# taz.de -- Nach dem Anschlag auf den CSD: Das war kein Versagen des Multikulturalismus
       
       > Unser Autor ist eine queere Person of Color. Seine Wut richtet sich gegen
       > rechte Instrumentalisierung des Terrors und die Ideologie der Islamisten.
       
 (IMG) Bild: Gemeinsam wird in Berlin um die Opfer des islamistischen Terroranschlags auf den CSD getrauert
       
       Gerade hatte ich einen Aufsatz über das Verschwinden unserer gemeinsamen
       Räume in Berlin mitverfasst, die zunehmend unter Muslimfeindlichkeit,
       Gewalt gegen Queers, Antisemitismus und rassistischer Diskriminierung
       leiden. Es ist ein Text, der vernünftig zu argumentieren versucht,
       sorgfältig recherchiert, mit Quellenangaben und Fußnoten. Jene Art von
       Text, der Soziologen zitiert, offene Fragen stellt und den Leser*innen
       zutraut, eigene Schlussfolgerungen zu ziehen. Ich hatte Interviews geführt.
       Ich hatte eine Struktur. Ich hatte eine These.
       
       Dann fuhr ein Mann in einem Transporter in eine Menschenmenge, die das
       Recht feierte, sich in der Öffentlichkeit als das zu zeigen, was man ist,
       das Recht, sich von der gesellschaftlichen Norm zu unterscheiden. In mir
       ist an diesem Samstagabend etwas zerbrochen, von dem ich glaube, dass es
       sich nie wieder gänzlich heilen lässt.
       
       Ich bin schwul. Ich bin queer. Ich hasse institutionalisierte Religionen –
       und zwar ausnahmslos – seit meinen frühen Teenagerjahren, als ich alt genug
       war, zu verstehen, was sie den Menschen auf der ganzen Welt angetan haben.
       Wegen meines Aussehens, wegen eines Namens, den ich mir nicht ausgesucht
       habe, und wegen eines Gesichts, das auf Fremde, die sich nie die Mühe
       gemacht haben, mir auch nur eine einzige ernsthafte Frage zu stellen, einen
       bestimmten Eindruck macht, wurde ich an diesem Wochenende emotional dazu
       gezwungen, mich zu rechtfertigen.
       
       ## Diese Asymmetrie ist kein Zufall
       
       Freunde – gute Freunde, Menschen, die ich seit Jahren liebe, Menschen, die
       mir in schlimmeren Nächten als dieser die Hand gehalten haben – haben mich
       nach Samstagnacht mit einem Blick angesehen, den ich nur als einen Anflug
       von Misstrauen beschreiben kann, sich aber als politische Kritik tarnt.
       Jemand bezeichnete mich in einer Direktnachricht als „alten Linken“, als ob
       meine vermeintliche Nachsicht gegenüber islamistischem Terror das wäre, was
       gerade einer Erklärung bedarf, weil ich darauf bestehe, dass Islamismus und
       Islam nicht dasselbe sind. Ich fühle mich dazu gezwungen, mich für etwas
       entschuldigen zu müssen, mit dem ich absolut nichts zu tun habe –
       gezwungen, Rechenschaft abzulegen für Männer, die ich nie getroffen habe
       und für die ich nichts als äußerste Verachtung empfinde.
       
       Wäre der Mann, der diesen Transporter fuhr, ein weißer Deutscher mit einem
       Hakenkreuz-Tattoo gewesen statt eines Namens wie meinem, würde niemand ganz
       Deutschland auffordern, sich zu rechtfertigen. Kaum jemand außer der Linken
       würde fragen, wie stark nationalsozialistisches Erbe noch heute die
       Gesellschaft als Ganze prägt. Die selbsternannte „Mitte“ der Gesellschaft,
       die Konservativen und vor allem die Linke würde davon ausgehen, dass sie
       mit dem Attentäter nichts gemein hat. Doch weil der Attentäter vom Samstag
       muslimisch erzogen wurde, wird am Montagmorgen eine ganze
       Glaubensgemeinschaft von zwei Milliarden Menschen in den Zeugenstand
       gerufen. Diese Asymmetrie ist kein Zufall. Sie ist eine Gewohnheit und ich
       habe es satt, so zu tun, als würde ich sie nicht bemerken.
       
       ## Reiner Hass, verpackt in die Sprache des Glaubens
       
       Was dieser Mann getan hat, war reiner Hass, aus ihm sprach das reine Böse,
       verpackt in die Sprache des Glaubens durch eine Ideologie, die Jahr für
       Jahr immer wieder neue junge Männer davon überzeugt, dass das Ermorden von
       bestimmten Menschen eine Form reiner Hingabe, eine heilige Pflicht sei. Ich
       bin wütend auf den radikalen Islam, den ich hier ganz konkret mit seinem
       Namen und ohne Umschweife nenne. Wütend, dass er existiert, wütend, dass er
       immer wieder 21-Jährige findet, die er aushöhlt und auf Menschenmengen
       loslässt, wütend, dass dieser hier in Deutschland geboren wurde, hier in
       Deutschland aufgewachsen ist und vermutlich irgendwann einmal in einem
       Berliner Klassenzimmer saß und unterrichtet wurde.
       
       Was genau wurde ihm hier beigebracht? Was auch immer es war, es war nicht
       genug, und ich will wissen, warum. Ich habe genug von der beschönigenden
       Sprache, auf die sich alle im Zusammenhang mit solchen Verbrechen einigen –
       „Radikalisierung“, „Kreise“, „den Behörden bekannt“ – als ob die Ideologie,
       die dieser junge Mann folgte, selbst es nicht verdiene, beim Namen genannt
       und verachtet zu werden. Das tut sie. Und ich verachte sie.
       
       ## Faschisten und Islamisten bedienen sich gleichermaßen junger Männer
       
       Es interessiert mich nicht, wenn nun jemand meint, mir sagen zu müssen,
       dass sich meine Wut nur in eine Richtung wendet. Ich bin gleichermaßen
       wütend auf alles Radikale – auf die radikale Rechte, die nun Wochen damit
       verbringen wird, die widerliche Gräueltat eines einzelnen Mannes in ein
       Mandat gegen jeden Migranten, jede Geflüchtete, jeden Menschen zu
       verwandeln, der eine Sprache spricht, für die deutsche Untertitel nötig
       sind. Faschisten und Islamisten bedienen sich gleichermaßen junger
       Menschen, die an einem Mangel leiden. Beide Hass-Ideologien brauchen junge
       Männer, die das Gefühl haben, nirgendwo dazuzugehören, und beide sind sehr
       gut darin, alles dafür zu tun, dass dieses Gefühl niemals verschwindet. Ich
       hasse sie gleichermaßen und werde nicht so tun, als wäre es anders.
       
       Auf der Internationalist Queer Pride Berlin marschierten am Samstag
       parallel zur großen Pride Parade einige Tausend Menschen. Man konnte auf
       Schildern Parolen lesen wie: „Danke, Iran!“ Ich bin wütend auf Leute, die
       aus einem verqueren Bedürfnis nach radikalem Widerstand islamistische
       Bewegungen feiern, [1][ohne zu verstehen, wofür diese wirklich stehen].
       
       ## Die pluralistische und feiernde Straße wurde am Samstag angegriffen
       
       Und ich bin wütend auf die Leute, die zu wissen meinen, was das wahre
       Problem sei. „Multikulturalismus.“ Sie sprechen das Wort mit einem kleinen,
       wissenden Seufzer aus, als ob es erklären würde, was am Samstag passiert
       ist. Es erklärt gar nichts. Multikulturalismus ist der Grund, warum es den
       Christopher Street Day und andere Manifestationen einer freien Gesellschaft
       überhaupt gibt. Er ist der Grund, warum ein jüdischer Florist, eine
       türkische Großmutter, ein polnischer Klempner und ein schwuler iranischer
       Flüchtling auf derselben Berliner Straße stehen und sie ohne Ironie ihr
       „Zuhause“ nennen können. Er ist der Grund, warum wir unterschiedlich sein
       dürfen und dennoch unter all diesen Unterschieden eine gemeinsame Basis
       grundlegender Werte teilen.
       
       Was am Samstag geschah, war kein Versagen des Multikulturalismus. Es war
       das Gegenteil des Multikulturalismus, das mit einem Transporter vorfuhr:
       die Überzeugung, dass nur eine Weltanschauung als richtig gelten darf, dass
       jeder, der außerhalb davon steht, kein Nachbar, sondern ein Hindernis ist,
       das es zu beseitigen gilt. Die extreme Rechte glaubt an diese Idee. Die
       Islamisten glauben an diese Idee. Sie sind sich in vielerlei einig, in
       ihrer Frauenfeindlichkeit, in ihrem Antisemitismus und ihrer gemeinsamen
       Verachtung für die pluralistische, diskussionsfreudige und feiernde Straße,
       für die der CSD steht. Eben dies wurde am Samstag angegriffen. Ich bin es
       leid, zuzusehen, wie das Wort „Multikulturalismus“ stillschweigend für ein
       Verbrechen verantwortlich gemacht wird, das von seinen Feinden begangen
       wurde.
       
       Was mich konkret vor Wut zittern lässt, ist die Maschinerie, die sich in
       dem Moment in Gang setzt, in dem der Mörder tot ist. Die Maschinerie, die
       die Gewalt eines einzelnen Mannes aufgreift und sie auf alle umlegt, die
       ihm als vorgestelltem Fremden ähneln könnten. Die Maschine fordert eine
       Abgabe, deren Zahlung ich nie zugestimmt habe, erhoben auf ein Leben, das
       ich mir hier aus genau den entgegengesetzten Gründen aufgebaut habe: damit
       ich, wenn überhaupt, danach beurteilt werde, wer ich tatsächlich bin. Für
       die Arbeit, die ich als Künstler und Autor schaffe. Für die Menschen, die
       ich liebe. Woran ich glaube und was ich zu glauben ablehne. Nicht für
       irgendeine rassifizierte Kategorie, die mir von einem echten Deutschen in
       einer halben Sekunde in der U-Bahn zugewiesen wurde.
       
       ## Eine Stadt, die sich selbst gegenüber feindselig ist
       
       Mich erschüttert, wie beiläufig wir das haben geschehen lassen. Wir
       brauchten keine weitere Diagnose. Wir mussten es anscheinend in Echtzeit
       mitansehen, auf einer Straße voller Menschen, die einen Abend lang dachten,
       sie seien zusammen sicher, bevor sich diese Stadt eingestehen musste, wie
       sehr sie bereits auseinandergebrochen ist. Berlin fühlt sich von Jahr zu
       Jahr mehr wie ein Ort an, der gespalten ist, der sich selbst gegenüber
       feindselig ist, wie eine Stadt, die dabei ist zu lernen, ihr eigenes
       Spiegelbild in hundert verschiedenen Spiegeln gleichzeitig zu hassen.
       
       Ich bin wütend auf ein Bildungssystem, das endlos über Toleranz im
       Abstrakten spricht und fast nie darüber, was man mit einem fünfzehnjährigen
       Jungen tun soll, der still und leise in einer Onlineblase verschwindet,
       während die Erwachsenen um ihn herum und seine Familie einfach wegschauen.
       Jemand hat diesem jungen Mann beigebracht, dass Mord eine Form der Hingabe
       ist. Es war nicht eine einzige Lektion, die ihn dazu brachte. Es waren
       Jahre unbeaufsichtigter Stunden – ein iPhone in einem Zimmer mit
       geschlossener Tür, eine Schule, die ihn an seiner Anwesenheit maß statt an
       der Stille, die sich in ihm ausbreitete, eine Familie, die entweder nicht
       bemerkte oder, schlimmer noch, sich nicht darum kümmerte, was aus ihm
       wurde.
       
       Keine der Institutionen, der er sich entzog, ob Familie, Schule, Moschee
       oder Justiz, musste sich dafür verantworten, was den Raum füllte, den sie
       hinterlassen haben. Wir müssen uns ernsthaft und konkret die Frage stellen,
       wie wir junge Männer erziehen.
       
       Unter meiner Wut verbirgt sich, wenn ich ehrlich bin, etwas Leiseres und
       Schlimmeres: Trauer. Um eine Frau, die ich nie kennengelernt habe. Um
       neunundzwanzig Menschen, die am Samstag ausgegangen sind, um zu tanzen, und
       verändert nach Hause kamen – oder gar nicht mehr nach Hause kamen. Um eine
       Nacht, in der es um Spaß und Freude gehen sollte, in einer Stadt, die uns
       immer wieder verspricht, dass Spaß und Freude hier noch erlaubt sind, und
       die uns immer wieder dazu zwingt, jemanden zu begraben, bevor wir wieder
       versuchen, daran zu glauben. Ich habe keinen sauberen Abschluss für diesen
       Text zu bieten. An diesem Abend will ich auch keinen haben.
       
       Aus dem Englischen von Ulrich Gutmair
       
       27 Jul 2026
       
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