitze
 (DIR) Schwerpunkt Klimawandel
 (DIR) Schwerpunkt Klimawandel
 (DIR) Schwerpunkt Klimawandel
 (DIR) Klimaschutz
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Zahlen des Robert-Koch-Instituts: Inzwischen rund 15.800 Menschen durch Hitze gestorben
       
       Die extreme Hitze kostete dieses Jahr bereits tausende Menschen das Leben –
       weit mehr als in den bisherigen Rekordjahren 2018 und 2019.
       
 (DIR) Klimakrise: Hitzefolgen kosten Wirtschaft 36 Milliarden Euro
       
       Ernteausfälle und gestoppte Binnenschifffahrt sorgen für enorme Schäden.
       Greenpeace warnt, die wahren Kosten des trockenen Sommers seien noch höher.
       
 (DIR) Soziologin über Klimakrise: „Resignation ist überhaupt nicht angebracht“
       
       Hitze, Brände, Fluten: Die Welt ächzt unter den Folgen der Klimakrise. Ist
       noch Wandel möglich? Soziologin Anita Engels sagt Ja – und erforscht, wie.
       
 (DIR) Vorstoß für Gesetzesänderung: Mieter sollen Klimaanlagen einbauen dürfen
       
       Auch ohne Wohneigentum muss Hitzeschutz möglich sein, sagt Justizministerin
       Hubig. Sie will den Einbau von Klimaanlagen für Mieter erleichtern.
       
 (DIR) Susanne Schwarz über SPD-Hitzeprogramm: Bitte nicht einknicken!
       
       Das schlechte Gewissen der SPD ist erwacht: Klimaschutz soll sogar ins
       Grundgesetz. Doch wie viel Rückgrat zeigt die SPD dieses Mal?
       
 (DIR) Grünen-Chef in Sachsen-Anhalt: Heißer Wahlkampf
       
       Das Dorf Drewitz hält den bundesweiten Hitzerekord. Wie empfänglich ist man
       hier für die klimapolitischen Botschaften der Grünen? Unterwegs mit Felix
       Banaszak.