# taz.de -- Neuer Roman von Helene Bukowski: Der letzte Akkord einer begabten Pianistin
> „Wer möchte nicht im Leben bleiben“ heißt der neue Roman von Helene
> Bukowski. Darin erzählt sie von den Freuden an der Musik und dem Drill
> des staatlichen DDR-Fördersystems.
(IMG) Bild: Brücken der Einfühlung: Helene Bukowski
Schon einen Tag vor Erscheinen ihres dritten Romans „Wer möchte nicht im
Leben bleiben“ konnte sich Helene Bukowski über dessen Platzierung auf der
[1][Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse] freuen. Das neue Buch
der 1993 geborenen Autorin ist zu Recht Anwärter für die Auszeichnung, das
sei vorab verraten.
Mit ihrem 2019 erschienenen [2][Debüt „Milchzähne“,] das fast parabelartig
und sehr eindrücklich davon erzählt, wie andere zu Fremden, zu
Ausgeschlossenen gemacht werden, und dem Roman [3][„Die Kriegerin“ (2022)]
über sexualisierte Gewalt und die transgenerationale Weitergabe von
Traumata gilt Bukowski bereits als eine markante Stimme der jüngeren
deutschen Gegenwartsliteratur.
Erstmals ist ihr Ausgangspunkt nun eine reale Person: Christina, eine junge
Pianistin, geboren 1961 in der DDR, die im Alter von 24 Jahren Suizid
beging. Die Ich-Erzählerin erläutert gleich zu Beginn, wie sie durch ihre
Großmutter an den Nachlass kam, und man darf von einer großen Nähe zwischen
Autorin und Erzählerin ausgehen, die Trennlinie verschwimmt. Der Prozess
des Schreibens, der Annäherung an die fremde Biografie, ist Teil der
Erzählung.
## Bewegungen des Lebens nachspüren
Eine „Chronik“, die Christinas Vater verfasste, dient der Erzählerin als
„mein Geländer“ beim Schreiben. Außerdem Kassetten, Fotoalben, Briefe.
Schnell spürt sie Interesse, ja Verbundenheit: „Zurück in Berlin, begann
ich zu lesen, zu blättern, zu hören. Schon nach kurzer Zeit sah ich dich
quer über die Freifläche laufen. Seitdem versuche ich, zu dir
aufzuschließen, dich einzuholen, dich zu greifen. Habe ich dich gefunden?
Oder du mich?“, heißt es in einer Art Prolog.
Der Text ist ein Tasten, ein Versuch, den Bewegungen eines Lebens
nachzuspüren, dessen frühes Ende durch Suizid keineswegs absehbar war.
Spürbar ist darin der Wunsch, Christina sichtbar werden zu lassen. Bukowski
entscheidet sich für das „du“, mit dem ihre Erzählerin sie anspricht. Das
folgt der empathischen Haltung der Erzählerin, ermöglicht ihr eine
vertrauliche Nähe, einen imaginären Dialog.
Es entfalten sich die Kindheit in Leipzig und Neubrandenburg, die
Teenagerzeit in Berlin an einer staatliche Spezialschule für Musik und die
Jahre in Moskau, wohin man die begabte Pianistin zum Studium schickt.
Der Vater, ein kriegstraumatisierter ehemaliger Opernsänger, verwirklicht
die eigenen Ambitionen in der Tochter, übt Druck und Kontrolle aus, was
Bukowski in bildhaften Szenen zum Ausdruck bringt, etwa wenn er ihr vorm
Fenster stehend das Licht beim Klavierspiel verstellt.
## Von Musik begeistert
Doch ist Christina ja zugleich von der Musik begeistert, geht in ihr auf.
Die Intensität ihres Spiels gestaltet die Autorin als Naturschauspiele,
erfindet dafür eine sinnliche, soghafte Sprache: „Die Töne tasten in den
Raum hinein, breiten sich aus, schieben sich zu dunklen Felsen zusammen,
werden von einem Meer überspült. Muscheln und Steine folgen der Strömung.
Am Horizont berührt der Himmel die Kante des Wassers. Blitze zucken
lautlos, leuchten nach. Der letzte Akkord verstummt. Diesmal kommt der
Applaus zögernd. Als steckte auch das Publikum noch in dieser anderen
Welt.“
Die Ambivalenz der Musik ist ein roter Faden. Sie ist „Anker“ und
Selbstausdruck, schafft Verbindung zu anderen. Zugleich ist sie „Gewicht“,
fordert soviel Zeit, bedeutet Einsamkeit. Bedeutet auch, dem Drill des
staatlichen Fördersystems der DDR ausgesetzt zu sein. Das sich nach
Christinas Rückkehr aus Moskau, kurz vor ihrem Tod, als unerbittlich
erweist.
Die Zustände an der „Spezi“, der Spezialschule, schildert Bukowski
beziehungsweise die Erzählerin detailreich und atmosphärisch dicht. Sie
fängt lebendige Szenen aus dem Alltag der DDR wie auch der Moskauer
Lebenswirklichkeit jener Jahre ein. Sie legt Teile ihrer Recherche offen,
zitiert aus Briefen, verweist auf Fotos.
Die Intensität der Erzählung erwächst aus der Kombination der Fakten mit
der freien Ausgestaltung der Leerstellen, bei der die Autorin sich die
schon erwähnte Nähe, ja Vertraulichkeit erlaubt. So imaginiert sie Dialoge
zwischen Christina und ihren Freundinnen an der „Spezi“; nahe Szenen mit
Jura, in den Christina sich in Moskau verliebt: „Du bist hungrig, aber Jura
sieht deinen Hunger nicht“, deutet die Erzählerin, möchte Christina eine
Nacht mit ihm „schenken“, was diese zurückweist: „Strampelnd stößt du die
Decke von dir, schüttelst den Kopf, springst aus dem Bett. ‚Jura war nicht
in mich verliebt. Und er hat nie mit mir geschlafen‘, sagst du.“
## Radikale Empathie
Die Fallstricke der Übergriffigkeit integriert die Autorin/Erzählerin hier
wie an anderen Stellen auf originelle Weise in den Text. Auch die
Überblendungen mit ihrem eigenen Leben könnten als übergriffig gelesen
werden – sind aber Brücken der Einfühlung und auf paradoxe Weise zugleich
Markierungen von Distanz, weil sich in diesen Passagen das Ich der
Erzählerin so konkret ins Spiel bringt.
Eine Wahrheit kann es ohnehin nicht geben. Aber diese Entscheidung für eine
radikale Empathie, mit der Helene Bukowski so vielschichtig und literarisch
fantasievoll von Lebenshunger und Dunkelheit schreibt. Entstanden ist ein
Buch, das sich auch dem Tod verstehend nähert und doch viel mehr eines über
das Leben ist.
17 Mar 2026
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