# taz.de -- Krankenversicherung in Deutschland: Bundestag beschließt umstrittenes Sparpaket
> Der Bundestag hat dem Gesetz zur Krankenkassen-Reform zugestimmt, der
> Bundesrat das Paket gebilligt. Die Opposition ließ kein gutes Haar an den
> Plänen.
(IMG) Bild: Diese Reform könnte die soziale Spaltung verschärfen
epd/kna/taz | Die Reform der gesetzlichen Krankenversicherung ist vom
Bundestag beschlossen. In einer hitzigen Debatte verteidigte
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) am Freitag den Entwurf
vehement. Nach der Verabschiedung im Bundestag billigte am Freitag auch der
Bundesrat das Paket. Die Lage der Krankenkassen sei dramatisch. „Das Ziel
dieses Gesetzes ist klar: Wir stabilisieren die Beitragssätze in der
gesetzlichen Krankenversicherung“, so Warkens Versprechen. Sie räumte ein,
dass die Reform große Einschnitte mit sich bringe.
Redner*innen des Koalitionspartners SPD verteidigten ebenfalls einzelne
Punkte des Gesetzes. Lina Seitzl (SPD) beteuerte, das Vorhaben „sehr
ernsthaft“ diskutiert zu haben. Auch Parteikolleg*innen von ihr
berichten, einzelne Punkte stets bemüht diskutiert zu haben – auch solche,
die sie sich noch im Gesetz gewünscht hätten. Insgesamt wirkten die Reden
der SPD aber ernüchtert und resigniert – ähnlich wie in der öffentlichen
Debatte zum Reformpaket in den vergangenen Tagen.
Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Britta Haßelmann sprach von einem „Bruch
der solidarischen Lastenverteilung“ durch das Gesetz. Die „eigentlichen
Kostentreiber“ im Gesundheitswesen würden geschont.
Gleichzeitig drohe durch die geplanten Sparmaßnahmen eine Insolvenzwelle
bei den Krankenhäusern, warnte Haßelmann. „Es wird keine Beitragsstabilität
geben, sondern Krankenhausinsolvenzen“, äußerte sie sich zudem überzeugt.
Sie kritisierte, Einwände von Hausärzt*innen seien „hier rein und da
raus“ gegangen. Die Mahnungen von Psychotherapeut*innen seien
ebenfalls ignoriert worden.
Auch die Vorsitzende der Linksfraktion, Heidi Reichinnek, beklagte eine
[1][unfaire Verteilung der Einschnitte]. „Alle leiden unter Ihrer Reform,
außer die Pharmakonzerne und die Überreichen“, rief sie der Regierung zu.
Durch eine schlechtere Versorgung aufgrund des Gesetzes würden
Menschenleben gefährdet. Reichinnek und ihre Parteikolleg*innen
bezogen sich auch auf eine Versammlung von „rund 1000 Pfleger*innen“, die
am Morgen vor dem Bundestag gegen das Gesetz demonstierten. Die
AfD-Politikerin Nicole Hess warf der Koalition vor, sie spare an der
Gesundheitsversorgung „der Schwächsten der Gesellschaft“.
## CDU sieht „faire Belastungsstatik“
Unionsfraktionsvize Albert Stegemann (CDU) attestierte der Reform dagegen
eine „faire Belastungsstatik“. Gesundheitsministerin Warken sprach von
einem „ausgewogenen Paket“. Zu Vorwürfen aus der Opposition, die beklagte,
dass Parlamentarier*innen nur vier Tage Zeit hatten, sich dem finalen
Gesetzesentwurf zu widmen, sagte sie: „Die Leitplanken waren lange klar.“
Die Vorwürfe blockte auch die gesundheitspolitische Sprecherin Simone
Borchardt (CDU) ab: „Was haben Sie die anderen drei Monate gemacht?“
[2][Bis zuletzt hatte es erhebliche Änderungen] am Gesetz gegeben, um die
Sparsumme von etwa 16 auf rund 19 Milliarden Euro anzuheben. Die Opposition
warf der Bundesregierung vor, das Gesetz ohne ausreichende Beratung
durchzupeitschen. Am Ende habe keiner mehr gewusst, worüber abgestimmt
werde, so der Vorwurf der Linken. Noch am Donnerstag hatte das
Bundesverfassungsgericht Eilanträge von Grünen und Linken, die Abstimmung
zu verschieben, abgelehnt.
Unklar war lange, ob das Gesetz auch im Bundesrat durchgewinkt wird. Es
schien weiter möglich, dass die Bundesländer den sogenannten
Vermittlungsausschuss anrufen. Das hätte eine weitere Verzögerung des
Gesetzesvorhabens über die Sommerpause hinaus verursacht.
SPD-Fraktionsvize Dagmar Schmidt räumte ein, dass die Vorstellungen in der
Koalition über die Reform teils weit auseinandergelegen hätten. „Dies ist
kein Gesetz, wo nach Verabschiedung die Sektkorken knallen“, begann sie
ihre Rede. „Wir hätten uns auch noch mehr vorstellen können“, sagte sie
nach einer Aufzählung von Forderungen, die die SPD gegen den
Koalitionspartner nicht durchsetzen konnte.
Es sei aber im parlamentarischen Verfahren gelungen, die „Schieflage bei
den Belastungen etwas geradezurücken“ zugunsten der Versicherten. Außerdem
kämen keine Abschläge beim Krankengeld. Auf einen Zuruf aus der
Linksfraktion („Das wäre ja noch schöner!“) fuhr sie trocken fort: „Wer
krank ist, braucht Sicherheit und Unterstützung. Dabei bleibt es. Freut
euch.“
## Viele Zwischenrufe im Plenum
Die Debatte verlief streckenweise turbulent mit vielen Zwischenrufen,
Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) musste mehrfach um Ruhe bitten.
Der AfD-Fraktion drohte sie an, komplett aus dem Plenarsaal zu fliegen.
Auslöser waren laute, höhnische Zwischenrufe, nachdem der AfD-Abgeordnete
Martin Sichert einen Ordnungsruf erhielt. Er hatte die Regierungsmitglieder
als „Lügner“ und als schuldig an „tausenden Toten“ bezeichnet.
Die Kassen-Reform soll im Wesentlichen zum 1. Januar 2027 in Kraft treten.
[3][Versicherte müssen sich dabei auf neue Belastungen einstellen]: Die
Zuzahlungen für Medikamente, Hilfsmittel und Klinikaufenthalte steigen, die
beitragsfreie Mitversicherung für Ehepartner wird eingeschränkt. Auch für
Ärztinnen und Ärzte, Krankenhäuser, Pharmafirmen und Apotheken sind
Änderungen vorgesehen. Die Regierung will mit den Maßnahmen die Finanzlage
der Kassen stabilisieren und Beitragserhöhungen vermeiden.
10 Jul 2026
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