# taz.de -- Noga Erez im Gespräch: „Wir sind nur die Hauptfiguren“
> Das israelische Musikerpaar Noga Erez und Ori Rousso ließ sich für die
> Doku „Noga“ jahrelang begleiten. Das lief oft nicht glatt, erzählen sie
> im taz-Gespräch.
(IMG) Bild: Schreibt auf ihrem neuen Album wieder mehr über das eigene Ich angesichts der großen Welt: Noga Erez
Als die beiden Brüder Benji und Jono Bergmann 2019 beginnen, die
israelische Musikerin Noga Erez und ihren musikalischen Partner Ori Rousso
zu begleiten, soll ihr Film vom Schreiben von Songs, Tourneen und einer
Beziehung erzählen.
Dann verändert der Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 alles. Aus
einer Langzeitbeobachtung über zwei Musiker wird zwangsläufig ein Film
darüber, wie Krieg und politische Polarisierung selbst die Kunst erfassen.
Erez kritisiert die Regierung Benjamin Netanjahus, demonstriert gegen den
Demokratieabbau und setzt sich für eine Zweistaatenlösung ein. Trotzdem
gerät sie zwischen alle Fronten: In ihrer Heimat schlägt ihr aus dem
rechten Lager Hass entgegen, international werden Konzerte abgesagt, weil
sie Israeli ist, ihre Herkunft überlagert zunehmend ihre Musik. „Noga“
interessiert sich jedoch nicht für eindeutige Antworten. Der Dokumentarfilm
beobachtet vielmehr, wie zwei Künstler versuchen, unter wachsendem
politischen Druck weiterzuarbeiten. Im Interview sprechen Noga Erez und Ori
Rousso über das Vertrauen in ihre Regisseure, das Schreiben von Songs in
Zeiten des Kriegs und darüber, warum Kunst für sie vor allem Fragen stellen
sollte.
taz: Frau Erez und Herr Rousso, als Jono und Benji Bergmann Sie fragten, ob
sie einen Dokumentarfilm über Sie drehen dürfen: Mussten Sie lange
überlegen?
Ori Rousso: Wir haben damals gleichzeitig geantwortet. Ich habe Ja gesagt,
Noga Nein. Während des Prozesses gab es viele Momente, in denen wir
dachten: Das ist zu viel. Diese Leute dringen uns wirklich unter die Haut.
Es war zu viel – auch in Bezug auf unsere Beziehung, aber ebenso wegen des
Kriegs und allem, was um uns herum geschah. Trotzdem bin ich froh, dass wir
den Film nicht abgebrochen haben.
taz: Was hat Sie überzeugt, weiterzumachen?
Noga Erez: Irgendwann wurde der Film einfach Teil unseres Lebens. Es hing
immer von der Stimmung ab. An manchen Tagen wusste ich schon morgens, dass
sie zum Drehen kommen würden, und fand das furchtbar. An anderen dachte
ich: Eigentlich ist es etwas Besonderes, dieses Dokument unseres Lebens zu
haben. Jonah und Benji waren wahnsinnig hartnäckig, auch nervig. Aber ich
wusste, dass sie großartige Filmemacher sind, und habe ihnen intuitiv
vertraut. Manchmal haben Ori und ich Situationen so eingerichtet, dass sie
nicht dabei waren. Auf diese Weise haben wir uns geschützt.
taz: Der Film ist in Kapitel gegliedert, die sich an Ihren Songs
orientieren. Wann haben Sie erkannt, dass diese Songs beinahe unbewusst zu
einer Art Tagebuch geworden waren?
Rousso: Damit hatten wir überhaupt nichts zu tun. Als wir vor ungefähr
einem Jahr den ersten Schnitt sahen, war diese Struktur bereits da. Bei
allem anderen in unserer Karriere sind wir Kontrollfreaks: bei den Songs,
den Musikvideos, dem Grafikdesign und allem, was dazugehört. Aber hier
sagten wir: Macht, was ihr wollt. Es ist nicht unser Film. Wir sind nur die
Hauptfiguren.
Erez: Wobei wir irgendwann doch versucht haben, einzugreifen. Als wir einen
Schnitt bekamen und wussten, dass der Film bald veröffentlicht werden
sollte, wurde ich unsicher. Ich schickte ihnen eine Liste mit ungefähr
zwanzig Momenten, bei denen ich mich selbst furchtbar peinlich fand, und
bat sie, diese herauszunehmen. Sie haben keine einzige davon entfernt.
taz: Viele Musikdokumentationen konzentrieren sich auf die Person im
Rampenlicht und weniger auf die Zusammenarbeit dahinter. Ori, hat es etwas
verändert, dass Sie hier als gleichberechtigter Teil dieser Zusammenarbeit
sichtbar werden?
Rousso: Der Film zeigt einfach, was wir ohnehin tun. Im Studio machen wir
alles gemeinsam. Wir treffen sämtliche Entscheidungen zusammen: Texte,
Kompositionen, Videos, alles. Vor zwölf Jahren beschlossen wir, das Projekt
Noga Erez zu nennen und Noga als Frontfrau auftreten zu lassen. Mit dieser
Entscheidung sind wir bis heute sehr glücklich.
taz: Sie haben im Vorfeld dieses Interviews gesagt, Sie wollten nicht über
Politik sprechen. Gleichzeitig lässt sich dieser Film von der politischen
Realität kaum trennen. Wie haben Sie sich auf diese Offenheit eingelassen?
Erez: Wir haben den Regisseuren vollständig vertraut. Alles andere hätte
bedeutet, ständig darüber zu diskutieren, wie sie uns darstellen. Deshalb
haben wir beschlossen, loszulassen. Ich glaube, es ist die Aufgabe der
Kunst, Fragen aufzuwerfen. Gerade in einer Zeit, in der jeder behauptet,
die Antworten zu haben – und sie auf einen einzigen perfekten Satz
reduziert. Wenn dieser Film am Ende als ein Werk wahrgenommen wird, das
Fragen stellt, dann hat er für mich genau das erreicht, was Kunst leisten
sollte.
taz: Sie haben einmal gesagt, viele Ihrer Songs entstünden zunächst, weil
Sie etwas in der Welt beschäftigt oder stört. Erst später würden sie
persönlicher. Hat sich das verändert?
Erez: Eigentlich nicht. Wir fragen immer: Was liegt gerade auf dem Tisch?
Worüber lohnt es sich zu sprechen? Was können wir gemeinsam
auseinandernehmen? Am Anfang unserer Beziehung war alles vollkommen. Wir
hatten ungefähr neun Jahre lang eine Flitterwochenphase. Deshalb haben wir
damals nicht über uns, sondern über weltpolitische und gesellschaftliche
Themen und über die Politik unseres Landes – allerdings immer aus einer
persönlichen Perspektive, weil wir selbst Teil dieser Wirklichkeit sind.
[1][Mit dem Erfolg unseres Albums „KIDS“] geriet unser Leben irgendwann aus
dem Gleichgewicht. Heute arbeiten wir am vierten Album, sind seit vielen
Jahren zusammen und inzwischen eine Familie mit einer eineinhalbjährigen
Tochter. Deshalb geht es auf den neuen Songs wieder stärker um uns selbst.
Unsere Musik bewegt sich immer zwischen zwei Polen: dem eigenen Ich
angesichts der großen Welt und dem eigenen Ich in der Auseinandersetzung
mit sich selbst.
taz: Im Film bekommen Songs durch politische Ereignisse plötzlich neue
Bedeutungen. Gefällt Ihnen das oder verlieren Sie dadurch die Kontrolle
über Ihre eigene Musik?
Erez: Ich liebe es, wenn Menschen unsere Musik interpretieren und die
verrücktesten Dinge daraus machen.
Rousso: Manchmal höre ich eine Erklärung und denke: Darauf wäre ich selbst
nie gekommen. Menschen deuten Dinge, die wir geschrieben haben, auf eine
Weise, an die wir überhaupt nicht gedacht hatten. Sie können die Musik
mitnehmen, wohin sie wollen. Das ist uns recht.
Erez: Bei Songs fällt uns das leicht, weil sie so angelegt sind, dass sie
Freiraum lassen. Schwieriger wird es bei Interviews oder wenn Aussagen aus
dem Zusammenhang gerissen werden.
taz: Seit Ihrem internationalen Erfolg haben viele Menschen ein festes Bild
davon, wer Sie sind. Wie schwierig ist es, sich davon beim Schreiben
freizumachen?
Erez: Sobald man mehr als den allerersten Song veröffentlicht hat, schreibt
man nicht mehr nur für sich selbst. Seit wir unsere Musik mit der Welt
teilen, haben wir andere Menschen im Kopf – egal ob es tausend oder zwei
Millionen sind. Für mich macht das keinen großen Unterschied. Wir sind
außerdem sehr langsam bekannt geworden. Wir sind nicht plötzlich von
kleinen Clubs in Arenen gewechselt, sondern Schritt für Schritt gewachsen.
Das hilft. Dadurch lassen wir uns nicht so leicht verwirren.
taz: Am Ende des Films sprechen Sie darüber, dass zahlreiche Konzerte und
Festivalauftritte gecancelt wurden. Wie hat sich die Situation seitdem
verändert?
Erez: Wir touren wieder überall und spielen auf Festivals in vielen
Ländern, traten im Juli bei Lollapalooza in Berlin auf. Einige Festivals,
die uns zuvor abgesagt hatten, haben uns später erneut eingeladen.
Irgendwann lässt sich nicht mehr ignorieren, was wir machen. Wir verkaufen
Tickets. Man kann über unsere Musik oder über Politik diskutieren – aber
Veranstalter sehen inzwischen, dass die Menschen unsere Konzerte besuchen
wollen.
taz: Wie wird es Ihre Konzerte verändern, wenn das Publikum den Film
gesehen hat?
Erez: Das weiß ich noch nicht. Dieser Prozess beginnt gerade erst. Aber
nach so vielen Jahren auf Tour ist alles willkommen, was die Atmosphäre
verändert, in der Menschen unsere Musik hören. Wir spielen live, das ist
unsere größte Stärke. Wenn Menschen nach diesem Film anders in unsere
Konzerte kommen, werden vielleicht auch wir selbst sie anders erleben. Auf
diese veränderte Energie freue ich mich.
11 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Neues-Album-von-Noga-Erez/!5760362
## AUTOREN
(DIR) Thomas Abeltshauser
## TAGS
(DIR) Dokumentarfilm
(DIR) Kino
(DIR) Israel
(DIR) Nahost-Debatten
(DIR) Punk
(DIR) Israel
(DIR) Neues Album
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Haze’evot in Berlins lautester Platte: Alles okay, Mama?
Die israelische Band Haze’evot machte im Berliner Orwo-Haus halt. Die fünf
Frauen, die an radikale Veränderung von unten glauben, rockten das Haus.
(DIR) Neues Album von Mary Ocher: Ein Kessel Buntes mit dreiteiligem Kopfschmuck
Die israelische, in Berlin lebende Künstlerin Mary Ocher führt ihr neues
Album „Weimar“ beim Konzert in der Berliner Galiläa-Kirche mit
Podiumsdebatte ein.
(DIR) Neues Album von Noga Erez: Beats für die Konflikte der Jugend
Die Popmusikerin Noga Erez spricht im Videochat aus Tel Aviv mit der taz.
Die Songs ihres Albums „Kids“ sind zum Teil in Berlin entstanden.