# taz.de -- Flüsse ausbaggern: Mehr Tiefgang, mehr Risiko
> Weser und Ems sollen vertieft, für große Schiffe befahrbar werden und
> Investitionen sowie Arbeitsplätze bringen. Es drohen hohe ökologische
> Kosten.
(IMG) Bild: Unsere Ems soll tiefer gehen, doch das bringt Risiken
dpa | Seit Jahren wird über die Vertiefung von Weser und Ems gestritten,
nun hat auch der Kanzler klar Position ergriffen: „Die beiden Vertiefungen
müssen kommen, sie sollten schnell kommen, und wir sollten zeigen, dass
Bund, Länder und Gemeinden hier im Einklang sind“, sagte Friedrich Merz
(CDU) kürzlich bei einem Besuch in Emden.
Schon lange ist geplant, die Fahrrinnen der Außenweser und der Unterweser
Nord um bis zu einem Meter auszubauen. Die Außenweser verläuft von der
Nordsee bis Bremerhaven, [1][die Unterweser Nord von Bremerhaven bis
Brake.] Auch die Fahrrinne der Außenems, der trichterförmigen Flussmündung
zur Nordsee, soll bis Emden um bis zu einem Meter vertieft werden.
Zu den Befürwortern der Flussvertiefung zählen die Landesregierungen von
Niedersachsen und Bremen, Vertreter der betroffenen Häfen sowie
Wirtschaftsverbände. Sie sind überzeugt, dass die Vertiefung der Fahrrinnen
für die Wettbewerbsfähigkeit der Häfen in der Region dringend nötig sei und
Arbeitsplätze sichere.
Nur so könnten größere Schiffe mit mehr Ladung als bislang die Häfen in
Bremerhaven, Emden und Brake anlaufen. „Die Schiffsgrößen haben sich
gewandelt und sie werden es weiter tun“, teilte ein Sprecher des
niedersächsischen Wirtschaftsministeriums mit. „[2][Die Außenems sowie
Außenweser und die Unterweser bis Brake müssen an die Erfordernisse des
Schiffsverkehrs angepasst werden.]“
## Bremerhaven verliert Marktanteile an Rotterdam
Nach Angaben des Bremer Hafenressorts hat sich die Zahl der Schiffe mit
einem Tiefgang von mehr als 13,5 Meter in den vergangenen zehn Jahren mehr
als verdoppelt. Solch große Schiffe könnten Bremerhaven nicht anlaufen, der
Hafen habe deshalb schon Marktanteile an die Konkurrenz in Rotterdam und
Antwerpen verloren. „Es wurden zwischenzeitlich bereits Dienste verlagert –
vor allem sogenannte Transshipment-Verkehre“, teilte ein Sprecher des
Hafenressorts mit. Dabei werden Güter von großen Schiffen auf kleinere
Schiffe umgeladen.
Von der geplanten Vertiefung hängen große Investitionen ab. APM Terminals
und Eurogate wollen einen Milliardenbeitrag in den Bremerhavener Hafen
stecken, um das Containerterminal zu dekarbonisieren, also den Ausstoß von
CO2 so weit wie möglich zu reduzieren – vorausgesetzt, die Fahrrinne wird
entsprechend ausgebaut. „Eine möglichst restriktionsfreie Zufahrt für die
Schifffahrt ist dabei zwangsweise vonnöten und unabdingbar“, heißt es dazu
aus dem Hafenressort.
Auch die Zukunft der Häfen in Brake und Emden hängt laut dem
niedersächsischen Wirtschaftsministerium von der Vertiefung der beiden
Flüsse ab. „Speziell für den Seehafen Brake mit den Schwerpunkten Agrar,
Forstprodukte sowie Eisen und Stahl geht es darum, dass die verkehrenden
Schiffstypen den Hafenstandort voll beladen anlaufen können.“ Nach Angaben
des Wirtschaftsverbands Weser kam der Getreideexport dort schon vor einigen
Jahren zum Erliegen, weil der Tiefgang nicht ausreicht.
Für den Seehafen Emden geht es vor allem um übergroße Güter wie
Stahlprodukte, Windkraftanlagen und E-Mobilität. „E-Fahrzeuge sind in der
Regel schwerer als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor und die Schiffe
benötigen mehr Tiefgang, wenn sie entsprechend ausgelastet fahren sollen“,
heißt es aus dem Wirtschaftsministerium.
## Umweltverbände warnen vor Eingriffen in die Natur
Ganz anders sehen das Umweltverbände wie BUND und WWF. Sie kamen in zwei
Studien zu dem Ergebnis, dass die meisten Schiffe die Tiefgänge der
Weser-Fahrrinnen bisher nicht ausnutzen. Vor diesem Hintergrund seien
solche weitreichenden Eingriffe in die Natur nicht zu rechtfertigen. „Eine
erneute Flussvertiefung wäre mit weiteren massiven ökologischen
Folgeschäden verbunden, wie sie an Weser, Elbe und Ems bereits in
gravierender Weise festzustellen sind“, betonen die Verbände.
Eine abermalige Vertiefung bringt demnach mehr Schlick und Brackwasser in
Weser und Wesermarsch. Brackwasser ist ein Gemisch aus Salz- und Süßwasser.
Auch die Ems leidet seit Jahrzehnten unter einer starken Verschlickung und
einem Sauerstoffmangel – und der ökologische Zustand werde sich im Falle
einer Vertiefung weiter verschlechtern.
Leidtragende seien Tiere und Pflanzen, aber auch Landwirte, Fischer,
Touristen sowie Anwohnerinnen und Anwohner. Landwirtschaftliche Flächen
drohten zu versalzen, Flussfischerei werde sich nicht mehr lohnen und der
Tidenhub – also der Höhenunterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser –
steige weiter an.
Das Aktionsbündnis gegen die Weservertiefung sorgt sich zudem um den
Hochwasserschutz. „Sturmfluten dringen schneller ins Landesinnere und
laufen höher auf“, warnte das Bündnis in einem offenen Brief. Das betreffe
auch die Nebenflüsse. „Über die Hunte ist die Stadt Oldenburg gefährdet,
über Lesum, Hamme und Wümme der Kreis Osterholz-Scharmbeck, über die Ochtum
die Orte westlich Bremens.“
## Der Hochwasserschutz könnte leiden
Verstärkte Strömung, Erosion, Überflutungsgefahren, Verschlickung und
Versalzung – die Schäden wären enorm, betonte das Bündnis. Es gebe bisher
kein überzeugendes Konzept oder eine Kostenkalkulation, wie die Probleme
bewältigt werden sollen. „Bund und Länder sind verantwortlich für
Wasserstraßen, Brücken, Küstenschutz und Wasserqualität und sollten
Folgekosten vermeiden.“
Die Länder betonen, dass sie zu einer Lösung kommen wollen, die Mensch und
Natur nicht gefährdet. „Die Sorgen werden sehr ernst genommen“, sagte der
Sprecher des niedersächsischen Wirtschaftsministeriums.
Für die weitere Planung und Genehmigung ist die Wasserstraßen- und
Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV) zuständig. Für die Weservertiefung
möchte die Behörde gegen Ende des Jahres einen sogenannten Antrag auf
Planfeststellung einreichen. „Im Anschluss daran werden die Unterlagen
öffentlich ausgelegt“, teilte das Amt mit. Wie lange das Verfahren dauern
werde, hänge dann maßgeblich von den Stellungnahmen ab.
Für die Vertiefung der Außenems gebe es noch keinen Zeitplan, teilte die
Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt mit. Momentan prüfe die
Behörde „Optionen für eine angepasste oder perspektivisch neue Planung der
Außenems“.
15 May 2026
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