# taz.de -- Ostkongress der Grünen auf Rügen: Auch Grüne essen Fleisch
       
       > Gesellschaftsspiele und Identitätsdepressionen: Auf ihrem zweiten
       > Ostkongress beschwören die Grünen vor den Landtagswahlen das Prinzip
       > Hoffnung.
       
 (IMG) Bild: „War schön gewesen“: Grünen-Chef Felix Banaszak auf dem Ostkongress in Sassnitz auf der Insel Rügen
       
       Das Spiel nennt sich „Oh! Wie Osten. Das Gesellschaftsspiel, das vereint“.
       Und also spielen sie am Freitagabend auf der Bühne des Sassnitzer
       Glasbahnhofs, die zwei Bundes-Grünen aus dem Westen und die zwei
       Landes-Grünen aus dem Osten. Sie beantworten Quizfragen, spielen mit
       Bauklötzchen, malen Windräder. Manches hat auch mit dem Osten zu tun.
       
       Mecklenburg-Vorpommerns Spitzenkandidatin Claudia Müller, [1][ihre
       sachsen-anhaltische Kollegin Susan Sziborra-Seidlitz] und die beiden
       Bundesvorsitzenden Felix Banaszak und Franziska Brantner haben offenkundig
       Spaß an dem Auflockerungsspiel zum Ostkongress der Grünen, zu dem die
       Partei am Freitag und Samstag auf die Insel Rügen im hohen Norden geladen
       hat.
       
       Parteichef Banaszak – weißes Hemd, lange Jeans, rosa Sonnenbrille – ist in
       einem Wohnmobil angereist. Ein Verbrenner, ausgerechnet. Zuvor hat er mit
       Susan Sziborra-Seidlitz auf einem Campingplatz in Sachsen-Anhalt
       übernachtet. Er erzählt, wie er am Grill mit den Menschen ins Gespräch kam.
       Rente, „die da oben“, Sterbehilfe. Auch AfD-Wähler:innen seien dabei
       gewesen. „Und ganz viele haben am Ende des Abends gesagt: War schön
       gewesen.“ Er wird die Geschichte bei dem Kongress noch ein paar Mal
       erzählen. Es klingt nach heiterer Sommerreise.
       
       Die gelöste Stimmung steht auf seltsame Weise im Widerspruch zu den
       schweren Themen, die die 210 Teilnehmer:innen aus dem ganzen
       Bundesgebiet an den beiden Tagen ansonsten in dem umgebauten Fährterminal
       mit freiem Blick auf die ruhige Ostsee beackern. In den Diskussionen geht
       es um die „Gesellschaft der Ängste“, den bröckelnden Zusammenhalt und die
       Bedrohung der Zivilgesellschaft, um das zurückgekehrte Phänomen rechter
       Jugendgewalt und die Frage: „Wie kommen wir raus aus der
       Identitätsdepression?“ Dies alles mit Blick auf die Situation in den
       ostdeutschen Flächenländern.
       
       ## Holiday im Niemandsland
       
       Für die Grünen im Osten geht es um viel. Wenige Wochen vor den
       Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt steht die
       Partei in beiden Ländern bei 4 Prozent. Sollten die Grünen im September den
       Wiedereinzug in die Landesparlamente von Schwerin und Magdeburg verpassen,
       wären sie im Osten nur noch in Sachsen vertreten.
       
       Der Ostkongress dient insofern der Selbstvergewisserung. Oder wie [2][der
       Duisburger Felix Banaszak] seine Erlebnisse aus der Wohnmobiltour
       zusammenfasst: Selbst im angeblich Grünen hassenden Osten „ist nicht alles
       verloren“. Die Demokratie und die Ideale der Partei werden auch auf einem
       Campingplatz in Sachsen-Anhalt verteidigt. Und wenn am Schluss bei ein paar
       Camper:innen nur die Erkenntnis steht, „dass auch Grüne Autos fahren, in
       den Urlaub fliegen und Fleisch essen“, sei auch schon viel erreicht.
       
       Thomas Mehnert ist Chef des Grünen-Kreisverbands von Vorpommern-Rügen, der
       mit gerade mal 270 Mitgliedern bereits der zweitstärkste in ganz
       Mecklenburg-Vorpommern ist. Der 27-jährige Handwerksmeister setzt
       insbesondere Hoffnung in den Kongress in seinem Landkreis: „dass wir
       parteiintern besser in die Vernetzung kommen“. Hinzu komme die
       Sichtbarkeit. „Die Menschen im Osten fühlen sich häufig nicht gehört und
       haben den Eindruck, in ihrer Region passiert nichts. Daher ist das ein
       schönes Signal hier“, sagt Mehnert zur taz.
       
       Dass das Signal von den Menschen vor Ort erhört wird, darf bezweifelt
       werden. Die besten Chancen, den Landtags-Direktwahlkreis in und um Sassnitz
       zu gewinnen, werden einem völkischen Nationalisten von der AfD eingeräumt,
       der auf seinen Flyern mit der White-Power-Geste posiert. Parallel zum
       Ostkongress haben die Grünen am Samstag direkt neben dem Veranstaltungsort
       ein kleines Familienfest für die Sassnitzer:innen mit Hüpfburgen und
       Ständen organisiert. Es wird fast ausschließlich von
       Kongressteilnehmer:innen besucht.
       
       ## Weniger Teilnehmer:innen als beim Vorgänger-Kongress
       
       Vielleicht ist es die Bahn, die wegen der Hitze ihren Kund:innen explizit
       [3][von Reisen mit dem eigenen Unternehmen abgeraten hat]. Vielleicht ist
       es der Umstand, dass Sassnitz im Norden Rügens nun wirklich weitab vom
       Schuss liegt. Auffällig bleibt, dass mit 210 Besucher:innen – darunter
       rund 70 Nicht-Parteimitglieder – weit weniger gekommen sind als vor einem
       Jahr in Sachsen-Anhalt, [4][als die Partei ihren ersten Ostkongress
       durchgeführt hatte]. Damals wurden gut 500 Teilnehmer:innen gezählt.
       
       Auch die [5][Leipziger Bundestagsabgeordnete Paula Piechotta] nimmt in
       diesem Jahr nicht teil. Aber wegen Terminen im Wahlkreis, wie sie am
       Telefon sagt. Die Bundesspitze sollte sich lieber darum kümmern, die Grünen
       deutschlandweit auf Erfolgskurs zu bringen. „Es war noch nie so einfach,
       führende Kraft der linken Mitte zu werden“, sagt Piechotta. Ein positiver
       Bundestrend würde auch auf den Osten durchschlagen – und sei wirksamer als
       jedes Parteitreffen zum Thema, davon ist sie überzeugt.
       
       Grünen-Chefin Franziska Brantner will das so nicht stehen lassen: „Wir
       gehen doch raus.“ Felix Banaszak besuche Campingplätze, sie werde jetzt mit
       [6][Mecklenburg-Vorpommerns Spitzenkandidatin Claudia Müller] eine
       Werftentour machen, so Brantner zur taz. Und generell gebe der Ostkongress
       einfach die Möglichkeit, „einen Ort der Diskussion und zum Umgang
       miteinander zu etablieren“. Das sei heute so nötig wie vor einem Jahr.
       
       ## „Sassnitzer Erklärung“ zur Bildungspolitik
       
       Wichtig ist Brantner auch die Klarstellung, dass es sich bei dem Treffen in
       Sassnitz nicht um eine parteiinterne Palaver- und Befindlichkeitsübung
       handelt. So werde – anders als im vergangenen Jahr – auch ein Papier zu
       einem konkreten Thema verabschiedet. Mit der „Sassnitzer Erklärung“ wollen
       sich die Grünen stark machen für bessere Bildung im ländlichen Raum.
       
       Brantner sagt, es könne nicht sein, „dass Eltern mit ihren Kindern jeden
       Morgen erst eine kleine Weltreise antreten müssen, um zur Kindertagesstätte
       oder zur Grundschule zu kommen“. Auch das sei eine Frage der
       Chancengerechtigkeit. „Gute Bildung darf nicht davon abhängen, ob mein Kind
       in Dörfern wie Marienthal in Mecklenburg-Vorpommern oder Ferchlipp in
       Sachsen-Anhalt oder in den Innenstädten von Rostock und Magdeburg
       aufwächst.“
       
       Am Sonntag stehen im Sassnitzer Glasbahnhof noch „richtige“ Beschlüsse an.
       Bei einem im Anschluss stattfindenden Kleinen Bundesparteitag wollen die
       Grünen unter anderem über Arbeitnehmer:innenrechte in Europa,
       künstliche Intelligenz und den parteiinternen Umgang mit sexueller
       Belästigung diskutieren.
       
       „Uns Grünen braucht echt keiner erzählen, dass Politik ein hartes Geschäft
       ist“, sagt die mecklenburg-vorpommersche Europaabgeordnete Hannah Neumann.
       Da sei es völlig okay, wenn sie bei dem Kongress auch „Kraft getankt“ habe.
       „Ich gehe hier jedenfalls mit guter Laune raus“, sagt Neumann zur taz.
       
       27 Jun 2026
       
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