# taz.de -- Ausbeutung von Migranten in Italien: Mörderische Ernte
       
       > In Kalabrien werden vier Erntehelfer getötet. Der Landwirt, auf dessen
       > Hof sie tätig waren, kann trotzdem weiter auf fette EU-Subventionen
       > hoffen. Wie kann das sein?
       
 (IMG) Bild: Viele Migrant*innen sind in der italienischen Landwirtschaft organisierter Ausbeutung und kriminellen Strukturen ausgeliefert
       
       Das [1][Überwachungsvideo einer Tankstelle im süditalienischen Amendolara]
       dauert nur wenige Sekunden. Zwei Männer gehen um einen Minivan herum. Einer
       drückt von außen gegen die Türen, hält sie zu. Das Auto wackelt. Aus dem
       Inneren steigt Rauch auf. Dann bricht die Aufnahme ab.
       
       Als die Feuerwehr den Wagen am 2. Juni erreicht, findet sie darin vier
       Leichen. Die Toten sind Erntehelfer aus Afghanistan und Pakistan, zwischen
       19 und 29 Jahre alt. Ihre mutmaßlichen Mörder: Arbeitsvermittler.
       
       Ein Mann überlebt. Er heißt Taj Mohammad Alamyar und kommt aus Afghanistan.
       Sein Boss habe Benzin im Wagen vergossen, nach einem Streit über
       unbezahlten Lohn. Dann habe er den Wagen angezündet. Alamyar sagt, er habe
       den Kofferraum aufgestemmt und sei geflohen. Zuvor seien er und die anderen
       Arbeiter mit einem Messer bedroht worden, [2][um sie zur unbezahlten Arbeit
       zu zwingen]. Die Tatverdächtigen gehörten zu einem „Mafianetzwerk“, das
       Arbeitskräfte für die Gewächshäuser und Obstplantagen Kalabriens
       [3][anwerbe und ausbeute].
       
       Das Überwachungsvideo macht sichtbar, was auf Europas Feldern meist im
       Verborgenen bleibt: die Gewalt, die ein System billiger Erntearbeit
       zusammenhält.
       
       ## Hunderttausende Euro EU-Fördermittel
       
       Während die Ermittler den Fall aufarbeiten, lässt sich eines bereits
       nachvollziehen: [4][Der Betrieb], [5][auf dessen Feldern die Männer
       arbeiteten], erhält jedes Jahr hohe EU-Agrarsubventionen. Dem italienischen
       Transparenzregister zufolge flossen 2024 mehr als 200.000 Euro an Tenute
       Zuccarella. Im Jahr darauf stieg die Fördersumme auf rund 680.000 Euro.
       Innerhalb von nur zwei Jahren erhielt das Unternehmen damit fast 900.000
       Euro an Steuergeldern aus der Kasse der EU.
       
       Tenute Zuccarella gilt als Aushängeschild der lokalen Landwirtschaft. Das
       Unternehmen bewirtschaftet rund 300 Hektar Land und produziert in hoch
       technisierten Gewächshäusern Erdbeeren, Mangos und Avocados. Nach
       Unternehmensangaben liegt der Jahresumsatz bei rund 15 Millionen Euro.
       
       Unternehmenschef Rocco Zuccarella erklärt gegenüber der italienischen
       Zeitung Il Post zwar, dass er ein Unternehmen beauftragt habe, für die
       Ernte migrantische Arbeitskräfte einzustellen. Ob in seinem Betrieb aber
       Vermittler, in Italien caporali genannt, tätig seien, wisse er nicht. Der
       Zeitung La Repubblica gegenüber erklärte er zudem: „Wir haben per
       Banküberweisung bezahlt; wir sind diesen Migranten nie persönlich
       begegnet.“
       
       Laut Zuccarella hätten die Opfer jeweils 350 Euro für fünf Arbeitstage mit
       täglich sechseinhalb Stunden Arbeit erhalten – „einschließlich Pausen zum
       Ausruhen, Essen und Toilettengang“. Die taz konnte diese Angaben nicht
       überprüfen. Sie widersprechen aber Aussagen des Überlebenden Taj Mohammad
       Alamyar, der gegenüber der Polizei angegeben hat, ihm seien 45 Euro am Tag
       in bar versprochen worden. Seine ermordeten Kollegen und er hätten jedoch
       [6][seit dem 20. April] [7][keinen Lohn mehr erhalten].
       
       Die taz hat Tenute Zuccarella um Stellungnahme zu den Vorwürfen und
       Widersprüchen gebeten, aber keine Antwort erhalten.
       
       Immer wieder kommt es auf europäischen Feldern zu eklatanten Verstößen
       gegen das Arbeitsrecht – [8][Subventionen fließen jedoch weiterhin]. Mehr
       als 50 Milliarden Euro Fördergelder gießt die Europäische Union im Rahmen
       ihrer Gemeinsamen Agrarpolitik jährlich in die europäische Landwirtschaft.
       
       Davon profitieren auch Betriebe, auf deren Feldern nachweislich gegen das
       Arbeitsrecht verstoßen wurde, gegen die Strafverfahren laufen oder die
       bereits wegen Verstößen verurteilt wurden. Das hat 2025 eine internationale
       Recherche von [9][taz], [10][FragDenStaat], [11][DeSmog], [12][El Salto],
       [13][L’Humanité], [14][L’Espresso] und P[15][rofil] herausgefunden.
       
       Eigentlich hatte die EU erst vor wenigen Jahren [16][ein Instrument
       geschaffen], um genau solche Zahlungen zu unterbinden und Betriebe zu
       sanktionieren, die sich nicht an Sozialstandards halten: die sogenannte
       soziale Konditionalität. Die Morde von Amendolara zeigen, dass dieses
       System nicht funktioniert.
       
       Einer der vielen Gründe dafür ist die Art, wie landwirtschaftliche Arbeit
       organisiert ist. In vielen Fällen stellen Betriebe Erntehelfer nicht selbst
       ein, sondern nutzen Vermittler. Diese Unternehmen oder Einzelpersonen
       organisieren die Arbeitskräfte, bringen sie auf die Felder und sind oft
       auch für Löhne und Arbeitsbedingungen zuständig. In Italien heißt dieses
       System caporalato und steht häufig im Zusammenhang mit organisierter
       Ausbeutung und kriminellen Strukturen.
       
       So entsteht eine strukturelle Lücke: Der formale Empfänger der Subventionen
       ist der landwirtschaftliche Betrieb, der konkrete Verstoß wird aber häufig
       bei einem Vermittler, einem Partner- oder Tochterunternehmen verortet.
       Selbst in tödlichen Fällen wie in Amendolara ist damit nicht klar, ob und
       gegen wen Sanktionen greifen.
       
       „Für den Arbeits- und Gesundheitsschutz ist der Eigentümer des Feldes
       verantwortlich. Die Vorschriften zum Arbeitsschutz gelten in jedem Fall –
       auch dann, wenn der Landwirt die Beschäftigten nicht direkt angestellt
       hat“, sagt Enrico Somaglia, Generalsekretär des europäischen
       Gewerkschaftsverbands EFFAT, der taz.
       
       Seine Gewerkschaft arbeite daran, verbindliche Vorschriften für
       Subunternehmer und Arbeitsvermittler einzuführen. Es sei wichtig, die
       soziale Konditionalität in der Gemeinsamen Agrarpolitik zu stärken und auch
       auf Erzeugergemeinschaften anzuwenden. Sie steht jedoch massiv unter Druck.
       „Eine Reihe von Ländern, angeführt von Deutschland, versucht, sie
       abzuschaffen – das ist beschämend“, sagt Somaglia.
       
       Die Morde lösten in Italien öffentliche Empörung aus. Ministerpräsidentin
       Giorgia Meloni verurteilte sie als „grauenhaft“ und kündigte an, die
       Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Italiens größter
       Gewerkschaftsbund CGIL sprach von einem Akt „unsäglichen Horrors“. Und der
       italienische Landwirtschaftsminister Francesco Lollobrigida erklärte: „Es
       darf in Italien keinen Ort geben, an dem Menschenleben als Wegwerfobjekte
       betrachtet werden oder an dem gar entschieden wird, wer leben oder sterben
       darf.“
       
       Ausgerechnet mit Lollobrigida ließ sich Rocco Zuccarella wenige Monate
       zuvor auf der Berliner Fachmesse Fruit Logistica fotografieren. Sie ist
       weltweit die größte Fachmesse für den Obst- und Gemüsesektor. Das
       Unternehmen präsentiert sich hier als Aushängeschild der Erdbeerproduzenten
       der Region. Das Foto wurde von Zuccarella auf Facebook geteilt.
       
       Mittlerweile ist das Profil deaktiviert. Nach Deutschland hat Tenute
       Zuccarella seine Erdbeeren aber offenbar nicht verkauft, zumindest nicht im
       vergangenen Jahr. Alle großen deutschen Supermarktketten geben auf
       taz-Anfrage an, in diesem Zeitraum keine Produkte von Tenute Zuccarella
       bezogen zu haben.
       
       ## Vorerst offenbar keine Konsequenzen
       
       Die mutmaßlichen Täter wurden mittlerweile verhaftet. Die
       Staatsanwaltschaft Castrovillari prüft derzeit, ob hinter den
       Arbeitsverhältnissen auf den örtlichen Feldern ein Netzwerk von caporali
       steht. Außerdem wird ermittelt, ob auch die kalabrische ’Ndrangheta oder
       andere [17][organisierte kriminelle Gruppen] [18][in die Ausbeutung der
       Arbeitskräfte involviert sind]. Für Tenute Zuccarella jedoch scheint es
       vorerst keine Konsequenzen zu geben.
       
       Und möglicherweise wird das auch so bleiben: Das Unternehmen ist Global
       G.A.P.-zertifiziert. Das Siegel gehört zu den wichtigsten im
       internationalen Obst- und Gemüsehandel. Es soll Händlern und Supermärkten
       bestätigen, dass ein Betrieb bestimmte Anforderungen erfüllt, etwa die der
       Lebensmittelsicherheit, der Rückverfolgbarkeit und der Arbeitsbedingungen.
       
       In der Global G.A.P.-Datenbank hat sich der Eintrag des Unternehmens nach
       den Morden nicht verändert. Nach aktuellem Stand läuft das Zertifikat von
       Tenute Zuccarella dort 2027 aus. Die taz hat Global G.A.P. gefragt, ob die
       Vorfälle Anlass für eine Überprüfung seien. Eine Antwort blieb aus.
       
       4 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/shorts/TuQbygYS5oQ
 (DIR) [2] https://en.ilsole24ore.com/art/amendolara-verbal-massacre-they-wanted-to-kill-us-because-we-had-asked-for-a-contract-AIH6iCUD?refresh_ce=1
 (DIR) [3] https://www.rainews.it/tgr/calabria/articoli/2026/06/abbiamo-visto-lorrore-siamo-vivi-per-miracolo-0f9a72e5-9d8e-4a6e-9ff0-619b13386e92.html
 (DIR) [4] https://www.ilpost.it/2026/06/04/in-che-condizioni-vivevano-e-lavoravano-i-braccianti-bruciati-vivi-in-calabria/
 (DIR) [5] https://www.repubblica.it/cronaca/2026/06/04/news/strage_braccianti_amendolara_azienda_delle_fragole_zuccarella_pagavamo_con_bonifici_i_migranti-425388133/amp/
 (DIR) [6] https://www.reuters.com/world/asia-pacific/deadly-attack-migrants-highlights-issue-labour-abuse-italy-2026-06-03/
 (DIR) [7] https://en.ilsole24ore.com/art/amendolara-verbal-massacre-they-wanted-to-kill-us-because-we-had-asked-for-a-contract-AIH6iCUD
 (DIR) [8] /Saisonarbeit/!6115004
 (DIR) [9] /EU-Agrarsubventionen/!6015483
 (DIR) [10] https://fragdenstaat.de/artikel/exklusiv/2025/10/millionen-zuschusse-fur-ausbeuter/
 (DIR) [11] https://www.desmog.com/2025/09/29/revealed-eu-farm-subsidy-bankrolls-widespread-labour-abuse/
 (DIR) [12] https://www.elsaltodiario.com/explotacion-laboral/investigados-explotacion-laboral-millones-euros-pac
 (DIR) [13] https://www.humanite.fr/agriculture-comment-la-pac-finance-lexploitation-des-travailleurs-dans-lunion-europeenne
 (DIR) [14] https://lespresso.it/c/attualita/2025/10/8/sfruttamento-braccianti-puglia-caporalato-inchiesta-ue/57459
 (DIR) [15] https://www.profil.at/warum-ausbeutung-in-oesterreichs-landwirtschaft-kaum-bestraft-wird/403087579
 (DIR) [16] https://agriculture.ec.europa.eu/cap-my-country/cap-strategic-plans_en
 (DIR) [17] https://www.ansa.it/sito/notizie/cronaca/2026/06/03/caporalato-o-guerra-dei-campi-dietro-la-strage-dei-braccianti_460c79bf-9ae4-4a52-bc0b-d46d05eb8048.html?utm_source=chatgpt.com
 (DIR) [18] https://ildispaccio.it/calabria/cosenza/2026/06/03/strage-di-amendolara-indagini-a-tutto-campo-dal-caporalato-alle-faide-per-il-controllo-della-manodopera/?utm_source=chatgpt.com
       
       ## AUTOREN
       
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 (DIR) Simon Guichard
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