# taz.de -- Alltag nach dem 11. September: Ständig unter Verdacht
       
       > Was macht es mit Menschen, wenn sie plötzlich beweisen müssen, dass sie
       > keine Täter sind? Burak Yılmaz, Bilal Bahadır und Khushwant Singh
       > erzählen.
       
 (IMG) Bild: Troisdorf in NRW am 18. September 2001: Eine Türkische Moschee zeigt ihre Solidarität mit dem amerikanischen Volk
       
       ## „Nie wurde nach den Communitys gefragt“
       
       Es gab einen ganz kurzen Moment, in dem ich das Gefühl hatte, wir alle
       nehmen die Grauen des Anschlags gleich wahr. Ich kann mich noch gut an den
       12. September erinnern. Ich war 14 Jahre alt und bin mit meinem Kumpel wie
       immer [1][von unserem Stadtteil Duisburg-Marxloh] zur Schule gelaufen. Es
       war ein stilles Gespräch. „Hast du mitbekommen, was gestern los war?“ „Ja.“
       Dann liefen wir wieder schweigend nebeneinanderher. Für uns war total
       absurd, dass wir zur Schule gehen müssen. Dort waren alle völlig verstört.
       Wir hatten Angst, der Dritte Weltkrieg könnte ausbrechen.
       
       Auch in unserem Stadtteil herrschte emotionales Chaos. Da war Unglauben
       darüber, was eigentlich passiert ist; Entsetzen darüber, wie viele Menschen
       gestorben sind, und Angst, dass Amerika nun womöglich mit einem
       Rundumschlag im Nahen Osten – von der Türkei bis Pakistan – eine Atombombe
       abwirft und alles plattmacht. Und es würde nicht lange dauern, bis ich
       Menschen im Bus hörte, die genau das für eine gute Idee hielten – „einfach
       eine Atombombe drauf“. Es gab da diesen Einspieler von Menschen irgendwo im
       Nahen Osten, die nach dem Anschlag gejubelt haben und „Tod Amerika“ gerufen
       haben. Irgendwie wusste ich direkt, jetzt denken die alle, dass wir feiern,
       was da passiert ist. Statt von den Terroristen zu reden, ging es in der
       medialen Berichterstattung bald um den Islam als große Gefahr für den
       Westen.
       
       Nach dem 11. September war Marxloh nicht mehr das „Türkenviertel“, sondern
       das „Moslemviertel“. An den Hauswänden im Viertel gab es plötzlich
       Graffitis „Islam gleich Terror“. In Magazinen ging es darum, wie
       Deutschland islamisiert wird. Nie wurde die Frage gestellt, was das
       eigentlich mit den Communitys macht. Mir hat das alles Angst gemacht.
       
       Anfangs dachten meine Freunde und ich, wir müssen die Deutschen aufklären
       und ihnen zeigen, was unsere Religion wirklich bedeutet. Dann kam der Trotz
       und wir stritten miteinander. Weil da auch das Gefühl war, es ist ohnehin
       scheißegal, wie wir uns benehmen. Die Deutschen hassen uns sowieso.
       
       [2][Mein einer Lehrer hat immer Zeitungsartikel ausgeschnitten]. Als
       irgendwann ein Anschlag in Pakistan folgte, legte er mir den Artikel dazu
       vor die Nase und sagte: „So, erklär mal bitte der ganzen Klasse hier: Warum
       machen das deine Glaubensbrüder?“ In so Situationen wurde ich dann nicht
       mehr als Burak wahrgenommen, plötzlich wurde ich zum Außenminister vom
       Islam. Egal was ich sagte, es gab keine richtigen Antworten. Und wenn ich
       sagte, ich wollte gerade nicht die Gespräche führen, wurden mir heimliche
       Sympathien unterstellt.
       
       Ein Kumpel erzählte damals, wie manche in seiner Klasse Bombenlegerwitze
       über ihn machten. Auch andere aus meinem Freundeskreis kamen in solche
       Situationen. Aber wir erzählten uns nicht davon, wie wir mit Fragen
       bombardiert wurden, wie wir bei der intellektuellen Sprache unserer Lehrer
       nicht mithalten konnten, wir irgendwann gar nichts mehr sagten – das ist
       nicht die Geschichte, die du deinen Jungs erzählst. Lieber erzählten wir
       uns, wenn wir rhetorisch gewandt antworteten.
       
       Meine deutschen Freunde fragten: [3][Stimmt das, dass der Islam gefährlich
       ist?] Stimmt das, dass ihr alle lernt, Ungläubige zu hassen? Stimmt das,
       dass ihr alle den Westen kaputtmachen wollt? Für sie war ich der
       Daueraufklärer. Und zugleich radikalisierten sich in Teilen ihre Eltern und
       untersagten ihren Kindern, mich zu sehen. Ich merkte damals, es gibt hier
       diese riesigen Veränderungen und ganz viel Rassismus. Nur musste sich dazu
       nie jemand äußern.
       
       Unsere Eltern haben gemerkt, dass bei ihren Kids was los ist. Aber durch
       die viele Schichtarbeit war es echt ein Problem für sie, gut mit uns
       darüber zu reden. Oft sagten sie dann, wir sollten uns nicht unterkriegen
       lassen. Aber wir sollten den Deutschen auch keine Gründe geben, uns noch
       mehr zu hassen. Das hat mich zerrissen.
       
       Ich wollte mir das nicht einfach gefallen lassen. Aber ein Teil von mir
       dachte sich, wenn die Terror haben wollen, dann lasst uns den doch geben.
       Meine Freunde und ich haben dann zum Beispiel angefangen, im Bus arabische
       Floskeln und Begriffe wie „Maschallah“ zu nutzen. Damals war das provokant,
       die Leute gerieten direkt in Panik, zum Teil wurde die Polizei gerufen –
       heute ist das Jugendsprache. Oder als so ältere Typen im Bus sagten: „Jetzt
       kommt die ganze Molukkenscheiße zu uns“, haben mein Kumpel und ich so
       getan, als würden wir mit Waffen auf die schießen. Das war unsere Art von:
       Wir lassen uns nicht unterkriegen. Es gab aber auch krassere Sachen, da bin
       ich vorn in den Bus gestiegen und habe „Allahu akbar!“ gerufen, meine Jungs
       sind hinten rein und haben zurückgerufen. Alle sind aus dem Bus gerannt,
       und der Busfahrer sagte, er würde den Staatsschutz rufen. Dann sind wir
       abgehauen.
       
       Später in meiner Arbeit als Pädagoge mit Jugendlichen habe ich ähnliche
       Dynamiken nach dem 7. Oktober gesehen. Da gab es Meldungen vom
       Schulministerium, dass Lehrer doch bitte explizit mit den muslimischen
       Schülerinnen über den Nahostkonflikt sprechen sollten. Eine Stigmatisierung
       von ganz oben. Ich habe auch Workshops in Schulen zu Antisemitismus und
       Rassismus gemacht. An einer Schule wurden wirklich nur die muslimischen
       Kinder zur Veranstaltung bei mir verdonnert – so nach dem Motto, ich soll
       die jetzt mal geradebiegen.
       
       Was ich aber eigentlich am tragischsten finde ist, dass der ewige
       Generalverdacht gegen uns und die immer neuen Forderungen nach
       Abschiebungen, auch ein Angriff auf unsere Imaginationskraft ist. Es ist
       schwer für uns, sich eine andere Realität vorzustellen, mit anderen
       Erzählungen, anderen Debatten, anderen Medien.
       
       ## „Diese schwere Betroffenheit kam mir verlogen vor“
       
       Die Bilder vom 11. September 2001 waren für mich surreal. Ich war damals
       ein perspektivloser 17-jähriger Hauptschüler in Stadthagen, Niedersachsen.
       Als die Flugzeuge in die Twin Towers und über unseren Wohnzimmerfernseher
       flogen, dachte ich zunächst, das Ganze sei ein Trailer für einen
       Blockbuster.
       
       Im nächsten Moment dann die Nachricht: ein Anschlag. Anschläge war ich aus
       der Türkei gewohnt. Dass dies kein Anschlag wie viele andere zuvor werden
       würde, begriff ich erst am nächsten Tag in der Schule. Im Unterricht
       sollten wir für eine Schweigeminute aufstehen. Ich weigerte mich.
       
       Ich konnte es damals noch nicht klar benennen, aber diese schwere
       Betroffenheit, die plötzlich ganz Deutschland erfasst hatte, kam mir
       verlogen vor. Im Bosnienkrieg waren rund 100.000 Menschen gestorben. Im
       Irak haben die USA in den 1990er Jahren Zehntausende getötet. [4][Für
       keines dieser Opfer gab es in Deutschland Schweigeminuten].
       
       Ich bin ein Gastarbeiterkind. Meine Eltern kamen in den 1960er Jahren nach
       Deutschland. Schon vor dem 11. September gab es viel Rassismus. Einmal
       setzte sich ein Lehrer in der Pause auf meinen Tisch. Er hatte ein
       Salami-Brötchen in der Hand, biss genüsslich ab und hielt es mir mit vollem
       Mund vor die Nase. „Hier, Schweinefleisch.“ Solche Dinge waren Alltag. Und
       irgendwie hatte man gelernt, sie zu ignorieren.
       
       Aber nach dem 11. September wurde es anders. Ich konnte es nicht mehr
       ignorieren. Ein „Terrorexperte“ kam an unsere Schule und sprach über den
       Islam und den „Dschihad“. Im Fernsehen wurde nur noch über Märtyrertode und
       72 Jungfrauen im Paradies gesprochen. Vom Angriff auf die zivilisierte
       Welt. Alles wurde plattgemacht. Unsere gesamte Identität, unsere Kultur,
       unsere Religion wurden in ein einziges Muster gepresst. Dagegen konnte man
       sich kaum wehren. Und in der Öffentlichkeit saß kaum jemand, der ein
       differenzierteres Bild zeichnete.
       
       Ich weiß nur noch, dass sich damals alles in meiner Brust zusammengedrückt
       hat. Es fühlte sich komplett falsch an. Lange habe ich versucht, mich an
       vieles nicht mehr zu erinnern.
       
       Als ich für die ZDF-Serie „Uncivilized“ begann, mit anderen Muslim*innen in
       Deutschland zu sprechen, musste ich mich wieder erinnern. Erst da begriff
       ich, dass es damals fast allen von uns so ging. Und dass viele, genau wie
       ich, bei den Schweigeminuten für 9/11 nicht aufgestanden waren.
       
       Wir wollten unbedingt eine eigene Serie machen, um uns von den Filmen und
       Serien zu befreien, die unsere Kultur, unsere Identität und unsere Religion
       stigmatisierten. Wir mussten unsere eigenen Geschichten erzählen. Kritik
       allein reicht nicht. Denn wenn Muslime oder Migras etwas kritisieren, heißt
       es schnell: Wenn du dich darüber aufregst, haben wir offenbar einen wunden
       Punkt getroffen.
       
       In den 2010er Jahren kam irgendwann der Kipppunkt. Vielleicht 2009, als ein
       deutscher Oberst einen Angriff auf zwei Tanklastwagen in Afghanistan
       befehlen ließ und dabei Dutzende unschuldige Zivilisten getötet wurden. Die
       Berichterstattung über den Krieg wurde immer kritischer. Ich dachte, die
       deutsche Öffentlichkeit hätte verstanden, was nach 9/11 schiefgelaufen war:
       wie sich der Westen in allgemeiner Terrorpanik zu einem Krieg hatte
       verleiten lassen, der Hunderttausende Menschen im Irak und in Afghanistan
       das Leben kostete – und dabei genau den Teufelskreis befeuerte, der immer
       neue Extremisten und Anschläge hervorbrachte.
       
       Nach einem Job als Drogist schaffte ich es schließlich an die
       Kunsthochschule in Köln. Dort war ich der einzige „Kanake“ in einem
       linksliberalen Milieu. Ich schreibe hier bewusst „Kanake“ und nicht
       „Migrant“. Die Schule hatte viele Menschen mit Migrationsgeschichte, aber
       keinen Kanaken. Der Rassismus an der Uni war weniger offensichtlich. Und
       trotzdem war er präsent.
       
       Ich war plötzlich das Gesicht für den Kanaken, bei dem man nachts die
       Straßenseite wechselt. Für die „Sorte“ Mensch, mit der man aus Angst nie in
       Kontakt getreten ist. Der Macho, der Gangster, der Aggro, den man erziehen
       muss.
       
       In einem Kurs sagte ein Dozent zu mir: „Ich weiß, Literatur ist nicht dein
       Ding, aber wir freuen uns trotzdem, wenn du dabei bist.“ Dabei kannte er
       nicht einmal meinen Namen. Als ich Akkus für die Kamera transportierte,
       sagte ein Kommilitone zu mir: „Lass dich nicht kontrollieren, sonst denken
       die Leute noch, dass du dich in die Luft jagst.“ Nach dem Anschlag auf
       Charlie Hebdo Anfang 2015 fragte mich eine Dozentin vor der ganzen Klasse:
       „Warum warst du gestern nicht auf der Solidaritätsveranstaltung auf der
       Domplatte?“
       
       Ich musste erst ihre Sprache und ihr Mindset lernen, um mich verteidigen zu
       können. Trotzdem hatte ich in den 2010er Jahren Hoffnung. Christian Wulff
       sagte: „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“ Mit dem Sommer
       der Migration schien sich 2015 ein anderes, freundlicheres Deutschland zu
       zeigen. Viele schienen es ernst zu meinen mit Deutschland als einem Land,
       in dem Menschen aus unterschiedlichen Kulturen ihren Platz finden. Aber mit
       diesem Eindruck lag ich falsch.
       
       Ich hatte unterschätzt, [5][dass Geschichte für den Westen immer erst dann
       beginnt, wenn er selbst in Mitleidenschaft gezogen wird]. Das war bei 9/11
       so. Und ab dem 7. Oktober 2023 war es nicht anders. Die Vorstellung, dass
       sich die zivilisierte Welt im Krieg mit den Unzivilisierten befindet, blüht
       seitdem wieder auf. Und der Westen hat bis heute nicht verstanden, dass
       seine Waffenlieferungen und Militärinterventionen immer wieder einen
       Nährboden für neue Anschläge schaffen.
       
       Ich [6][vertraue Deutschland mittlerweile nicht mehr]. Genau wie viele
       Menschen später verstanden haben, dass der Einmarsch in den Irak und nach
       Afghanistan ein Fehler war, werden sie eines Tages auch den Völkermord in
       Gaza als Fehler sehen.
       
       Sollte Israel Palästina irgendwann vollständig besiedelt und alle Menschen
       getötet oder vertrieben haben, wird man im Westen darüber trauern. Das
       geraubte Land wird trotzdem Israel gehören. Die Vertriebenen werden
       vertrieben bleiben. Und die Mörder werden unter uns bleiben. Und zehn oder
       zwanzig Jahre später werden wir wieder dabei zusehen, wie in einem anderen
       Land dasselbe geschieht.
       
       Die Wahrheit ist: Ich weiß mich zumindest rhetorisch zu verteidigen. Meinen
       hart arbeitenden Freunden wird in ihren Betrieben aber ganz offen gesagt:
       „Nächste Wahl, und dann ist Abfahrt.“ Wie damals versuche ich heute wieder,
       mich an vieles nicht zu erinnern. Aber vergessen werde ich nichts.
       
       Und trotzdem gibt es auch eine Entwicklung, die mir Hoffnung macht. Wenn
       ich heute mit jungen Migras arbeite, erlebe ich Menschen, die selbstbewusst
       für sich einstehen. Meine Eltern haben mir noch gesagt: „Das ist nicht dein
       Land. Leg dich nicht mit den Lehrern an. Halt die Klappe!“ Aber heute
       wissen diese Jugendlichen, dass sie ein Teil Deutschlands sind.
       
       ## „Ich ahnte, das wird vieles verändern“
       
       Zwei Männer stehen neben mir im ICE, als der eine diesen Satz sagt:
       „Scheiße, die Taliban sind bis Hamburg vorgerückt!“ Ich erinnere mich gut.
       Es war 2013 und ich gerade auf dem Heimweg vom
       Bundeswirtschaftsministerium. Ich hatte Termine [7][zur
       Willkommensinitiative „Make it in Germany“ der Bundesregierung], die ich
       damals mit koordinierte. Willkommenskultur live. In meiner Heimat
       Deutschland.
       
       Die Zugepisode war kein einmaliges Erlebnis. Nach dem 11. September 2001
       waren solche Vorfälle Alltag, besonders wenn in den Medien über Osama bin
       Laden berichtet wurde. „Scheiß-Taliban!“, „Terrorist! Bringt euch in
       Deckung!“ oder „Gleich geht die Bombe hoch!“, hieß es dann.
       
       Gerichtet waren solche Äußerungen auch an Menschen, die versuchen, die
       weisheitsorientierte Lebensweise der Sikhi zu leben. So wie ich. In den USA
       erfuhren Sikhs nicht nur verbale Gewalt. Am 15. September 2001 wurde der
       Tankstellenbesitzer Balbir Singh in Arizona erschossen.
       
       Als Kind von Asylbewerbern habe ich mühselig gelernt, Grenzen zu setzen.
       Wenn ich eine entwürdigende Äußerung höre, sage ich höflich: „Ich habe
       große Ohren unter meinem Turban. Warum hast du das gesagt?“ Das Staunen ist
       groß. Meistens wird geleugnet. Ich habe auch schon gesagt: „Passt. Bei uns
       ist immer Karneval.“
       
       Selten entschuldigt sich jemand. Oder fragt mich, wie es sich anfühlt, in
       der eigenen Heimat ausgegrenzt zu werden. Deutschland ist ein wunderschönes
       und reiches Land, mit vielen tollen Menschen. Und doch erlebe ich oft
       Griesgrämigkeit. Nachdenklich macht mich auch die mangelnde Zivilcourage.
       Selbst in einem Zug, der aufgrund von Verspätung Raum für Dialog ohne
       Ausweg bietet, habe ich nie (!) erlebt, dass sich jemand an meine Seite
       stellt. Wie so oft im Leben musste ich als Teil der Spezies Homo Turbanus
       selbst klarkommen.
       
       [8][Den Turban tragen Sikhs nicht, um zu werben]. Wir tragen ihn auch zu
       Hause. Wir missionieren nicht. Der Turban steht für die schützende Hand des
       Göttlichen. Er erinnert daran, dass etwas Höheres über uns steht. Dass wir
       kleine Lichter im Universum sind. Dass wir als Menschheit einer Familie
       angehören. Wenn ich den Turban morgens binde, inspiriert er mich
       bescheiden, die höchste Vision meiner selbst zu leben – würdevoll, mutig,
       gemeinwohlorientiert und im Einklang mit der Natur. Er ruft auch
       Gewalterfahrungen und transgenerationale Traumata ins Gedächtnis, die wir
       als religiöse Minderheit seit etwa 1606 kennen.
       
       Am 11. September war ich im Studentenwohnheim in Heidelberg. Ich war in den
       Endzügen meines Studiums in Ethnologie und Erziehungswissenschaften. Mein
       kleiner Robotron-Fernseher aus der DDR lief. Ich sah die Twin Towers
       einstürzen. Als klar wurde, dass es ein Anschlag war, ahnte ich: Das wird
       vieles verändern, auch für uns Sikhs.
       
       Ernst wird es, wenn das Abstrakte Gestalt annimmt. Gerade für Menschen, die
       unbeteiligt sind. Ich machte meinen Magister mit 1,0. Ich wurde nicht
       einmal zum Bewerbungsgespräch eingeladen. Beleidigungen erntete ich
       wiederholt. Ich ging nach London.
       
       Vor 9/11 wurden wir Sikhs eher als Exoten wahrgenommen. Ich hörte: „Wo ist
       dein fliegender Teppich?“ Ich antwortete: „Der schwebte im Parkverbot und
       wurde abgeschleppt.“ Ein Mann rief mal: „In Deutschland herrscht
       Vermummungsverbot!“ Im Schwimmbad sagte ein Senior zu mir: „Du Scheiß
       Arafat, verschwinde!“ Ich fand auch damals nicht, dass ich wie Jassir
       Arafat aussehe. Ihr?
       
       9/11 zeigt mir, wie wenig wir reflektieren, bevor wir uns äußern. Und wie
       stark wir uns von visuellen Eindrücken leiten lassen. Mit den wenig
       sozialen Medien hat sich das verschärft. Wir reagieren sofort. Daumen hoch.
       Daumen runter. Solidarisch. Empört. Unsere Sinne geben den Takt vor –
       unsere Seele kommt nicht mit.
       
       Sikhi erinnert daran, das Vergängliche zu transzendieren. Sich nicht mit
       jedem Reiz und Gefühl zu identifizieren. Sich bewusst zu machen, dass wir
       alle seelisch Entfremdete in der Fremde sind.
       
       Es ist menschlich, jemanden fremd zu finden. Daraus kann Neugierde
       entstehen. Wir können lernen, offene Fragen zu stellen: „Magst du mir
       erzählen, was hinter deiner Kopfbedeckung steckt?“ Schon entsteht ein
       Dialog.
       
       Mir wird seit 9/11 immer klarer: Wir brauchen weniger Fachwissen und
       Spezialisierung. Das kann KI. Gerade in einem Land des materiellen
       Überflusses [9][brauchen wir mehr soziale und emotionale Intelligenz].
       Deswegen setze ich mich auch ehrenamtlich unter anderem über den [10][Rat
       der Sikhi] dafür ein, dass generationenübergreifend solche Fähigkeiten
       kultiviert werden. Wenn ich beitragen kann, Empathie, Dialog, Respekt,
       Gemeinsinn und Komplementarität zu stärken, hilft dies auch, komplexe
       Vorgänge wie den Kolonialismus differenziert einzuordnen und die
       langfristigen Auswirkungen unseres Handelns zu reflektieren. Dies ist eine
       gesellschaftliche Aufgabe. Sie beginnt in unseren Familien und geht weiter
       in unseren Bildungsstätten, Gemeinden und Vereinen, bei der Arbeit und in
       der Politik.
       
       Wir alle sitzen im Boot der Vergänglichkeit. Kein Vorurteil kann uns
       retten. Doch eine helfende Hand, eine klare Haltung und Orientierung können
       uns stützen. Im Alltag und beim Überqueren des Meeres der Diaspora, des
       ewigen Mysteriums, das wir das Leben nennen.
       
       Die Weisen der Sikhi erinnern uns daran: „Fremde sind wir uns selbst.
       Gekommen sind wir, um uns selbst zu erkennen, zu heilen und eins zu werden“
       – ਯਾ ਜੁਗ ਮਹਿ ਏਕਹਿ ਕਉ ਆਇਆ ॥, GGS, 251, M.5.
       
       10 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Burak-Yilmaz-im-Gespraech/!6072567
 (DIR) [2] /Rassismus-in-der-Bildung/!6159929
 (DIR) [3] /Taeglich-ueber-11-antimuslimische-Vorfaelle/!6190280
 (DIR) [4] /Gedenken-an-Srebrenica/!6097180
 (DIR) [5] /7-Oktober-2023/!6114955
 (DIR) [6] /Migrantisches-Leben-Warum-ich-Deutscland-nach-15-Jahren-verlasse/!6199140
 (DIR) [7] https://www.make-it-in-germany.com/de/
 (DIR) [8] /Gerichtsurteil-in-Bremen/!6164396
 (DIR) [9] /Ist-eine-KI-schlauer-als-ein-Mensch-Die-Frage-ist-eine-gefaehrliche-Ablenkung/!6204730
 (DIR) [10] https://www.sikhi.eu/de/home
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Mitsuo Iwamoto
 (DIR) Adefunmi Olanigan
 (DIR) Khushwant Singh
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt 9/11
 (DIR) Islam
 (DIR) Migration
 (DIR) Sikh
 (DIR) Deutschland
 (DIR) Schwerpunkt Rassismus
 (DIR) Bildung
 (DIR) Schwerpunkt Rassismus
 (DIR) Antisemitismus
 (DIR) UNRWA
 (DIR) Islamismus
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Muslimfeindlichkeit nach 9/11: Plötzlich waren wir alle gemeint
       
       Die Anschläge vom 11. September 2001 brachten im Westen ein neues Feindbild
       hervor. Schnell standen Muslim*innen unter Generalverdacht.
       
 (DIR) Antisemitismus in Deutschland: Einsam ist es geworden
       
       Nathan Dawidowicz und Shay Dashevsky haben seit dem 7. Oktober viele
       Freunde verloren. Eine Studie belegt, wie wahrgenommener Antisemitismus
       jüdische Menschen psychisch belastet.
       
 (DIR) UN-Direktor zum Westjordanland: „Das kann nur zu mehr Radikalisierung führen“
       
       Israel geht seit Jahren gegen die Hilfsorganisation für palästinensische
       Geflüchtete, UNRWA, vor. Woran das liegt, erklärt ihr Direktor Roland
       Friedrich.
       
 (DIR) Nach dem Anschlag auf den CSD: Das war kein Versagen des Multikulturalismus
       
       Unser Autor ist eine queere Person of Color. Seine Wut richtet sich gegen
       rechte Instrumentalisierung des Terrors und die Ideologie der Islamisten.