# taz.de -- Der Hausbesuch: „Ich habe schon tausend Leben gelebt“
       
       > Die Musikerin Etta Scollo wohnt mal in Sizilien, wo sie aufwuchs, mal in
       > Berlin. Sie vertont Poesie. Vor allem die Lyrik Mascha Kalékos hat es ihr
       > angetan.
       
 (IMG) Bild: Eine Wohnung ist nicht nur eine Wohnung, sie spiegelt die Realität eines Menschen, sagt Etta Scollo
       
       Für [1][Etta Scollo] sind Mascha Kalékos Texte hochaktuell. In der Nazizeit
       musste die jüdische Dichterin aus Deutschland emigrieren. Es macht Scollo
       wütend, dass wir gerade dabei sind, die Geschichte zu wiederholen.
       
       Draußen: Am Ende der Straße liegt der Park, den sie liebt: der
       Viktoriapark, einer der ältesten Parks Berlins, der einzige mit einem
       Wasserfall. In der Gegend gibt es Altbauten mit schmucken Fassaden,
       blühende Vorgärten, Caféterrassen und kleine Läden – Etta Scollo fühlt sich
       in ihrem Kreuzberger Kiez zu Hause. Mit dunkler Brille und Einkaufstaschen
       kommt sie die Treppen hoch zu ihrer Wohnung. Sie entschuldigt sich für die
       vielen Stufen. Am Klingelschild klebt das Bild einer lachenden [2][Maria
       Callas]. „Das bin ich nicht“, sagt Scollo, „leider!“
       
       Drinnen: In Scollos Küche hängt eine Postkarte, darauf steht der Satz: „Das
       Leben ist zu kurz für schlechten Kaffee.“ Während sie Cappuccino
       zubereitet, summt sie vor sich hin. Die Sonne fällt durchs Fenster auf die
       handbemalten Fliesen. Das Schlafzimmer liegt erhöht auf einem Podest, „wie
       auf einer Bühne“, sagt sie. Ihr Arbeitszimmer ist voller Instrumente, an
       den Wänden hängen Porträts von Neffen und Patenkindern. Ihre
       Lieblingsgitarre steht in einer Ecke.
       
       Liebe: „Don’t kill me, I’m in love“ steht im Wohnzimmer in Rot auf einem
       weißen Plakat – eine Arbeit des Konzeptkünstlers Bruno Nagel. „Das Gefühl
       der Liebe berührt mich am tiefsten“, sagt Etta Scollo. „Ich verliebe mich
       in Menschen, aber auch in Geschichten, in Lieder, in Gegenstände.“ So war
       es mit der Marmormaske der Medusa, die im Wohnzimmer auf dem Boden liegt:
       Als Scollo vor 20 Jahren mit dem Zug von Wien nach Hamburg zog, sah sie die
       hundert Jahre alte Maske auf dem Weg zum Bahnhof in einem Antiquariat und
       nahm sie mit. Und so war es auch mit einem Buch der [3][Dichterin Mascha
       Kaléko], das sie in einer kleinen Buchhandlung in Catania fand. „Das ist
       meine Bibel. Das hatte ich immer bei mir, und dann habe ich gedacht: Früher
       oder später will ich das in Musik umsetzen.“ Eine berühmte Zeile aus
       Kalékos Gedichten lautet: „Zur Heimat erkor ich mir die Liebe“.
       
       Nirgendland: Zusammen mit ihrer guten Freundin, der Schauspielerin Eva
       Mattes, bringt Etta Scollo die Worte Kalékos dem Publikum näher. Mattes
       liest vor, Scollo singt mit ihrer melancholisch tiefen Stimme.
       „Nirgendland“ haben sie ihre Hommage an Mascha Kaléko genannt. Das Gedicht,
       aus dem das Wort stammt, heißt eigentlich „Kein Kinderlied“. „Wohin ich
       reise, ich komme nach Nirgendland. Ich fahre nach Nirgendland“, zitiert
       Scollo. Das habe viel mit ihr zu tun: „Überall zu sein und nirgendwo,
       mehrere Heimaten zu haben und gleichzeitig keine.“
       
       Tausend Leben: Ihre ersten 21 Jahre verbrachte Etta Scollo in Catania
       [4][im Osten Siziliens], wo sie vor 68 Jahren als drittes von vier Kindern
       geboren wurde. Zehn Jahre lebte sie in Wien, mit der Maske im Gepäck zog
       sie nach Hamburg, blieb auch dort zehn Jahre „der Liebe wegen“ – in Hamburg
       wohnte ihr damaliger Partner. Seit zwanzig Jahren ist sie jetzt in Berlin.
       Die Sängerin sagt: „Ich habe schon tausend Leben gelebt.“ Im Zentrum
       Catanias und in Kreuzberg besitzt sie seit 2019 jeweils eine Wohnung. „Hier
       und dort zu wohnen, ist ein Geschenk“, sagt sie und faltet die Hände als
       Geste der Dankbarkeit.
       
       Sehnsüchte: Nach so vielen Jahren im Ausland habe sie eine Sehnsucht
       gespürt. „Es war nicht romantisch, sondern körperlich. Ich brauchte
       plötzlich dringend das Licht und die Luft von Catania“, sagt sie. Sie fand
       dort einen Altbau mit sechs Meter hohen gewölbten Decken und einem runden
       Zimmer. Als Kind habe sie dagegen vom „Norden“ und von Metropolen mit
       grauem Wetter geträumt. „In meiner Kindheit habe ich nicht ein einziges Mal
       Handschuhe getragen. Ich wusste nicht, was der Winter ist.“
       
       Zwei Welten: Etta Scollo sagt, sie liebe Gegensätze, so wie die zwischen
       dem Wetter in Berlin und Catania oder zwischen ihren zwei Wohnungen. In
       Catania lebt sie in einem alten Palazzo, hier in einer Mansarde, „fast wie
       eine Studentin“, sagt sie und lacht. Gegensätze seien für ihren Charakter
       und ihre Musik inspirierend. „Eine Wohnung ist nicht nur eine Wohnung,
       sondern spiegelt die Realität eines Menschen, sein Inneres, mit all seinen
       Träumen und Herausforderungen.“ Auch in ihrem Elternhaus habe es immer
       Kontraste gegeben. „Seit jeher trage ich zwei Welten in mir.“
       
       Familiengeschichte: Scollos Mutter war die Tochter eines reichen
       Marinekapitäns aus Catania; ihr Vater stammte aus einer einfachen
       ländlichen Familie. Nach dem Zweiten Weltkrieg verbrachte er drei Jahre in
       Kriegsgefangenschaft und studierte danach Jura. Vom früheren Wohlstand der
       Familie ihrer Mutter war nur die große Villa geblieben. Um Geld zu
       verdienen, vermieteten sie Zimmer – unter anderem an Studierende wie
       Scollos Vater. Ihre Mutter, eine junge Frau, die Mode studierte, wurde von
       ihrem eifersüchtigen Vater und ihren Brüdern streng behütet. Doch eines
       Morgens, nach einem Notfall in der Nachbarschaft, blieb sie mit dem
       Jurastudenten allein in der Küche. Er ging vor ihr auf die Knie und fragte
       sie, ob sie seine Frau werden wolle. Sie sagte: „Ja.“ Obwohl beide Familien
       dagegen waren, heirateten sie.
       
       Der Vater: „Mein Vater setzte sich als Anwalt gegen die Mafia und für arme
       Menschen ein“, erzählt Scollo weiter. Er sei ein besonderer Mensch gewesen,
       auch voller Kontraste. „Manchmal schaute er Fußball, hörte danach die
       Nachrichten und stand später im weißen Unterhemd da und spielte Mandoline“,
       sagt sie. Er habe viel gelesen, „sogar beim Essen“. Im Haus gab es überall
       Bücher. „In dieser Kultur sind wir groß geworden.“ Ihre Eltern hätten sie
       und ihre Geschwister frei erzogen: „Sie haben uns nie vorgegeben, wo es
       langgehen soll.“
       
       Leidenschaft: Auch ihre erste Erinnerung an Musik hat mit ihrem Vater zu
       tun. Sie ist zwei Jahre alt, steht auf einem Stuhl, ihr Vater hält sie
       fest, während sie singt: „Marina, Marina, Marina“. In der Familie haben
       alle musiziert, erzählt sie. Omas, Onkel und Cousinen spielten Mandoline
       oder sangen einfach so. Nach Wien sei sie gegangen, um am Konservatorium
       Musik zu studieren. Am Anfang wollte sie keine Profimusikerin werden. „Ich
       habe auch Kunst und Architektur studiert, bis ich gemerkt habe: Musik ist
       mein Leben. Dann habe ich alles andere aufgegeben, um mich meiner
       Leidenschaft zu widmen.“Goldene Schallplatte: 1988 nahm Etta Scollo eine
       italienische Version von „Oh! Darling“ von den Beatles auf, hatte damit
       großen Erfolg und erhielt eine Goldene Schallplatte. „Das war alles
       verrückt“, sagt sie. In den 90er Jahren, als sie nach Hamburg zog,
       entwickelte sie ihre Musik weiter. Sie komponierte eigene Werke und
       Filmmusik und veröffentlichte zahlreiche Alben. Heute verbindet sie Musik
       und Sprache in literarischen Projekten, etwa zur [5][Elena-Ferrante-Saga
       „Meine geniale Freundin“] oder zuletzt in ihrer Hommage an Mascha Kaléko –
       zusammen mit Schauspielerinnen wie Corinna Harfouch, Maria Schrader und Eva
       Mattes.
       
       Zeitgemäß: Aus dem kleinen Kaléko-Buch, das Scollo „meine Bibel“ nennt,
       liest sie ein Fragment des Gedichts „Zeitgemäße Ansprache“ vor, das sie
       berührt: „Wie kommt es nur, daß wir noch lachen / Daß uns noch freuen Brot
       und Wein / Daß wir die Nächte nicht durchwachen / Verfolgt von tausend
       Hilfeschrein“. Das 1945 veröffentlichte Gedicht, entstanden vor dem
       Hintergrund des Zweiten Weltkriegs und der NS-Zeit, sei heute
       „hochaktuell“, sagt Scollo. „Wie kann es sein, dass wir hier angesichts
       dessen, was [6][in Gaza], [7][in der Ukraine], [8][im Iran] oder im
       [9][Libanon] passiert, wegschauen, als ginge es uns nichts an?“
       
       Herzschmerz: Das, was gerade in der Welt geschieht, sei auch unsere
       Verantwortung, meint Scollo. „Wir müssen alle zusammen in Europa ‚Nein‘
       sagen. Wir müssen sagen: ‚Wir wollen, dass es aufhört.‘“ Sie entschuldigt
       sich für den Wutausbruch und sagt, wenn Mascha Kaléko heute leben würde,
       würde sie „an Herzschmerz sterben“.
       
       Erstaunen: Wie sie es schafft, trotz der Weltlage glücklich zu sein? „Ich
       lerne immer etwas Neues und staune viel“, sagt Etta Scollo. „Das Erstaunen
       ist eines der schönsten Gefühle überhaupt, es ist wie Verliebtsein. Ich
       will dieses Gefühl nicht verlieren. Nicht einmal, wenn ich 100 Jahre alt
       bin.“
       
       16 Sep 2026
       
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