# taz.de -- Israelische Siedlungen im Westjordanland: Wenn der Hinterhof zu militärischem Sperrgebiet wird
> Im Dorf Umm al-Khair lassen sich israelische Siedler:innen nieder,
> direkt neben einer palästinensischen Familie. Die darf nun ihre eigene
> Toilette nicht mehr nutzen.
(IMG) Bild: Die Toilette der Familie Hathaleen: nur wenige Meter entfernt und doch unerreichbar
Seit drei Wochen kreisen die Gedanken von Familie Hathaleen aus dem Dorf
Umm al-Khair im südlichen Westjordanland nur um eines: das Klo. Es sind
nicht so sehr die nächtlichen Geräusche der Nachbarn, die die
palästinensische Familie wach liegen lassen. Oder die israelische Fahne,
die nun auf dem Flachdach ihres Hauses thront. Sondern die Frage, wie ihre
vierzehn Mitglieder – Vater, zwei Ehefrauen, elf Kinder – im Notfall ein
Badezimmer erreichen sollen. „In den vergangenen 20 Tagen hatten wir keinen
Zugang zu unserer Toilette mehr“, sagt Mutter Ikhlas verzweifelt.
Denn die Toilette, ein kleines Häuschen im Hinterhof der Familie, ist nun
Teil eines militärischen Sperrgebiets. Das hat das israelische Militär
entschieden, nachdem eine Gruppe von israelischen Siedler:innen, elf
Familien inklusive Kinder, das Grundstück direkt neben Hathaleens Haus für
sich beanspruchte. Und die neuen Einwohner:innen mit den alten
aneinandergeraten waren. Auf der einen Seite also die palästinensische
Familie, auf der anderen die Siedler:innen und dazwischen ein Streifen
Sperrgebiet.
[1][Beanspruchen bedeutet im Westjordanland]: mit Autos, mobilen Häusern
oder Wohnwagen und israelischen Flaggen ankommen, sich auf einem Grundstück
niederlassen, oft in der Nähe von palästinensischen Dörfern. Sich irgendwie
an Strom und Wasser anschließen, und so einen Außenposten gründen. Das ist
illegal – selbst nach israelischem Recht. Meist geschieht das im Gebiet C –
dem von Israel sowohl bezüglich Sicherheit als auch Verwaltung
kontrollierten Teil des Westjordanlands. Die Aufteilung stammt aus den
Oslo-Abkommen Anfang der 1990er Jahre. Im C-Gebiet liegt auch Umm al-Khair.
Gut 180 solcher Außenposten sind in vergangenen drei Jahren entstanden, die
aktuelle Regierung hat über 100 nachträglich legalisiert. Rechtswidrig
bleiben sie nach internationalem Recht natürlich dennoch. Selten sind sie
so nah an palästinensischen Häusern wie in Umm al-Khair, in den südlichen
Hebron-Hügeln. Knappe zehn Meter trennen hier die israelischen Caravans von
der palästinensischen Familie.
Vor einem Jahr sind die ersten auf die kargen Hügel gekommen. Dort stehen
nun mobile viereckige Bauten mit weißen Wänden und Dächern, parallel
zueinander, die vage an ein Flüchtlingslager erinnern. Auf den Dächern
befinden sich Wassertanks und sie sind irgendwie an Kabel angeschlossenen,
durch die Strom für die nahegelegene Siedlung Carmel fließt. Dann kommt
eine Reihe Stacheldraht, dann das Zuhause der Familie Hathaleen.
## Eine israelische Fahne, direkt vor dem Fenster
Ikhlas Hathaleen blickt nachdenklich aus dem Fenster, das sie sich nun
nicht mehr zu öffnen traut. Die Hitze ist drückend in dem Schlafzimmer,
Fliegen kreisen um die nackte Glühbirne, die von der Decke hängt. Draußen
brennt die Sonne auf die kargen Hügel. Ikhlas, eine 44-jährige Frau im
schwarzen Kopftuch und langem lila Kleid, sagt, sie fühlten sich in ihrem
eigenen Haus nicht mehr wohl. Nachts kämen immer mal wieder Siedler und
brächten israelische Flaggen an: auf dem Dach, vor dem Stall, im Hinterhof.
Eine solche Fahne weht hinter den Gittern ihres Fensters.
Direkt hinter der Wohnung beginnt die Sperrzone. Eigentlich dürften auch
die Siedler:innen diese nicht betreten. Doch sie tun das, sagt die
Familie. Immer wieder. Videos zeigen Gruppen von jungen Männern. Sie tragen
Zizit, die Schaufäden, die an weißen Untergewänden unter dem Hemd
herausragen.
In einem weiteren Video schubst ein Siedler [2][mit langen Schläfenlocken]
eine Aktivistin zu Boden, die ihn gerade filmt, dann schreit er einen
weiteren Aktivisten auf Englisch an: „Was willst du denn tun, du Wichser?“
Daneben steht ein palästinensischer Mann im beduinischen Gewand mit dem
Rücken zum Stacheldraht, von Siedlern umzingelt und von Aktivisten, die
versuchen, physisch dazwischenzugehen. Hinter dem Palästinenser sieht man
eine verschleierte Frau mit Kindern.
[3][Aktivist:innen, Israelis wie Ausländer, sind zur sogenannten Protective
Presence vor Ort]. Sie beobachten Konflikte mit Siedlern, filmen sie, gehen
dazwischen, stellen sich vor Palästinenser:innen.
## „Sogar die Schafe sind im Gefängnis“
Es ist aber nicht nur der Hinterhof von Familie Hathaleen, der jetzt
gesperrt ist. Der Stall, in dem sich nach Angaben der Familie Ziegen und
Schafe befanden, gehört ebenfalls zum militärischen Gebiet. Vater Salem,
ein Mann mittleren Alters mit ergrauendem Bart, streckt einen Arm über die
mittelhohe Mauer, die den Stall umkreist, und sagt: „Jetzt ist meine Hand
in der militärischen Sperrzone.“
Gerade seien ein Schaf und eine Ziege in dem kleinen Verschlag. Raus dürfen
die Tiere nicht, denn der Hof vor dem Stall ist ebenfalls Sperrgebiet.
„Sogar die Schafe sind im Gefängnis“, seufzt Ikhlas. Alle drei Tage käme
ein Mitglied der israelischen Streitkräfte vorbei, um Salem zum Gehege zu
eskortieren, damit er das Vieh mit Wasser und Futter versorgen kann. „Aber
es sind 40 Grad drinnen in dem Stall, die Tiere sind sehr schwach.“
Die Familie [4][erarbeitet sich ihren Lebensunterhalt] durch die
Schafzucht. Doch im vergangenen Jahr mussten sie ihren Bestand von 150 auf
10 Tiere reduzieren, weil sie die Schafe unter den neuen Umständen kaum
noch weiden lassen können.
Was die Toilette betrifft, müssen sich die Hathaleens arrangieren.
„Entweder gehen wir ins Freizeitzentrum hier nebenan, oder, wenn das Bad
dort besetzt ist, klopfe ich bei den Nachbarn. Vor allem, wenn jemand
mitten in der Nacht auf Toilette muss – dann müssen wir die Nachbarn
wecken. Es ist sehr unangenehm“, sagt Ikhlas Hatahleen.
Im Haus der Hathaleens befinden sich ein Gemeinschaftsraum, zwei größere
Schlafzimmer, eine alte Küche. Doch eben kein Badezimmer. Mehrmals seien
israelische Staatsdiener in die Wohnung gekommen, hätten nach einem Abort
gesucht, vergeblich. „Die Regierung sucht nach einer Toilette“, schmunzelt
Salem Hathaleen.
## Siedler:innen betreten immer wieder die Sperrzone
Dokumente zeigen, dass die Gemeinschaft von Umm al-Khair gegen den Aufbau
des neuen Außenpostens vor Gericht gezogen ist. Zunächst erfolgreich – doch
dann hob das Gericht die Baustoppanordnung auf. „Obwohl weder ein
genehmigter Bebauungsplan noch Baugenehmigungen oder irgendeine rechtliche
Zulassung nach israelischem Recht vorliegen“, so die israelische NGO Peace
Now!, die die Petition gegen den Außenposten mitträgt.
„Die Siedler zerstörten das gesamte Gebiet hier, auch den Zaun, unter den
Augen der israelischen Armee“, bringt Salem Hathaleen vor. Ein Video zeigt
einen Bulldozer, der Steine im Hof neben dem Haus ablädt, also in der
Sperrzone. Eine Gruppe Soldat:innen in voller Montur steht dabei,
daneben die Siedler.
Als die taz sie damit konfrontiert, verneint die israelische Armee, dass
Siedler:innen bei ihren Operationen in der Sperrzone dabei gewesen.
Gegen unerlaubte Betretungen der Sperrzone, sei es durch Israelis oder
Palästinenser, gingen die Soldat:innen vor, betont das Militär. Auch der
Zugang zu den Tieren und den „verfügbaren Anlagen“ sei der Familie
gestattet, behauptet es, ohne konkrete Details zu nennen.
## Das osmanische Landrecht gilt im Westjordanland bis heute
Der Gemeindeanführer von Umm al-Khair, Khalil Hathaleen, wirft den
Siedler:innen vor, das kleine palästinensische Dorf teilen zu wollen.
Denn einige Häuser, die zu dem 300-Seelen-Ort gehören, liegen auf dem
gegenüberliegenden Hügel. Und dazwischen [5][der Außenposten.]
Das unbebaute Land zwischen den Hügeln, beteuern die palästinensischen
Einwohner:innen, gehöre ihren Vorfahren. Doch Israel hat es bereits in den
1980er Jahren [6][aufgrund alter Gesetze aus der osmanischen
Besatzungszeit] zu Staatsland erklärt. Ein übliches Vorgehen im
Westjordanland. Demnach darf [7][der Staat Land als staatliches
deklarieren], wenn es nicht offiziell auf einen Namen registriert ist und
über mehrere Jahre in Folge nicht beackert wurde.
Im Westjordanland sind viele Grundstücke nicht offiziell registriert. Und
mit dieser Taktik hat der israelische Staat laut der israelischen
Menschenrechtsorganisation B'tselem mehr als ein Viertel des Bodens im
Westjordanlands übernommen. Nach internationalem Recht bleibt die Besatzung
illegal.
B’tselem etwa sieht hinter den Außenposten eine Strategie Israels, um
palästinensische Schäfer:innen aus dem Land zwischen den
palästinensischen Ballungszentren zu vertreiben. Diese Fragmentierung des
Westjordanlands soll [8][die Idee eines palästinensischen Staates endgültig
begraben]. Die mittlerweile sanktionierte Siedlerorganisation Amana erkennt
diese Rolle der sogenannten Farmen, also der Außenposten, bei der Besetzung
von Land selbst an.
## Dort, wo Aktivist Awdah Hathaleen erschossen wurde
Die Lage ist seit Langem schwierig in Umm al-Khair. Fast allen Wohngebäuden
droht der Abriss, weil die Baulizenzen fehlen. Baulizenzen, die für
Palästinenser:innen sehr schwierig zu erhalten sind. Zwischen 2023
und 2025 wurden 282 Erlaubnisse im Gebiet C beantragt – keine ist genehmigt
worden. Fast zeitgleich hat die Behörde über 40.000 neuen Wohneinheiten in
Siedlungen zugestimmt. 86 Außenposten und 54 Siedlungen sind allein im
vergangenen Jahr entstanden – ein Rekord.
Beim Aufbau dieser Außenposten kommt es auch immer wieder zu Gewalt. So wie
in Umm al-Khair vor etwa einem Jahr. Am 28. Juli 2025 traf eine Kugel den
Aktivisten und Mitwirkenden am Oscar-preisgekrönten Film „No Other Land“
Awdah Hathaleen tödlich. Geschossen hatte mutmaßlich ein sanktionierter
Siedler, der bei Bauarbeiten für den neuen, illegalen Außenposten in einen
Streit mit Dorfbewohnern geraten war.
Hathaleen stand gerade im Freizeitzentrum neben Salems Haus und filmte –
[9][auch seinen eigenen Tod.] An diesem Mittwoch wurde bekannt, dass die
israelischen Behörden Anklage gegen den mutmaßlichen Täter erheben werden.
Die Anklage lautet nicht auf Mord, sondern auf fahrlässige Tötung,
Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung.
Wenige Tage nach der Tat war er bereits wieder in Umm al-Khair zu Gange,
noch bevor der Leichnam Hathaleens von den israelischen Behörden
freigegeben wurde und ins Dorf zurückkehren konnte. Bei den weiteren
Bauarbeiten zerstörte er dann eine Wasserleitung, die die palästinensischen
Familien in Umm al-Khair versorgte.
Als die taz kurz nach dem Tod von Awdah Hathaleen Umm al-Khair besuchte,
war am Ort seines Todes noch die vertrocknete Blutlache zu sehen. Nun ist
das Blut weg, stattdessen schimmert dort hellgrüner Kunstrasen unter der
Mittagssonne. Auf dem Spielplatz direkt daneben rennt eine Gruppe von
Kindern dem Ball hinterher. Doch auch dieser Platz droht nun, zerstört zu
werden. Vor wenigen Monaten kam der Abrissbefehl von den israelischen
Behörden. Die 55 Kinder der Gemeinde haben bereits den Zugang zu ihrer
Schule verloren, Siedler eine Stacheldrahtbarriere auf dem Feldweg zu dem
Gebäude errichtet.
## Spannungen sind Alltag geworden
Beim Besuch der taz in Umm al-Khair kommt es zu einer kurzen Konfrontation
zwischen Siedlern und Khalil Hathaleen. Als zwei Siedler mit ihren Kindern
an ihm vorbeilaufen, wirft dieser ihnen lautstark vor, ihn am Vorabend
angegriffen zu haben. „Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst“, antwortet
der Siedler, ein junger Mann, auf Englisch.
Einige Videos zeigen tatsächlich den jungen Mann im Hinterhof von Salems
Haus. An einer Auseinandersetzung nimmt er da allerdings nicht teil. Unklar
bleibt auch, wann genau die Videos aufgenommen wurden.
Die Spannungen reißen nicht ab in Umm al-Khair. Und derweil wartet die
Familie von Salem Hathaleen darauf, irgendwann wieder Zugang zu ihrer
Toilette zu haben – und damit zu ein wenig Normalität.
7 Aug 2026
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