# taz.de -- Der Hausbesuch: Ein Freund hat einen Freund hat einen Freund
       
       > Roland Manz betreibt am Bodensee ein Lottogeschäft, in seiner Freizeit
       > unterstützt er die Ukraine. Sich selbst sieht er als
       > „Gemeinschaftsmenschen“.
       
 (IMG) Bild: Roland Manz mit einem Stein aus den Ruinen des größten Kinderkrankenhauses in Kyjiw
       
       Ob sein Engagement für die Ukraine etwas mit der Fluchterfahrung seiner
       Mutter zu tun hat, die, Kind noch, am Ende des Zweiten Weltkriegs aus dem
       Osten von ihrem Gutshof floh? Roland Manz verneint, stockt dann aber und
       sagt: „Jetzt, wo wir darüber reden, bringt mich das zum Nachdenken.“
       
       Draußen: Die Kemptener Straße, die von Oberreutin nach Niederhaus bei
       Lindau am Bodensee führt, ist schwer befahren. Auf halber Strecke liegt
       eine Villa, gebaut um die letzte Jahrhundertwende. Dort im Erdgeschoss
       wohnt Roland Manz mit seinem jüngsten Sohn zur Miete. Von der Straße ist
       das Haus durch eine hohe Hecke und Rasen getrennt. Irgendwann soll eine
       Lärmschutzwand gebaut werden. Ob das was bringt, die Villa steht doch am
       Hang? Manz bleibt optimistisch, dass neue technische Entwicklungen das
       schon in den Griff bekommen werden.
       
       Drinnen: Manz kommt gerade von der Arbeit. Er verkauft Autovignetten und
       Lottoscheine bei der Tankstelle an der Autobahn. Durch den Garten und über
       die Terrasse bittet er direkt ins Wohnzimmer. Eine ausladende Couch ist der
       Blickfang im Raum. Auch die weiße Ikea-Vitrine, das Klavier und die Gitarre
       fallen auf. „Ich will wieder anfangen zu spielen“, sagt er und deutet auf
       die Instrumente. Es ist aufgeräumt, auch die Küche tipptopp. „Was du am
       Putzen bist, das ist abnormal“, soll ein Freund mal gesagt haben. „Aber ich
       brauche es ordentlich“. Am Fenster in der Küche steht ein gerahmtes Foto
       mit einer Gruppe Menschen, darauf in Kinderhandschrift: „Wir haben dich
       lieb.“ Ob es irgendetwas in der Wohnung gibt, was ihm wichtig ist? Er zeigt
       auf die Püppchen in der Vitrine im Wohnzimmer neben anderem farbenfrohen
       Nippes. „Alles Geschenke aus der Ukraine“, sagt er und holt einiges raus.
       Auch eine Patronenhülse. „So was kriegt man dort von Soldaten geschenkt.“
       
       Ukraine: Warum Souvenirs aus der Ukraine? Weil kurz nachdem Russland die
       Ukraine angegriffen hat, ein Freund, „Chef der Bundespolizei“, zu ihm kam:
       „Kannst du mir helfen?“ Seine Frau, sie sei Ukrainerin, wollte Hilfsgüter
       ins Land bringen. „‚Du bist lustig, wo soll ich jetzt einen Transporter
       herkriegen?‘, fragte ich.“ Da fiel ihm ein, dass er einen anderen Freund
       mit Transporter hat. Einen Monat später fuhren sie mit Lebensmitteln,
       Kleidung, Medikamenten, Verbandsmaterial und vielen anderen Dingen los. Die
       Sachen haben sie über eine Anzeige in der Zeitung bekommen. „[1][Lindau
       hilft]“. Seither gibt es die Initiative. 19 Mal waren sie schon dort,
       Konvoi Nummer 20 ist für den Herbst geplant.
       
       Nah dran: Manz hat in seinem Leben schon einiges erlebt, Armut etwa, der
       Vater Maurer und Kranführer, die Mutter Verkäuferin, sechs Kinder, „es war
       immer knapp“. Aber jetzt seien es die Fahrten in die Ukraine „die tief
       gehen“. Zwei Tage brauchen sie für eine Strecke. „[2][Ein Waisenhaus in
       Korosten] fahren wir immer an. Das wird von einer 82-Jährigen geleitet.“
       Die Kontakte zu den Einrichtungen in der Ukraine stellt die ukrainische
       Frau seines Freundes her. „Im Frühjahr haben wir eine ganze
       Frauenarztpraxis bekommen. Wir mussten sie ausräumen. Das haben wir
       natürlich gemacht.“ Es gebe viele Ehrenamtliche, die bei solchen Aktionen
       helfen. Die Praxiseinrichtung wurde ins Krankenhaus nach Winnyzja gebracht.
       Auf die Frage, wie die Stimmung in der Ukraine sei, meint er:
       „Unterschiedlich.“
       
       Die ganze Wahrheit: Er habe schon einiges gesehen, was er nicht sehen
       wollte, sagt Manz. „Aber wenn schon, dann will ich die ganze Wahrheit.“ Im
       Krankenhaus in Winnyzja seien sie gefragt worden, ob sie mit Soldaten
       sprechen wollen. „Einer hatte nur noch Kopf und Rumpf, aber du hast kein
       böses Wort gehört.“ Einmal hätten sie ein ausrangiertes Feuerwehrauto in
       die Ukraine gebracht und mitbekommen, wie hinterm Krankenhaus ein Lkw mit
       25 Gefallenen stand. Einer wurde gerade abgeholt. Einmal hätten sie Sachen
       zu einer Schule gebracht. Dort war eine Zeremonie für die Gefallenen. Der
       Lieblingsbaum von jedem Toten wurde gepflanzt. „Da haben wir natürlich auch
       mitgemacht.“ Die Leute seien wahnsinnig freundlich. Das Zwischenmenschliche
       sei so groß dort.
       
       Gemeinschaftsmensch: „Sozial eingestellt war ich schon immer.“ Er sei in
       Zech groß geworden, „dem Scherbenviertel“. Bis heute fühlt er sich dem Ort
       verbunden. „Ich war im Fußballverein, im Kirchenchor, da bin ich mit 18
       Jahren rein, erster Bass. Raus erst in der Coronazeit.“ Als
       Stadtverordneter hat er sich für Spielplätze eingesetzt, gegen die
       Streichung von Buslinien gekämpft, war Sprecher im Zecher Bürgerforum. Er
       ist bei den [3][Freien Bürgern/Freien Wählern Lindau], „aber das hat nichts
       mit Aiwanger zu tun“. Er habe Zech nie aufgegeben, obwohl da zuletzt 50
       Prozent AfD gewählt haben. Er hat sein Mandat bei den Wahlen im Frühjahr
       verloren, es ging an die AfD. „In all den Jahren habe ich nicht erlebt,
       dass sich mal ein AfDler vor Ort zeigt.“ Vorsitzender des sozialen
       Treffpunkts Zech war er auch jahrelang. „Ich bin ein Gemeinschaftsmensch.“
       Und immer das Positive sehen, das gehöre dazu. „Ich bin ein
       grundfreundlicher Mensch.“
       
       Haltung: Mit dieser Einstellung meistert er Rückschläge. Er wäre etwa gerne
       Koch geworden, habe sich aber zu spät beworben. Er ist 1961 geboren, „ein
       starker Jahrgang halt.“ Deshalb wurde er Verkäufer, „ein Traumberuf“. Auch
       die zwei Scheidungen brachte er mit dieser Haltung einvernehmlich über die
       Bühne. Die erste Frau ist Französin mit einem Vater aus Madagaskar. „Sie
       hat es in Deutschland nicht mehr ausgehalten.“ Die zweite Frau ist
       Perserin. Mit beiden versteht er sich bis heute. „Als Fischegeborener kann
       ich mich gut einfühlen.“
       
       Astrologie: Ob er denn an Horoskope glaubt? Er hält es zumindest nicht für
       abwegig. „Meine Mutter konnte Karten legen“, jetzt leg mir doch auch mal,
       habe er sie gebeten. Sie ließ sich überreden. „Und, was siehst du?“ „Du
       wirst viele Reisen machen“. So sei es dann auch gekommen. Ein Freund fragt
       ihn, ob sie gemeinsam einen Katamaran aus Mallorca zu einer Regatta nach
       Marmaris in die Türkei bringen. In der Folge segeln die beiden so oft es
       geht. Das sei in der Zeit zwischen den beiden Ehen gewesen. „Der Klaus, der
       war eine Seele von Mensch. Der ist zu früh an Krebs gestorben.“ Damals
       arbeitete Manz nicht als Verkäufer, sondern managte vier Häuser für
       Asylbewerber und Kontigentflüchtlinge im Landkreis. Das Bild in der Küche
       mit der Widmung in Kinderhandschrift stammt von Freunden, die er im Heim
       kennenlernte. „Alle zehn Jahre mache ich halt was Neues“, sagt er. Wobei,
       den Lottoladen hat er jetzt schon eine ganze Weile. Er nennt den Laden
       „Geschäft“.
       
       Das Geschäft: Roland Manz kannte die alte Frau, der der Laden bei der
       Tankstelle früher gehörte. Sie wollte unbedingt, dass er ihn übernimmt.
       „Nee, also danke, das mach’ ich nicht.“ Ein Jahr später habe sie zu ihm
       gesagt: „Komm, ich geb dir mein Geschäft und du musst nichts bezahlen.“ Da
       lässt er sich weichkochen. „Ich habe es aus Mitgefühl übernommen, ich
       wollte, dass die Frau endlich in Rente gehen kann.“ Anfangs verkaufte er
       ADAC-Versicherungen. Das habe er dann eingestellt. Jetzt lebt er von Lotto
       und Vignetten. Ob das ausreiche? „Wenn man genug Kunden hat, schon.“ 30
       Cent verdient er an einer Zehn-Tages-Vignette nach Österreich. Aber da alle
       zum Tanken ins Nachbarland fahren, „ich ja auch, ist 20 Cent billiger“,
       brauchen sie die eben. Und Lotto, das sei eine Kunst für sich.
       
       Lotto: „Da musst du so viel wissen. Und die Leute kennen. Wenn jemand am
       Dienstag kommt, aber du weißt, der spielt immer nur am Samstag, da kannst
       du den Tippschein nicht für Mittwoch buchen.“ Millionengewinne gab es in
       seinem Büro noch nicht, „aber mehrere Hunderttausender“. Alles über 2.500
       Euro wird in der Zentrale ausbezahlt nicht bei ihm. Ob er Gewinner kenne?
       „Schon, aber wir haben Schweigepflicht, top secret.“ Es seien zwei Welten
       in denen er sich gerade bewege, das Geschäft und „Lindau hilft“. Und nach
       einer kurzen Pause sagt er noch: „Dass ein Mann so schlimm agiert.“ Er
       meint Putin.
       
       Wieder Ukraine: „Nach über vier Jahren Krieg, wenn du durchs Land fährst,
       da siehst du nur Frauen. Sie machen alles“, sagt er. Letzten November waren
       sie bei Soldaten, 30 Kilometer von der Front. „Wir haben mit denen
       gegessen, geschlafen, sie sind alle motiviert.“ Er holt einen Stein aus
       einer gläsernen Schatulle. Es sei ein Stein aus den Ruinen des
       [4][zerbombten größten Kinderkrankenhauses in Kyjiw]. „Da habe ich gedacht,
       den nehm ich mit.“
       
       23 Aug 2026
       
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