# taz.de -- Trauer nach dem Anschlag: Am Sonntag danach
       
       > Erst am nächsten Morgen hat unsere Autorin von dem Anschlag auf den
       > Berliner CSD gehört. Den Tag über suchte sie zu Hause mit ihrer Freundin
       > Trost.
       
       Die Guten sind unsterblich. So unsterblich, dass sie jahrhundertelang,
       vielleicht sogar jahrtausendelang Menschenleben retten können. Zumindest
       ist das so in dem Film, den wir uns am Sonntagnachmittag auf der Couch
       anschauen, eingekuschelt unter Decken, mit einer Wärmflasche, als wäre es
       schon Herbst.
       
       Wir sind verkatert, weil wir am Samstagabend meinen Geburtstag gefeiert
       haben. Vor allem aber sind wir traurig und schockiert. Auch wir sind mit
       der Nachricht vom Anschlag auf dem CSD aufgewacht – beziehungsweise
       zunächst mit Whatsapp-Nachrichten von Freund*innen, die schrieben: „Ich
       habe die News aus Berlin gesehen. Wie geht es euch?“
       
       Als mich die ersten Nachrichten erreichen, weiß ich noch gar nicht, was
       passiert ist. Ich war bereits joggen, hatte die Eichhörnchen gefüttert und
       lese zu Hause immer wieder dieselbe Frage: „Geht es euch gut?“ Zuerst
       stelle ich mir eine Naturkatastrophe vor. Ich denke, dass die Brände, die
       gerade in Südeuropa wüten, vielleicht auch uns erreicht haben. Dann öffne
       ich meinen Laptop.
       
       „Ja, wir waren im Südblock. Wir hatten nichts mitbekommen …“, antworte ich.
       Wir texten uns hin und her, schicken uns Emojis wie weinende Gesichter und
       gebrochene Herzen und sprechen darüber, wie schlimm die Welt gerade ist und
       wie wichtig es ist, zusammenzuhalten.
       
       Meine Freundin schläft noch. Es tut mir leid, sie mit dieser Nachricht
       wecken zu müssen. Wie viele meiner Geburtstagsgäste war auch sie zuvor auf
       dem CSD gewesen und anschließend zu mir gekommen. Sie waren mit ihren
       Kindern, ihren Freund*innen und Partner*innen dort gewesen. Sie hatten
       getanzt, gefeiert und Spaß gehabt. Ich bin 48 geworden – genauso alt wie
       der Berliner CSD.
       
       Zu Hause umarmen meine Freundin und ich uns immer wieder. Wir haben keine
       Kraft, zur Trauerveranstaltung am Brandenburger Tor zu gehen, und schauen
       uns stattdessen zum Trost schlechte Filme, in denen zwar auch die Bösen im
       zweiten Teil für eine Weile unsterblich zu werden scheinen, am Ende aber
       doch immer die Guten gewinnen.
       
       28 Jul 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Luciana Ferrando
       
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