# taz.de -- Niedrigwasser an der Weser: Wenn der Fluss die Rinder pökelt
       
       > Die Trockenheit und der geringe Oberwasserzufluss der Weser machen der
       > Landwirtschaft zu schaffen. Sie versalzen das Wasser, das die Rinder
       > saufen.
       
 (IMG) Bild: Die Wesermarsch: Gräben begrenzen die Weiden. Auch die Kühe rechts oberhalb der Hunte-Brücke nutzen sie als Tränke
       
       In den kommenden Tagen erwartet die Wasserstraßen- und
       Schifffahrtsverwaltung Niedrigwasser für die Weser. Wenn der Wasserstand
       unter die schiffbare Mindesthöhe sinkt, ist das aber nicht nur ein Problem
       für die Transportwirtschaft, sondern auch ein ökologisches und eines für
       die Landwirtschaft.
       
       Trockene Phasen, in denen wenig Frischwasser vom Oberlauf des Stroms kommt,
       machen besonders sichtbar, was Forscher inzwischen als globales Phänomen
       ausgemacht haben: das Vordringen der Salzwassergrenze in Ästuaren – in
       tidebeeinflusste Flussmündungen also. An der Nordseeküste ist das ein
       besonderes Problem, weil die Landwirte das Wasser verwenden, um ihre Tiere
       zu tränken oder ihr Obst durch Frostberegnung zu schützen.
       
       Dass die Versalzung ein globales Problem ist, zeigt eine [1][Metastudie
       unter Beteiligung des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung in Warnemünde]
       (IOW), die vor einem Jahr erschienen ist. „Der Klimawandel ist er
       Haupttreiber der Versalzung“, heißt es in einer Pressemitteilung des
       Instituts.
       
       Er lasse den Meeresspiegel steigen, führe zu immer längeren
       Trockenheitsphasen und entsprechend niedrigen Abflussraten sowie hohen
       Salzeinträgen durch Extremwetter. Dazu kommen die Vertiefung von
       Fahrrinnen, der übermäßige Einsatz von Streusalz sowie durch den Menschen
       beschleunigte Verwitterungsprozesse an Land.
       
       ## Gefahr für die Biodiversität
       
       Den Forschern zufolge sind es vor zwei Faktoren, die die Versalzung
       begünstigen: der Ausbau der Fahrrinnen, der das Salzwasser aus dem Meer
       weiter die Flüsse hinaufschwappen lasse, und der trockenheitsbedingt
       geringere Oberflächenwasserabfluss, der dem entgegenwirkt. Der Rhein,
       [2][aber auch Elbe] und Weser zeigten in den vergangenen Jahren die
       niedrigsten Abflüsse seit den 1950er Jahren, heißt es in der Mitteilung des
       IOW.
       
       „Damit werden Probleme bei der Wasserentnahme für die Landwirtschaft und
       Trinkwasser zunehmen sowie Einschränkungen der Biodiversität entlang der
       Ästuare, da viele Süßwasserarten häufiges Eindringen von Salzwasser nicht
       tolerieren“, warnt Hans Burchard vom IOW.
       
       Nach einer Studie von Mitarbeitern der Uni Kiel und der Bundesanstalt für
       Wasserbau hat sich die Salzwassergrenze der Weser durch das Ausbaggern des
       Stroms zwischen 1972 und 2012 um 3,5 Kilometer landeinwärts verschoben. Das
       sei zwar eine bedeutende Veränderung, aber dennoch vergleichsweise klein.
       Denn aufgrund von jahreszeitlichen Veränderungen im Abfluss könne der
       Bereich, in den das Salzwasser vordringe, um bis zu 20 Kilometer variieren.
       
       Politisch relevant werden diese Erkenntnisse durch den seit Jahren
       umstrittenen Plan, die Außen- und Unterweser sowie die Ems zum Frommen der
       Schifffahrt ein weiteres Mal zu vertiefen. Im Mai [3][machte sich
       Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) für den Fahrrinnenausbau stark]. „Die
       beiden Vertiefungen müssen kommen, sie sollten schnell kommen, und wir
       sollten zeigen, dass Bund, Länder und Gemeinden hier im Einklang sind“,
       sagte er bei einem Besuch in Emden.
       
       [4][Für die Weservertiefung] möchte die Wasserstraßen- und
       Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV) gegen Ende des Jahres einen Antrag
       auf Planfeststellung einreichen. Einen früheren
       [5][Planfeststellungsbeschluss hat das Bundesverwaltungsgericht 2016 für
       rechtswidrig und nicht vollziehbar] erklärt.
       
       Neben dem Umweltverband BUND hatte auch der Landwirt Leenert Cornelius
       geklagt. Denn in der Wesermarsch, dem Gebiet, das sich zwischen Bremerhaven
       und Bremen westlich an die Weser schmiegt, stehen an die 90 Prozent der
       Rinder im Sommer auf der Weide. Getränkt werden sie aus den Gräben, die die
       Weiden trennen und vor allem im Sommer auch von der Weser gefüllt werden.
       
       „Wir haben keine Quellen und keinen Fluss“, sagt Cornelius. Deshalb müssten
       die Gräben regelmäßig mit Wasser aus der Weser gespült werden. Verschiebt
       sich die Brackwasserzone flussaufwärts, schafft dieses Spülen ein Problem.
       Denn dadurch gelangt stärker salzhaltiges Wasser in die Gräben, das den
       Tieren schaden kann.
       
       Zwar sind Rinder Salz gegenüber toleranter als Menschen, weil sie so viel
       Gras fressen. Bis zu zweieinhalb Gramm pro Liter lösliche Salze gelten
       [6][laut der Deutschen Gesellschaft für Landwirtschaft (DLG) als
       tolerierbar]. Beim Menschen ist es ein halbes Gramm. Nordseewasser dagegen
       enthält 35 Gramm Salz. Laut einem [7][Papier der Tierärztlichen Hochschule
       Hannover und der DLG] sind maximal 1 Gramm optimal, 1 bis 3 drei Gramm
       grenzwertig, mehr als 3 Gramm bedenklich.
       
       110.000 Rinder gibt es nach Auskunft des Landvolks in der Wesermarsch. Gut
       90.000 von ihnen werden in unterschiedlicher Intensität auf die Weide
       geschickt, sagt Karsten Padeken, der Vorsitzende des
       Kreislandvolkverbandes. Diese Tiere seien auf das Grabenwasser angewiesen.
       Sie mit Süßwasser in Tankwagen zu versorgen, sei keine wirtschaftlich
       tragfähige Alternative.
       
       27 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.leibniz-gemeinschaft.de/ueber-uns/neues/forschungsnachrichten/forschungsnachrichten-single/newsdetails/versalzenes-trinkwasser
 (DIR) [2] /Studie-der-Universitaet-Hamburg/!6112743
 (DIR) [3] /Fluesse-ausbaggern/!6179185
 (DIR) [4] /Streit-um-Weservertiefung/!5967566
 (DIR) [5] https://www.bverwg.de/de/pm/2016/76
 (DIR) [6] https://www.dlg.org/fileadmin/downloads/Merkblaetter/dlg-merkblatt_399.pdf
 (DIR) [7] https://jarts.info/index.php/tropenlandwirt/article/viewFile/1032/342
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gernot Knödler
       
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