# taz.de -- Architekt über Ideen für die Zukunft: „Was wir als Realität bezeichnen, ist nur ein Vorschlag“
       
       > Pierre-Christophe Gam sammelt als Künstler Träume. Warum und wie aus
       > Träumen ein anderes Zusammenleben gedacht werden kann, erzählt er im
       > Gespräch.
       
 (IMG) Bild: Ein Traumfänger in Athen: Pierre-Christophe Gams Video- und Rauminstallation „The Sanctuary of Dreams“, 2025
       
       taz: Pierre-Christophe Gam, Sie erschaffen Räume für Träume,
       beziehungsweise „Dream-Tanks“. Wie kam es, dass Sie sich als studierter
       Architekt auf Träume spezialisierten? 
       
       Pierre-Christophe Gam: Mich faszinierte die Entdeckung, dass
       Kindheitserinnerungen stark an räumliche Komponenten gebunden sind.
       Architektur konstruiert also nicht nur den Raum unserer sozialen
       Interaktion, sondern auch unserer biografischen Orientierung. Nun bestehen
       zwei Grundtendenzen, um Raum zu gestalten: Entweder so, dass er trennt,
       oder so, dass er Austausch und Zusammenkommen ermöglicht.
       
       In Bezug auf Letzteres habe ich mich mit den zentralen Gemeinschaftsbauten
       in westafrikanischen Orten beschäftigt. So bin ich auf den Toguna der Dogon
       im heutigen Mali gestoßen. Er besteht aus einer niedrigen Steinarchitektur
       mit einem Dach aus sehr dicken Pflanzenmateriallagen. Es handelt sich um
       einen Raum, der eine Verbindung zwischen dem Sichtbaren mit dem
       Unsichtbaren ermöglichen soll.
       
       taz: Und somit einen Eintritt in das Reich der Träume und der Ideen? 
       
       Gam: Im Griechischen würde man vielleicht sagen: das Reich der Musen. Die
       Welt der Erscheinungen, die einerseits unumstrittener Bestandteil des
       Lebens sind, die wir sozusagen permanent downloaden, denen wir uns aber nur
       annähern können, weil sie nicht vollständig kontrollierbar und begreifbar
       sind.
       
       taz: In Athen habe ich einen Workshop in einem Ihrer zeitgenössischen
       Toguna-Räume besucht. Wir haben dort nicht zum Selbstzweck geträumt,
       sondern für die Zukunft des Planeten. Was treibt Sie an, die Dream-Tanks zu
       entwickeln?
       
       Gam: Seit 2019 habe ich mich intensiv mit zwei Fragen auseinandergesetzt:
       Was ist Realität? Und wie kann Technologie benutzt werden, um die Zukunft
       zu gestalten? Dabei fielen mir ideologische Richtungen auf, die inzwischen
       sehr viel deutlicher in Erscheinung getreten sind: die des „Dark
       Enlightenment“ und des Technofaschismus – also jene Bewegungen, mit denen
       Donald Trump oder [1][Elon Musk und Peter Thiel] verbunden werden können.
       
       In Bezug auf die Zukunft entstehen in diesem Umfeld Perspektiven, die man
       im Kern als Eugenik bezeichnen könnte. Diese Ideologien haben sehr viel
       Terrain gewonnen, ohne dass sie von einer umfassenden öffentlichen Debatte
       begleitet wurden. Aus dieser Situation erwuchs für mich die Frage, wie sich
       eigentlich ein Forum für die Gestaltung der Zukunft konstruieren ließe.
       
       taz: Und was ist Realität?
       
       Gam: Eine Folge von praktisch willkürlichen Vorstellungen, die manifest
       werden. Wir Menschen haben Gesellschaften und Kulturen entwickelt, die die
       Früchte unserer Imagination sind. Darunter gibt es viele Dinge, die
       geschaffen wurden, um Systeme funktionieren zu lassen. Es scheint uns heute
       oft so, als seien sie alternativlos. Eine kanonische Ausbildung ist ein
       Beispiel, oder die Technik des Konsensus, zu der wir erzogen werden. Dabei
       handelt es sich bei allem, was wir als Realität bezeichnen, um Vorschläge.
       
       taz: Es kann auch ein Wert darin liegen, dass Funktionierendes
       weiterentwickelt wird.
       
       Gam: Ganz klar! Aber nicht als letztgültige Normen. Wenn wir politische
       Systeme betrachten, wird das besonders deutlich. Vieles, was den Menschen
       auferlegt wurde, konnte sich nicht aus dem Grund durchsetzen, dass es
       besonders gut oder wahr wäre. Darum ist es eigentlich umso irrealer, dass
       unsere Gesellschaften derzeit den modernen Kapitalismus – Wachstum, BIP,
       Konsum etc. – als den einzigen Weg betrachten, auf der Welt zu existieren.
       Aber warum muss es so sein, dass unser Wert als Individuum dadurch bestimmt
       wird, inwieweit wir in der Lage sind, industriell hergestellte Produkte zu
       erwerben?
       
       Welchen Sinn macht es, dass ein Ballon durchs Weltall treibt, auf dem es
       Wesen gibt, die, im besten Fall, von neun bis fünf arbeiten? Um in die
       Zukunft zu träumen, müssen wir mental zunächst aus unserem Gefangensein in
       einer einzigen bestimmenden Realität ausbrechen.
       
       taz: Nachdem wir in Ihrem Workshop in das Konzept von Realität als
       Möglichkeitsraum eingetaucht sind, haben wir uns fünf Fragen gewidmet: Wie
       wollen wir in der Zukunft arbeiten, lieben, beten, spielen und essen? Die
       Fragen wiederum verweisen auf fünf Säulen der Ifa-Tradition. Worum handelt
       es sich da?
       
       Gam: In erster Linie war ich interessiert an Systemen, die Realitäten
       jenseits von Kapitalismus abbilden und die Verbindung von Menschen und
       nichtmenschlicher Natur betonen. Ifa ist gleichzeitig eine Wissenschaft,
       eine Philosophie und eine spirituelle Tradition. Sie ist unter den Yoruba,
       die heute in Nigeria, Benin und Togo leben, verbreitet, sowie auch in
       vielen afrikanischen Diasporakulturen. Elemente daraus sind auch in sehr
       vielen anderen weltanschaulichen Traditionen zu finden.
       
       Die Realität besteht, laut Ifa, aus dem, was wir Menschen in einem
       kokreativen Prozess mit der Natur erwirken. Der menschliche Input wird
       dabei auf Grundlage von fünf Komponenten – ich vereinfache – bestimmt:
       Körper, Verstand, Geist, Herz und Seele. Diese fünf Tore zur Realität
       verknüpfe ich wiederum mit den fünf zentralen Fragen, die Sie genannt
       haben.
       
       taz: Warum ist es für Sie wichtig, an vorkoloniale Lehren von der
       Entstehung der Welt anzuknüpfen? 
       
       Gam: Als eine Person afrikanischer Herkunft bin ich daran interessiert,
       Konzepte und Philosophien, deren Existenz nie als solche anerkannt, von
       anderen Narrativen als naiv abgestempelt oder schlicht übersehen wurden,
       als Akt der Dekolonisierung verfügbar zu machen.
       
       taz: Die demografische Prognose ist, dass Afrika innerhalb des nächsten
       Jahrhunderts der bevölkerungsreichste Kontinent der Erde wird, mit über 40
       Prozent der Weltbevölkerung. Wie wird Afrika mit seiner zentralen Rolle für
       die Zukunft umgehen?
       
       Gam: Die Frage wird sein, was bei dieser Transformation zentral steht: das
       Trauma der Vergangenheit, die Fortsetzung kolonialer Logiken wie im
       Neokolonialismus, oder wird der Kontinent sich neu erfinden können? Um
       etwas Neues zu schaffen, muss man es sich zunächst vorstellen können. Nun
       ist die Situation aber, generalisierend ausgedrückt, immer noch so, dass
       die Art, wie Afrikaner:innen sich selbst sehen, korrumpiert ist durch
       Bilder wie Armut, Abhängigkeit von Hilfe, Korruption … Dadurch, dass ich
       eine vorkoloniale Tradition hervorhebe, möchte ich dazu ermutigen, einen
       optimistischen Ausgangspunkt für den Blick in die Zukunft zu entwickeln.
       
       taz: Welche Welt entsteht durch Ihr Traumprojekt? 
       
       Gam: Interessant ist, dass sich bei aller Diversität unserer Existenzen nur
       die Nuancen der Träume voneinander unterscheiden, sie sich im Kern jedoch
       ähneln. Die Auswertung von mehr als 12.000 Traumprotokollen ist aufwendig,
       ich kann daher nur verkürzen, wenn ich einige Aspekte herausgreife: Der
       wichtigste ist der Wunsch nach kleinen, im Kern autarken Gemeinschaften.
       Was sich außerdem abzeichnet, ist, dass wir eine andere Währung brauchen.
       Nicht Geld, sondern Zeit könnte eine Währung sein.
       
       Auch die Entfaltung der individuellen Kreativität ist ein wiederkehrendes
       Thema sowie die Befähigung zu einem selbstbestimmten Umgang mit
       Technologie. Dazu gehören, um einmal konkrete Beispiele zu nennen, lokale
       Server, die aus nachhaltigen Energien gespeist werden, sowie Programmieren
       als Unterrichtsangebot in Schulen wie heute Mandarin oder Englisch. Ein
       weiterer wichtiger Aspekt ist Diversität. Nicht nur kulturelle sondern auch
       persönliche Diversität. Das heißt auch, dass es nicht nur Gemeinschaftsorte
       geben muss, sondern auch solche, in die wir uns zurückziehen können. Es
       soll keinen Druck von der Gemeinschaft oder Gemeinschaftszwang geben.
       
       taz: Gibt es auch Leute in Ihren Workshops, die zum Beispiel von
       rassistischen Weltordnungen oder individuellem Reichtum träumen?
       
       Gam: Bislang hat dies niemand getan. Ich denke, der Hauptgrund hierfür
       besteht in der Tatsache, dass es zunächst darum geht, sich mit sich selbst
       zu verbinden, und sich nicht aus einer Reaktion heraus zu verhalten – auf
       Mangel oder Frust, zum Beispiel. Wenn man jemanden fragt: Wie möchtest du
       dich in deiner idealen Zukunft fühlen, wenn es nichts zu verteidigen und
       nichts zu erklären gibt, dann verändern sich die Sichtweisen.
       
       8 Aug 2025
       
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