# taz.de -- Grundsicherung löst Bürgergeld ab: Mehr Druck, mehr Sanktionen
> Das bisherige Bürgergeld heißt nun Grundsicherung. Für Betroffene bringt
> es neue Härten. Die Linke prüft eine Klage gegen die Regelungen.
(IMG) Bild: Fordern und noch mehr fordern: Jobcenter im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg
dpa/taz | Die Linke erwägt rechtliche Schritte gegen die seit diesem
Mittwoch geltende Grundsicherung. „Dagegen prüfen wir jetzt eine
Verfassungsklage, weil das Bundesverfassungsgericht schon 2019 geurteilt
hat, dass das tatsächlich gegen unsere Verfassung verstößt, die Menschen
total zu sanktionieren“, sagte Linken-Bundeschefin Ines Schwerdtner.
Auch die Linke wolle, dass Menschen schneller in Arbeit kämen, so
Schwerdtner. „Dafür müssen die Jobcenter besser ausgestattet sein.“ Es
brauche auch eine bessere Arbeitsvermittlung und mehr Sprachkurse. Von den
bisherigen Bürgergeldempfängern seien die allermeisten Alleinerziehende und
psychisch Kranke, die Unterstützung statt Sanktionen bräuchten, um wieder
in den Arbeitsmarkt zu kommen. Nur 0,3 Prozent der Empfänger seien
Totalverweigerer.
Es gebe in Deutschland 800.000 Menschen, die allein von ihrem privaten
Vermögen oder von Mieteinnahmen leben könnten. Schwerdtner sagt: „Das sind
die echten Sozialschmarotzer in diesem Land. Aber nicht jemand, der
psychisch krank zu Hause sitzt und sich deswegen nicht ins Jobcenter
traut.“
## Bürgergeld heißt nun Grundsicherung
Für Menschen im bisherigen Bürgergeld gelten seit diesem Mittwoch
entscheidende Änderungen. Die Leistung heißt nun „Grundsicherung für
Arbeitssuchende“. Mit der Reform wächst auch der Druck, einen Job
anzunehmen. Wirken Bezieher nicht mit, kann die Leistung monatlich gekürzt
oder sogar ganz gestrichen werden.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) schrieb dazu auf X, Arbeit habe nun
Vorrang. „Wir haben klare Regeln gegen Leistungsmissbrauch geschaffen. Wer
in Not ist, dem wird geholfen. Daran ändert sich nichts.“ Das sei eine
Frage der sozialen Gerechtigkeit.
Auch Arbeits- und Sozialministerin Bärbel Bas sagte, im Mittelpunkt der
Umgestaltung stehe, dass Arbeit Vorrang habe, wo immer es gehe. „Und wenn
es für eine nachhaltige Arbeitsaufnahme doch eine Qualifizierung braucht,
ist auch das weiterhin möglich. Die erfolgreiche Integration in Arbeit,
Gerechtigkeit und Solidarität sind die Ziele der neuen Grundsicherung“,
hieß es in einer Mitteilung der SPD-Politikerin.
## Warum wird das System überhaupt reformiert?
Im Bundestagswahlkampf 2025 hatte CDU-Chef Merz angekündigt, beim
Bürgergeld „zweistellige Milliardenbeträge“ einsparen zu wollen. Zuletzt
bezogen laut Statistik der Bundesagentur für Arbeit etwa 5,2 Millionen
Menschen die Leistung, davon 3,8 Millionen Erwerbsfähige. Alleinstehende
bekommen 563 Euro im Monat – an der Summe ändert sich nichts. Für die
Regelsätze sowie Kosten für Wohnen und Heizen rechnet der Bund 2026 mit
rund 41 Milliarden Euro. Dazu kommen rund 10 Milliarden Euro für
Verwaltungskosten und Leistungen zur Eingliederung in Arbeit.
Die neue Grundsicherung wird die Kosten nach Erwartung der Regierung
bestenfalls um zweistellige Millionenbeträge senken. Merz lobte den Plan
nach der Verabschiedung im Bundestag trotzdem: „Das Prinzip ‚Fördern und
Fordern‘ gilt. Alle, die arbeiten können, sollen tatsächlich arbeiten. Das
ist eine Frage der sozialen Gerechtigkeit bei uns im Land.“
[1][Sozialverbände kritisieren die Reform hingegen scharf], vor allem, weil
sie Bezieher mit Kindern treffe. [2][Die CSU fordert noch wesentlich
härtere Einschnitte.]
Erklärtes Ziel der Regierung ist, mehr Menschen raus aus der staatlichen
Leistung und in bezahlte Arbeit zu vermitteln, auch mit individuelleren
Hilfen. „Wir fördern Beschäftigung statt Leistungsbezug“, sagte Bas. Wenn
für eine nachhaltige Arbeitsaufnahme eine Qualifizierung nötig sei, sei
auch das weiterhin möglich. Zugleich müssen erwerbsfähige Bezieher sich
strikter an Termine und Pflichten halten. Der Hebel sind härtere
Sanktionen, also mögliche finanzielle Einschnitte.
## Harte Sanktionen
Die Grundsicherung soll sofort für drei Monate um 30 Prozent gemindert
werden, wenn ein Arbeitsloser keine Bewerbungen schreibt oder Förderkurse
ablehnt. Dann fließen rund 150 Euro im Monat weniger. Bei versäumten
Jobcenterterminen soll gelten: Nach dem zweiten Mal greift die
30-Prozent-Kürzung für einen Monat. Bei drei versäumten Terminen sollen
Jobcenter die Überweisungen einstellen. Wegfallen können auch
Wohnkostenzahlungen.
Die Behörden sollen den Betroffenen Gelegenheit zur persönlichen Anhörung
geben – etwa durch einen Anruf oder Besuch. [3][Psychisch Kranke sollen
verschont bleiben.] Bislang treffen Sanktionen im Vergleich zu den
Millionen Beziehern nur sehr wenige Menschen – im Schnitt etwa 30.000 im
Monat.
Auch für junge Eltern gelten jetzt strengere Regeln. Die bisherige
Rechtslage: Für Erziehende ist es erst ab dem dritten Geburtstag des Kindes
zumutbar, eine Arbeit aufzunehmen oder einen Eingliederungs- oder
Sprachkurs zu besuchen, sofern ein Kitaplatz zur Verfügung steht. Ab
Mittwoch soll diese Pflicht viel früher greifen: „Bei vorhandener
Kinderbetreuungsmöglichkeit können Eltern mit Kindern im Alter von
mindestens 14 Monaten von den Jobcentern im individuell zumutbaren Umfang
zum Spracherwerb, zur Aus- oder Weiterbildung beziehungsweise zu einer
Erwerbsarbeit verpflichtet werden“, erklärte das Sozialministerium.
## Karenzzeit ist abgeschafft
Bisher durften Bezieher des Bürgergelds ihr eigenes Vermögen im ersten Jahr
behalten, sofern es weniger als 40.000 Euro waren. Diese „Karenzzeit“
[4][ist abgeschafft]. Jetzt gilt, dass Menschen bis 30 Jahre 5.000 Euro auf
der hohen Kante behalten dürfen, im Alter bis 40 sind es 10.000 Euro, bis
50 sind es 12.500 Euro und darüber 20.000 Euro. „Wer Vermögen oberhalb der
Freibeträge hat, muss dieses für seinen Lebensunterhalt einsetzen“,
erläuterte das Sozialministerium. „Die Prüfung erfolgt zu Beginn des
Leistungsbezuges.“
Auch die Wohnkosten werden begrenzt. „Angemessene“ Wohnkosten wurden
bislang ganz übernommen. Maßstab dafür war der Wohnungsmarkt vor Ort. Von
nun an werden die Kosten schon im ersten Jahr Grundsicherung gedeckelt, und
zwar „auf das Eineinhalbfache der abstrakten örtlichen
Angemessenheitsgrenze“, wie das Ministerium erläutert.
Klingt kompliziert? Das Ministerium nennt das Beispiel eines
Alleinstehenden, der in einer 2.000 Euro teuren Wohnung lebt und in die
Grundsicherung rutscht. Liegt die „Angemessenheitsgrenze“ für einen
Ein-Personen-Haushalt in der Kommune bei 600 Euro, dann ist der „Deckel“ im
ersten Jahr bei 900 Euro. Den Rest müsste der Betroffene selbst
finanzieren. Nach einem Jahr Karenzzeit würden nur noch 600 Euro vom
Jobcenter übernommen.
Kommunen können zusätzlich Höchstgrenzen pro Quadratmeter festlegen. Wieder
Beispiel: Wenn jemand auf zehn Quadratmetern wohnt, dann wären 600 Euro
Miete eben nicht mehr „angemessen“. Würden die kommunalen Träger eine
Höchstmiete von zum Beispiel 15 Euro pro Quadratmeter festlegen, dann
würden nur 150 Euro im Monat bezahlt. Die Bundesregierung verkauft das als
Mittel gegen Wuchermieten und Sozialmissbrauch.
1 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Neue-Grundsicherung-tritt-in-Kraft/!6181983
(DIR) [2] /Forderung-von-CSU-Chef-Markus-Soeder/!6189365
(DIR) [3] /Abschaffung-des-Buergergelds/!6145563
(DIR) [4] /Kabinett-beschliesst-Grundsicherung/!6139324
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Armut
(DIR) Arbeitslosigkeit
(DIR) Sanktionen
(DIR) Grundsicherung
(DIR) Arbeitslosengeld
(DIR) Hartz IV
(DIR) Alexander Dobrindt
(DIR) Sanktionen
(DIR) Die Linke
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Arbeitsmarkt im Juli: Zahl der Arbeitslosen steigt wieder über drei Millionen
Im Juli nimmt die Zahl der Arbeitslosen üblicherweise kräftig zu. In diesem
Jahr wurde erneut die Grenze von drei Millionen überschritten.
(DIR) Neue Grundsicherung und Mietkosten: Sinnlose Wohnungssuche auf Befehl vom Jobcenter
Ab 1. Juli sind nur noch niedrige Wohnkosten in der neuen Grundsicherung
erlaubt. Betroffene müssen dann eine oft sinnlose Wohnungssuche nachweisen.
(DIR) Forderung von CSU-Chef Markus Söder: CSU verschärft Ton gegenüber Bürgergeld-Empfänger:innen
Die CSU lässt beim Bürgergeld nicht locker: Kürzungen will vor allem auch
der bayerische Ministerpräsident Söder durchsetzen. Und nicht nur das.
(DIR) Neue Grundsicherung tritt in Kraft: „Das wird ein harter Kampf“
Die neue Grundsicherung sieht härtere Sanktionen vor. Das sei auch für
Menschen mit Arbeit eine Bedrohung, sagt die Aktivistin Helena Steinhaus.
(DIR) Regierungsantwort auf Linken-Anfrage: Nudeln mit Ketchup statt Obst und Gemüse
Die Bundesregierung berechnet derzeit die Höhe der Grundsicherung neu. Ob
das Geld für gesunde Ernährung reicht, spielt im Verfahren keine Rolle.