# taz.de -- Krankschreibung ab dem ersten Tag: Kranke Misstrauenskultur
       
       > Ein Vorschlag aus dem Reformpaket sorgt für Aufregung: Künftig soll ab
       > dem ersten Krankheitstag eine Attestpflicht gelten. Wie sinnvoll ist das?
       
 (IMG) Bild: Es gibt keine „Bettkantenentscheidung“, wie es der konservative Generalverdacht behauptet
       
       Was soll sich bei Krankschreibungen ändern? 
       
       Künftig sollen sich alle ab dem ersten Tag krankschreiben lassen – darauf
       hat sich die Bundesregierung in einem Reformpaket Anfang Juli geeinigt.
       Damit will die schwarz-rote Koalition den hohen Krankenstand senken und die
       Wirtschaft stärken. Bislang ist eine Krankschreibung erst ab dem dritten
       Tag erforderlich. Diese Drei-Tage-Frist gibt es seit 1994 – auch wenn
       [1][Bundeskanzler Friedrich Merz im ZDF etwas anderes behauptet hat.] Was
       viele auch nicht wissen: Schon jetzt dürfen Chef*innen die
       Krankschreibung ab dem ersten Tag in den Arbeitsvertrag schreiben – es ist
       nur unüblich. Wie es genau mit der geplanten Neuregelung sein wird, ist
       noch offen. Bundeskanzler Merz jedenfalls sagte, dass die neue Regel nicht
       automatisch einen Arztbesuch am ersten Krankheitstag erfordere.
       
       Worüber regen sich alle auf? 
       
       Aus Gewerkschaften, Verbänden, der Opposition und sogar aus der Koalition
       hagelte es Kritik. Der CDU-Arbeitnehmerflügel forderte, den Passus zur
       Krankschreibung ganz zu streichen. Auch Hendrik Wüst,
       NRW-Ministerpräsident, warnte, dass es mit akuten Erkrankungen „überhaupt
       nicht gut“ sei, sofort die Praxis aufzusuchen. Patient*innen mit
       ansteckenden Krankheiten könnten auch alle anderen im Wartezimmer
       gefährden. SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf beharrte auf einer
       „größtmöglichen Freiheit in der Umsetzung“. Arbeitgeber*innen sollten
       die Krankschreibung ab dem ersten Tag nicht umsetzen müssen, sondern sie
       auch ab dem dritten Tag beibehalten können.
       
       Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Stefan Schwartze (SPD),
       sprach von einer unnötigen „Belastung für alle.“ Es sei zu befürchten, dass
       sich „künftig noch mehr Arbeitnehmende krank zur Arbeit schleppen, nicht
       genesen und letztendlich aufgrund langwieriger Verläufe mehr Krankheitstage
       aufweisen“.
       
       Gesundheitspolitiker Ateş Gürpınar (Linke) warf der Bundesregierung ein
       „tiefes Misstrauen gegen die eigene Bevölkerung“ vor. [2][Janosch Dahmen,
       Gesundheitspolitiker der Grünen] und selbst Arzt, befürchtet mehr
       Bürokratie, längere Wartezeiten und mehr Krankentage. Ärzt*innen seien
       „medizinische Sachverständige, keine arbeitsrechtliche Kontrollinstanz“,
       betonte er.
       
       Und was sagen die Ärzt*innen selbst? 
       
       Der Bundesvorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes, Markus
       Blumenthal-Beier, sprach von einer „Katastrophe“ für die Praxen. Diese
       müssten „mit Millionen zusätzlichen Patientinnen und Patienten rechnen“.
       „Ob die Versorgungsrealität in den Koalitionsfraktionen überhaupt noch
       ausreichend zur Kenntnis genommen wird“, fragte sich Klaus Reinhardt,
       Präsident der Bundesärztekammer.
       
       Kann man sich noch per Telefon oder Video krankschreiben lassen? 
       
       Die Krankschreibung per Telefon, die erst während der Pandemie eingeführt
       wurde, um Ansteckungen zu verhindern, soll künftig wegfallen. Eine
       Krankschreibung per Video bleibt hingegen erhalten – so sieht es der Plan
       von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) vor. Linkenpolitiker Ateş
       Gürpınar kritisierte es als „einigermaßen absurd“, die niedrigschwellige
       Krankschreibung am Telefon zu streichen. Diese funktioniere auch ohne
       digitalen Ausbau.
       
       Für Janosch Dahmen (Grüne) mangelt es an einer wissenschaftlichen
       Grundlage, die Telefonkrankschreibung zu streichen: „Bis heute ist nicht
       belegt, dass sie ursächlich für höhere Fehlzeiten ist.“ Der
       Gesundheitspolitiker argumentierte zudem, wenn das „Missbrauchsargument“
       gegen die Krankschreibung per Video nicht gelte, sei es auch bei der
       Krankschreibung per Telefon hinfällig.
       
       Feiern in Deutschland wirklich so viele krank? 
       
       Kommt darauf an, welche Zahlen man sich anschaut. Arbeitnehmer*innen, die
       über einen längeren Zeitraum ausfallen, nehmen zahlenmäßig zu. Der
       Krankenstand und auch die durchschnittliche Krankheitsdauer blieben laut
       einer Auswertung des Dachverbandes der Betriebskrankenkassen (BKK) im
       vergangenen Jahr stabil. Dennoch müssten die Krankenkassen immer häufiger
       Krankengeld zahlen. Dieses wird ab dem 43. Krankheitstag gezahlt. Von
       durchschnittlich 22,1 Ausfalltagen je Beschäftigten entfielen laut
       Auswertung 6,8 Tage auf den Bezug von Krankengeld. Vor zehn Jahren waren es
       lediglich 5,4 Tage. Die Ausgaben hätten im vergangenen Jahr mit insgesamt
       21,6 Milliarden Euro einen neuen Höchststand erreicht.
       
       „Es sind nicht die kurzen Erkältungen, die das Gesundheitssystem finanziell
       belasten“, erklärte Anne-Kathrin Klemm, Verbandsvorständin der BKK. Lange
       Ausfälle gebe es vor allem durch psychische Erkrankungen und
       Muskel-Skelett-Erkrankungen. Nötig sei eine ernsthafte Debatte über eine
       Präventionsstrategie für psychische Erkrankungen – und das nicht nur in der
       Arbeitswelt.
       
       Die Bundesregierung möchte auch eine Teilkrankschreibung einführen – was
       hat es damit auf sich? 
       
       Damit soll es möglich sein, sich bei längeren Erkrankungen nur teilweise
       krankschreiben lassen zu können. Das Vorhaben ist Teil der
       [3][Krankenkassen-Reform, die an diesem Freitag im Bundestag beschlossen
       werden soll]. Im Entwurf heißt es, die Teilkrankschreibung orientiere sich
       am schwedischen Modell. Eine Krankschreibung ist in Schweden übrigens erst
       am achten Tag fällig. Positive Effekte sollen sein: Arbeitsunfähigkeit
       verkürzen, die Rückkehr in den Arbeitsprozess beschleunigen und
       Ausgrenzungsrisiken wegen Krankheit reduzieren. Mehr Flexibilität könne
       Beschäftigte im Arbeitsprozess halten, findet auch Andreas Storm, Chef der
       Versicherung DAK. Er vergleicht die Teilkrankschreibung mit der
       stufenweisen Wiedereingliederung.
       
       Sehen das alle so positiv? 
       
       Nein. Linkenpolitiker Ateş Gürpınar kritisierte den Vorschlag: „Wer krank
       ist, braucht Zeit zur Genesung und keinen zusätzlichen Druck, sich
       irgendwie arbeitsfähig zu machen.“ Auch Janosch Dahmen sieht in der
       Teilkrankschreibung keine Lösung. Damit entstehe ein Aushandlungsprozess
       zwischen Beschäftigten und Arbeitgeber*in über die
       Restleistungsfähigkeit, während die Ärzt*innen am Ende nur noch
       bestätigen. Das schaffe „neue Bürokratie und neuen Streit in den Praxen,
       ohne dass ein Nutzen für den Krankenstand belegt ist.“
       
       Ab wann wären die geplanten Änderungen gültig? 
       
       Die Krankschreibung ab dem ersten Tag frühestens nächstes Jahr – das
       Reformpaket wird nach der Sommerpause weiter diskutiert. Die
       Teilkrankschreibung soll ab 2028 gelten.
       
       9 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/faktencheck-maybrit-illner-spezial-merz-100.html
 (DIR) [2] /Gruenen-Politiker-zu-Krankenkassenreform/!6167376
 (DIR) [3] /Urteil-des-Bundesverfassungsgerichts/!6194822
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Adam Schwedhelm
       
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