# taz.de -- Alltag nach dem 11. September: Ständig unter Verdacht
> Was macht es mit Menschen, wenn sie plötzlich beweisen müssen, dass sie
> keine Täter sind? Burak Yılmaz, Bilal Bahadır und Khushwant Singh
> erzählen.
(IMG) Bild: Troisdorf in NRW am 18. September 2001: Eine Türkische Moschee zeigt ihre Solidarität mit dem amerikanischen Volk
## „Nie wurde nach den Communitys gefragt“
Es gab einen ganz kurzen Moment, in dem ich das Gefühl hatte, wir alle
nehmen die Grauen des Anschlags gleich wahr. Ich kann mich noch gut an den
12. September erinnern. Ich war 14 Jahre alt und bin mit meinem Kumpel wie
immer [1][von unserem Stadtteil Duisburg-Marxloh] zur Schule gelaufen. Es
war ein stilles Gespräch. „Hast du mitbekommen, was gestern los war?“ „Ja.“
Dann liefen wir wieder schweigend nebeneinanderher. Für uns war total
absurd, dass wir zur Schule gehen müssen. Dort waren alle völlig verstört.
Wir hatten Angst, der Dritte Weltkrieg könnte ausbrechen.
Auch in unserem Stadtteil herrschte emotionales Chaos. Da war Unglauben
darüber, was eigentlich passiert ist; Entsetzen darüber, wie viele Menschen
gestorben sind, und Angst, dass Amerika nun womöglich mit einem
Rundumschlag im Nahen Osten – von der Türkei bis Pakistan – eine Atombombe
abwirft und alles plattmacht. Und es würde nicht lange dauern, bis ich
Menschen im Bus hörte, die genau das für eine gute Idee hielten – „einfach
eine Atombombe drauf“. Es gab da diesen Einspieler von Menschen irgendwo im
Nahen Osten, die nach dem Anschlag gejubelt haben und „Tod Amerika“ gerufen
haben. Irgendwie wusste ich direkt, jetzt denken die alle, dass wir feiern,
was da passiert ist. Statt von den Terroristen zu reden, ging es in der
medialen Berichterstattung bald um den Islam als große Gefahr für den
Westen.
Nach dem 11. September war Marxloh nicht mehr das „Türkenviertel“, sondern
das „Moslemviertel“. An den Hauswänden im Viertel gab es plötzlich
Graffitis „Islam gleich Terror“. In Magazinen ging es darum, wie
Deutschland islamisiert wird. Nie wurde die Frage gestellt, was das
eigentlich mit den Communitys macht. Mir hat das alles Angst gemacht.
Anfangs dachten meine Freunde und ich, wir müssen die Deutschen aufklären
und ihnen zeigen, was unsere Religion wirklich bedeutet. Dann kam der Trotz
und wir stritten miteinander. Weil da auch das Gefühl war, es ist ohnehin
scheißegal, wie wir uns benehmen. Die Deutschen hassen uns sowieso.
[2][Mein einer Lehrer hat immer Zeitungsartikel ausgeschnitten]. Als
irgendwann ein Anschlag in Pakistan folgte, legte er mir den Artikel dazu
vor die Nase und sagte: „So, erklär mal bitte der ganzen Klasse hier: Warum
machen das deine Glaubensbrüder?“ In so Situationen wurde ich dann nicht
mehr als Burak wahrgenommen, plötzlich wurde ich zum Außenminister vom
Islam. Egal was ich sagte, es gab keine richtigen Antworten. Und wenn ich
sagte, ich wollte gerade nicht die Gespräche führen, wurden mir heimliche
Sympathien unterstellt.
Ein Kumpel erzählte damals, wie manche in seiner Klasse Bombenlegerwitze
über ihn machten. Auch andere aus meinem Freundeskreis kamen in solche
Situationen. Aber wir erzählten uns nicht davon, wie wir mit Fragen
bombardiert wurden, wie wir bei der intellektuellen Sprache unserer Lehrer
nicht mithalten konnten, wir irgendwann gar nichts mehr sagten – das ist
nicht die Geschichte, die du deinen Jungs erzählst. Lieber erzählten wir
uns, wenn wir rhetorisch gewandt antworteten.
Meine deutschen Freunde fragten: [3][Stimmt das, dass der Islam gefährlich
ist?] Stimmt das, dass ihr alle lernt, Ungläubige zu hassen? Stimmt das,
dass ihr alle den Westen kaputtmachen wollt? Für sie war ich der
Daueraufklärer. Und zugleich radikalisierten sich in Teilen ihre Eltern und
untersagten ihren Kindern, mich zu sehen. Ich merkte damals, es gibt hier
diese riesigen Veränderungen und ganz viel Rassismus. Nur musste sich dazu
nie jemand äußern.
Unsere Eltern haben gemerkt, dass bei ihren Kids was los ist. Aber durch
die viele Schichtarbeit war es echt ein Problem für sie, gut mit uns
darüber zu reden. Oft sagten sie dann, wir sollten uns nicht unterkriegen
lassen. Aber wir sollten den Deutschen auch keine Gründe geben, uns noch
mehr zu hassen. Das hat mich zerrissen.
Ich wollte mir das nicht einfach gefallen lassen. Aber ein Teil von mir
dachte sich, wenn die Terror haben wollen, dann lasst uns den doch geben.
Meine Freunde und ich haben dann zum Beispiel angefangen, im Bus arabische
Floskeln und Begriffe wie „Maschallah“ zu nutzen. Damals war das provokant,
die Leute gerieten direkt in Panik, zum Teil wurde die Polizei gerufen –
heute ist das Jugendsprache. Oder als so ältere Typen im Bus sagten: „Jetzt
kommt die ganze Molukkenscheiße zu uns“, haben mein Kumpel und ich so
getan, als würden wir mit Waffen auf die schießen. Das war unsere Art von:
Wir lassen uns nicht unterkriegen. Es gab aber auch krassere Sachen, da bin
ich vorn in den Bus gestiegen und habe „Allahu akbar!“ gerufen, meine Jungs
sind hinten rein und haben zurückgerufen. Alle sind aus dem Bus gerannt,
und der Busfahrer sagte, er würde den Staatsschutz rufen. Dann sind wir
abgehauen.
Später in meiner Arbeit als Pädagoge mit Jugendlichen habe ich ähnliche
Dynamiken nach dem 7. Oktober gesehen. Da gab es Meldungen vom
Schulministerium, dass Lehrer doch bitte explizit mit den muslimischen
Schülerinnen über den Nahostkonflikt sprechen sollten. Eine Stigmatisierung
von ganz oben. Ich habe auch Workshops in Schulen zu Antisemitismus und
Rassismus gemacht. An einer Schule wurden wirklich nur die muslimischen
Kinder zur Veranstaltung bei mir verdonnert – so nach dem Motto, ich soll
die jetzt mal geradebiegen.
Was ich aber eigentlich am tragischsten finde ist, dass der ewige
Generalverdacht gegen uns und die immer neuen Forderungen nach
Abschiebungen, auch ein Angriff auf unsere Imaginationskraft ist. Es ist
schwer für uns, sich eine andere Realität vorzustellen, mit anderen
Erzählungen, anderen Debatten, anderen Medien.
## „Diese schwere Betroffenheit kam mir verlogen vor“
Die Bilder vom 11. September 2001 waren für mich surreal. Ich war damals
ein perspektivloser 17-jähriger Hauptschüler in Stadthagen, Niedersachsen.
Als die Flugzeuge in die Twin Towers und über unseren Wohnzimmerfernseher
flogen, dachte ich zunächst, das Ganze sei ein Trailer für einen
Blockbuster.
Im nächsten Moment dann die Nachricht: ein Anschlag. Anschläge war ich aus
der Türkei gewohnt. Dass dies kein Anschlag wie viele andere zuvor werden
würde, begriff ich erst am nächsten Tag in der Schule. Im Unterricht
sollten wir für eine Schweigeminute aufstehen. Ich weigerte mich.
Ich konnte es damals noch nicht klar benennen, aber diese schwere
Betroffenheit, die plötzlich ganz Deutschland erfasst hatte, kam mir
verlogen vor. Im Bosnienkrieg waren rund 100.000 Menschen gestorben. Im
Irak haben die USA in den 1990er Jahren Zehntausende getötet. [4][Für
keines dieser Opfer gab es in Deutschland Schweigeminuten].
Ich bin ein Gastarbeiterkind. Meine Eltern kamen in den 1960er Jahren nach
Deutschland. Schon vor dem 11. September gab es viel Rassismus. Einmal
setzte sich ein Lehrer in der Pause auf meinen Tisch. Er hatte ein
Salami-Brötchen in der Hand, biss genüsslich ab und hielt es mir mit vollem
Mund vor die Nase. „Hier, Schweinefleisch.“ Solche Dinge waren Alltag. Und
irgendwie hatte man gelernt, sie zu ignorieren.
Aber nach dem 11. September wurde es anders. Ich konnte es nicht mehr
ignorieren. Ein „Terrorexperte“ kam an unsere Schule und sprach über den
Islam und den „Dschihad“. Im Fernsehen wurde nur noch über Märtyrertode und
72 Jungfrauen im Paradies gesprochen. Vom Angriff auf die zivilisierte
Welt. Alles wurde plattgemacht. Unsere gesamte Identität, unsere Kultur,
unsere Religion wurden in ein einziges Muster gepresst. Dagegen konnte man
sich kaum wehren. Und in der Öffentlichkeit saß kaum jemand, der ein
differenzierteres Bild zeichnete.
Ich weiß nur noch, dass sich damals alles in meiner Brust zusammengedrückt
hat. Es fühlte sich komplett falsch an. Lange habe ich versucht, mich an
vieles nicht mehr zu erinnern.
Als ich für die ZDF-Serie „Uncivilized“ begann, mit anderen Muslim*innen in
Deutschland zu sprechen, musste ich mich wieder erinnern. Erst da begriff
ich, dass es damals fast allen von uns so ging. Und dass viele, genau wie
ich, bei den Schweigeminuten für 9/11 nicht aufgestanden waren.
Wir wollten unbedingt eine eigene Serie machen, um uns von den Filmen und
Serien zu befreien, die unsere Kultur, unsere Identität und unsere Religion
stigmatisierten. Wir mussten unsere eigenen Geschichten erzählen. Kritik
allein reicht nicht. Denn wenn Muslime oder Migras etwas kritisieren, heißt
es schnell: Wenn du dich darüber aufregst, haben wir offenbar einen wunden
Punkt getroffen.
In den 2010er Jahren kam irgendwann der Kipppunkt. Vielleicht 2009, als ein
deutscher Oberst einen Angriff auf zwei Tanklastwagen in Afghanistan
befehlen ließ und dabei Dutzende unschuldige Zivilisten getötet wurden. Die
Berichterstattung über den Krieg wurde immer kritischer. Ich dachte, die
deutsche Öffentlichkeit hätte verstanden, was nach 9/11 schiefgelaufen war:
wie sich der Westen in allgemeiner Terrorpanik zu einem Krieg hatte
verleiten lassen, der Hunderttausende Menschen im Irak und in Afghanistan
das Leben kostete – und dabei genau den Teufelskreis befeuerte, der immer
neue Extremisten und Anschläge hervorbrachte.
Nach einem Job als Drogist schaffte ich es schließlich an die
Kunsthochschule in Köln. Dort war ich der einzige „Kanake“ in einem
linksliberalen Milieu. Ich schreibe hier bewusst „Kanake“ und nicht
„Migrant“. Die Schule hatte viele Menschen mit Migrationsgeschichte, aber
keinen Kanaken. Der Rassismus an der Uni war weniger offensichtlich. Und
trotzdem war er präsent.
Ich war plötzlich das Gesicht für den Kanaken, bei dem man nachts die
Straßenseite wechselt. Für die „Sorte“ Mensch, mit der man aus Angst nie in
Kontakt getreten ist. Der Macho, der Gangster, der Aggro, den man erziehen
muss.
In einem Kurs sagte ein Dozent zu mir: „Ich weiß, Literatur ist nicht dein
Ding, aber wir freuen uns trotzdem, wenn du dabei bist.“ Dabei kannte er
nicht einmal meinen Namen. Als ich Akkus für die Kamera transportierte,
sagte ein Kommilitone zu mir: „Lass dich nicht kontrollieren, sonst denken
die Leute noch, dass du dich in die Luft jagst.“ Nach dem Anschlag auf
Charlie Hebdo Anfang 2015 fragte mich eine Dozentin vor der ganzen Klasse:
„Warum warst du gestern nicht auf der Solidaritätsveranstaltung auf der
Domplatte?“
Ich musste erst ihre Sprache und ihr Mindset lernen, um mich verteidigen zu
können. Trotzdem hatte ich in den 2010er Jahren Hoffnung. Christian Wulff
sagte: „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“ Mit dem Sommer
der Migration schien sich 2015 ein anderes, freundlicheres Deutschland zu
zeigen. Viele schienen es ernst zu meinen mit Deutschland als einem Land,
in dem Menschen aus unterschiedlichen Kulturen ihren Platz finden. Aber mit
diesem Eindruck lag ich falsch.
Ich hatte unterschätzt, [5][dass Geschichte für den Westen immer erst dann
beginnt, wenn er selbst in Mitleidenschaft gezogen wird]. Das war bei 9/11
so. Und ab dem 7. Oktober 2023 war es nicht anders. Die Vorstellung, dass
sich die zivilisierte Welt im Krieg mit den Unzivilisierten befindet, blüht
seitdem wieder auf. Und der Westen hat bis heute nicht verstanden, dass
seine Waffenlieferungen und Militärinterventionen immer wieder einen
Nährboden für neue Anschläge schaffen.
Ich [6][vertraue Deutschland mittlerweile nicht mehr]. Genau wie viele
Menschen später verstanden haben, dass der Einmarsch in den Irak und nach
Afghanistan ein Fehler war, werden sie eines Tages auch den Völkermord in
Gaza als Fehler sehen.
Sollte Israel Palästina irgendwann vollständig besiedelt und alle Menschen
getötet oder vertrieben haben, wird man im Westen darüber trauern. Das
geraubte Land wird trotzdem Israel gehören. Die Vertriebenen werden
vertrieben bleiben. Und die Mörder werden unter uns bleiben. Und zehn oder
zwanzig Jahre später werden wir wieder dabei zusehen, wie in einem anderen
Land dasselbe geschieht.
Die Wahrheit ist: Ich weiß mich zumindest rhetorisch zu verteidigen. Meinen
hart arbeitenden Freunden wird in ihren Betrieben aber ganz offen gesagt:
„Nächste Wahl, und dann ist Abfahrt.“ Wie damals versuche ich heute wieder,
mich an vieles nicht zu erinnern. Aber vergessen werde ich nichts.
Und trotzdem gibt es auch eine Entwicklung, die mir Hoffnung macht. Wenn
ich heute mit jungen Migras arbeite, erlebe ich Menschen, die selbstbewusst
für sich einstehen. Meine Eltern haben mir noch gesagt: „Das ist nicht dein
Land. Leg dich nicht mit den Lehrern an. Halt die Klappe!“ Aber heute
wissen diese Jugendlichen, dass sie ein Teil Deutschlands sind.
## „Ich ahnte, das wird vieles verändern“
Zwei Männer stehen neben mir im ICE, als der eine diesen Satz sagt:
„Scheiße, die Taliban sind bis Hamburg vorgerückt!“ Ich erinnere mich gut.
Es war 2013 und ich gerade auf dem Heimweg vom
Bundeswirtschaftsministerium. Ich hatte Termine [7][zur
Willkommensinitiative „Make it in Germany“ der Bundesregierung], die ich
damals mit koordinierte. Willkommenskultur live. In meiner Heimat
Deutschland.
Die Zugepisode war kein einmaliges Erlebnis. Nach dem 11. September 2001
waren solche Vorfälle Alltag, besonders wenn in den Medien über Osama bin
Laden berichtet wurde. „Scheiß-Taliban!“, „Terrorist! Bringt euch in
Deckung!“ oder „Gleich geht die Bombe hoch!“, hieß es dann.
Gerichtet waren solche Äußerungen auch an Menschen, die versuchen, die
weisheitsorientierte Lebensweise der Sikhi zu leben. So wie ich. In den USA
erfuhren Sikhs nicht nur verbale Gewalt. Am 15. September 2001 wurde der
Tankstellenbesitzer Balbir Singh in Arizona erschossen.
Als Kind von Asylbewerbern habe ich mühselig gelernt, Grenzen zu setzen.
Wenn ich eine entwürdigende Äußerung höre, sage ich höflich: „Ich habe
große Ohren unter meinem Turban. Warum hast du das gesagt?“ Das Staunen ist
groß. Meistens wird geleugnet. Ich habe auch schon gesagt: „Passt. Bei uns
ist immer Karneval.“
Selten entschuldigt sich jemand. Oder fragt mich, wie es sich anfühlt, in
der eigenen Heimat ausgegrenzt zu werden. Deutschland ist ein wunderschönes
und reiches Land, mit vielen tollen Menschen. Und doch erlebe ich oft
Griesgrämigkeit. Nachdenklich macht mich auch die mangelnde Zivilcourage.
Selbst in einem Zug, der aufgrund von Verspätung Raum für Dialog ohne
Ausweg bietet, habe ich nie (!) erlebt, dass sich jemand an meine Seite
stellt. Wie so oft im Leben musste ich als Teil der Spezies Homo Turbanus
selbst klarkommen.
[8][Den Turban tragen Sikhs nicht, um zu werben]. Wir tragen ihn auch zu
Hause. Wir missionieren nicht. Der Turban steht für die schützende Hand des
Göttlichen. Er erinnert daran, dass etwas Höheres über uns steht. Dass wir
kleine Lichter im Universum sind. Dass wir als Menschheit einer Familie
angehören. Wenn ich den Turban morgens binde, inspiriert er mich
bescheiden, die höchste Vision meiner selbst zu leben – würdevoll, mutig,
gemeinwohlorientiert und im Einklang mit der Natur. Er ruft auch
Gewalterfahrungen und transgenerationale Traumata ins Gedächtnis, die wir
als religiöse Minderheit seit etwa 1606 kennen.
Am 11. September war ich im Studentenwohnheim in Heidelberg. Ich war in den
Endzügen meines Studiums in Ethnologie und Erziehungswissenschaften. Mein
kleiner Robotron-Fernseher aus der DDR lief. Ich sah die Twin Towers
einstürzen. Als klar wurde, dass es ein Anschlag war, ahnte ich: Das wird
vieles verändern, auch für uns Sikhs.
Ernst wird es, wenn das Abstrakte Gestalt annimmt. Gerade für Menschen, die
unbeteiligt sind. Ich machte meinen Magister mit 1,0. Ich wurde nicht
einmal zum Bewerbungsgespräch eingeladen. Beleidigungen erntete ich
wiederholt. Ich ging nach London.
Vor 9/11 wurden wir Sikhs eher als Exoten wahrgenommen. Ich hörte: „Wo ist
dein fliegender Teppich?“ Ich antwortete: „Der schwebte im Parkverbot und
wurde abgeschleppt.“ Ein Mann rief mal: „In Deutschland herrscht
Vermummungsverbot!“ Im Schwimmbad sagte ein Senior zu mir: „Du Scheiß
Arafat, verschwinde!“ Ich fand auch damals nicht, dass ich wie Jassir
Arafat aussehe. Ihr?
9/11 zeigt mir, wie wenig wir reflektieren, bevor wir uns äußern. Und wie
stark wir uns von visuellen Eindrücken leiten lassen. Mit den wenig
sozialen Medien hat sich das verschärft. Wir reagieren sofort. Daumen hoch.
Daumen runter. Solidarisch. Empört. Unsere Sinne geben den Takt vor –
unsere Seele kommt nicht mit.
Sikhi erinnert daran, das Vergängliche zu transzendieren. Sich nicht mit
jedem Reiz und Gefühl zu identifizieren. Sich bewusst zu machen, dass wir
alle seelisch Entfremdete in der Fremde sind.
Es ist menschlich, jemanden fremd zu finden. Daraus kann Neugierde
entstehen. Wir können lernen, offene Fragen zu stellen: „Magst du mir
erzählen, was hinter deiner Kopfbedeckung steckt?“ Schon entsteht ein
Dialog.
Mir wird seit 9/11 immer klarer: Wir brauchen weniger Fachwissen und
Spezialisierung. Das kann KI. Gerade in einem Land des materiellen
Überflusses [9][brauchen wir mehr soziale und emotionale Intelligenz].
Deswegen setze ich mich auch ehrenamtlich unter anderem über den [10][Rat
der Sikhi] dafür ein, dass generationenübergreifend solche Fähigkeiten
kultiviert werden. Wenn ich beitragen kann, Empathie, Dialog, Respekt,
Gemeinsinn und Komplementarität zu stärken, hilft dies auch, komplexe
Vorgänge wie den Kolonialismus differenziert einzuordnen und die
langfristigen Auswirkungen unseres Handelns zu reflektieren. Dies ist eine
gesellschaftliche Aufgabe. Sie beginnt in unseren Familien und geht weiter
in unseren Bildungsstätten, Gemeinden und Vereinen, bei der Arbeit und in
der Politik.
Wir alle sitzen im Boot der Vergänglichkeit. Kein Vorurteil kann uns
retten. Doch eine helfende Hand, eine klare Haltung und Orientierung können
uns stützen. Im Alltag und beim Überqueren des Meeres der Diaspora, des
ewigen Mysteriums, das wir das Leben nennen.
Die Weisen der Sikhi erinnern uns daran: „Fremde sind wir uns selbst.
Gekommen sind wir, um uns selbst zu erkennen, zu heilen und eins zu werden“
– ਯਾ ਜੁਗ ਮਹਿ ਏਕਹਿ ਕਉ ਆਇਆ ॥, GGS, 251, M.5.
10 Sep 2026
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