# taz.de -- Regierungserklärung des Bundeskanzlers: Wo steht das Land unter Schwarz-Rot?
> Die Regierung will mit einem Reformpaket die Konjunktur ankurbeln, an den
> Maßnahmen gibt es deutliche Kritik. Auch die Ergebnisse des Nato-Gipfels
> spricht Merz an.
(IMG) Bild: Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) spricht im Plenarsaal im Bundestag bei einer Regierungserklärung
Nach seiner Rückkehr vom Nato-Gipfel gibt Bundeskanzler Friedrich Merz
(CDU) am Donnerstag (9.00 Uhr) im Bundestag eine Regierungserklärung „zur
aktuellen politischen Lage“ ab. Das zweitägige Treffen mit den
Nato-Verbündeten in Ankara wird dabei wohl ebenso eine zentrale Rolle
spielen wie die jüngsten Reformvorhaben der schwarz-roten Koalition. Die
anschließende Debatte dürfte von der Opposition für eine Generalabrechnung
mit der Regierungspolitik genutzt werden.
In der vorletzten Plenarsitzung vor der parlamentarischen Sommerpause soll
außerdem noch eine Reihe von Gesetzen verabschiedet werden: So wollen die
Abgeordneten etwa die Einführung des antragsfreien Kindergelds beschließen.
Bei Unfällen mit Elektrorollern soll eine Gesetzesänderung dafür sorgen,
dass die Geschädigten künftig einfacher an Schadenersatz kommen.
dpa/afp/taz | Bundeskanzler Friedrich Merz war erst am Mittwochabend vom
Nato-Gipfel in Ankara zurückgekehrt, bei dem neue Finanzhilfen für die
Ukraine beschlossen und die Weichen für eine Nato mit größerer europäischer
Verantwortung gestellt wurden. Am Rande liefen die Gespräche mit den USA
über die Beschaffung der Tomahawk-Mittelstreckenwaffen, die eine Reichweite
von bis zu 2.500 Kilometern haben, also von Deutschland weit bis in
russisches Gebiet reichen könnten. Moskau ist 1.600 Kilometer Luftlinie von
Berlin entfernt.
Beim Nato-Gipfel 2024 hatten die USA unter Präsident Joe Biden für das Jahr
2026 in Aussicht gestellt, Tomahawks sowie Raketen vom Typ SM-6 und neu
entwickelte Hyperschallwaffen in Deutschland zu stationieren – kostenlos.
Unter US-Präsident Donald Trump gab es zuletzt eine Absage an das Vorhaben.
Darauf folgten die Verhandlungen über den Kauf der Waffen.
## Europäer wollen eigenes System entwickeln
Die europäischen Nato-Staaten verfügen derzeit noch nicht über eigene
Mittelstreckenwaffen. Mittelfristig wollen mehrere Verbündete ein eigenes
Waffensystem für weitreichende Präzisionsangriffe („deep precision strike“)
auf sogenannte Hochwertziele eines Gegners beschaffen. Dazu wurde 2024 auf
dem Nato-Gipfel in Washington das Projekt Elsa („European Long-Range Strike
Approach“) angestoßen.
Mehrere europäische Nato-Verbündete wollen unter diesem gemeinsamen Dach
einen eigenen Marschflugkörper mit einer Reichweite von mehr als 2.000
Kilometern entwickeln. Im vergangenen Jahr hatte das deutsche
Verteidigungsministerium erklärt, die Arbeiten an dieser neuen Fähigkeit
weitreichender Waffen hätten begonnen.
Schwerpunkt der Rede des Kanzlers waren aber die in der vergangenen Woche
von der Koalition beschlossenen Reformen. „Diese Verabredungen zielen vor
allem auf mehr Beweglichkeit für unsere Unternehmen, auf den Erhalt unseres
Sozialstaats und auf die steuerliche Entlastung der Arbeitnehmerinnen und
Arbeitnehmer“, sagte Merz.
Die Koalition hatte sich in der vergangenen Woche auf ein Reformpaket mit
34 Punkten verständigt. Mit Steuerentlastungen von zehn Milliarden Euro,
flexibleren Arbeitsverträgen, einer Neuordnung der Altersvorsorge und
massivem Abbau von Bürokratie wollen die regierenden Christ- und
Sozialdemokraten Deutschland aus der Wirtschaftskrise führen und die
sozialen Sicherungssysteme stabilisieren.
## Merz rechnet mit Verabschiedung der Krankenkassen-Pläne
Für viel Ärger hat in den vergangenen Tagen die geplante Abschaffung der
telefonischen Krankschreibung gesorgt. Die Steuerreform geht außerdem
vielen nicht weit genug. Und die Krankenkassen-Sparpläne sind weiter
umstritten. Merz zeigte sich trotz der Eilanträge der Opposition gegen
diese Pläne zuversichtlich, dass das Gesetz an diesem Freitag verabschiedet
wird.
„Morgen, so hoffe ich jedenfalls, werden wir im Bundestag und im Bundesrat
die gesetzliche Krankenversicherung auf eine neue finanzierbare Grundlage
stellen“, sagte er. Am Vortag hatten Abgeordnete der Grünen und der Linken
jeweils Eilanträge beim Verfassungsgericht eingereicht, um die Abstimmung
in letzter Minute zu stoppen. Auch ein AfD-Abgeordneter kündigte den Gang
nach Karlsruhe an.
## „Wir dürfen nicht nachlassen“
Der Kanzler sieht bereits eine positive Wirkung des Reformkurses. Unter
Verweis auf Zahlen des Statistischen Bundesamts sagte er: „Viele
Unternehmen fahren die Produktion hoch.“ Seit Anfang 2025 steige der
Auftragsbestand in den Unternehmen kontinuierlich an und liege heute um 30
Prozent höher als Ende 2024. „Das sind ermutigende Zeichen unserer
Volkswirtschaft.“ Allerdings sei das noch nicht der Durchbruch und es gebe
einige Branchen, die in einer schweren Krise seien. „Wir dürfen nicht
nachlassen, wir müssen weiter hart arbeiten, wir müssen noch besser
werden.“
## Merz: „Noch nicht der Durchbruch“
Merz bat aber auch um Geduld bei der [1][Umsetzung des Reformkurses]. Denn
bei den nun angegangenen Reformen etwa der Sozialsysteme gehe es um
„Probleme, die zum Teil jahrzehntelang in Deutschland ungelöst liegen
geblieben sind“.
Der Kanzler sah gleichzeitig „ermutigende Zeichen“, dass sich die
wirtschaftliche Lage bessere. So steige die Produktion und der
Auftragsbestand bei den Unternehmen in Deutschland kontinuierlich an. Zudem
seien im ersten Halbjahr 3000 neue Unternehmen in Deutschland gegründet
worden.
„Ja, das ist noch nicht der Durchbruch“, sagte der Kanzler, „und wir
wissen, es gibt einige Branchen, die sind in einer schweren Krise“. Deshalb
sei klar: „Wir dürfen nicht nachlassen, wir müssen weiter hart arbeiten,
wir müssen noch besser werden.“
## Merz verteidigt schwarz-rote Bilanz
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat die bisherige Bilanz seiner
schwarz-roten Regierungskoalition im Bundestag verteidigt. „Es ist sehr
viel geschehen in diesem ersten Jahr, das für unser Land einen wirklichen
Aufbruch bedeutet“, sagte Merz in seiner Regierungserklärung am Donnerstag.
Ziel sei „ein wirtschaftlich starkes, sozial gerechtes und nach innen wie
nach außen verteidigungsfähiges Deutschland. Wir liefern, was es dazu
braucht.“
[2][Der jüngste Auftrag aus Kanada] an ein deutsch-norwegisches Konsortium,
bis zu 12 U-Boote zu bauen, sichere Tausende Arbeitsplätze. Merz: „Das ist
der größte internationale Rüstungsauftrag in der Geschichte der
Bundesrepublik Deutschland, der eine Wertschöpfung von bis zu 100
Milliarden Euro über die nächsten Jahrzehnte ermöglicht.“
Die Bundesregierung wird US-Mittelstreckenwaffen des Typs Tomahawk kaufen
und in Deutschland stationieren. Darauf habe man sich beim Nato-Gipfel in
Ankara mit der US-Seite verständigt, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz
(CDU) in seiner Regierungserklärung im Bundestag. „Wir schließen damit eine
wichtige strategische Lücke in unserer Verteidigung.“ Gleichzeitig werde
Deutschland weiter daran arbeiten, eigene europäische Systeme zu entwickeln
und in Europa zu stationieren.
## Botschaft an die AfD: „Die Mitte liefert“
Merz warb in der kurzfristig angesetzten Regierungserklärung „zur
politischen Lage“ auch eindringlich für den Reformkurs seiner schwarz-roten
Regierung. Er höre immer wieder den Vorwurf, die politische Mitte liefere
nicht und blockiere sich selbst. „Lassen Sie mich in aller Deutlichkeit
erwidern: Die Mitte liefert, sie arbeitet und sie erfüllt vor allem den
Auftrag aus unserem Grundgesetz“, sagte er auch mit Blick auf das Erstarken
der AfD.
Radikale Kräfte, die vermeintlich einfache Lösungen anböten, gebe es gerade
in vielen Demokratien, auch in Deutschland. „Aber wir sind stark genug,
diese Angriffe auf unsere Freiheit und auf die Stabilität unseres Landes
gemeinsam zurückzuweisen“, sagte Merz. Antworten radikaler Parteien, ob von
links oder rechts, gestalteten nicht. „Sie spalten unser Land und würden
es, sollten sie politische Verantwortung in Deutschland übernehmen, in den
Abgrund führen.“
9 Jul 2026
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