# taz.de -- Roman „Lori“ von Anousch Mueller: Wie die anderen Außenseiter zuvor
> Anousch Mueller erzählt von einem verunsicherten Aufwachsen in Thüringen.
> Das Familienleben im Abseits ist von Verschweigen geprägt. Ein Kind
> fehlt.
(IMG) Bild: Erzählt knapp und nüchtern von Lenis Erschütterungen: Anousch Mueller
Diese verdammten Familiengeheimnisse, irgendwann kommen sie ja doch raus.
Lenis Vater kann manchmal kaum an sich halten, immer wieder macht er
Andeutungen. Zum Glück wohne die Familie nicht am See, so müsse er sich
wenigstens nicht sorgen, dass eines seiner Kinder ertrinkt. Er kümmert sich
um ihr Wohlergehen, während die Mutter vergeblich versucht, das jeweils
Jüngste zu stillen. Die anderen stören sie dabei. Wir erfahren das von
Leni, der Großen. Sie ist die Ich-Erzählerin der Geschichte, empfänglich
für die Andeutungen des Vaters, weil sie das Gefühl quält, irgendwas war da
mal – aber sie wagt nicht nachzufragen.
Die Familie wohnt in einem stillgelegten Bahnhof [1][abseits eines
thüringischen Dorfes]. Das Haus ist ihr zugeteilt worden, wie schon
mehreren Außenseitern zuvor. „Leute, die wie meine Eltern unter Verdacht
geraten waren. Der Bahnhof war beides. Das Gegenteil eines Gefängnisses und
zugleich dessen Vollzug: Isolation, Erziehung, Brandmarkung. Denn jeder im
Dorf wusste: Wer auf den Bahnhof zog, hatte etwas auf dem Kerbholz.“
Wir sind in der DDR des Jahres 1985. Es stimmt nicht, was den Kindern
jahrelang vorgegaukelt worden war. Ihr Vater hat keine bunten Häuser in
einem anderen Land gebaut, er saß im Knast. Längst darf er nicht mehr als
Architekt arbeiten, er ist jetzt Rettungssanitäter.
Anousch Mueller erzählt, wie Leni jahrelang von einem Gespenst verfolgt
wird, ihrer verlorenen Schwester. Immer wieder lässt das elterliche
Kaschieren sie an der eigenen Erinnerung zweifeln. Nur manchmal kann sie
das Gefühl abschütteln, das sie so runterzieht. Ihre heimlichen Treffen mit
einem älteren Geliebten lenken sie ab und auch ihr bester Freund. Mit ihm
hört sie Nirvana und die Ramones, und sie teilen ein guilty pleasure: Im
Auto singen sie Schlager von Roland Kaiser und Udo Jürgens.
[2][Das Erwachsenwerden im Abseits bietet nach der Wende Freiraum]. „Wir
saßen auf der Bahnsteigkante, hörten Musik aus dem Kassettenrekorder,
kifften aus der Cola-Dose, rauchten selbst gedrehte Mischungen aus
Früchtetee und zerkrümeltem Paracetamol … und erwarben, zugedröhnt,
Großpackungen Flutschfinger.“
## Eingeholt von Flashbacks
Bei einer Mutprobe stürzt Leni vom Scheunendach. Nur langsam erholt sie
sich von schweren Verletzungen, und immer wieder wird sie eingeholt von
Flashbacks: sie als kicherndes kleines Mädchen an der Hand ihrer Schwester.
Knapp und nüchtern erzählt Anousch Mueller von Lenis Erschütterungen, spart
eher aus, als dass sie zu viel preisgibt. Ab und zu stört eine unbeholfene
Formulierung. „Von meinem Fenster aus blickte ich in die Unendlichkeit der
Felder.“ Aber schon der nächste Satz illustriert treffend Lenis
Verletzungen. „Die Mohnblumen sahen im Weizen aus wie Blutspritzer.“
Muellers Roman umfasst etwa 40 Jahre, 20 vor und 20 nach der Wende. Sie
spult vor und zurück, mal fast forward, mal mit reduziertem Tempo, und
lässt uns lesend die Einzelteile zusammensetzen – fast so gespannt wie ihre
Protagonistin Leni.
Anousch Mueller verknüpft unaufdringlich [3][Familiengeschichte mit
Zeitgeschichte.] Sie präsentiert mit der Stadtpromenade in Cottbus und der
Mokka-Milch-Eisbar Kosmos eine kurze avantgardistische Phase der
DDR-Architektur. Sie erinnert an den Absturz eines Düsenjets der NVA über
dem Wohnheim eines Textilkombinats. Die staatliche Nachrichtenagentur gab
damals nur wenige Zeilen an die lokale Presse.
Anousch Mueller lässt uns schließlich erleben, anfangs nur zwischen den
Zeilen, wie die Machenschaften der Staatssicherheit nachwirken. Verrat und
Schuld sind in diesem Roman keine einfache Gleichung – Mueller leuchtet
mehrere Facetten aus, dazu gehören Feigheit, Erpressung, Geltungsdrang.
Man hat das Gefühl, einen dicken Wälzer zu lesen, tatsächlich lernen wir
auf nur 200 Seiten vier dramatische Lebensgeschichten kennen. Kurz und
vielfarbig. Ihr Roman sei keine Autobiografie, stellt die Autorin im
Gespräch klar. Zwar enthalte auch ihre Familiengeschichte reichlich Drama,
ihr fehle aber die nötige Distanz, um sie literarisch zu bearbeiten. Die
beschriebenen Orte allerdings, die kenne sie gut.
Nachdem Leni endlich weiß, warum über ihre verlorene Schwester geschwiegen
wird, entdeckt sie hinter dem Familiengeheimnis ein weiteres Tabu. Ihr
hilft die Wahrheit dabei, sich der Mutter zu nähern, aber sie lernt, dass
nicht jeder Mensch vollständige Aufklärung braucht, um Bodenhaftung zu
gewinnen. Aufklärung ist kein Allheilmittel – erzählt dieser Roman. Für
Lenis Vater ist es heilsam, einen Rest liegenzulassen. Bis hierhin und
nicht weiter.
27 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Claudia Ingenhoven
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