# taz.de -- Quer über den Antonplatz in Berlin: Rolling immer, Absteigen nimmer
       
       > Um den Ersatzverkehr der Tram zu umgehen, kann man zu Fuß gehen. Oder
       > aber man bewegt sich per Longboard durch die Stadt, trotz aller
       > Hindernisse.
       
       Die Tram kommt heute nicht, verkündet lakonisch ein Schild an der Station.
       Ein Glück, denke ich, mache ich nur wieder meinen Morgenspaziergang. Aber
       die armen Leute! Dieser Ersatzverkehr, das ist ja auch kein Spaß. Wann
       gibt’s denn wohl mal keine Bauarbeiten?
       
       Vor der Absperrung stauen sich die Passanten, die von alldem nichts
       mitbekommen haben. In stiller Prozession zücken sie ihre Telefone und
       suchen nach Antworten. Oder sie schicken ihren Chef*innen den Hinweis,
       warum sie heute etwas später kommen.
       
       Ich überquere die Berliner Allee. Auf dem Antonplatz überholt mich einer so
       schnell, dass ich ihn erst mitbekomme, als er schon vorbei ist. Der Mann
       rollt. Er steht auf einem Longboard, das er mit viel Geschick über
       Kopfsteinplaster, Gehwegplatten und Bordsteinkanten steuert. Er zaudert
       nicht, er kann es, und er weiß das auch.
       
       Erst mit dem zweiten Blick erkenne ich, er hat einen Arm im Gips. Den
       rechten. Er hält ihn, hoch angewinkelt, vor dem Körper, wie ein Schild. Der
       andere Arm macht das Ruder. Und steuert den Mann spielend über jedes
       Hindernis.
       
       Ich bleibe stehen. Man bleibt stehen für so was. Ich bewundere. Er nimmt
       die nächste Bordsteinkante, denn ist er schon fast die halbe Straße runter.
       Er hat es eilig. Aber dann – hat die Straße Wellen, die er nicht gut sehen
       kann aus seiner Position. Das Board bockt. Der begipste Arm klebt am
       Oberkörper. Der andere Arm rudert. Und der Mann – fällt. Das Board bleibt
       ein paar Meter weiter am Reifen eines parkenden Autos stehen.
       
       Noch ehe ich überlegen kann, was passiert ist, und wie ich helfen könnte,
       steht der Mann wieder. Er geht hinüber zu seinem Board, richtet es auf der
       Straße aus. Er besieht sich die Bodenwelle, die ihn gelegt hat. Und erst
       danach prüft er sich. Den verletzten Arm, dann den anderen. Und zuletzt
       seine Knie. Er hat Glück gehabt. Er rollt weiter. Minuten später hat er die
       Straße hinter sich, biegt um eine Kurve und ist verschwunden.
       
       23 Jul 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Klaus Esterluss
       
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