# taz.de -- Der Hausbesuch: Kulinarischer Widerstand
> Sybille und Alexander Tetsch zogen nach Proschim in der Lausitz, um dort
> ein Restaurant zu eröffnen. Es liegt am Rande einer aktiven Abraumhalde
> für Braunkohle.
(IMG) Bild: Ehepaar Tetsch im Restaurant Schmeckerlein
Das Restaurant „Schmeckerlein“ in der Lausitz nahe Senftenberg ist schwer
zu finden. Doch es existiert noch immer, obwohl es beinahe dem Untergang
geweiht war.
Draußen: Durch verschlafene Ortschaften, vorbei an wogenden Weizenfeldern
gelangt man nach Proschim – einem Dorf, das lange davon bedroht war, für
den Kohleabbau abgerissen zu werden; erst vor kurzem wurde final
entschieden, dass es nicht verschwinden muss. Kein Schild weist dort den
Weg zu dem unauffälligen, in die Jahre gekommenen Haus kurz vor der
Abraumhalde Welzow. Es ist umgeben von einem Garten mit sommerlichem
Blütenmeer und Ornamenten aus Gusseisen, eine Reminiszenz an die
industrielle Geschichte der Region. Auf den Blütenkelchen surrt und wimmelt
es von Insekten. In den Kräuterbeeten wachsen unter anderem Bohnenkraut und
Salbei, dahinter liegt der Gemüsegarten, in dem auch essbare Blumen stehen.
Aus dem Geräteschuppen hinterm Haus ist ein kleiner Hofladen geworden mit
„Gebrauchs-Erfreulichkeiten und Genuss-Glanzpunkten aus der Lausitz“. Der
Schweinestall wiederum wurde eine offene Sommerküche. Dort liegt Kater
Paule phlegmatisch im Schatten. Gleich gegenüber stehen Tische und Bänke.
„Wenn die Leute hier bei einem Glas Wein unter dem Sternenhimmel sitzen,
kann man ihre Entspannung sehen, ihre Zufriedenheit. Die Leute sind
wirklich berührt hier“, sagt Alexander Tetsch.
Drinnen: Das Wohnhaus ist auch Restaurant. Im oberen Stockwerk liegen die
Privaträume, unten ist Platz für 18 Gäste. Im ersten Raum, dem sogenannten
Boutique-Restaurant verbreitet ein alter Kachelofen Gemütlichkeit, im
angrenzenden Gastraum, der Bibliothek, stehen 700 Kochbücher. Eine
Durchreiche führt vom Restaurant zur Küche. Dort ist Alexander Tetsch der
Chef. Gerichte mit fast vergessenen Schmorgemüsen, Lammhaxen oder
Kalbsbäckchen in Nougat-Jus stehen auf der wechselnden Speisekarte.
Braunkohlekind: Sybille Tetsch ist in Proschim geboren. „Ich bin mit der
Braunkohle aufgewachsen. Mein Vater hat in der Braunkohle gearbeitet. Mein
Opa hat für die Braunkohle gearbeitet. Wir haben im Tagebau gespielt. Diese
Bergleute waren die Könige in der DDR“, erzählt die 54-Jährige. Ihr
Berufswunsch war Revierförsterin, ihre DDR-Ausbildung als Forstfachfrau
wurde nach der Wende nicht anerkannt. So studierte sie in Halle
Umweltschutztechnik und zog gen Westen, ins Wendland. Tetsch hat mit
Jugendlichen gearbeitet, ein Kinderbuch und für eine lokale Zeitung
geschrieben. Bei einer Recherche traf sie Alexander. Er war damals
Umweltjournalist. Einer seiner Berufe in einer langen Reihe von Berufen.
Soldatenkind: „Ich bin ein Soldatenkind“, erzählt Alexander Tetsch, der
heute 61 Jahre alt ist. „Ich bin in den Niederlanden geboren und im
Wendland aufgewachsen. Ich glaube, ich bin über zwanzig Mal umgezogen in
meinem Leben.“ Sein erster Beruf war bei der Bundeswehr in Lüneburg als
Zeitsoldat. Dann studierte er Jura und insbesondere Wettbewerbsrecht und
internationales Recht. In einem großen Unternehmen lernte er den
Marketingbereich kennen und erkannte, dass sein eigentliches Interesse die
Kommunikation und nicht das Recht war. Ab 1997 war er bei Microsoft für den
Kundenbindungsbereich zuständig. Zunächst in Deutschland, dann in der
Konzernzentrale in den USA, später in Indien bis 2009 als Director
Marketing und Business Operations.
Karrierebruch: Der nächste Schritt wäre gewesen, dass er als
Geschäftsführer Microsoft Schweden nach Stockholm geht. „Und da habe ich
gesagt: Nein, das möchte ich nicht.“ Tetsch stieg aus und wurde
Umweltjournalist in seiner alten Heimat, dem Wendland. „Ich wollte über
dieses Unrecht, das an den Menschen und an der Natur mit den
Castortransporten in Lüchow-Dannenberg begangen wird, journalistisch
informieren. Und habe dort meine Frau kennengelernt.“
Engagement: Alexander schrieb und fotografierte nun zu Umweltthemen, vor
allem [1][zur Atomkraft]. Dafür reiste er an Orte wie [2][Tschornobyl] und
[3][Fukushima] und dokumentierte die Zerstörung nach den Atomkatastrophen.
Sybille wiederum schrieb ihr zweites Kinderbuch, das „Emmy und der Kern der
Dinge“ heißt. Geprägt hat beide der Widerstand gegen das geplante
Atommüllendlager [4][in Gorleben]. Ihre Hochzeitsreise machten sie
ebenfalls nach Tschornobyl. „Und dann hat meine Frau gesagt: Du hast über
Erdgasfracking geschrieben. über Quecksilbervergiftungen bei
Erdgasarbeitern in der DDR, über Atomenergie – jetzt fehlt noch Braunkohle
als schmutzige Energie.“
Umzug: Sie gingen in die Niederlausitz, ganz in den Südosten von
Brandenburg, mit der Idee, weiterhin über Umweltthemen Vorträge zu halten
und Bücher zu schreiben. Und im Sommer dann das Restaurant zu betreiben.
Sie kamen als Journalisten und blieben als Restaurantbesitzer. „Wir fragten
uns, wie können wir uns hier am besten mit einbringen, und haben gesagt,
wir machen den kulinarischen Widerstand.“ Der Zerstörung der Landschaft
trotzen Sybille und Alexander Tetsch mit einem kleinen, feinen Restaurant
an der Abraumhalde. Es ist Sybilles Elternhaus, sie renovierten es und
setzten das ersparte Startkapital ein.
Rechte: Tetsch ist ein verbreiteter Nachname hier in der Lausitz. Die
beiden haben ihn bewusst als Familiennamen gewählt. „Fremdes schreckt hier
ab“, sagt Sybille. Es gäbe immer diese Nörgler, diese Rechten. „Die
Jugendlichen hier, die lernen nicht Englisch, sondern schrauben an den
alten Traktoren, an ihren Mopeds rum. Die sind gar nicht weltoffen. Und da
kommt dann der Höcke von der AfD [5][auf der ][6][Simson angefahren] und
bestätigt ihre Vergangenheitsverklärung.“ Und beide erzählen Ereignisse,
die sie erschreckt haben: Bei einer Blitzbesetzung des Tagebaus kamen
„Herren mit Glatze und Lederjacke und einige hatten Baseballschläger
dabei“. Sie wollten den Demonstranten einen netten Empfang bereiten.
Scheitelträger und Glatzenträger gäbe es. „Die mit dem Hitlerscheitel sind
die Leute, die ein bisschen was in der Birne haben. Das sind dann die
Anführer. Und dahinter ist die Kohorte, das Fußvolk und all das ist
organisiert.“ Schockiert hat sie auch, als im benachbarten Ort Altdöbern
ein liebevoll als Begegnungs- und Kulturort hergerichtet altes Schützenhaus
angezündet wurde.
Kinder: „Wir wissen schon seit den 70er Jahren, wenn man sich die Zahlen
des Club of Rome anguckt, dass der Klimawandel kommt. Wir sind mittendrin“,
sagt Sybille. Sie habe vor Kurzem den Film „Das Gewicht der Welt“ gesehen,
ein Porträt über drei Klimawissenschaftler. „Und da bin ich noch mal
richtig bestätigt worden, keine Kinder zu haben“, sagt sie. „Natürlich gibt
es sentimentale Momente“, sagt Alexander. „Aber ich bereue es zu 95 Prozent
nicht, keine Kinder zu haben.“
Restaurant: „Ich komme aus einer Familie, in der Gastfreundschaft und Essen
sehr, sehr wichtig waren. Ostpreußischer Hintergrund, mein Großvater hat
Gästen zu jeder Stunde aufgetischt“, sagt Alexander. In den USA hat er im
Rahmen eines Sabbaticals eine Kochausbildung gemacht. „Wir übernehmen
Verantwortung für die Qualität unserer Lebensmittel. Das ist ein
Riesenproblem. Wo wollen Sie hier einkaufen? Wenn Sie nach Cottbus fahren,
da kriegen Sie das schlimmste Gemüse der Welt.“ Vor Ort gäbe es nicht
einmal frisches Fleisch, nur „eingeschweißte Sachen, Hauptsache billig“. So
blieben nur noch Dresden und Berlin. 150 Kilometer hin und zurück, das
bedeutete auch ein schlechtes Gewissen gegenüber der Umwelt zu haben, und
es kostet Kraft und Zeit. Ansonsten haben sie klare Arbeitsteilung: Sybille
ist für Service und Ambiente und den Garten zuständig. Alexander kocht,
macht Buchhaltung, Marketing und kümmert sich um die Kommunikation.
Credo: Wenn man eine Idee hat, dann sollte man einfach machen. Sibylle und
Alexander Tetsch wollen mit Essen an einem schönen Ort berühren. „Ich
wollte mit der Reportage aus Fukushima berühren. Ich wollte mit einem
Marketingkonzept und einer Kommunikation rund um dieses entmenschlichte
Microsoftprodukt berühren. Es ging immer darum, über Kommunikation Menschen
zu berühren“, sagt Alexander. Und er ist auch hier im Marketing
erfolgreich. Positive Berichterstattung in den Medien und Mundpropaganda
bringen ihnen die Gäste.
Zukunft: Woraus ziehen sie Zuversicht? „Das ist ganz schwer. Wir fahren
irgendwohin. Gehen essen, gehen ins Kino“, sagt Alexander. „Ohne meinen
Garten könnte ich nicht sein“, betont Sybille. „Aber wir wissen nicht, wie
sich das Wassergeld entwickeln wird, wenn wir jetzt noch weniger
Niederschläge bekommen. Ob wir das noch viele Jahre machen können, machen
wollen?“ Sie bezeichnen sich als aussterbende Fantasten, als ein
Auslaufmodell. „Und vielleicht sind wir blauäugig. Wir wissen, dass unsere
Proteste gegen Atomkraft oder gegen die Braunkohle nicht zum Abschalten der
Atomkraftwerke geführt haben oder zum Ausstieg aus der Braunkohle. Darüber
entscheiden in erster Linie wirtschaftliche Erwägungen. Aber trotzdem: Der
Widerstand war gut.“
23 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Edith Kresta
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