# taz.de -- Tempelhof-Schöneberg vor der Wahl: Wo die Ratten Samba tanzen
       
       > Großstadt und Dorf zugleich: Tempelhof-Schöneberg ist ein vielfältiger
       > Bezirk. Im Norden feiern die Queeren, im Süden hetzen Senioren gegen
       > Ausländer.
       
       Stuhlgymnastik in Lichtenrade. Nur zwei Seniorinnen und zwei Senioren sind
       an diesem Vormittag gekommen – alle weit über 70, gebürtige Deutsche, weiß.
       Normalerweise beteiligen sich doppelt so viele. Menschen mit
       Migrationshintergrund, so ist hören, hätten das kostenlose Angebot bislang
       kaum genutzt. „Und dann setzen wir uns aufrecht auf das vordere Drittel des
       Stuhls und schwingen die Arme seitlich vor und zurück“: Mit ruhiger Stimme
       gibt eine Gymnastiklehrerin die Übungen vor.
       
       Das vom Pestalozzi-Fröbel-Haus betriebene Nachbarschaftszentrum hat
       Seniorenarbeit zu einem seiner Schwerpunkte gemacht. Seit zwei Jahren gibt
       es das Zentrum im Bornhagenweg, der zum Nahariya-Quartier gehört. Die Räume
       und sind hell und freundlich, das Programm vielfältig. Ein
       Nachbarschaftscafé und ein arabisches Mitbring-Frühstück werden
       veranstaltet. Es gibt einen Spieletreff, eine Beratung für Behördenanliegen
       und auch die Mieterinitiative Nahariya-Kiez trifft sich dort.
       
       Lichtenrade ist der südlichste Zipfel des Bezirks Tempelhof-Schöneberg,
       drei Seiten grenzen an Brandenburg. „Die Leute hier sagen, ich fahre in die
       Stadt, wenn es nach Norden geht“, erzählt Alexandra Däxl, Leiterin des
       Nachbarschaftszentrums.
       
       Flächenmäßig ist Tempelhof-Schöneberg der drittgröße Bezirk von Berlin.
       „Zwischen Großstadt und Idylle“- nicht von ungefähr ist das der Titel der
       aktuellen Bezirksbroschüre. Großstadt – das ist der Norden, plus Friedenau,
       wo die Mehrheit bei den letzten Kommunalwahlen größtenteils Grün gewählt
       hat. Zum Norden, auf den die Medien viel Aufmerksamkeit richten, gehört die
       [1][Kurfürstenstraße, Armutprostitution, Obdachlose und Crackabhängige].
       Und auch der Regenbogenkiez rund um Motzstraße und Nollendorfplatz, wo
       gerade [2][Hunderttausende das 32. Lesbisch-Schwule Straßenfest feierten] –
       und den CSD, der am Samstagabend mit einem [3][islamistischen Anschlag] ein
       tragisches Ende nahm.
       
       ## Das Feld bringt „Freiheitsgefühl“
       
       Auch das Tempelhofer Feld könnte man noch dem Norden zuschlagen. In Zeiten
       des Klimawandels kommt dem alten Flughafengelände eine immer größere
       Bedeutung als Kühlungsfaktor zu. „Wenn man aufs Feld kommt, öffnet sich der
       Himmel,“ bringt es die grüne Bezirksstadträtin Saskia Ellenbeck auf den
       Punkt. „Das ist ein Freiheitsgefühl.“
       
       Der Teltowkanal bildet innerhalb des Bezirks nicht nur eine räumliche
       Grenze. Mit Werten von bis zu 50 Prozent und mehr ist der Süden –
       Mariendorf, Marienfelde, und Lichtenrade – fest in CDU-Hand. Auch die AfD
       punktete hier anders als im Norden zweistellig im Zehnerbereich. Gegenüber
       der Wahl von 2016 verzeichneten die Blauen aber nahezu überall deutliche
       Verluste.
       
       Lichtenrade hat letztes Jahr 650. Jubiläum gefeiert. Mit dem
       Kopfsteinpflaster rund um die alte Dorfkirche, den Gartenhaussiedlungen mit
       Ein- und Mehrfamilienhäusern aus den 1920er- und 30er-Jahren wirkt der
       Ortsteil fast idyllisch. Aber es gibt auch andere Bilder: graue, trostlose
       Fassaden, ungepflegte Außenanlagen. Rund 8.000 Menschen aus
       unterschiedlichsten Nationen leben in der Nahariya-Siedlung.
       
       Die 5- bis 11-geschossigen Häuser wurden in den 60er und 70er Jahren von
       der Evangelischen Kirche vor allem für Familien gebaut. Inzwischen gehört
       ein Großteil der rund 3.200 Wohnungen dem Immobilienunternehmen Adler Group
       mit Sitz in Luxemburg. Die Adler Group hat in den letzten Jahren immer
       wieder Schlagzeilen produziert.
       
       Harald Gindra, der für die Linke in der BVV Tempelhof-Schöneberg sitzt,
       listet die Mängelliste der Mieterinitiative Nahariya-Kiez auf:
       Heizungsausfälle, Fenster undicht, Aufzüge defekt, Legionellenbelastung,
       Schimmelbefall, Sanierungsstau. „Das ganze Programm“, sagt Grinda. Für die
       Linke hat er dazu schon viele Anfragen an das Bezirksamt gestellt, die
       letzte im April. In der Antwort werden eine schlechte Erreichbarkeit der
       Adler Group sowie lange Reaktionszeiten auf Instandhaltungsanfragen
       bestätigt. Aber das hilft den Mietern auch nicht.
       
       Eine Stunde dauert die Stuhlgymnastik. „Im Zeitlupentempo aufstehen, Arme
       hoch, tief einatmen, fallenlassen, ausatmen“, die Gymnastiklehrerin läutet
       das Ende ein. Heute ist ein bisschen früher Schluss. Die Seniorinnen und
       Senioren haben sich bereit erklärt, der taz zu erzählen, wie es sich in
       Lichtenrade lebt und was sie sich von der Bezirkspolitik wünschen.
       
       ## Früher war alles besser
       
       Was kommt, gleicht einem Tsunami. Drei von ihnen – sie seien Hartmut, Helga
       und Marianne genannt, was nicht ihre richtigen Vornamen sind – wohnen in
       den Hochhäusern der Nahariya-Siedlung. Wortführer ist Hartmut, dessen
       Ehefrau Helga und Marianne geben ihm recht, formulieren manches nur nicht
       so drastisch.
       
       Zusammengefasst: In der Siedlung gebe es „viel zu viele Kopftücher“. Viel
       zu viele junge Leute, die Wohngeld kassierten, „die sollte man mal zwingen,
       arbeiten zu gehen“. Die Kriminalität nehme immer mehr zu, „die Mafia“ mache
       sich breit, zu erkennen an den großen Autos vor einem bestimmten
       Restaurant, das früher mal sehr gut gewesen sei, aber nach mehrfachem
       Eigentümerwechsel zusehends verkomme. Sogar geschossen worden sei in
       Lichtenrade, entrüstet sich Hartmut. „Das hat es früher nicht gegeben.“
       Fast immer schwingt der Subtext mit: Die Zuwanderer sind schuld.
       
       Hartmut war früher in der Desinfektionsabteilung eines Gesundheitsamts
       tätig, seit 20 Jahren lebt er in der Siedlung. Helga war Verkäuferin,
       Marianne ist Hausfrau, 50 Jahre schon lebt sie vor Ort. Seid Corona habe es
       viele Neueinzüge gegeben, davor sei alles viel besser gewesen, sagt sie.
       „Der Müllplatz sieht aus, da tanzen die Ratten Samba.“ Warum sie sich nicht
       bei der Hausverwaltung beschwert? Sie wisse gar nicht, wer zuständig sei,
       sagt Marianne. Man bekomme keine Antwort.
       
       Mitten in der Nahariya-Siedlung befindet sich die Teltow-Apotheke von
       Andreas Dehne. Der 70-Jährige kennt die Geschichte des Wohnblocks genau.
       Sein Vater hat die Apotheke 1978 gegründet, er hat sie 1997 übernommen. Es
       gebe in der Siedlung viele Missstände, man brauche sich nur die Fassaden
       anzugucken, sagt Dehne. Bevor die Häuser verkauft worden seien, sei das
       eine sehr schöne, gepflegte Anlage gewesen. Die Bewohnerstruktur habe oft
       gewechselt. Anfang der 80er Jahre seien zunächst türkische Familien
       eingezogen, aus Kreuzberg und Neukölln. Gefolgt von Menschen aus
       Jugoslawien und Osteuropa, Afghanistan, dem Nahen Osten und Nordafrika.
       Nach wie vor lebten in der Siedlung auch viele gebürtige Deutsche.
       
       Im Nahariya-Quartier gibt es seit 2021 ein Quartiersmanagement. Viele
       Einrichtungen bemühten sich um sozialen Ausgleich und demokratischen
       Zusammenhalt, sagt Alexandra Däxl vom Nachbarschaftshaus. Auch
       Bildungsbotschafterinnen, die in anderen Bezirken Stadtteilmütter heißen,
       gebe es. Früher seien die Stadtränder vielleicht von der Politik
       vernachlässigt worden, sagt sie. Aber der Bezirk habe Lichtenrade
       inzwischen gut auf dem Schirm.
       
       Er selbst habe angesichts der vielen Projekte den Überblick verloren, sagt
       Apotheker Dehne. Er wünsche sich eine bessere Übersichtlichkeit, auch im
       Sinne der Nutzer. Ob die Angebote etwas bringen, könne er nicht beurteilen,
       weil die Fluktuation der Bewohner sehr groß sei. „Brennpunkt ist aber keine
       Vokabel, die ich für die Nahariya-Siedlung benutzen würde“, betont Dehne.
       „Im Vergleich zu Neukölln oder dem Märkischen Viertel sind die Probleme im
       Kiez wirklich zu vernachlässigen “.
       
       Im Nachbarschaftszentrum arbeitet eine gebürtige Syrerin als
       Bildungsbotschafterin. Sie hilft bei den Aktivitäten und übersetzt vom
       Arabischen ins Deutsche und umgekehrt. Angesprochen worden sei sie wegen
       ihres Kopftuches in sechs Jahren nur ein einziges Mal, erzählt sie. Eine
       alte Frau habe sie auf der Straße gefragt, warum sie das in Deutschland
       trage.
       
       Auch eine von Dehnes Mitarbeiterinnen trägt Kopftuch. Er habe viele
       Zuwanderer als Kunden, sagt der Apotheker. Treue verlässliche Menschen
       seien das. Die Ausländerfeindlichkeit von alteingesessenen Deutschen ist
       ihm nicht verborgen geblieben. Dehne erklärt sich das mit Vereinsamung,
       Frustableitung und der Macht der Medien. „Wenn man nur die
       Springer-Zeitungen liest und Fernsehen guckt, multipliziert sich das.“
       
       Eigentlich wüssten diese alten Menschen nichts über ihre Nachbarn, obwohl
       sie Tür an Tür wohnen, sagt Däxl. „Man redet mehr übereinander, als
       miteinander.“ Natürlich dächten nicht alle so. „Es ist frustrierend für
       die, die sich hier engagieren, wenn die Lichtenrader immer als rechtslastig
       abgestempelt werden.“ Aber als einzelne Seniorin gegenzuhalten, wenn die
       Gruppe auf Ausländer schimpfe, erfordere schon Mut. Im November gebe es im
       Kiez wieder einen Workshop, bei dem man Argumentieren lernen könne. Der
       erste sei ausgebucht gewesen.
       
       ## Die AfD macht es auch nicht besser
       
       Hartmut hat sich in Rage geredet. Er sei kein Ausländerfeind, wettert er –
       niemand hatte ihm das vorgeworfen. „Paketdienst, Krankenhaus, Bau – wir
       brauchen die Ausländer, aber keine Verbrecher und Sozialschmarotzer.“ Und
       AfD-Wähler sei er auch nicht, betont Hartmut. Einmal habe er die Blauen
       gewählt, werde das aber nicht wiederholen. „Die machen es ja auch nicht
       besser“, bestätigt Marianne. Was sie von der Politik erwarten? „Das lässt
       sich doch nicht mehr lösen, der viele Müll und das alles hier“, sagt Helga.
       
       Gern würde sie interkulturelle Dialoge für die ältere Bevölkerung anbieten,
       sagt Däxl. Auf Augenhöhe. Das Problem sei nur, dass alte Migrantinnen und
       Migranten nicht so einfach zu erreichen seien. Und die brauche man ja
       schließlich dazu.
       
       Auf einer [4][Einsamkeitskonferenz des Bezirksamts sagte eine Referentin
       Anfang Juli]: Die alten Einwanderer kämen meistens nicht von sich aus, man
       müsse sie in ihren Communitys abholen. Aber die Konferenz fand im Norden,
       im Rathaus Schönberg, statt.
       
       27 Jul 2026
       
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