# taz.de -- Waldbrände in Spanien: „Du schlägst auf Flammen und plötzlich sind sie über dir“
       
       > Die Brände in Spanien haben 80.000 Hektar Land verkohlt – darunter den
       > botanischen Garten von Axel Mahlau. Mehr Löschkapazitäten werden das
       > Problem nicht lösen.
       
 (IMG) Bild: Die spanische Provinz Ávila am 25. Juli: Während die Feuerwehrleute die Brände bekämpfen, werden die Ortschaften evakuiert
       
       Alles sei abgebrannt, sagt Axel Mahlau traurig. Wo bis vor wenigen Tagen
       sein Lebensprojekt grünte, ist jetzt alles schwarz. Hier und da steigen aus
       dem verkohlten Boden Rauchsäulen auf.
       
       Der Deutsch-Spanier Mahlau, 70, wurde in Spanien geboren und pflegt im Tal
       des Flusses Tiétar in der Provinz Ávila einen botanischen Garten.
       Beziehungsweise pflegte. „Neun Hektar, 1.700 verschiedene Pflanzen“,
       erzählt der pensionierte Lehrer, der nach einer Woche der Evakuierung
       wieder zurück auf seinem Grundstück ist. Statt wie viele seiner Nachbarn in
       einer Massenunterkunft, kam er in dieser Zeit bei Familienangehörigen in
       einem Vorort der Hauptstadt Madrid unter.
       
       Der jetzt verbrannte botanische Garten begann mit Pflanzen, die Mahlaus
       Vater in den 1950er Jahren von seinen Reisen mitgebracht hatte, Mahlau und
       sein Bruder pflegten ihn weiter. „Seit meiner Pensionierung vor drei Jahren
       kümmerte ich mich intensiv darum“, sagt Mahlau. Dann kam das Feuer und
       verschlang alles.
       
       La Adrada, rund anderthalb Autostunden westlich von Madrid, ist mit seinen
       2.800 Einwohnern einer der Orte, die am härtesten heimgesucht wurden vom
       mittlerweile größten Waldbrand in Spaniens Geschichte.
       
       Mitte Juli hatte ein Arbeiter im Auftrag der örtlichen Viehzüchter ganz in
       der Nähe mit einer schweren Landmaschine einen Weg gebahnt, obwohl solche
       Arbeiten derzeit eigentlich strikt verboten sind. Eben wegen der
       Brandgefahr. Die Maschine schlug Funken. Das Feuer war schon kurz darauf
       nicht mehr einzudämmen und breitete sich nach Osten aus, später dann auch
       nach Süden über die 2.000 Meter hohen Berge ins Tiétar-Tal.
       
       ## 90.000 Menschen evakuiert
       
       Ein zweites Feuer entstand durch ein in Brand geratenes Auto in San Martin
       de Valdeiglesias in der Provinz Madrid, 25 Kilometer östlich von La Adrada.
       Auch hier brannten bereits Wald und Wiesen, als die Feuerwehr kurz darauf
       ankam. Zusammen mit einem dritten Brand in Almorox in Toledo sind die Feuer
       mittlerweile fast zu einem verschmolzen und haben schon über 80.000 Hektar
       verwüstet. Das ist beinahe die Fläche des Landes Berlin.
       
       Die Zentralregierung in Madrid rief den nationalen Notstand aus und
       übernahm die Koordinierung der Löscharbeiten. 90.000 Menschen haben die
       Behörden evakuiert. Jene, die schon zurück dürfen, finden Dörfer mitten in
       einer schwarzen Wüste vor.
       
       Das ist auch bei Axel Mahlau so. Immerhin stehen die beiden Gebäude am
       Garten noch. „Meine Bücher, Musik, Bilder und all die Familienfotos haben
       überlebt“, tröstet er sich. „Bevor wir gingen, haben wir die Tiere – Esel,
       Schweine, Ziegen und Pfauen – freigelassen“, sagt Mahlau. Er hat sie
       lebendig wiedergefunden. Zum Glück.
       
       Doch der botanische Garten ist zerstört. Ob er ihn wieder aufbaut, weiß er
       noch nicht. Zuerst müsse er untersuchen, ob die Bewässerungsanlagen zu
       reparieren sind und abwarten, welche Pflanzen wieder austreiben.
       
       Nicht alle hier folgten den Anweisungen zu gehen. Javier Cuerva ist einer
       der rund 150 Einwohner von La Adrada, die blieben, um dem Feuer die Stirn
       zu bieten. „Als die Nachricht kam, dass im Nachbartal ein Brand
       ausgebrochen ist, kam es mir nicht in den Sinn, dass uns das direkt
       betreffen könnte“, sagt der 55-Jährige. Er arbeitet bei einer
       Telekommunikationsfirma. Doch dann waren die Flammen plötzlich auf dem über
       2.000 Meter hohen Bergkamm zu sehen.
       
       „Der Wind trieb die Flammen runter, in unsere Richtung“, sagt Cuerva. Erst
       brannten die Wiesen oben um die Gipfel, dann die Gestrüpplandschaft
       darunter und schließlich erfassten die Flammen den Wald, dann die Felder
       und Dörfer. „Ein Polizeihubschrauber wies uns per Lautsprecher an, zu
       packen und zu gehen“, sagt Cuerva. Er weigerte sich und blieb, um zu
       löschen. Es war schließlich nicht das erste Feuer, das er miterlebte.
       
       Doch was dann kam, übertraf alles: „Eine Nacht in der Hölle“. Die Flammen,
       die Hitze, der Rauch. Cuerva, der mit anderen versuchte, das Feuer zu
       stoppen, wird diese Eindrücke wohl nie vergessen. „Du schlägst auf Flammen
       am Boden ein und plötzlich sind sie über dir in den Baumkronen 30 Meter, 40
       Meter hoch“, sagt er. Anders als in den noch stärker betroffenen
       Nachbarorten blieb La Adrada selbst verschont. Nur die Fincas am Rand sind
       betroffen.
       
       Javier Cuerva und die selbstorganisierten Brandwachen ziehen noch immer Tag
       für Tag in die Berge, um immer wieder aufflammende Brandherde zu löschen
       und vorsorglich heiße Punkte abzukühlen. „Ich habe seit meiner Kindheit
       wirklich viel gesehen, aber so ein großer Brand – das ist neu“, sagt er.
       
       ## „Mein schönes Haus, die Natur rundherum“
       
       Auch Miquel Zurita aus Cebreros, anderthalb Autostunden nordöstlich von La
       Adrada, ist überrascht vom Ausmaß der Katastrophe. „Der letzte Brand vor
       einigen Jahren war schon ungewöhnlich groß und aggressiv, aber das jetzt
       stellt alles in den Schatten“, sagt Zurita, der trotz seiner 70 Jahre noch
       immer in der Schulbehörde in der Hauptstadtregion Madrid arbeitet.
       
       Er war einer der letzten, der noch selbständig aus Cebreros weg kam, bevor
       die Landstraße geschlossen wurde. „Ich fühlte mich immer privilegiert. Mein
       schönes Haus, die Natur rundherum. Auf einen Schlag ist das alles nichts
       mehr wert“, sagt er. Zwar blieb die luxuriöse Siedlung Calas de Guisando am
       Stausee San Juan verschont, doch das Umland nicht.
       
       „Jetzt ist alles schwarz, unsere Siedlung ist wie eine Insel“, sagt Zurita,
       der schon zum zweiten Mal in wenigen Jahren einen derartigen Verlust
       erlebt. Vor vier Jahren brannte es auf der anderen Seite von Cebreros. Die
       Wälder, in denen Zurita seine Kindheit verbracht hatte, fielen den Flammen
       zum Opfer. Und jetzt ist das, was damals verschont blieb, verbrannt.
       Darunter auch Wälder, die nach früheren Bränden wieder aufgeforstet wurden
       und seit Jahrzehnten herangewachsen sind.
       
       „Machtlosigkeit“, sei es, was Miquel Zurita fühle. Die Behörden hätten den
       Wald vernachlässigt und es fehle an Löschkapazität, vor allem an
       Flugzeugen, ist er sich sicher. Außerdem müsste wieder mehr Weidewirtschaft
       betrieben werden, damit zumindest grasende Tiere die Landschaft frei
       halten, wenn es die Menschen schon nicht tun.
       
       ## Es weiden zu wenig Tiere
       
       Was die Bewohner auf dem spanischen Land seit Jahren beobachten, untersucht
       Serafín González Prieto wissenschaftlich: „Seit mehreren Jahren wird es
       immer heißer und trockener. Die Vegetation fängt beim geringsten Anlass
       Feuer, das immer schwerer zu löschen ist“, sagt der Waldbrandexperte des
       Spanischen Rates für wissenschaftliche Forschung.
       
       González macht dafür mehrere Gründe aus. Die Abwanderung der Bevölkerung
       führe zum unkontrollierten Bewuchs von Flächen, die einst Äcker und Felder
       waren. Immer weniger Tiere weideten frei. Mosaiklandschaft heißt die
       ursprüngliche Mischung aus Äckern, Feldern, Gärten und Waldstücken rund um
       die Dörfer, die längst verloren ist. „Sie schützte vor Bränden“, sagt
       González. Denn es sei einfacher, ein Feuer in einem Gemüsegarten oder
       Weinberg zu löschen als in dichten Hecken und 30 Meter hohen Bäumen.
       
       „Dort wo Forstwirtschaft betrieben wird, sind es meist Monokulturen“, sagt
       González und verweist auf die Fichten in Zentralspanien, wo es jetzt
       brennt; [1][aber auch auf Südfrankreich], wo dieser Tage die Brände 42.000
       Hektar verkohlt haben.
       
       „Außerdem ändert sich das [2][Klima]“, sagt González. Er meint damit nicht
       nur die Temperaturen. „Es regnet nicht weniger, sondern anders“, sagt er –
       mehr im Winter und im Frühjahr. Die Sommer hingegen seien viel trockener
       als einst. Die Folge: Die Vegetation wachse schnell und üppig und trockne
       dann ebenso schnell. „Es entsteht eine Landschaft aus ununterbrochener
       trockener Biomasse.“ Und wenn es brenne, dann richtig.
       
       González spricht auch vom Kamineffekt. Das Feuer ziehe allen Sauerstoff
       rundherum an und erzeuge so eigene Winde, Stürme und sogar Gewitter. „Das
       ist das gleiche Phänomen wie bei der Bombardierung in Dresden oder in
       Coventry im Zweiten Weltkrieg.“
       
       „Wir müssen uns an den [3][Klimawandel anpassen], statt ihn zu leugnen“,
       sagt González. Die Löschkapazitäten auszubauen, das alleine sei keine
       Lösung des Problems.
       
       In den ersten sieben Monaten diesen Jahres ist in Spanien sechsmal so viel
       Fläche abgebrannt wie im gleichen Zeitraum 2025. Zehn Waldbrände wüten
       gerade im Land. Und der Sommer ist noch lange nicht vorbei.
       
       1 Aug 2026
       
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