# taz.de -- Wichtiges Klimaschutzinstrument: EU-Kommission will Emissionshandel schwächen
> Die EU-Kommission will auf Druck von Teilen der Industrie die
> CO2-Bepreisung schwächen. Klimaschützer üben Kritik – genauso wie die
> Chemie-Lobby.
(IMG) Bild: Die EU-Kommission will die Stahl-, Chemie- und Betonindustrie entlasten
Die EU-Kommission will das wirksamste Klimaschutzinstrument der EU
schwächen und so die Schwerindustrie entlasten: Die Regeln des
EU-Emissionshandels (ETS) sollen aufgeweicht werden. Vorangegangen war eine
monatelange Lobbykampagne, angeführt von der Chemie-Industrie.
„Ohne den ETS würden wir noch hunderte Milliarden Kubikmeter Gas mehr
verbrauchen und wären noch anfälliger“, sagte EU-Klimakommissar Wopke
Hoekstra. Die ETS-Reform bestehe aus drei Säulen: „nachhaltige, ehrgeizige
Klimaschutz-Maßnahmen, viel mehr Wettbewerbsfähigkeit und Anschub für die
Energie-Unabhängigkeit“. Die Maßnahmen könnten ein „Motor für Investitionen
und die Wiederindustrialisierung Europas sein“, so der Niederländer.
Anders sieht das Michael Bloss, Europa-Abgeordneter der Grünen. „Die Pläne
der EU-Kommission sorgen für gigantische Klimaverschmutzung und erlauben so
viele zusätzliche Emissionen, wie Deutschland in knapp vier Jahren
ausstößt“, sagte er. „[1][Wer im Hitzesommer den Klimaschutz schwächt], hat
die Zeichen der Zeit nicht erkannt.“
Im ETS müssen Unternehmen der Wirtschaftssektoren Industrie und
Energiewirtschaft ein Zertifikat kaufen, wenn sie eine Tonne CO₂ ausstoßen
wollen. Das soll sie dazu bringen, in klimafreundliche Technologien zu
investieren. Unter anderem durch den ETS sind die EU-weiten CO₂-Emissionen
in den ETS-Sektoren seit Einführung 2005 [2][laut Umweltbundesamt] um 51
Prozent gesunken.
## Die Industrie ist gespalten
Die Zahl der CO₂-Zertifikate sinkt Jahr für Jahr, entsprechend steigt der
CO₂-Preis, wenn auch mit Schwankungen. Derzeit liegt er bei etwa 78 Euro
pro Tonne CO₂. Lange betraf der ETS vor allem die Stromerzeuger.
Industrieunternehmen erhielten kostenlose Zertifikate, um im
internationalen Wettbewerb nicht zu verlieren – schließlich müssen Firmen
außerhalb der EU keinen oder einen deutlich geringeren CO₂-Preis zahlen und
könnten so ihre klimaschädlicheren Produkte zu billigeren Preisen
verkaufen.
Weil die EU aber schrittweise eine Art CO₂-Zoll einführt, den Carbon Border
Adjustment Mechanism CBAM, sollten immer weniger dieser kostenlosen
CO₂-Zertifikate zugeteilt werden. CBAM ist allerdings löchrig und hilft
nicht beim Preiskampf um Exporte ins außereuropäische Ausland.
Das Abschmelzen der Zuteilungen will die EU-Kommission nun strecken: Statt
2034 soll 2038 das letzte kostenlose Zertifikat vergeben werden. Darüber
hinaus will die Kommission bis 2030 mehr kostenlose Zertifikate zuteilen, 6
Milliarden Euro sollen sie wert sein.
So will die Kommission die Stahl-, Chemie- und Betonindustrie entlasten –
die Branche ist allerdings gespalten. Länger kostenlose Zertifikate zu
erhalten war eine der zentralen Forderungen der Chemie-Industrie. Der
Lobbyverband CEFIC hatte [3][dem Recherchemedium Correctiv zufolge]
monatelang bei der EU-Kommission und beim Bundeswirtschaftsministerium für
eine Schwächung des ETS geworben. Maßgeblich vorangetrieben habe die
Kampagne BASF-Chef Markus Kamieth.
## Germanwatch: „Fossile Geschäftsmodelle werden belohnt“
Für einen starken ETS warben dagegen Unternehmen, die bereits viel Geld in
die Transformation hin zur Klimaneutralität gesteckt hatten. Die
Stahlproduzenten Salzgitter und Saarstahl sprachen sich wiederholt gegen
eine drastische Schwächung des ETS aus. Der Aktienkurs vom Betonhersteller
Heidelberg Materials, [4][der in CO₂-Abscheidungstechnologien investiert],
ist um ein Viertel eingebrochen, seit die Zeichen auf Schwächung stehen.
„Wer Milliarden in klimaneutrale Produktion investiert hat, wird im Regen
stehen gelassen – wer taktiert und auf fossile Geschäftsmodelle gesetzt
hat, wird belohnt“, kritisiert Felix Gill, Industrie-Experte bei
Germanwatch. „Europa verpasst so die Chance, neue Zukunftsbranchen im
Bereich Green Tech hier zu verankern.“
Aber auch die Chemie-Industrie ist nicht glücklich: „Wenn die Politik die
CO₂-Kosten drastisch nach oben treibt, bevor Unternehmen überhaupt die
Chance haben, in neue, grüne Verfahren zu investieren, entzieht sie unserer
Industrie systematisch den Boden unter den Füßen“, sagt Wolfgang Große
Entrup, Hauptgeschäftsführer des Chemielobbyverbands VCI.
Den VCI ärgert, dass die EU-Kommission Bedingungen für die Verlängerung der
kostenlosen Zertifikate aufstellt: Im Gegenzug müssen die Unternehmen ab
2031 die eingesparten Summen in klimafreundliche Investitionen in Europa
stecken. „Die Politik hat Investitionen zu ermöglichen – nicht zu
verordnen“, beschwert sich Große Entrup.
## EU-Kommission will CO2-Ausstoß länger erlauben
„Man muss abwarten, wie viel Bürokratie und wie viele tatsächliche
Investitionen das generieren wird“, sagt Georg Zachmann von der Brüsseler
Denkfabrik Bruegel. „Ich bin etwas skeptisch, ob sich diese gut gedachte
Idee in der Praxis bewähren wird.“
Vernichtend fällt das Urteil des Grünen Bloss aus: „Gerade die
Chemie-Industrie ist in den letzten Jahren durch die Abhängigkeit von
teuren Gas- und Ölimporten in Schieflage geraten“, sagte er. „Diese Misere
weiter zu verlängern, ist keine Lösung.“ Stattdessen sollten die
Unternehmen mit Milliarden für konkrete Investitionen statt
Gratiszertifikaten bei der Transformation unterstützt werden, fordert er.
Die EU-Kommission schlägt neben der Fortführung der kostenlosen Zertifikate
vor, außerdem die Zahl der CO₂-Zertifikate im Emissionshandel langsamer zu
verringern als bisher geplant. Die Zahl der neuen Zertifikate, die
versteigert werden, sinkt derzeit jedes Jahr um 4,3 Prozent. Ab 2031 sollen
es nur noch 3,7 Prozent weniger sein, ab 2036 1,7 Prozent. Ab 2036 will die
Kommission darüber hinaus erlauben, zwei Prozent der CO₂-Zertifikate aus
Klimaschutzprojekten außerhalb der EU anzurechnen.
Berechnungen zufolge würden beim bisherigen Verringerungstempo schon 2039
keine neuen CO₂-Zertifikate mehr versteigert werden. Für Unternehmen, die
keine CO₂-Zertifikate auf Lager haben, würde das ein faktisches
CO₂-Ausstoßverbot bedeuten, obwohl die EU als Ganzes erst 2050 klimaneutral
sein will.
## Privatjets sollen auch für ihren CO₂-Ausstoß zahlen
Weil die EU-Kommission den ETS weicher gestaltet, müsse in den anderen
Sektoren nun noch deutlich mehr passieren, sagt Bruegel-Experte Zachmann
der taz. „Dort wurden aber bisher viel weniger CO₂-Emissionen eingespart,
und ich sehe derzeit nicht den politischen Willen, entsprechend
ambitionierter zu werden.“ Während in Industrie und Stromwirtschaft seit
1990 der CO₂-Ausstoß um mehr als die Hälfte sank, gingen die Emissionen von
Gebäuden und Verkehr bislang nur um etwa ein Viertel zurück.
„Es wäre besser gewesen, der Kommissionsvorschlag würde den ETS weniger
verwässern, schließlich werden einige Mitgliedsstaaten versuchen, die
Ambition eher noch weiter runterzuverhandeln“, fürchtet Zachmann.
Neben den drastischen Reformen des ETS als Ganzem will die EU-Kommission
auch kleinere Änderungen vornehmen. Das gilt beispielsweise für Airlines.
Die müssen bisher ebenfalls am ETS teilnehmen, allerdings nur für Flüge,
die innerhalb des Europäischen Wirtschaftsraums sowie der Schweiz und
Großbritannien starten und landen. Künftig sollen auch mehr
Langstreckenflüge mit dem europäischen CO₂-Preis belegt werden. So sollen
etwa große Drehkreuze rund um Europa wie Istanbul und Dubai einbezogen
werden. Auch für die Nutzung von Privatjets bittet die EU künftig zur
CO₂-Kasse.
Die EU-Kommission will außerdem die Mitgliedsstaaten dazu zwingen, die
Hälfte der Einnahmen aus der CO₂-Bepreisung in die Dekarbonisierung zu
stecken. Bislang sind es der Kommission zufolge EU-weit nur etwa 10
Prozent. Die Bundesregierung hatte vor Kurzem angekündigt, [5][2,7
Milliarden Euro dieser Einnahmen für die Sanierung des Kernhaushalts
verwenden zu wollen].
17 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Toedliche-Hitzewelle/!6195046
(DIR) [2] https://www.umweltbundesamt.de/presse/pressemitteilungen/europaeischer-emissionshandel-deutsche-emissionen
(DIR) [3] https://correctiv.org/aktuelles/lobbyismus/2026/07/06/emissonshandel-chemie-lobby-attackiert-klimaschutz/
(DIR) [4] /CCS-Technologie/!6102070
(DIR) [5] /Bundesregierung-will-Einschnitte-beim-Klima-Fond/!6196189
## AUTOREN
(DIR) Jonas Waack
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