# taz.de -- Der Hausbesuch: Ein Wunsch muss reifen
> Für Judith und Dennis Mohr stellte sich irgendwann die Sinnfrage. Seither
> bewirtschaften sie gemeinsam eine Streuobstwiese – und haben viele Ideen.
(IMG) Bild: Judith und Dennis Mohr auf ihrer Streuobst wiese bei Sindelfingen
Einen Sprung im Leben wagen, etwas Neues beginnen, das ist schön und
beängstigend zugleich. Judith und Dennis Mohr haben sich getraut.
Draußen: Über verstopfte Autobahnen und Zubringerstraßen geht es nach Weil
in Schönbuch. Die Region ist Autohochburg. Hier, südlich von Stuttgart bei
Sindelfingen, hat die Automobilindustrie Wohlstand gebracht. Am Standort
Sindelfingen ist neben der Fahrzeugproduktion auch die Forschungs- und
Entwicklungsabteilung von Mercedes-Benz. Judith und Dennis Mohr wohnen in
Weil in Schönbuch in einer Doppelhaushälfte, umgeben von einem winzigen
Garten.
Drinnen: Die Wohnung ist noch im Werden. Das „Look and Feel“, wie Judith es
bezeichnet, ist noch nicht zu Ende gebracht. Im Wohnzimmer stehen
unausgepackte Kisten, auf dem Wohnzimmertisch eine riesige, geschnitzte
Holzpyramide aus dem Erzgebirge. „Ein Geburtstagsgeschenk“, sagt Judith
Mohr. Zu schnitzen, wie man es im Erzgebirge tue, sei ein Hobby ihres
Manns. Er stammt aus Sachsen-Anhalt und lernt gerade das Drechseln.
Bei Mercedes: Wer in Schwaben [1][bei Mercedes arbeitet], ist in der
Wohlstandswelt angekommen. So auch Dennis Mohr. 2006 ging er als Azubi zum
Automobilkonzern nach Sindelfingen; er lernte Industriekaufmann. 20 Jahre
blieb er dort in der Anlauflogistik. In der Firma lernte er Judith kennen.
Sie kam aus Nordrhein-Westfalen und hatte nach dem
Wirtschaftsingenieursstudium 2012 bei Mercedes angefangen. Zwei Jahre
später wurde sie Projektmanagerin. „Ich war so stolz, bei dieser Weltfirma
zu arbeiten.“ Wenn sie auf Abitreffen davon erzählte, seien die alten
Mitschüler und Mitschülerinnen tief beeindruckt gewesen.
Der Sprung: Die 38-Jährige hatte sich die Karriere zielstrebig aufgebaut.
„Es war nicht einfach, bei Mercedes in eine Leitungsfunktion reinzukommen,
aber ich hatte einen guten Abschluss und Auslandserfahrung in Kuba und
Budapest.“ Das seien Pluspunkte gewesen. Aber irgendwann kam die Sinnfrage.
„Ich war immer strikten Abläufen und Regeln ausgesetzt und saß von morgens
bis abends in Meetings.“ Dennis Mohr, ein Jahr älter als seine Frau, erging
es ähnlich: Mercedes und er hätten sich in den 20 Jahren auseinandergelebt.
„Im Konzern ist doch sehr vieles behäbig und schwer. Und dann kam der
Punkt, wo meine Frau gegangen ist. Da habe ich mir gesagt: Okay, dann
springen wir halt.“
Die Abfindung: Wann, wenn nicht jetzt?, hätten sie sich gefragt. „Ich habe
mich dann im Mai 2025 entschieden, das Unternehmen zu verlassen und mich
selbstständig zu machen.“ Ihr Businessplan: Statt schnell nun langsam. Sie
wollte beim Wachsen und Reifen zusehen – auf einer Streuobstwiese. Wollte
eine Saftmanufaktur aufbauen und ist da noch dabei. Ihr Wunsch sei eine
Zeit lang gereift. „Es fiel uns nicht leicht, den goldenen Käfig und die
Sicherheit, die man bei Mercedes hat, aufzugeben.“ Aber, hätten sie
überlegt, wenn sie warteten, bis sie Mitte 50 sind, dann würden sie wohl
gar nichts mehr aufbauen, sagt er. Erleichtert hat den Schritt in die
Selbstständigkeit dann auch eine stattliche Abfindung.
Die Idee: Das mit der Streuobstwiese habe sich entwickelt. „Nachdem wir im
Schwabenland waren und dort die Grundstücks- und Häuserpreise sahen, war
schnell klar, dass ein großer Garten illusorisch ist.“ Es habe sich einfach
nicht finanzieren lassen. „Und dann haben wir gedacht: Wenn wir schon
keinen Garten haben, dann brauchen wir zumindest schwäbisch gut eine
Streuobstwiese“, sagt Judith Mohr. Noch vor ihrer Hochzeit 2018 kauften sie
eine: 2.000 Quadratmeter für 6.800 Euro. Und dann sei es relativ schnell
gegangen mit der ersten Ernte, dem ersten Saft. „Und was macht man jetzt
damit?“ So sei es ins Rollen gekommen.
Die Passion: Sie schnitten Bäume, mähten Gras, ernteten die reifen Birnen
und Äpfel, liebten die Arbeit im Freien. Sie ließen sich zu Fachkräften für
Obst- und Gartenbau ausbilden. Judith machte eine Ausbildung zur
Streuobstpädagogin für Schulklassen, alles zunächst noch neben dem Job bei
Mercedes. Das sei auch Bildung für nachhaltige Entwicklung, sagt sie. „Das
finde ich viel, viel sinnstiftender als zuletzt meine Tätigkeit bei
Mercedes, wo es nur um Autos ging. Wir haben uns da über die Zeit
verändert. Mercedes hat uns einfach nichts mehr gegeben.“
Die Umsetzung: Im Unterschied zu vielen anderen hätten sie weder einen Hof
noch irgendwelche Werkzeuge geerbt. Sie fingen bei null an und haben sich
alles erarbeitet. Inzwischen arbeiten sie an der Produktdifferenzierung.
Der Trend zu alkoholfrei sei riesig. „Wir machen aber auch Cidre, dieses
Segment, wo wenig Alkohol drin ist. Wir machen Obstweine aus Birne und
Apfel und Brände.“ Vielseitigkeit sei wichtig.
Die Schwaben: „Der Schwabe ist erst mal eine harte Nuss, aber wenn man sich
engagiert, dann geht es plötzlich alles ganz schnell“, sagt Dennis Mohr.
Sie gründeten einen Obst- und Gartenbauverein für die fünf umliegenden
Gemeinden. Der Verein hat jetzt knapp 100 Mitglieder, Dennis ist im
Vorstand. „Über das Thema Obst haben wir Kontakte knüpfen können, weil da
natürlich Berührungspunkte sind.“ Sie fühlen sich inzwischen in Schwaben zu
Hause. Was nervt, sei der Verkehr, die Enge des Ballungsraums.
Unterschiedliche Sozialisation: Er ist aus dem Osten, sie aus dem Westen.
„Im Großen und Ganzen ist das kein Thema für uns“, sagt sie. „Ich bin in
einer klassischen Familie in Niedersachsen groß geworden. Der Mann hat das
Geld verdient, und die Frau hat Haushalt und Kinder übernommen. Bei Dennis,
der aus Sachsen-Anhalt kommt, war das anders, weil die Frauenrolle in der
DDR anders war. Dass ich arbeite, ist für ihn selbstverständlich.“
Die AfD: Man tue ja immer so, als sei die AfD ein Ostproblem, sagt Dennis,
weil der Gedanke an Sachsen-Anhalt derzeit sofort den Gedanken an die AfD
triggere. „Und wenn ich mir meine Heimat Sachsen-Anhalt anschaue, da haben
43,8 Prozent AfD gewählt. Das ist Wahnsinn!“ Die Unzufriedenen hätten sich
zwar im Osten zuerst einen Weg gebahnt. Aber jetzt liege die AfD auch in
Baden-Württemberg bei 20 Prozent. „Aus meiner Sicht ist das, was im Osten
passiert, ein Vorbote für das, was hier im Westen passieren wird, auch wenn
es keiner hören will. Ich bin jeden Tag schockiert, wie Leute diese
Hassbotschaften der AfD glauben können und denken, dass diese Partei alles
regeln wird.“ Er versuche, in Gesprächen entgegenzuwirken. „Aber wenn
jemand stramm AfD ist, dann ist er aus meiner Sicht für Argumente nicht
erreichbar.“
Aufgabenverteilung: Er kümmert sich vor allem um die Produktion, die
Wiesen, die Bäume, die Verarbeitung. Sie ist für die Innovation, das
Geschäftliche zuständig. Sie sei die Treiberin, sie behalte den Überblick.
„Wenn beide das Gleiche machen würden, das wäre schwierig“, sagt Dennis
Mohr. Aber so würden sie sich gut ergänzen. „Judith hat einen sehr guten
Blick für Zahlen, das fehlt mir.“ Und sie sagt: „Ich glaube, es wäre schön,
wenn die Leute nicht nur den monetären Wert erkennen. Also nicht nur den
Preis von einem Produkt, sondern dass auch andere Dinge dahinterstecken,
etwa die Ökologie.“ Das werde ihr bei ihrer Tätigkeit als
Streuobstpädagogin an Schulen immer bewusster. Die Obsternte sei dieses
Jahr durch die Trockenheit gefährdet. Immer mehr Streuobstwiesen in
Baden-Württemberg [2][werden nicht mehr bewirtschaftet]. „Wir aber wollen
davon leben“, sagt sie.
1 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Edith Kresta
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