# taz.de -- Soziologin über Klimakrise: „Resignation ist überhaupt nicht angebracht“
       
       > Hitze, Brände, Fluten: Die Welt ächzt unter den Folgen der Klimakrise.
       > Ist noch Wandel möglich? Soziologin Anita Engels sagt Ja – und erforscht,
       > wie.
       
 (IMG) Bild: Kein Grund zur Panik, diese Klimakrise
       
       taz: Frau Engels, wie können Regierungen und Konzernspitzen dazu gebracht
       werden, den Klimaschutz wieder ernster zu nehmen? 
       
       Anita Engels: Die Zivilgesellschaft muss sich strategisch organisieren und
       den politischen Druck gezielt erhöhen, etwa durch Klimaklagen gegen
       Regierungen und Unternehmen. Ein anderer Weg ist, über Netzwerke
       beispielsweise am Arbeitsplatz neue Möglichkeiten für den Klimaschutz zu
       eröffnen. Das Ziel dabei: Die Rahmenbedingungen für Politik und Wirtschaft
       langfristig so zu ändern, dass fossile Geschäftsmodelle sich nicht mehr
       lohnen – damit Kohle, Öl und Gas im Boden bleiben.
       
       taz: Im Moment steht die Zivilgesellschaft selbst unter Druck. Die Arbeit
       von NGOs wird diskreditiert, die Regierung will das Verbandsklagerecht
       einschränken und das Informationsfreiheitsgesetz entschärfen. 
       
       Engels: Umso wichtiger ist es, sich dagegen zu wehren und bestehende Rechte
       zu verteidigen. Mir geht es aber nicht nur um politischen Druck.
       
       taz: Sondern? 
       
       Engels: Ein Beispiel: Für die Klimawende brauchen wir ganz neue Kenntnisse
       und Fähigkeiten. Denken Sie an einen Heizungsinstallateur, der seine Leute
       besser [1][für die klimafreundliche Wärmeversorgung] aus- und fortbilden
       möchte. Er kann in Berufsschulen, Unternehmen, Kammern und Verbänden nach
       Verbündeten suchen, um die Ausbildungspläne bedarfsorientiert
       weiterzuentwickeln. Das dauert normalerweise Jahre. Da müssen wir viel
       schneller werden.
       
       taz: Was kann ich tun, wenn ich nicht im Heizungsbau oder an ähnlicher
       Stelle arbeite? 
       
       Engels: Jede Person kann prüfen, welche Möglichkeiten sie in ihrem Umfeld
       sieht, wo es Verbündete geben könnte; und vor allem: wofür sich der Einsatz
       lohnt. Es geht ja um strategisches Engagement. Sobald man in der eigenen
       Organisation ein Netzwerk etabliert hat, kann man außerhalb nach weiteren
       Verbündeten suchen. Das können je nach Anliegen Kirchengemeinden sein,
       Krankenhäuser, Schulen oder politische Akteure. Ausgehend vom Arbeitsplatz
       funktioniert das besonders gut, denn dort verbringt man ohnehin viel Zeit,
       und zudem kann man das eigene Fachwissen einbringen.
       
       taz: Was macht Sie zuversichtlich, dass eine grundlegende Klimawende auf
       die Art zu schaffen ist? 
       
       Engels: Die Zukunft ist offen. Niemand weiß, was kommt – also ist
       Resignation überhaupt nicht angebracht. Gesellschaft ist veränderbar, und
       manchmal wird man von positiven Veränderungen überrascht. In meiner
       Forschung stoße ich ständig auf wirksame Initiativen. Zum Beispiel auf
       Menschen, die in ihrem Stadtteil über viele Jahre hinweg Beziehungen
       aufgebaut und dann [2][gemeinsam die Verkehrswege klimafreundlich verändert
       haben]; oder die erreicht haben, dass Nahwärmenetze geschaffen und Fassaden
       flächendeckend begrünt werden.
       
       taz: Das sind Stadtteilinitiativen. Wir brauchen Klimaschutz doch in viel
       größerem Maßstab. 
       
       Engels: Die Klimawende ist eine Riesenaufgabe, das stimmt. Aber überall
       mobilisieren sich derzeit Leute. Unter Älteren gibt es eine richtige
       Mobilisierungswelle, und wenn die „Omas gegen Rechts“ sich mit all ihrer
       Lebenserfahrung, ihrer Zeit und ihren Ressourcen jetzt auch fürs Klima
       einsetzen, macht mir das schon Hoffnung. Klima-Organisationen suchen
       ebenfalls gezielt nach neuen Bündnispartnern, zum Beispiel unter den
       Gewerkschaften und Wirtschaftsverbänden.
       
       taz: Mit wem verbünden Sie sich? 
       
       Engels: Ich forsche stärker zu sozialer Gerechtigkeit und kooperiere dabei
       mit sozialen Einrichtungen und dem Hamburger Stadtmagazin [3][Hinz und
       Kunzt]. Zugleich erforsche ich große Konzerne und rede dort viel mit
       Nachhaltigkeitsmanagern, die versuchen, ihre Unternehmen von innen
       klimafreundlicher zu machen. Sie betrachte ich ebenfalls als Verbündete.
       Außerdem gibt es einen Austausch mit NGOs über die Bedeutung
       sozialwissenschaftlicher Forschungsergebnisse für ihre strategische
       Neuausrichtung. Es gibt so viele Möglichkeiten! Die Schwierigkeit ist eher,
       gezielt auszuwählen und nicht alles zu machen, um die eigenen Kräfte nicht
       zu schnell zu erschöpfen.
       
       taz: Sie sagen, es geht darum, fossile Geschäfte unrentabel zu machen. Wie
       bricht man die politische und wirtschaftliche Macht der Ölkonzerne? 
       
       Engels: Ich würde unter den superreichen Familien nach Verbündeten suchen.
       Auch unter ihnen muss es Menschen geben, die den Klimawandel als ernstes
       Problem verstehen. Prominente können helfen, politische Unterstützung zu
       mobilisieren. Aber kleine Schritte bringen auch etwas: Ich kann in meinem
       Umfeld für den Umstieg auf klimafreundlichen Strom werben, um die Nachfrage
       nach fossiler Energie zu begrenzen, so weit es geht. Ich kann meine Bank
       drängen, nicht mehr in fossile Geschäfte zu investieren.
       
       taz: Das dauert lange. Aber die Zeit drängt. 
       
       Engels: Wir haben wenig Zeit – das stimmt, aber das Argument bringt uns
       überhaupt nicht weiter! Natürlich ist das ein ganz dickes Brett. Aber die
       Gesellschaft ist einfach [4][noch viel zu abhängig von fossilen Energien].
       Wir müssen leider die Geduld aufbringen, das Schritt für Schritt zu ändern.
       Und bisher haben wir damit noch nicht einmal richtig angefangen.
       
       23 Aug 2026
       
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