# taz.de -- Der Hausbesuch: „Kneipe ist ein Gefühl“
> Thomas Schlaadt ist Wirt und will Menschen zusammenbringen. Doch für
> seine Bar in einer Kleinstadt an der Mosel waren die Zeiten schon
> einfacher.
(IMG) Bild: Tom Schlaadt, ein Hausbesuch
Einen Job als Sozialarbeiter hat er nicht gefunden. Da hat er eine
Musikkneipe in der Provinz eröffnet. So konnte er auch etwas für
Jugendliche tun.
Draußen: Die Weingasse in [1][Enkirch] an der Mosel ist schmal, sie zieht
sich durch eine Reihe alter Fachwerkhäuser, wo dunkle Balken hellen Putz
umrahmen, davor Kopfsteinpflaster. Die Häuser stehen dicht an dicht. Manche
wirken, als hätten sie sich über die Jahre aneinandergeschmiegt und wären
dabei etwas aus dem Lot geraten. Wer den Ort nicht kennt, verirrt sich kaum
hierher. Oder anders: Wer hier ist, hat einen Grund. Aus den Fenstern von
Toms Musikkeller scheint warmes Licht. Die Kneipe ist geöffnet.
Drinnen: Gegenüber vom Eingang ist die Bar. An den Wänden hängen Gitarren,
ein paar andere Instrumente, Fotos von Abenden, die schon lange vorbei
sind. Oft kommen die Leute, ohne zu wissen, warum, sagt der Wirt Thomas
Schlaadt. Sie bestellen ein Bier, bleiben stehen, und die Gespräche
beginnen ohne Anlass und ohne Ziel. Sie kommen nach und nach, erst sind es
nur ein paar, dann werden es mehr.
Die Kneipe: [2][„Kneipe“, sagt der 72-Jährige, „ist ein Gefühl.“] Eins, das
schwer zu begreifen sei und sein Leben beschreibt. Der eine kam immer um
fünf, der andere kurz vor acht. Einer saß wie selbstverständlich an seinem
Platz an der Theke, ein anderer hinten im Eck. Kunden waren Freunde, der
Tagesablauf richtete sich nach ihnen. Donnerstags immer Stammtisch. Und
hinten, im Musikkeller, gab es über 500 Konzerte, in den vergangenen 30
Jahren – seitdem Schlaadt der Laden gehört.
Der Tom: Wenn er ans Telefon geht, sagt er nicht „Thomas Schlaadt“, er
sagt: „Der Tom.“ So nennen ihn alle. Vor dreißig Jahren hat er das Haus
gekauft. Seitdem steht er hier an der Theke, in Eigenregie, unaufgeregt und
verlässlich. Oben wohnt er, unten wird gearbeitet. „Ich habe das immer gern
gemacht“, sagt er.
Riesiges Haus: Das Haus seiner Eltern war groß, sein Vater war Arzt, die
Mutter Lehrerin, er hat fünf Geschwister. Sein Bruder nahm ihn immer mit zu
Konzerten, zum legendären [3][Burg Waldeck Festival] oder auf die Loreley,
„die Lott“. Und mit Freunden [4][von den Pfadfindern] zeltete er im Garten
seiner Eltern. „Oft waren wir zu zwölft und mehr zu Hause.“ Die Türen
gingen auf und dann nicht mehr ganz zu. Freunde kamen, gingen, drückten
sich gegenseitig die Klinke in die Hand. „Wer so viel Platz hat, muss ihn
ja teilen“, sagt der Tom.
Zahlen schieben: Nach der Realschule macht er erst mal eine Kaufmannslehre.
Aber „Zahlen zu schieben“, war nicht seine Welt. Also holte er sein Abi
nach und ging nach Mönchengladbach, studierte Sozialwesen. Er hatte niemals
einen „geraden Plan“. Es zog ihn nur irgendwie dahin, wo er mit Menschen
arbeiten konnte. Sein Anerkennungsjahr als Sozialarbeiter machte er im
Jugendknast Wittlich am Rand der Eifel. Mit schwierigen Leuten umgehen, das
habe ihm sogar Spaß gemacht. Aber eine feste Stelle bekam er nicht.
Der Wirt: 1984 bot ein Freund ihm an, die Kneipe in Zell, das Alte Eichamt,
zu führen. Sein Gedanke: „Dann machste’ halt in ’ner Kneipe was für die
Jugend.“ Er war gerade 30, und an der Mosel gab es damals nicht viel.
Häufig fuhr er mit dem Motorrad in die Ami-Kneipen in der Eifel oder im
Hunsrück. „Da war was los, da war Bewegung drin“, sagt er, als wäre das
lange her, aber niemals aus seinem Herzen verschwunden. So sollte sein
Laden auch werden. Einer, wo junge Leute hinkommen, „halt ein Ort, wo was
passiert“, sagt er.
Der Umweg: Kaum hat er das ausgesprochen, kommt ihm eine Erinnerung. Als
Kind war er mal mit seinem Vater wandern. Eigentlich wollten sie jemanden
besuchen, doch dann landeten sie ungeplant beim Burg Waldeck Festival, der
Geburtsstätte der neuen deutschen Liedermacherszene. [5][Hannes Wader hatte
seinen ersten Auftritt], mit dem Rücken zum Publikum, weil er so aufgeregt
war, und der Tom, zehn oder elf Jahre alt, war schockverliebt in diese
Welt. „Musiker aus aller Herren Länder und Sprachen, die du noch nie gehört
hast, die Leute kamen von überall her!“ Und Schlaadt mittendrin, „so als
Knirps“. Sie blieben den ganzen Nachmittag.
Konzerte: Wer aus Enkirch kam und auf Konzerte wollte, musste weit fahren.
60 oder 70 Kilometer, nach Kaisersesch, Trier oder Koblenz. Das wollte er
ändern. Denn Musik, so hat Schlaadt es selbst immer erlebt, „ist das, was
die Leute bleiben lässt“. Also brachte er Musik an die Mosel.
Schlagzeuger im Kamin: Das Alte Eichamt gab das nicht her, es hatte keine
Bühne, also musste jedes Mal improvisiert werden. „Der Schlagzeuger saß
dann meistens im offenen Kamin.“ Die erste Band, die für ihn spielte, hieß
Fragile, eine Punkrockband aus dem gleichen Ort. Freunde des Wirts. Und
dann wurde es voll. Die Leute kamen aus Wittlich, aus Daun, aus Simmern,
„von überall her“. Und der Tom zapfte zuverlässig das Bier, machte noch ein
Schnäpschen und sorgte dafür, dass die Menschen den Laden mit einem Lächeln
verlassen.
Zweite Halbzeit: 1997 ging er nach Enkirch, er hat dort das Gebäude einer
ehemaligen Winzergenossenschaft gekauft. An den schönsten Abenden, sagt
Schlaadt, war es, als sei die Zeit stehen geblieben. Und als die Gäste die
Kneipe verließen, schloss er die Tür von innen ab, und er und die Musiker,
gingen hoch – „der Martin Gerschwitz zum Beispiel“, Keyboarder von Eric
Burdon, Iron Butterfly oder Bon Jovi. Dann ging der Abend in die zweite
Halbzeit. Meistens begann sie mit einem Absacker. Thomas Schlaadt kochte
noch etwas für die Band, sie tranken und lachten und erzählten, bis
irgendwann die Morgenstunden anbrachen.
Reisen: In diesen Zeiten ging es ihm gut. Die Kneipe war voll, an der Theke
gab es keinen Platz mehr und das Bier und das Geld flossen wie von selbst.
Es waren Jahre, in denen einfach alles funktionierte. Die Leute kamen,
blieben, brachten Freunde mit – und wer einmal da war, kam wieder. Und wenn
es gut lief, war der Tom dann auch einfach mal für ein paar Wochen weg:
Thailand, Indonesien, Malaysia, Portugal, Spanien, zehn Wochen Australien,
überall dahin, wo es warm ist. „Wir sind viel gereist“, sagt Schlaadt.
Die Partner: Mit „wir“ meint er sich und seine Ex-Frau. Jedes Jahr waren
sie mindestens sechs Wochen unterwegs. Das war die Zeit, in der alles
gleichzeitig ging, Kneipe und unterwegs sein, Arbeit und Leben. Aber das
Leben besteht nicht nur aus Urlaub. Eine Kneipe frisst Zeit. Daran ist die
Ehe zerbrochen. Und auch seine letzte Beziehung. Dabei war es am Anfang so
schön. Aber das ist vorbei.
Erinnerungen: Geblieben sind die Erinnerungen. Am Schönsten, sagt Schlaadt,
war Sri Lanka. Und dann erzählt er von den Bäumen, den Teeplantagen, den
Bergen. „Den Herrn der Ringe, den Zauberwald, den hätte ich dort gedreht.“
Man komme sich da ohnehin vor wie ein Zwerg. Und die Menschen, sagt er,
hatten nichts in ihren Hütten, „aber uns haben sie noch die Stühle und ihr
Essen angeboten.“ So hält er selbst es bis heute auch in der Kneipe. Und
wenn er bei den Musikern noch draufzahlt, sagt er, „watt soll’s, is’ Pech“.
Das Moselfränkische hat für so etwas keine großen Worte.
Luftfeuchtigkeit: Ach, wie gern würde er noch mal nach Sri Lanka reisen.
Aber das geht nicht. Seit seinem Herzinfarkt 2010 verträgt er die
Luftfeuchtigkeit nicht mehr. Wenn er mit seinem E-Bike über die nebeligen
Weinberge fährt, fällt es ihm schon schwer zu atmen. Dann muss er sein
Fahrrad eine Stufe höher stellen. Nein, Reisen geht nicht mehr gut.
[6][Kneipensterben]: Bergab ging es auch mit der Kneipe, angefangen mit
einer Baustelle vor der Tür. Ein Jahr lang kam man nur über Schleichwege
zum Tom. Seitdem sei es nicht mehr richtig angelaufen. Und Corona gab ihm
fast den Rest. Die Kneipen machten dicht, und als sie wieder aufmachten,
kamen die Leute nicht mehr zurück. Auch donnerstags war es leerer.
Die Rente: Heute macht er nicht mehr häufig auf. Zum Stammtisch, klar, auch
wenn er kleiner ist und die Runde sowieso geschrumpft ist, weil die Freunde
alt werden und einige schon nicht mehr sind. Es lohnt sich nicht mehr
richtig. Seine Rente beträgt knapp 60 Euro. Deshalb arbeitet er heute
nebenbei auch wieder als Sozialarbeiter. Und dann steht er eben noch hinter
der Theke. Aber wie gerne würde er noch mal nach Sri Lanka.
4 Oct 2026
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