# taz.de -- Spandau vor der Wahl: Ziemlich schwer erreichbar
> Spandau hat ein Problem mit dem Verkehr: Vom Rathaus aus geht’s nur mit
> dem Bus weiter, und der steht oft im Stau. Die Lösungsansätze sind
> teilweise recht kreativ.
(IMG) Bild: Auf der Schiene geht’s zum Rathaus Spandau, von dort nur weiter mit dem Bus
Berlins westlichster Bezirk kämpft um Anschluss. Ein Projekt nach dem
anderen wird geplant, um Spandau etwas näher in Richtung Mitte rücken zu
lassen – und versandet dann wieder. 50 Minuten dauert es von der
taz-Redaktion in der Friedrichstraße zum Rathaus Spandau, wo
Bezirksstadtrat Thorsten Schatz (CDU) jeden Morgen aus dem Bus aussteigt.
Er selbst braucht nur acht Minuten zur Arbeit – in Spandau die absolute
Ausnahme.
Nach Spandau kommt man mit der S-Bahn oder der U7, aber wer innerhalb des
Bezirks mit den Öffentlichen unterwegs sein will, fährt Bus. „Wir sind
Busbezirk Nummer eins. Mit allen Vor- und Nachteilen“, sagt Schatz. Der
Verkehrsknotenpunkt am Rathaus, wo alle Linien zusammenlaufen, sei in die
Jahre gekommen. Und: „Wir haben massiv Druck auf der Straße. Die Busse
stehen im Stau, sie überholen sich teilweise gegenseitig, sie sind einfach
hoffnungslos überfüllt.“
Damit stehe Spandau „kurz vor dem Verkehrskollaps“, so Schatz. Betroffen
seien vor allem Außengebiete wie der Spandauer Süden, Staaken oder
Hakenfelde. Aber auch anderswo brauche es eine Lösung für den Verkehr: „Der
Spandauer Norden ist der Ortsteil, wo am meisten Wohnungsbau betrieben
wurde und auch noch betrieben wird.“ Er wünscht sich unter anderem mehrere
Park-&-Ride-Angebote an der Stadtgrenze, um den Autoverkehr im Bezirk zu
reduzieren.
Die Frustration der Bürger:innen vor Ort zeigt sich in einer aktuellen
[1][Umfrage des Tagesspiegels]: Die Spandauer:innen fühlen sich am
schlechtesten an den Rest der Stadt angebunden. Auf einer Skala von 1 bis 5
landete der Nordwestbezirk bei einem Wert von 2,67. Die ersten drei Plätze
belegen die Bezirke Mitte, Charlottenburg-Wilmersdorf und
Friedrichshain-Kreuzberg.
Mühsam wird es vor allem, wenn man sich vom Rathaus weiter in die
verschiedenen Ortsteile bewegen will, zum Beispiel Richtung Heerstraße
Nord. [2][In der Großsiedlung wohnen rund 20.000 Menschen.] „Die Menschen
in diesem Quartier, die nach dem Sozialstrukturatlas zu den Ärmsten in ganz
Berlin gehören, brauchen eine bessere Anbindung“, sagt Antje Kapek,
verkehrspolitische Sprecherin der Grünen.
## Es fehlt an Schienen
Der Landesverband des Bunds für Umwelt und Naturschutz (BUND) kritisierte
unlängst den von der Senatsverkehrsverwaltung vorgelegten Entwurf des
[3][Berliner Nahverkehrsplans] (NVP) für die Jahre 2026 bis 2028:
„Insbesondere für Spandau bietet er keinerlei Perspektive für die dringend
nötige Ablösung überlasteter Buslinien durch leistungsstärkere
Straßenbahnstrecken in absehbaren Zeiträumen“, so der BUND.
„Spandau hat als Randbezirk noch einiges aufzuholen“, meint auch Konrad
Hickel, Sprecher der AG Verkehr von den Grünen in Spandau. „Beim ÖPNV haben
wir das Problem, dass vor allem der schienengebundene Verkehr innerhalb
Spandaus kaum vorhanden ist“, sagt Hickel. Hinzu kämen die vielen
Pendler:innen, die mit dem Auto unterwegs sind.
Hickel hält eine weitere Reduzierung des Autoverkehrs auch im Zuge der
Klimaanpassung für angemessen. „Gut die Hälfte der Menschen kann ein Auto
gar nicht selbstständig nutzen.“ Gerade für Kinder, ältere Menschen,
Menschen mit Behinderung und ohne Führerschein sei es wichtig, die
Mobilität mit dem ÖPNV zu verbessern.
## Ist Schweben die Lösung?
Um das Mobilitätsproblem zu lösen, will Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU)
eine [4][Magnetschwebebahn zwischen Spandau und dem alten Flughafen Tegel]
bauen lassen. Antje Kapek hält die Pläne für „absoluten Unsinn“. „Eine
Magnetschwebebahn bietet nicht die notwendige Nahversorgung mit einem
dichten Haltestellennetz“, meint sie.
Schatz ist der Idee gegenüber offener: „Es gibt ja unterschiedliche Ideen
für die Streckenführung. Wir müssen technologieoffen denken, weil wir hier
nicht auf einem freien Feld arbeiten, auf dem wir unbegrenzt Platz haben.“
Alles, was den Verkehr entlaste, helfe. „Wenn es in der Breite nicht geht,
müssen wir über Höhe und Tiefe nachdenken.“ Trotzdem müsse man erstmal
prüfen, ob der Bau technisch möglich wäre, so der Bezirksstadtrat.
Aus Kapeks Sicht ließe sich eine Magnetschwebebahn schlecht in die
bestehende Infrastruktur integrieren. Und die Abhängigkeit von einem auf
diese Technologie spezialisierten Unternehmen würde die Kosten nicht nur
beim Bau, sondern auch bei der Wartung nach oben schießen lassen.
„Besonders problematisch ist, dass die Magnetschwebebahn-Fantasien der
Senatorin als Vorwand genutzt werden, einen Großteil der seit Jahren
laufenden und überfälligen Planungen zur Verlängerung der Straßen- und
U-Bahn auf Eis zu legen“, so Kapek.
[5][Eine Verlängerung der U7 zur Heerstraße Nord] käme dagegen mindestens
40.000 Menschen täglich zugute, so die Grünenpolitikerin. Auch Thorsten
Schatz hält eine Verlängerung der U-Bahn mindestens bis Heerstraße Nord für
richtig: „Die brauchen wir, und deswegen akzeptieren wir die Variante, von
der wir aktuell sagen, sie ist wirtschaftlich machbar, damit wir die
Bundesförderung bekommen.“ Er selbst würde die U7 lieber noch bis an den
Stadtrand ausbauen.
## Die Tram ist am barriereärmsten
Kapek lässt sich davon nicht beeindrucken: „Die CDU bekennt sich zwar sehr
gerne und immer wieder zum Ausbau der U-Bahn.“ Wenn es konkret werde, mache
sie aber einen Rückzieher. Auch der geplante Ausbau der Straßenbahn
zwischen Rathaus Spandau und Urban Tech Republic (UTC) – einem
Technologiepark, der auf dem ehemaligen Flughafen Tegel entstehen soll –
wurde gestoppt.
Das erhöht den Unmut der Grünen: „Wir sehen enormes Potenzial für den
Ausbau der Tram, der eine Lösung für das Spandauer Stau-Problem bietet“, so
Kapek. Ihr Parteifreund Konrad Hickel sieht die Straßenbahn zudem als das
barriereärmste Verkehrsmittel: „Ich sitze im Rollstuhl, und in die
Straßenbahn kann ich ohne fremde Hilfe einsteigen“, sagt er. „Im Bus bin
ich immer darauf angewiesen, dass der Fahrer mir eine Rampe auslegt. Das
schränkt meine Selbstständigkeit und Unabhängigkeit ein.“
Stadtrat Schatz hält eine Tram in Spandau für unrealistisch: „Die
Straßenbahn käme hier in einem eng verdichteten Straßennetz an.“ Nur wo die
Straßenbahn in einem eigenen Gleisbett fahre, habe sie einen Vorteil
gegenüber der Straße und auch Bussen. In Spandau sähen die Planungen aber
vor, dass sie sich auf mindestens 85 Prozent der Gesamtstrecke die Straße
mit den Autos teile.
## 880 Millionen für die Siemensbahn
Während über all das diskutiert wird, ist Ende Juni die Reaktivierung der
Siemensbahn angelaufen. Die seit 1980 stillgelegte S-Bahn-Strecke soll
wieder in Betrieb genommen werden und vom Bahnhof Jungfernheide über die
Stationen Wernerwerk, Siemensstadt, Gartenfeld und Daumstraße bis nach
Hakenfelde führen. Schon für Dezember 2029 ist die Eröffnung geplant. Bis
Gartenfeld kann auf bestehende Anlagen zugegriffen werden, darüber hinaus
muss neu gebaut werden.
Diese Verlängerung hält Konrad Hickel für wünschenswert, aber
unrealistisch. Die Kosten von Planung und Bau seien so hoch, dass sie das
Projekt auf unabsehbare Zeit verzögern würden. Hickel verweist auf die S21,
die eine weitere Nord-Süd-Verbindung in der Innenstadt schaffen soll: Der
Bau des ersten Teilabschnitts vom S-Bahn-Nordring zum Hauptbahnhof dauerte
ganze 16 Jahre. Zwei zweitere Bauabschnitte stehen noch aus, mit der
Fertigstellung ist frühestens in den 2040er Jahren zu rechnen.
Bei der CDU freut man sich über die Reaktivierung der Siemensbahn: „Im
Spandauer Norden sind knapp 20.000 Wohnungen entstanden oder noch im
Entstehen“, sagt Schatz. „Das sind mal so eben 40.000 bis 50.000 Leute, die
aktuell im Wesentlichen den Bus oder das Auto nutzen.“ Die Verlängerung ab
Gartenfeld hält er für unabdingbar: „Da darf die Frage eigentlich nicht
mehr sein, ob wir es machen, sondern nur noch, wie schnell.“ Das dürfe dann
auch etwas kosten.
Laut einem Sprecher der Deutschen Bahn (DB) soll die Reaktivierung der
Siemensbahn nach aktuellem Stand rund 880 Millionen Euro kosten. Das
Projekt wird vom Land im Rahmen des Programms „i2030“ und durch
Bundesmittel finanziert. Antje Kapek findet, dass auch die DB sich an den
Kosten beteiligen solle: „Insbesondere die Verlängerung ab Gartenfeld ist
eine wertvolle Ergänzung, um Siemensstadt Square, Sonnengärten, Gartenfeld,
die Waterkant und Spandau insgesamt einen weiteren schienengebunden
ÖPNV-Anschluss zu ermöglichen.“
Bei der Instandsetzung des bestehenden Stahlviadukts werden aktuell mehrere
Verfahren auf ihre Wirksamkeit getestet. „Da es sich um ein
denkmalgeschütztes Bauwerk handelt, werden die zuständigen
Denkmalschutzbehörden in die Entscheidungsprozesse eingebunden“, so der
DB-Sprecher. Der eigentliche Baustart für die Arbeiten ist zurzeit für das
kommende Frühjahr vorgesehen. Die Fahrzeit von Siemensstadt zum
Hauptbahnhof soll sich nach der Inbetriebnahme auf etwa 15 Minuten
verkürzen.
Die Planung und Umsetzung all dieser Projekte wird noch Jahre dauern. Etwas
früher könnte sich eventuell etwas auf dem Wasser tun. „Mein Lieblingsthema
ist das Wassertaxi“, sagt Thorsten Schatz mit leuchtenden Augen. Angedacht
sei eine BVG-Fähre auf der Havel, die vom Rathaus Spandau nach Norden führe
und so die Spandauer Altstadt mit dem Ortsteil Haselhorst verbinde. Die
Entscheidung darüber liegt aktuell bei der Senatsverkehrsverwaltung.
10 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.tagesspiegel.de/berlin/bezirke/berliner-mobilitat-im-stimmungstest-die-radwege-sind-eine-katastrophe-15563012.html
(DIR) [2] /10-Jahre-Alternativer-Mieterschutzbund/!6032197
(DIR) [3] https://www.berlin.de/sen/uvk/mobilitaet-und-verkehr/verkehrsplanung/oeffentlicher-personennahverkehr/nahverkehrsplan/
(DIR) [4] /Verkehrsverbund-Berlin-Brandenburg/!5996297
(DIR) [5] /Verlaengerung-der-U7-nach-Spandau/!6166480
## AUTOREN
(DIR) Anna Simbürger
## TAGS
(DIR) Berliner Bezirke vor der Wahl
(DIR) Spandau
(DIR) Öffentlicher Nahverkehr
(DIR) S-Bahn
(DIR) Berliner Bezirke vor der Wahl
(DIR) Berliner Bezirke vor der Wahl
(DIR) Berliner Bezirke vor der Wahl
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Charlottenburg-Wilmersdorf vor der Wahl: Keine heile Welt
Sieht reich aus, ist aber auch prekär: In Charlottenburg-Wilmersdorf
kämpfen Jung und Alt wie anderswo mit Wohnungsnot und Einsamkeit.
(DIR) Tempelhof-Schöneberg vor der Wahl: Wo die Ratten Samba tanzen
Großstadt und Dorf zugleich: Tempelhof-Schöneberg ist ein vielfältiger
Bezirk. Im Norden feiern die Queeren, im Süden hetzen Senioren gegen
Ausländer.
(DIR) Treptow-Köpenick vor der Wahl: Alles am Fluss
In Treptow-Köpenick wecken Natur und Freiraum Begehrlichkeiten für
Bauprojekte. Junge Menschen kämpfen dafür, dass die Subkultur nicht zu kurz
kommt.