# taz.de -- Projekte gegen Einsamkeit: Ein Thema, das alle angeht
       
       > Im Kampf gegen Einsamkeit hat der Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg
       > etwas vorzuweisen. Bei der dritten Einsamkeitskonferenz geht der Blick
       > auch ins Ausland.
       
 (IMG) Bild: In der Bergmannstraße in Kreuzberg gab es mal eine Tafel – das ist lange her (2007)
       
       Einsamkeit ist keine Frage des Alters und auch kein individuelles Problem.
       Einsamkeit kann heftige seelische und körperliche Auswirkungen haben, aber
       darüber zu sprechen ist oftmals schambehaftet. Der Bezirk
       Tempelhof-Schöneberg tut viel dafür, das zu ändern. Es war bereits die
       dritte Einsamkeitskonferenz, die am Dienstag im Rathaus Schöneberg
       stattfand.
       
       Neben Reinickendorf ist Tempelhof-Schöneberg in Berlin der einzige Bezirk,
       der eine Einsamkeitsbeauftragte hat, die gleichzeitig Beauftragte für
       [1][bürgerschaftliches Engagement] ist. In Tempelhof-Schöneberg ist das
       Christine Fidancan. Begonnen habe es im Oktober 2024 mit dem Tagungsthema
       „Was ist Einsamkeit im Bezirk?“, erzählte Fidancan der taz. Anfang 2025 sei
       dann ein Netzwerk gegen Einsamkeit gegründet worden, dem inzwischen 130
       freie Träger, Verbände, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Verwaltung und
       Privatpersonen angehören.
       
       Im Oktober 2025 folgte die zweite Fachtagung „Einsamkeit bei jungen
       Menschen“. Der Hintergrund: Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung,
       durchgeführt im Frühjahr 2024, sind [2][Personen zwischen 16 und 30 am
       stärksten von Einsamkeit] betroffen. Vor Corona war das noch nicht so. Auch
       das Deutsche Jugendinstitut (DJI) hat im Mai 2025 ermittelt, dass 45
       Prozent der 16- bis 30-Jährigen sich regelmäßig einsam fühlen.
       
       Und nun die dritte Konferenz: „[3][Gemeinsam gegen Einsamkeit im Alter]“.
       Gerade im Alter veränderten sich Lebensumstände gravierend, sagte
       Bezirksbürgermeister Jörn Oltmann (Grüne) zu Beginn der Tagung. Durch den
       Eintritt in den Ruhestand würden die sozialen Kontakte oftmals weniger,
       gesundheitliche Einschränkungen kämen. Aber ältere Menschen seien natürlich
       keine einheitliche Gruppe, deshalb brauche es viele Ideen und Konzepte, um
       Einsamkeit anzugehen.
       
       ## Einsame sind schwer zu erreichen
       
       Wie kann es gelingen, mehr soziale Teilhabe und Zusammenhalt im Alter zu
       erreichen, war das Thema in den Vorträgen und Workshops. Aber wie kommt man
       an einsame Menschen heran? Hausarztpraxen seien dafür ideal, findet Wolfram
       Herrmann. Der Arzt leitet an der Charité ein europäisches
       Social-Prescribing- Forschungsprojekt. Der Begriff steht für eine
       ganzheitliche Behandlung des Patienten. Sozusagen per Rezept werden nicht
       nur medizinische Maßnahmen verschrieben, sondern auch soziale Kontakte und
       Aktivitäten.
       
       Wie das geht, könne man in England und den Niederlanden sehen:
       „Flächendeckend“ seien in dortigen Arztpraxen sogenannte Link-Worker tätig,
       so Herrmann. Diese informierten die Patienten über Betätigungsfelder,
       leisteten Unterstützung, das Passende für sich zu finden. Bei einigen sei
       das der Ruderverein, bei anderen ein Seniorentreffpunkt oder ein Ehrenamt.
       
       Für die Organisationsentwicklerin Carola Schaaf-Derichs war das das
       Stichwort. In ihrem Vortrag berichtete sie über die Bedeutung freiwilligen
       Engagements als Chance für Teilhabe, Sinn und Gemeinschaft. Wer sich sozial
       engagiere, helfe nicht nur anderen, sondern auch sich selbst. Denn [4][ein
       Ehrenamt sei ein wichtiger Faktor, der möglicherweise auch einem selbst
       einmal drohenden Einsamkeit vorzubeugen]. „Man muss nicht, aber man kann“,
       das sei das Gute an einer ehrenamtlichen Betätigung im Alter. Aber die
       richtige soziale Betätigung zu finden, sei nicht einfach. Die Erwartung,
       einen Mehrwert zu schaffen, etwas gestalten zu wollen, sei bei Menschen,
       die den eigenen Beruf mit großer Leidenschaft ausgeübt haben, bisweilen
       sehr hoch.
       
       Rund 80 Menschen beteiligten sich an der Tagung, in der Mehrzahl waren es
       Frauen, die beruflich oder privat mit dem Thema zu tun haben. Hürrem
       Tezcan-Güntekin, Mitglied der Sachverständigenkommission zum 9.
       Altenbericht der Bundesregierung, wandte sich in ihrem Vortrag direkt an
       das Publikum. Sie fragte, warum das Potenzial von alten Menschen mit
       Migrationsgeschichte nicht mehr genutzt werde. Viele alte Zuwanderinnen und
       Zuwanderinnen engagieren sich, aber sie würden das nicht vorher in
       irgendeinem Büro anmelden. „Das passiert in den Communitys. – Gehen Sie in
       die Räume, wo sie sich treffen, essen und trinken Sie, was sie Ihnen
       anbieten.“
       
       ## Plattform für die Nachbarschaft
       
       Bei der Tagung ging es vor allem darum, Impulse zu vermitteln.
       Begegnungsmöglichkeiten, in denen Menschen der Einsamkeit entfliehen
       können, gibt es laut Fidancan im Bezirk viele. Neu sei die Kampagne „Ich
       bin die Nachbarschaft“ – eine Plattform für Bürger, die sich in ihrem Kiez
       für die Gemeinschaft engagieren wollen. Ansprechpartner sei das Netzwerk,
       das auch praktische Unterstützung leiste.
       
       Wie das aussehen kann? Im Juni organisierten Anwohner in Friedenau auf der
       Straße eine lange Tafel für die Nachbarschaft. Die nächsten Tafeln sind in
       Mariendorf, Lichtenrade, Marienfelde und Tempelhof geplant. Für Getränke
       und Imbiss sei gesorgt, so Fidancan. „Das übernehmen wir.“
       
       8 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Alltag-der-Armut/!6165088
 (DIR) [2] /Pudding-mit-Gabel-essen/!6117681
 (DIR) [3] https://www.berlin.de/ba-tempelhof-schoeneberg/aktuelles/pressemitteilungen/2026/pressemitteilung.1688038.php
 (DIR) [4] /Bundesweiter-Ehrentag/!6181390
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Plutonia Plarre
       
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       aufruft.