# taz.de -- Wirtschaftskrise in der Türkei: Orbáns Niederlage ist Erdoğans Zukunft
       
       > Der Machtwechsel in Ungarn beruhte auf dem Scheitern des nationalen
       > Wirtschaftsmodells. Ähnliches steht auch der Türkei ins Haus.
       
 (IMG) Bild: Die Entwicklung der türkischen Lira ist eine unvermeidliche Folgen dessen, was geschieht, wenn ein Regime alle seine nepotistisch ausgerichteten Unterstützungsmechanismen ausgereizt hat
       
       Auch wenn der ehemalige ungarische Machthaber Viktor Orbán ein Islamfeind
       ist und sein türkischer Amtskollege Recep Tayyib Erdoğan ein stolzer
       Muslim, haben sie viel gemeinsam. Beide Männer bauten ihr Herrschaftssystem
       auf autoritärem Populismus auf und stützen sich in ihrer politischen
       Ideologie inhaltlich auf drei Kernelemente.
       
       Erstens eine entschlossene Verteidigung der nationalen Souveränität gegen
       supranationale und kosmopolitische Ansprüche. Zweitens ein
       traditionalistisches Verständnis von Familie und kultureller Ordnung gegen
       den liberalen Pluralismus. Und drittens das Streben nach einer [1][auf den
       eigenen Clan hin ausgerichteten Marktwirtschaft].
       
       In der Umsetzung ihres Herrschaftsanspruchs gingen sowohl Orbán als auch
       Erdoğan weit über die inhaltliche Dimension hinaus. Für beide war das
       Erlangen der nationalen Mehrheit keineswegs allein eine Frage der
       statistischen Seite von Wahlergebnissen, sondern die zwangsläufige Folge
       der ethnisch-religiösen Basis ihrer Politik, als deren alleinige
       authentische Stimme sie sich sehen.
       
       Zur Umsetzung dieses Konzepts nutzten sie den Majoritarismus, der dem
       Willen der Mehrheit eine uneingeschränkte Priorität einräumt. Durch eine
       [2][Konzentration der politischen Herrschaft] schufen sie eine Struktur, in
       der sie weder durch Gerichte, Zentralbanken oder gar die Medien
       kontrolliert werden konnten. All diese Institutionen existieren insofern
       einzig und allein zu dem Zweck, dem vorkonfigurierten ethnisch-religiösen
       Mehrheitswillen zu dienen, anstatt ihn einzuschränken.
       
       ## Vollkommen ausgereizte Wirtschaftssysteme
       
       Ungarns [3][neuer Premierminister Peter Magyar], der seit Mai im Amt ist,
       will diese autokratische Struktur auf Grundlage seiner Tisza-Plattform
       beseitigen. Dementsprechend plant er, die Rechtsstaatlichkeit
       wiederherzustellen, den EU-konformen Konstitutionalismus wieder
       einzuführen, den Medienpluralismus wiederherzustellen und politische
       Mehrheiten auf eine wahrheitsgetreue Darstellung durch eine unverfälschte
       Auszählung der Wahlstimmen zu stützen.
       
       Es wäre jedoch kurzsichtig anzunehmen, dass Orbán in der Hauptsache an
       seinem Regierungsmodell scheiterte. Die viel größere Frage ist, ob seine
       Wahlniederlage nicht vor allem das Scheitern seines nationalen
       Wirtschaftsmodells widerspiegelte. Und genau hier ist die jüngste
       politische Entwicklung in Ungarn mit Blick auf die Zukunft der Türkei nach
       Erdoğan von besonderer Relevanz.
       
       Ob unter Orbán oder Erdoğan, beide Länder waren in hohem Maße [4][auf
       ausländische Investitionen angewiesen], um Großprojekte zu finanzieren.
       Gleichzeitig pochten die beiden Staatschefs in ihrer politischen Rhetorik
       auf vollständige nationale Souveränität. Was Orbáns Scheitern in Ungarn
       verursacht hat – und dementsprechend in der Türkei zum Scheitern Erdoğans
       führen sollte – ist daher nicht einfach Korruption oder Führungsmüdigkeit.
       Es ist in beiden Fällen das vollkommen ausgereizte Wirtschaftssystem.
       
       Sowohl Ungarn als auch die Türkei verfolgten einen Ansatz, der ihre
       jeweiligen [5][Zentralbanken unter politische Kontrolle] brachte, wodurch
       die Zinssätze bei nahenden Wahlen gesenkt werden konnten, ungeachtet der
       inflationären Kosten. Beide bauten staatliche Investitionsfonds auf, große
       Pools öffentlichen Kapitals außerhalb der üblichen Haushaltskontrolle, die
       eingesetzt wurden, um mit dem jeweiligen Autokraten befreundete Unternehmen
       zu unterstützen und Megaprojekte zu finanzieren, wenn ausländische Kredite
       knapper wurden.
       
       ## Regime beruht auf Patronagewirtschaft
       
       Beide Autokraten etablierten ein Netz von nationalen
       Pseudo-Vorzeigeunternehmen in strategischen Sektoren wie dem Bau, der
       Energie, Banken, Verteidigung und Telekommunikation. Und leiteten
       staatliche Aufträge, subventionierte Kredite und regulatorische Vorteile an
       diese weiter und schufen so die Patronagewirtschaft, auf der ihr Regime
       ruhte.
       
       Vor allem aber forcierten Orbán wie Erdoğan einen von ihrem Amt aus
       gesteuerten Bauboom, bei dem öffentliche Wohnungsbaugesellschaften,
       [6][Infrastruktur-Megaprojekte] und Stadtumbau genutzt wurden, um in großem
       Maßstab Arbeitsplätze zu schaffen, Denkmäler einzuweihen sowie
       Mieteinnahmen an loyale Bauunternehmer zu verteilen. All dies diente dazu,
       die Regierung zahlungsfähig zu halten, wenn sich die globalen Bedingungen
       ändern sollten. All das funktionierte wunderbar – bis es nicht mehr
       funktionierte.
       
       Die Inflation in Ungarn erreichte einen Höchststand von über 25 Prozent,
       den höchsten Wert in der Europäischen Union seit 2020. Der Pro-Kopf-Konsum
       der Haushalte gehört zu den niedrigsten in der EU. Die Wirtschaft des
       Landes ist innerhalb von zwei Jahren zweimal in eine technische Rezession
       geraten. Die [7][Geburtenprämien, die das christlich-nationalistische
       Projekt Orbáns verankern sollten], scheiterten an ihren eigenen Zielen, da
       die Geburtenzahlen sanken statt zu steigen.
       
       Es wird allgemein angenommen, dass das oppositionelle Mitte-links-Bündnis
       in Ungarn die Wahlen 2022 verlor, weil es nicht ausreichend geeint war und
       somit Schwachstellen aufwies, die Orbán zu seinem Vorteil auszunutzen
       wusste. Der Zusammenhalt innerhalb einer Oppositionsallianz spielt
       sicherlich immer eine wichtige Rolle. Aber ist er der entscheidende Faktor?
       
       ## Große wirtschaftliche und politische Parallelen
       
       Aus wirtschaftspolitischer Sicht könnte man argumentieren, dass [8][die
       Opposition gegen Orbán 2022 nicht deshalb verlor], weil sie von jemandem
       angeführt wurde, der weit außerhalb des Orbán-Regimes stand. Vielmehr liegt
       es nahe, dass die ungarische Opposition verlor, weil die wirtschaftliche
       Basis des Landes noch nicht bröckelte. Mit anderen Worten: Orbáns gut
       geölte (und gut finanzierte) Wahlmaschinerie war damals noch in der Lage,
       die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit dem Verteilen von Wahlgeschenken
       aufzufangen.
       
       Bei den Wahlen in diesem Jahr war Orbáns [9][wirtschaftliche Basis
       allerdings definitiv ins Wanken geraten]. Die Inflation hatte über vier
       Jahre hinweg ihren Tribut an den Ausgaben der Haushalte gefordert. Und
       selbst seine äußerst entschlossene Unterstützermaschinerie konnte ihn nicht
       mehr an der Macht halten. Peter Magyar von der Mitte-rechts-Partei Tisza
       gewann also, weil sich die ökonomischen Bedingungen geändert hatten. Und
       nicht etwa, weil seine politische Vergangenheit als Mitglied von Orbáns
       Partei ihn für die Fidesz-Wähler besonders akzeptabel machte.
       
       Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, die Parallelen im wirtschaftlichen –
       und letztlich auch politischen – Werdegang der Türkei zu betrachten. Die
       Entwicklung der türkischen Lira seit 2018, das anhaltend hohe
       [10][Inflationsniveau, das die Löhne aufzehrt], die Abhängigkeit von
       Geldern der Golfstaaten und nun von chinesischem Kurzzeitkapital, sind
       weniger persönliche Fehler Erdoğans. Sie sind vielmehr die unvermeidlichen
       Folgen dessen, was geschieht, wenn ein auf einer sehr schwachen Basis
       ruhendes Wirtschaftsregime alle seine nepotistisch ausgerichteten
       Unterstützungsmechanismen ausgereizt hat.
       
       ## Selbstbestimmte Machtübergabe fraglich
       
       Genau wie Orbán ist Erdoğan am Ende seines ökonomischen Erfolgs angelangt.
       Die wirtschaftliche Unzufriedenheit im Land nimmt stetig zu. Aktuell wird
       die Nachfolgefrage innerhalb der AKP von vielen im Umfeld Erdoğans
       vorrangig als eine dynastische Frage angesehen. Und zwar im wahrsten Sinne
       des Wortes. Wird es [11][einer der Schwiegersöhne sein] oder sein Sohn
       Bilal Erdoğan? Entsprechend sind in jüngster Zeit andere mögliche Anwärter
       wie İbrahim Kalın und Hakan Fidan auf der Liste nach unten gerutscht. Das
       trifft auch auf zwei ehemalige Säulen der AKP, Ali Babacan, den ehemaligen
       Wirtschaftsminister, sowie Ahmet Davutoğlu, den ehemaligen
       Ministerpräsidenten, zu.
       
       Diejenigen, die Erdoğans eventuellen Abgang als dynastisch darstellen,
       könnten Recht bekommen. Wie CHP-Chef Özgür Özel einmal sagte, lässt Erdoğan
       keinen populären Kandidaten politisch überleben, was die [12][Inhaftierung
       des populären Bürgermeisters von Istanbul İmamoğlu] anschaulich
       verdeutlicht. Sollte ein Mitglied des inneren Kreises die Macht von Erdoğan
       übernehmen, so schmeichelt das dem türkischen Präsidenten zweifellos. In
       dem Fall würde sein ideologisches Projekt im Kern wohl unangetastet
       bleiben.
       
       Ein solcher Übergang würde auch den institutionellen Interessen der AKP
       dienen, da er suggeriert, dass die Partei sich lediglich auf den Übergang
       zu einem anderen Politiker mit einer ähnlich gelagerten konservativen
       Vision vorbereiten muss, ohne zugeben zu müssen, dass die Vision selbst
       gescheitert ist.
       
       Aber so sehr Erdoğan und wohl auch die AKP darauf abzielen, an einem von
       ihnen bestimmten Zeitpunkt den Machtübergang einzufädeln, bleibt aufgrund
       des politischen Schicksals seines Autokraten-Buddys Viktor Orbán die Frage
       im Raum, ob Erdoğan aufgrund der sich kontinuierlich verschlechternden
       wirtschaftlichen Lage wirklich so selbstbestimmt handeln kann, wie er sich
       das vorgenommen hat.
       
       Viktor Orbán sind letztlich einfach die wirtschaftlichen „Felle“ davon
       geschwommen. Ähnliches steht auch der Türkei ins Haus.
       
       Dieser Text ist zuerst auf Englisch im Onlinemagazin [13][The Globalist]
       erschienen.
       
       8 Aug 2026
       
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