# taz.de -- Der Hausbesuch: Die Welt, ein Gutshof
       
       > Danh Vo ist Konzeptkünstler. Sein berühmtestes Projekt ist „We the
       > people“, ein 1:1-Nachbau der Freiheitsstatue, in 250 Teilen über die Welt
       > verteilt.
       
 (IMG) Bild: Danh Vo im Güldenhof, seinem Haus-Projekt in Brandenburg
       
       Renommierter Künstler sein ist das eine. Das andere: einen Brandenburger
       Gutshof zu einem Ort machen, an dem Kunst, Natur und Leben ineinander
       aufgehen.
       
       Draußen: „Brandenburg: Homophobie, Rassismus und so weiter, habe ich
       gedacht. Und dann festgestellt, dass ich noch nie da gewesen bin. Bis ich
       den Güldenhof kaufte.“ [1][Der Güldenhof ist ein ehemaliger Gutshof mit
       LPG-Geschichte], 70 Kilometer nördlich von Berlin, auf der Höhe von
       Rheinsberg. Das Haupthaus brannte im 19. Jahrhundert ab und wurde mehrfach
       neu aufgebaut. Der Konzeptkünstler Danh Vo besitzt den Hof seit zehn
       Jahren. Als er ankam, gab es Scheunen voller Abfall und ein Dixiklo, jetzt
       Architektur, Design, Skulpturen, Obst, Staudenbeete, die selbst bei
       Dauerregen leuchten, einen Trümmersteinhaufen und Leute, die kommen und
       gehen.
       
       Drinnen: Mit Maulbeeren dekorierte Pfannkuchen auf einem langen Tisch. Wer
       will, darf mitessen. Wenn es keine Pfannkuchen gibt, dann Pizza oder über
       Nacht gegartes Wildschwein im Schmortopf. Oder haute cuisine der
       Köch:innen, die den Hof besuchen. Oder vietnamesische Gerichte. Oder Marta,
       die Managerin, kocht. Mit Kräutern aus dem Garten, Pilzen aus den Wäldern,
       die in Einweckgläsern lagern, Biogemüse von einem Hof der Umgebung. Eine
       Küche aus Multiplex, so simpel wie stilsicher. Fred Fischer, der Schreiner,
       lässt beim Essen durchblicken, dass er sie so nicht gebaut hätte. Gerade
       baut er Gestelle für über 500 Jahre alte vietnamesische Keramik, die aus
       dem [2][Hội-An-Wra]ck stammt und für eine Ausstellung Danh Vos bestimmt
       ist. Die Schreinerei liegt auf der anderen Seite des Hofes, neben der
       Keramikwerkstatt.
       
       Schiffbruch: Wie die von Danh Vo ersteigerte Keramik hat der Künstler einen
       Schiffbruch erlebt: Als vierjähriger Bootsflüchtling wurde er samt seiner
       Familie von einem dänischen Containerschiff im Südchinesischen Meer
       gerettet und nach Singapur gebracht. Von dort ging es weiter in einen
       Vorort von Kopenhagen, wo er aufwuchs, während seine Oma mütterlicherseits
       in Cuxhaven landete.
       
       Sprachen: Danh Vo spricht, wie er meint, kein Deutsch, obwohl er seit 2004
       seinen Wohnsitz in Deutschland hat – und Nebenwohnungen in Japan, Mexiko
       und Italien. Vielleicht kokettiert er. Zumindest sein Gartendeutsch ist
       besser als das vieler Muttersprachler:innen. „Bärlauch“, „Calendula“,
       „Maulbeere“, „Stoppelpilze“, „Mispel“, „Brennnessel“, „Grünkohl“,
       „Szechuanpfeffer“. Am Anfang konnte er als Städter nichts davon
       auseinanderhalten, aber dank Christine Schulz, der Gärtnerin, ist das
       längst anders. „Wegen ihr beschäftige ich mehr Leute für meinen Garten als
       für meine Kunst“, sagt er, und erkennt an, dass „gute Gärtnerinnen, wie
       Christine, über die menschliche Zeit hinausdenken“.
       
       Trümmerhaufen: Von rotem Mohn umwogt ragt ein Steinhaufen zwischen
       Staudenbeet und Obstgarten hervor. Für die Gärtnerin symbolisiert er die
       Mühe, die es kostete, all die Findlinge aus der Brandenburger Erde zu
       sammeln, um sie urbar zu machen. Für Danh Vo den Versuch, ein guter Nachbar
       zu sein. Im 50-Seelen-Dorf sind Kiesgrubenbesitzer ansässig. Also ging der
       Künstler Steine kaufen. Und schuf ein Monument guter Intentionen.
       
       Winter: „Etwas von dieser Größe als Sommerhaus zu betreiben, wäre
       lächerlich. Also musste ich mich mit dem Winter auseinandersetzen.
       Privilegiert wie ich bin, bin ich früher im Winter nach Thailand oder
       Mexiko geflüchtet. Aber diesen Ort hier zu betreiben, bedeutet, den Winter
       zu akzeptieren.“
       
       Öfen: Als sich Danh Vo mit der Frage nach der Heizungsart
       auseinandersetzte, wurde er auf Falko Martens aus Templin aufmerksam
       gemacht. Er fuhr hin. Im Haus des Ofenbauers fand er „die ganze Familie –
       einschließlich Oma, Katzen und Hund“ – auf einem stufenartig aufgebauten
       Lehmofen versammelt. So etwas wollte er haben. Dreimal: fürs Studio, für
       die Küche, für den „Wintergarten“ – eine Scheune mit Plexiglasdach.
       
       Heizen als Architektur: Zwei Tage dauert es, bis die Sollwärme erreicht
       ist. Sie wird in Kupferrohren durch die etwa zwei Kubikmeter einnehmenden
       Öfen geleitet. Sie sehen aus wie eine Mischung aus Thron, Pyramide,
       Burgzinne und Amphitheater. Auch geschlafen wird darauf. Öfen wie diese
       definieren für den Künstler den Raum. Warme Orte ermöglichten andere
       Tätigkeiten als kältere; so entstehe eine Vielfalt an Leben im Raum.
       
       Maulbeeren: Laut dem Dichter Theodor Fontane verbrachte Friedrich II. seine
       glücklichsten Jahre als Prinz auf Schloss Rheinsberg. Zweien seiner
       Getreuen vermachte er jeweils einen Gutshof, nur fünf Kilometer voneinander
       entfernt. Der Güldenhof war einer davon, der andere Gut Zernikow, wo der
       Dichter Achim von Arnim aufwuchs. Der dortige Gutsherr Michael Gabriel
       Fredersdorff widmete sich der [3][Maulbeerbaumpolitik von Friedrich II.]
       und ließ mehrere Tausend Maulbeerbäume in der Gegend pflanzen. Die Bäume
       dienten als Habitat für Seidenraupen und damit der Seidenproduktion. 70
       davon leben bis heute.
       
       Katholizismus: Eine barocke, geschnitzte Maria, die einen Bienenstock
       beherbergt, ein Kruzifix, ein Abendmahl, noch eine Maria. Christliche
       Ikonografie ist auf dem Güldenhof präsent. Auch in Vos Museumsarbeiten. In
       seiner diesjährigen Einzelausstellung im Amsterdamer Stedelijk Museum war
       eine fragmentierte spanische Skulptur des Gekreuzigten zu sehen, ergänzt
       durch Abdrücke der Hände von Vos Vater, die Reagenzgläser mit rankender
       Kapuzinerkresse halten, „Untitled“.
       
       Religion als Protest: Ist der Katholizismus ein koloniales Trauma, an dem
       sich der Künstler abarbeitet? „Nein, eher ein persönliches.“ Nach der
       Kolonialzeit war Vietnam getrennt in Nord und Süd. Der Vater des Künstlers,
       Phùng Vo, hegte Hoffnungen, dass der langjährig von den USA gestützte,
       antikommunistische Diktator Ngô Đình Diệm das Land wiedervereinen könne.
       Nach der Ermordung des Hoffnungsträgers nahm der Vater aus Protest dessen
       Glauben an. Für den Sohn bedeutete das, bis zum 18. Geburtstag jeden
       Sonntag in die Kirche gehen zu müssen, am Ostersonntag sogar „fucking three
       times“.
       
       Hinwendung: Warum eigentlich Brandenburg? Und nicht zum Beispiel Dänemark,
       wo es zum selben Preis Immobilien mit höherem Standard gibt? „Wegen Marta
       hauptsächlich – und wegen Christine, Fred, Oliver … “. Marta Lusena ist die
       in Mailand aufgewachsene Studio-Managerin, Geisteswissenschaftlerin mit
       Schwerpunkt Geschichte, die ihn fast seit Beginn seiner Karriere
       unterstützt. „Wenn jemand dir sein Leben widmet, was kann die Antwort sein?
       Zu versuchen, diese Hinwendung zurückzugeben. Marta hat Familie – Partner,
       drei Kinder. Ich kann sie nicht nach Dänemark umziehen. Wenn man
       privilegiert ist, ist es nicht das Geld, was fehlt. Es ist die Hinwendung.“
       
       Garten: Zehn Jahre hat Christine Schulz den Garten bereits entwickelt und
       gepflegt. Ihr Studio besteht aus Setzkästen unter UV-Lampen. „Eines Tages“,
       meint Danh Vo, „kümmere ich mich vielleicht auch nur noch um den Garten“.
       Jetzt schon ist er ein Bereich, in dem Natur und Kunst sich treffen,
       ineinanderfinden, sich ineinander auflösen. Gärten und Museen sind für Vo
       daher gute Ergänzungen. Die künstliche Trennung zwischen Natur und Kultur
       wird dort im besten Fall offensichtlich. Er zitiert die durchschnittliche
       Aufenthaltsdauer im Museum Louisiana für Moderne Kunst in Humlebæk herbei:
       „Vier Stunden, mehr als doppelt so viel wie üblich. Warum? Wegen des
       Gartens dort.“
       
       Der Blumenladen: „Ein Text über den Blumenladen und über den
       vietnamesischen Blumenmarkt in Berlin wäre wichtiger als alles, was ich zu
       sagen habe.“ Der Blumenladen, den er meint, befindet sich in Danh Vos
       ehemaligem Atelier in Berlin. Betreiberinnen sind Oanh Thi Nguyen und ihre
       Tochter Thanh Dieu Do. Früher hatten sie ihren Laden ein paar Meter weiter.
       Der Künstler kaufte Blumen bei ihr; sie kochte ihm Gerichte, die er nicht
       selber kochen konnte. Eines Tages sollte die Miete für den Blumenladen
       wieder erhöht werden. Die Rechnung war einfach: Mehr als 14 Stunden am Tag,
       7 Tage die Woche kann die Blumenhändlerin nicht arbeiten, um das Verlangte
       zu bezahlen. So öffnete Danh Vo das Atelier für Blumen. Im Schaufenster
       steht eine riesige Strelitzia nicolai; Danh Vos Fotos der Schnittblumen
       hängen im Museum.
       
       1 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.dbz.de/artikel/gutshof-gueldehof-stechlin-3865223.html
 (DIR) [2] https://www.stern.de/news/vietnam--taifun-legt-an-strand-jahrhundertealtes-schiffswrack-frei-36301052.html
 (DIR) [3] https://gsta.preussischer-kulturbesitz.de/fileadmin/user_upload_gsta/02_Content/Texte/02_Nutzung/Arbeitshilfen_Geschaeftsgang_2.pdf
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Astrid Kaminski
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Der Hausbesuch
 (DIR) Kunst
 (DIR) Brandenburg
 (DIR) Der Hausbesuch
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Der Hausbesuch
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Der Hausbesuch: Sie will die Dinge öffnen
       
       Maria Rave-Schwank arbeitete als erste Frau an der Spitze einer deutschen
       Psychiatrie. Für ihre Ziele kämpft sie auch heute noch, mit 91 Jahren.
       
 (DIR) Der Hausbesuch: „70 Prozent Hakuna Matata“
       
       Als erstes Mädchen ihrer Schule in Kenia ging sie an die Universität. In
       Schwerin erfüllt sie sich dann einen großen Traum – und eröffnet einen
       Haarsalon.
       
 (DIR) Der Hausbesuch: Fortissimo in Maßen
       
       Mit Hochkultur hatte sie lange „null Komma null“ Berührung. Heute ist
       Josefin Feiler Sängerin an der Oper in Stuttgart – und Frontfrau einer
       Punkband.