# taz.de -- Beschimpft in Hochkultur: Réservé aux piétons
> Die Berliner Umgangssprache hat viele Lehnwörter aus dem Französischen.
> Im Original klingen sie alle eleganter, sogar wenn sie schimpfend
> gebraucht werden.
„Le trottoir est réservé aux piétons, Madame!“, sagt der Mann mit dem
kleinen Hund. Oder etwas, das sich so anhört. Wir verstehen kein
Französisch. Aber das Wort „trottoir“ kennen wir. Es ist quasi Berliner
Umgangssprache und wurde von meiner Ziehtante gern und oft verwendet. Und
die musste es ja wissen.
Das Wort ist sicher eins dieser Lehnwörter, von denen wir in Berlin so
viele haben.
„Mach ma keene Fisimatenten!“ Das ist auch so ein Satz von der Tante, die
eigentlich nur eine Nachbarin war, aber wie eine Tante auf mich aufgepasst
hat.
Den Spruch haben Berliner Mütter wohl mal den Hugenotten geklaut oder den
Napoleonischen, als die die Töchter ins Feldzelt lotsen wollten. „Visitez
ma tente.“ So klingt das eben für ein Berliner Ohr.
Auch schön sind in diesem Zusammenhang „Bredullje“, was im Französischen
haargenauso klingt. Oder „Plümo,“ was bei uns eine Daunendecke ist und von
„plume“ abstammt, also Feder.
Ich habe sämtliche Sätze und Worte am Abend zusammengegoogelt.
Und dann sind da noch „Plempe“, „Karree“ und „Fassong“.
Lässt sich alles herleiten. Und klingt, muss ich zugeben, im Berlinischen
eine Spur härter, als im französischen Original. Vielleicht unterstellt man
Berliner*innen deshalb immer eine gewisse Grantigkeit?
Nach schlechter Laune war uns an diesem Nachmittag jedenfalls nicht. Wir
wollten ein Eis essen, um die ersten Ferientage zu feiern. Der schnellste
Weg zur Diele führt mit dem Fahrrad auch 20 bis 30 Meter auf einem Fußweg.
Und da war er dann, der Mann mit seiner Fußhupe, und hat sich vielleicht
ein bisschen erschreckt. Nun hätte er laut schimpfen können. Das
Berlinerische böte auch hier viele schöne, wahre Worte. Hat er aber nicht.
Stattdessen sagte er dieses „Le trottoir est réservé aux piétons, Madame.“
– „Der Gehsteig ist den Fußgängern vorbehalten, gnädige Frau.“ Wie erhaben
doch eine Beschwerde klingen kann. Wir entlehnen sie uns jetzt.
30 Jul 2026
## AUTOREN
(DIR) Klaus Esterluss
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