# taz.de -- Plenarsitzung des Abgeordnetenhauses: Zwischen Kataster und Katastrophe
> Die letzte Parlamentssitzung vor der Sommerpause ist geprägt von der
> neuen Wahlumfrage. Dort führt erstmals die Linkspartei, die CDU rutscht
> auf Platz 4 ab.
(IMG) Bild: Auf dem Weg ins Rote Rathaus? Die Linkspartei mit ihrer Spitzenkandidatin Elif Eralp liegt in der neuen Wahlumfrage erstmals vorn
Man bräuchte [1][die neue Umfrage zur Abgeordnetenhauswahl] am 20.
September eigentlich gar nicht zu kennen, wenn man Elif Eralp Donnerstag
früh auf den Parlamentssaal zuschreiten sieht. Das Gesicht der
Linkspartei-Spitzenkandidatin sagt schon alles, und ihre Worte
unterstreichen das bloß noch: Sie freue sich wahnsinnig, dass ihre Partei
nun vorne liegt, sagt sie im Gespräch mit Journalisten vor dem Plenarsaal.
Für sie ist Platz 1 die Bestätigung dafür, dass es richtig war, seit Jahren
das Thema Wohnen und Mieten nach vorne zu stellen.
Während Eralp noch spricht, geht der zweite Gewinner der neuen Umfrage
vorbei, breit grinsend. Auf Platz 2, mit 19 Prozent nur einen Punkt hinter
der Linkspartei, liegen die Grünen mit ihrem Spitzenkandidaten Werner Graf,
so gut wie seit 20 Monaten nicht. Für die Linkspartei ist es sogar
siebeneinhalb Jahre her, dass sie letztmals eine Umfrage anführte.
Der Sprung nach vorne – von Platz 4 und 5 in einer Umfrage Mitte Mai –
könnte für beide Parteien kaum zu einem besseren Zeitpunkt kommen, nämlich
mit der letzten Sitzung des Abgeordnetenhauses vor der Sommerpause. Als
Führende gehen Linkspartei und Grüne nun in die Schlussphase des
Wahlkampfs, so wie ein Fußballteam mit dem 1:0 unmittelbar vor dem
Pausentee.
Da können sich kurz darauf im Plenarsaal CDU und SPD noch so sehr loben für
ihre jüngsten Gesetze zum Bauen und Wohnen, nämlich [2][dem
Einfacher-Bauen-Gesetz und dem Mietenkataster] – die beiden
Noch-Oppositionsfraktionen brauchen bloß aus der Umfrage abzuleiten, dass
nicht wirklich ankommt, was die schwarz-rote Koalition da versucht.
## CDU-Fraktionschef: linksradikal gegen bürgerlich
Das räumt kurz vor der Sitzung auch CDU-Fraktionschef Dirk Stettner
gegenüber der taz und anderen Medien ein. Man habe vieles auf den Weg
gebracht, müsse das aber merklich noch besser vermitteln. Und nervös mache
ihn die Umfrage „gar nicht“ – nun gehe es darum, der Konkurrenz „die Luft
aus den heißen Parolen“ zu lassen. Die Wähler müssen sich aus Stettners
Sicht entscheiden, ob sie „eine linksradikale Regierung“ oder eine
bürgerliche wollen. Darauf angesprochen, sagt Spitzenkandidatin Eralp: „Ich
weiß gar nicht, was Herr Stettner mit linksradikal meint“ – die Linkspartei
mache Politik für die Mehrheit der Berliner.
Ganz so entspannt wie ihr Fraktionschef Stettner zumindest offiziell war
man in seiner Fraktion nicht. Die neuen Umfragewerte dürften dort als
mittlere Katastrophe gelten. Schon Ende April war man in der Berliner CDU
[3][zunehmend unruhig geworden]. Damals hatte sich die Affäre um
Fördergelder der CDU-geführten Kulturverwaltung ausgeweitet. Senatorin
Sarah Wedl-Wilson musste zurücktreten und die Partei rutschte in einer
Umfrage unter 20 Prozent – zum ersten Mal in Berlin seit über vier Jahren.
Als Stettner am Rednerpult des Abgeordnetenhauses steht, sieht er auch da
keinen schlechten Tag – ein guter Tag soll dieser Donnerstag vielmehr sein.
Das ist für ihn zum einen so wegen der wenig später beschlossenen Gesetze,
vor allem zum Mietenkataster – da habe die schwarz-rote Koalition
„gordische Knoten zerschlagen“, die der rot-grüne-rot Vorgängersenat zuvor
knüpfte, sagt er.
Zum anderen aber wegen der kurz vor Sitzungsbeginn bekannt gewordenen
Absicht der Bundesregierung, den Bundesländern die Enteignung von
Wohnungsunternehmen zu verbieten. Die ist gemäß einem erfolgreichen
Volksentscheid von 2021 das Ziel der Initiative Deutsche Wohnen und Co
enteignen und der Linkspartei. [4][Banken und Wirtschaftsverbände hatten
sich jüngst erneut] gegen Enteignungen gestellt.
## SPD-Fraktion lehnt Enteignung ab
Das machen im Plenarsaal auch SPD-Fraktionschef Raed Saleh und sein
Parteifreund Christian Gaebler, der Bausenator. „Eure Vorstellungen kosten
die Berliner Milliarden an Steuergeldern und senken keine einzige Miete“,
[5][hält Saleh der Linkspartei vor]. Dass die Bundesregierung sich nun bei
dem Thema eingemischt hat, findet er allerdings falsch, weil es die
Befugnisse der Bundesländer beschneidet.
Saleh sieht im kurz darauf beschlossenen Mietenkataster ein wirksames
Werkzeug gegen Mietwucher und geht davon aus, dass sich andere Bundesländer
diesen Weg von Berlin abgucken werden. Dass seine Partei in der viel
diskutierten Umfrage nur 13 Prozent und Platz 5 unter den fünf im Parlament
vertretenen Parteien erreicht, erwähnt er nicht.
„Das Mietenkataster, für das sich jetzt die Koalition abfeiert, ist doch
nur auf Druck zustande gekommen“, kontert Elif Eralp, als die nach Stettner
am Mikro steht. Sie erinnert daran, dass Senator Gaebler noch 2025 eine
solche Regelung [6][auf Landesebene nicht für möglich hielt].
Für die Grünen spricht anders als bei den anderen Fraktionen nicht der
Vorsitzende Graf. Der würde später noch bei einem anderen wichtigen Antrag
reden, sagt die Pressestelle der Fraktion der taz dazu. Ein Resultat der
Umfrage war auch, dass Graf der unbekannteste der Spitzenkandidaten unter
den großen Parteien ist. Zu Platz 2 und Messungenauigkeiten eingerechnet
quasi gleichauf mit der Linkspartei reicht es bislang dennoch. Und zu
seinem weiter währenden Grinsen auch.
2 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.wahlrecht.de/umfragen/landtage/berlin.htm
(DIR) [2] /Kampf-gegen-ueberhoehte-Mieten/!6192675
(DIR) [3] /Foerdergeldaffaere/!6174733
(DIR) [4] /Initiative-gegen-Vergesellschaftung/!6187723
(DIR) [5] /Abgeordnetenhauswahl-am-20-September/!6188989
(DIR) [6] /Mietenpolitik-in-Berlin/!6149006
## AUTOREN
(DIR) Stefan Alberti
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