# taz.de -- Debatte über Reform: Ostdeutsche Politiker wollen abschlagsfreie Rente behalten
       
       > Die drei CDU-Ministerpräsidenten Mario Voigt, Michael Kretschmer und Sven
       > Schulze wehren sich gegen die Pläne der eigenen Bundesregierung. Warum
       > das?
       
 (IMG) Bild: Sie könnten Frührentner sein: Michael Kretschmer, Sven Schulze und Mario Voigt und ihre Jacketts
       
       Nach 45 Beitragsjahren endlich in Rente? Das soll es künftig nicht mehr
       geben, wenn die Bundesregierung von Friedrich Merz (CDU) bei ihren
       aktuellen Plänen bleibt. Diese Reglung zu streichen ist ein zentraler Punkt
       ihres Rentenreformpakets. Doch dagegen formiert sich zunehmend Widerstand –
       und zwar nicht in der Opposition, sondern in den Parteien der
       Regierungskoalition.
       
       Die drei CDU-Ministerpräsidenten Mario Voigt aus Thüringen, Michael
       Kretschmer aus Sachsen und Sven Schulze aus Sachsen-Anhalt forderten, die
       Rente ohne Abschläge nach 45 Versicherungsjahren beizubehalten. Gemeinsam
       wollten sie ihr „politisches Gewicht in Berlin mit ganzer Kraft für die
       Interessen unserer Bürgerinnen und Bürger einbringen“.
       
       Auch Brandenburgs SPD-Regierungschef Dietmar Woidke postet auf Social
       Media: „45 Jahre sind ein langes Arbeitsleben. Das muss für eine Rente ohne
       Abschläge reichen.“ Seine Genossin Manuela Schwesig äußert sich ähnlich.
       Die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern wolle einem
       entsprechenden Gesetz im Bundesrat nicht zustimmen, kündigte sie an. Sie
       erklärte, Menschen in Ostdeutschland seien besonders davon betroffen, weil
       dort überdurchschnittlich viele mehr als 45 Jahre in die Rente einzahlen.
       
       ## Unterschiede zwischen Ost und West
       
       Wie bei vielem unterscheiden sich die alten und neuen Bundesländern auch
       beim Geld sehr deutlich. Recht plakativ zeigt das etwa der aktuelle
       Sozialbericht 2024 des Statistischen Bundesamts und der Bundeszentrale für
       politische Bildung. Ostdeutsche Haushalte besitzen demnach im Durchschnitt
       ein Nettovermögen von 150.900 Euro. Die westdeutschen Haushalte verfügen
       hingegen durchschnittlich über 359.800 Euro.
       
       Hinzu kommt noch etwas, das zunächst paradox klingen mag. In Ostdeutschland
       bekommen alte Menschen durchschnittlich mehr gesetzliche Rente als im
       Westen. Trotzdem landet insgesamt weniger Geld auf ihrem Konto. In Sachsen,
       Thüringen und Sachsen-Anhalt waren es vergangenes Jahr durchschnittlich
       4.135 Euro weniger als im Westen, wie Zahlen des Statistischen Bundesamts
       besagen, die das BSW erfragt hat.
       
       Der Grund für den Unterschied: Im Osten speist sich das Einkommen von
       Rentner:innen zu großen Teilen aus der gesetzlichen Rentenkasse. Im
       Westen kommen öfter Betriebsrenten oder private Vorsorgen hinzu.
       
       ## Getöse mitten im Wahlkampf
       
       Zumindest für Sven Schulze in Sachsen-Anhalt kommt der Reformvorschlag der
       Bundesregierung zu einer ungünstigen Zeit. In einem Monat wählt
       Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. Ministerpräsident Schulze tritt als
       Spitzenkandidat der CDU an, liegt in Umfragen aber 17 Prozentpunkte hinter
       der AfD. Er braucht jede Stimme und betont deshalb jeden Vorzug, den er
       gegenüber der autoritären AfD habe.
       
       Auf den Wahlkampfbühnen in Sachsen-Anhalt erzählt Schulze zum Beispiel von
       den vielen Kontakten, die er als früherer EU-Politiker und Mitglied des
       CDU-Präsidiums habe. Anders als AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund könne
       Schulze einfach bei den richtigen Leuten anrufen und die Interessen von
       Sachsen-Anhalt an den richtigen Stellen vertreten. Die Rente wirkt nun wie
       ein öffentlicher Test dieser Behauptung.
       
       Schon im April äußerte sich Schulze dazu. Friedrich Merz hatte da gerade
       während einer Rede gesagt: „Die gesetzliche Rentenversicherung allein wird
       allenfalls noch die Basisabsicherung sein für das Alter.“ Schulze
       antwortete darauf in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Stern, in
       Ostdeutschland sei die Rente „oft die einzige Basis für ein Altern in
       Würde“, die Bundesregierung solle das im Blick behalten.
       
       Nachdem Friedrich Merz und Bärbel Bas ihre Rentenpläne vorgestellt hatten,
       sah sich Schulze offenbar gezwungen, noch mal nachzulegen. Vergangene Woche
       veröffentlichte er mit den anderen CDU-Ministerpräsidenten aus den
       ostdeutschen Bundesländern eine gemeinsame Erklärung. Ob das „ganze
       Gewicht“ der ostdeutschen CDU-Regierungen wirkt?
       
       Zumindest bei Sozialministerin Bärbel Bas (SPD) wies den Vorstoß nicht
       zurück. Im Sommerinterview des ZDF auf den Vorstoß angesprochen, zuckte sie
       leicht mit den Schultern. Wer lange in die Rentenkasse eingezahlt habe,
       solle auch früher in Rente gehen können. „Das hat SPD immer vertreten“,
       sagte Bas. Nun sei es an der Union, die Position zu klären. Allerdings,
       räumte die Sozialministerin ein, die Rentenreform sei ein Gesamtpaket. Wenn
       der abschlagsfreie Renteneinstieg nach 45 Beitragsjahren bleibe, werde das
       teuer.
       
       ## Wirtschaftsexperten für Streichung
       
       Darauf verwies auch Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts
       für Wirtschaftsforschung. Er sagte der Rheinischen Post, die
       Bundesregierung müsse den früheren Renteneinstieg streichen, das sei das
       „zentrale und finanziell das wichtigste Element der geplanten
       Rentenreform“. Auf der einen Seite spare die Regierung schätzungsweise 10
       Milliarden Euro. Auf der anderen blieben 125.000 zusätzliche Beschäftigte
       pro Jahrgang in Arbeit.
       
       Im Bericht der Rentenkommission steht, von Sonderregeln für besonders
       langjährig Versicherte würden „vor allem Besserverdienende, Gesündere und
       Männer profitieren, während Geringverdienende, Personen mit weniger
       stabilen Erwerbsverläufen und Frauen sie nicht in Anspruch nehmen
       (können)“. Es gibt [1][auch eine Studie des DIW], aus der hervorgeht, dass
       viele Personen mit eher geringer Arbeitsbelastung die Frührente in Anspruch
       nähmen – untersucht wurde dafür aber nur ein Jahrgang westdeutscher Männer.
       
       Sven Schulze betonte am Montag gegenüber der taz, bislang habe die
       Rentenkommission nur eine Empfehlung vorgelegt. Die sei Grundlage weiterer
       Beratungen. Schulze stehe im Kontakt mit den Zuständigen auf Bundesebene.
       Bis es nach der Sommerpause weitergehe, sei die Debatte völlig offen. Und
       er bekomme viel Rückendeckung dafür, die ostdeutschen Themen auf den Tisch
       zu bringen.
       
       3 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.diw.de/de/diw_01.c.927861.de/publikationen/wochenberichte/2024_48_1/rente_nach_45_jahren__auch_personen_mit_geringer_arbeitsbelastung_gehen_fruehzeitig_abschlagsfrei_in_ruhestand.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) David Muschenich
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Rente
 (DIR) Frührente
 (DIR) Bärbel Bas
 (DIR) Michael Kretschmer
 (DIR) Sven Schulze
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern
 (DIR) Manuela Schwesig
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Schwerpunkt Ostdeutschland
 (DIR) Rente
 (DIR) Rente
 (DIR) Bärbel Bas
 (DIR) SPD
 (DIR) Rente
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Linken-Politikerin von Angern zur Rente: „Dem Kanzler ist der Osten egal“
       
       Die Renten-Pläne der Bundesregierung treffen Ostdeutsche in besonderem
       Maße, sagt die sachsen-anhaltische Spitzenkandidatin der Linken, Eva von
       Angern.
       
 (DIR) Streit um Rente mit 63: Passgenauer Populismus
       
       Plötzlich wollen prominente Teile von CDU und SPD die abschlagsfreie Rente
       erhalten. Doch von ihr profitieren nicht die, die es eher nötig hätten.
       
 (DIR) Debatte über Rentenpaket: Bas offen, Söder skeptisch
       
       Wird das Rentenpaket der Bundesregierung im parlamentarischen Verfahren
       aufgeschnürt? Ostdeutsche CDU-Regierungschefs hatten Nachbesserungen
       verlangt.
       
 (DIR) Bärbel Bas zu Sozialreform: Die Arbeitsministerin stellt ein Stoppschild auf
       
       Die SPD-Co-Vorsitzende sieht ihre Partei als sozialpolitisches Korrektiv in
       der Regierung. Bas signalisiert die Bereitschaft, noch mal über die
       Rentenpläne der Regierung zu diskutieren
       
 (DIR) Koalition uneins bei Rentenreform: SPD-Generalsekretär Klüssendorf will doch „Rente mit 63“
       
       Die Renten-Vorschläge sollten vollständig umgesetzt werden, so Kanzler
       Merz. Doch am Aus der abschlagsfreien Frührente gibt es Kritik aus CDU und
       SPD. Was nun?