# taz.de -- Ballsport und Weltordnung: Regelbasierter Fußball war gestern
> Fußball war ein utopischer Ort für mich – bis Donald Trump wegen einer
> Roten Karte bei Gianni Infantino anrief.
(IMG) Bild: Schiedsrichter Raphael Claus, nachdem er Folarin Balogun die Rote Karte gezeigt hatte
Viele Spiele habe ich nicht gesehen bei dieser Fußball-WM. Aber wenn ich
auf meinem Sofa lag oder mit Freunden WM schaute, erfüllte mich eine selige
Ruhe. Darüber nachgedacht habe ich nicht, es fiel mir noch nicht einmal auf
– bis Donald Trump bei Gianni Infantino anrief, um was zu klären: die
[1][Rote Karte für Folarin Balogun, die wenig später aufgehoben wurde].
Infantino behauptete, die Fifa-Ethikkommission habe die Entscheidung
unabhängig getroffen. Geglaubt hat ihm das wohl kaum jemand. Der
US-Präsident dankte dem Fifa-Chef öffentlich für dessen „großartige,
großartige, großartige Entscheidung“.
Aber erst als ich erfuhr, dass die Fifa ihre eigenen Regeln brach und zum
Finale eine Halftime-Show inszenierte, die länger als die 15 Minuten war,
die das Reglement festlegt, ging mir ein Licht auf: Warum regen uns
Infantino und die korrupte Fifa so auf? Weil internationale
Fußballwettbewerbe große Sublimationsleistungen sind. Statt Krieg
miteinander zu führen, treten die Teams der Nationen gegeneinander an. Wenn
englische Fans bei einem Spiel gegen Deutschland ihr Lied von den „ten
German bombers“ anstimmen, die einer nach dem anderen von der Royal Air
Force vom Himmel geholt werden, wird der Krieg in die sportliche Form des
Schmähgesangs überführt. Auf dem Platz selbst herrschen Regeln,
Schiedsrichter wachen darüber, dass sie eingehalten werden. Über ihre
Entscheidungen wird oft gestritten, aber alle respektieren sie.
Fußball war daher immer schon ein utopischer Ort. Sein Licht strahlte aber
noch heller, als [2][korrupte Regime] und Imperialisten aller Couleur
begannen, die regelbasierte Weltordnung anzugreifen und sie nicht einmal
mehr pro forma zu respektieren.
Selbst angesichts der Kumpanei der Fifa mit autoritären Herrschern konnte
man sich noch bis zu dieser WM einbilden, dass auf dem Platz Regeln gelten.
Man konnte hoffen, dass sich die internationale Staatengemeinschaft ein
Beispiel am Fußball nimmt. Das ist vorbei. Gianni Infantino hat diese
Hoffnung endgültig zunichtegemacht.
Dass Trump laut Medienberichten nun beabsichtigt, Infantino als Nachfolger
von UN-Generalsekretär António Guterres ins Spiel zu bringen, passt wie die
Faust aufs Auge. Denn Fifa und UNO haben eins gemeinsam: Angesichts ihrer
vielfältigen Skandale mag man nicht mehr recht daran glauben, dass bei
ihnen Recht und Fairness über politischer Opportunität stehen. Trump und
Infantino wurden ausgepfiffen, als sie auf den Rasen traten. Das immerhin
lese ich als gutes Omen. Die Leute lieben solche Regelbrecher nicht.
25 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Ulrich Gutmair
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