# taz.de -- Science-Fiction aus dem Cyberraum: Ein Blick in die Zukunft
       
       > Kann Science-Fiction die Instabilität von Realität ästhetisch erfahrbar
       > machen? Alexander Dobrindt und Boris Pistorius als heimliche Avantgarde.
       
 (IMG) Bild: Hier entsteht Literatur: Blick in ein Büro der Cyberagentur des Bundes in Halle
       
       Auch wenn die Tragetaschentheorie von Ursula K. Le Guin seit Jahren hoch
       und runter zitiert wird und es im internationalen Literatur-Diskurs längst
       anders aussieht: Science-Fiction und spekulative Zukunfts-Fiktionen haben
       es schwer in Deutschland.
       
       Da wird einerseits stark getrennt zwischen Genre- und Hochliteratur. Da
       erscheinen in weichgespülten Verlagsprogrammen dann aber in der Hauptsache
       doch nur Bücher von alten Bekannten oder Personen, die Literatur als
       weiteren Baustein ihrer Content-Strategie sehen.
       
       Für den Blick in die Zukunft, für feinmaschiges Worldbuilding ist zwischen
       snackable Geschichtchen oft nicht genug Platz. Altmeister Philip K. Dick
       sagte aber sinngemäß, dass gerade Science-Fiction die Instabilität von
       Realität ästhetisch erfahrbar machen könne.
       
       Das sehen Autor:innen wie Joshua Groß, Hendrik Otremba, Philipp
       Schönthaler, Sophie Stein vermutlich ähnlich. Ein paar wenige
       zeitgenössische Schriftsteller:innen, das war’s dann auch. Oder?Beim
       schnellen Blick in Online-Stellenausschreibungsportale zeigt sich dann doch
       etwas Unerwartetes: Der deutsche Staat, das Innen- und das
       Verteidigungsministerium, Alexander Dobrindt (CDU) und Boris Pistorius
       (SPD) glauben mehr an das Potenzial von Science-Fiction als die deutsche
       Verlagslandschaft!
       
       ## Cyberagentur sucht Projekt-Autor
       
       Ja, wirklich, denn aktuell schreibt die Cyberagentur, offizieller „Baustein
       der Bundesregierung zum Schutz der Bürgerinnen und Bürger im Cyberraum“ und
       dem Innen- und Verteidigungsministerium zugeordnet, eine Stelle aus. Und
       das schon zum zweiten Mal: Projekt-Autor für einen Science-Roman (m/w/d).
       Zwölf Monate Festanstellung, Bezahlung nach dem Tarifvertrag für den
       öffentlichen Dienst. 30 Tage Urlaub, Zuschuss zum Jobticket. Sogar ein
       „Betriebliches Gesundheitsmanagement“ gibt’s.
       
       Dieser Job ist, zumindest was die Bedingungen angeht, das fundamentale
       Gegenteil zum bis auf Ausnahmen eher prekären Schriftsteller:innen-Dasein.
       Von dem also, was zum Beispiel in der Anthologie „Brotjobs und Literatur“
       erzählt wird, die im Verbrecher Verlag erschienen ist.
       
       Und es wird noch besser: Es gebe, schreibt die Cyberagentur, exklusiven
       Zugang zu Forschungsszenarien und Experten. Das Unternehmen arbeite an der
       Mensch-Maschine-Interaktion, an autonomen intelligenten Systemen.
       
       Ziel sei es, disruptive Forschungsthemen der Cyberagentur mit einem
       Zeithorizont von 10 bis 15 Jahren in narrative Formen zu überführen.
       Veröffentlicht werden soll der Roman dann in einem „renommierten Verlag im
       Bereich Science-Fiction“.
       
       ## Vordenker der „Kryptokalypse“
       
       Schon im letzten Jahr wurde die Stelle besetzt; mit einem Autor, der auch
       als Kommunikationsberater und Werbetexter arbeitet. Das Buch sei fertig,
       schreibt die Cyberagentur auf Anfrage. Es ginge um die „Kryptokalypse“.
       Heißt: um den Zusammenbruch von Verschlüsselungstechnologien – und
       Möglichkeiten, das zu verhindern, wofür die Cyberagentur ja auch da ist.
       
       Einige Auszüge eines zugehörigen Hörbuchs sind bereits online; und es
       scheint ein recht vorhersehbarer, handwerklich gut gemachter Text geworden
       zu sein. Dass die Cyberagentur keine Nobelpreisträger-Manufaktur ist, schon
       klar. Aber warum eigentlich Science-Fiction?
       
       Der Sprecher der Cyberagentur sagt, dass schon Unternehmen wie Audi oder
       SAP das Genre nutzten, aber bisher keine Bundesbehörde. Fiktion ermögliche
       es, sagt er, technologische Entwicklungen und ihre möglichen
       gesellschaftlichen Folgen in einem konkreten Szenario zu untersuchen.
       
       Im aktuellen von der Cyberagentur bezahlten Roman geht es deswegen um
       Quantencomputing und Kryptologie. „Bürgerinnen und Bürger nutzen
       kryptologische Verfahren dutzend- bis hundertfach täglich: beim Aufrufen
       von Webseiten, beim Onlinebanking, bei jeder verschlüsselten Nachricht“,
       sagt der Sprecher.
       
       Die Lücke zwischen gesellschaftlicher Relevanz und öffentlichem Bewusstsein
       sei enorm. Der aktuelle Roman, für den momentan noch ein Verlag gesucht
       wird, solle sie schließen.
       
       ## Freies Worldbuilding?
       
       Stellt sich nur die Frage: Wie frei ist man in diesem Schlaraffenland der
       Informationen am Ende in seinem Worldbuilding und seiner
       schriftstellerischen Arbeit? Oder hat die in einem Deutschland, in dem
       Verteidigungsminister Pistorius zunehmend Rüstungsfabriken besucht und in
       dem Innenminister Dobrindt sich für mehr Überwachungsmaßnahmen ausspricht
       und Geheimdienste mit mehr Befugnissen ausstatten will, ihre Grenzen?
       
       Anders gefragt: Darf man als quasi Betriebskünstler:in der Cyberagentur
       und damit in Abhängigkeit von diesen beiden Herren stehend überhaupt so was
       äußern wie Kritik? Und wie dystopisch darf das Ganze werden? Oder wie
       utopisch? Wäre es beispielsweise möglich, dass wie in Marius Goldhorns „Die
       Prozesse“ als Reaktion auf die politischen Verhältnisse eine Art utopische
       Räterepublik entsteht, in der es den Menschen besser als wie im
       Kapitalismus geht?
       
       Fragen über Fragen, denn das, was in Deutschland politisch zu beobachten
       ist, sind ja gerade, frei nach Dick, Anzeichen einer Instabilität unserer
       (demokratischen) Realität. Diesen Umstand ästhetisch erfahrbar machen?
       Unbedingt!
       
       Ob Gelder von Akteuren, die das, was auch in der Science-Fiction lange als
       dystopisch galt, vorantreiben, die beste Grundlage dafür sind, wird sich
       zeigen. Denn auch wenn die Cyberagentur für die digitale Souveränität
       Deutschlands steht, heißt das eben auch: Sie beschäftigt sich neben dem
       Schutz vor Scammern und Hackern auch mit militärischen Fragen, etwa mit dem
       Thema „Unbemannte Systeme und Robotik“.
       
       Der Sprecher der Cyberagentur bleibt in puncto Kunstfreiheit sehr vage. Die
       Ministerien seien über das Projekt informiert worden, die Verantwortung
       liege aber beim Forschungsdirektor der Agentur. „Aktuelle Tendenzen der
       Entwicklungen in Gesellschaft, Umwelt, Wirtschaft und Politik“, sagt er,
       sie würden aufgegriffen werden.
       
       Wir werden es kritisch nachlesen können. Vorausgesetzt, die Texte finden
       einen Verlag.
       
       5 Aug 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Johann Voigt
       
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