# taz.de -- Grüne und Grüne Jugend im Gespräch: „Es ist unsere Aufgabe, mit der Partei zu streiten“
       
       > Zwischen den Grünen und ihrem Nachwuchs hat es schon wieder gekracht.
       > Jetzt rufen Felix Banaszak und Henriette Held den Frieden aus – unter
       > Vorbehalt
       
 (IMG) Bild: Henriette Held und Felix Banaszak in Sassnitz auf Rügen
       
       taz: Herr Banaszak, fälschlicherweise wird Sokrates oft das Zitat
       untergeschoben: „Die Jugend hat schlechte Manieren und verachtet die
       Autorität.“ Aber hätte er es wirklich gesagt, hätte er dann recht gehabt? 
       
       Felix Banaszak: Die Jugend hat Privilegien. Solange man selbst jung ist,
       freut man sich darüber.
       
       taz: Bei den Grünen scheint die Parteijugend gar nicht so viele Privilegien
       zu haben. Sie bekommt ständig für irgendwas auf den Deckel. 
       
       Banaszak: In jeder Familie gibt es mal Streit. Am Ende freut man sich meist
       trotzdem auf das gemeinsame Weihnachtsfest.
       
       taz: Der jüngste Konflikt: Die Grüne Jugend wird von Parteilinken
       dominiert. Junge Realos organisieren deshalb eigene Veranstaltungen. Ein
       Mitarbeiter Ihrer Co-Vorsitzenden Franziska Brantner koordinierte das
       Netzwerk, sie selbst trat auf einer Konferenz auf. Henriette Held warf ihr
       daraufhin [1][in der Süddeutschen Zeitung] vor, sie würde „Gräben
       vertiefen“, und witterte den Versuch, eine konkurrierende
       Jugendorganisation aufzubauen. War die Kritik berechtigt? 
       
       Banaszak: Wir alle haben in den letzten Wochen viele Gespräche miteinander
       geführt und Franziska hat – für uns beide – deutlich gemacht, dass die
       Grüne Jugend unsere Jugendorganisation ist.
       
       taz: Frau Held, wie ist der Stand aus Ihrer Sicht? 
       
       Henriette Held: Wir haben tatsächlich viel miteinander gesprochen und sind
       weiter im Austausch. In den nächsten Wochen werde ich mit Franziska
       Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern machen, weil es um die Sache geht und
       wir bei den kommenden Landtagswahlen das gleiche Ziel verfolgen.
       
       taz: Dürfen sich junge Realos weiter vernetzen? 
       
       Held: Ja, das war nie das Problem.
       
       taz: Dürfen sie aus der Parteispitze unterstützt werden? 
       
       Held: Franziska hat mittlerweile klar gemacht, dass sie uns als Grüne
       Jugend unterstützt, und in der Grünen Jugend haben alle jungen Menschen der
       Partei Platz. Damit arbeiten wir jetzt weiter.
       
       taz: Seit Jahren knallt es zwischen Partei und Nachwuchs immer wieder.
       Woran liegt das? 
       
       Held: Es ist Aufgabe einer Jugendorganisation, mit der Partei zu streiten
       und inhaltliche Debatten anzustoßen. Für Luis und mich ist seit unserer
       Wahl klar, dass wir das konstruktiv machen wollen. Hier am Tisch sieht es
       auch nicht so aus, als ob es gleich knallt.
       
       Banaszak: Henriette und ihr Co-Sprecher Luis Bobga haben sich in den
       vergangenen Monaten sehr darum bemüht, das Verhältnis zu verbessern. Das
       heißt nicht, dass wir uns immer einig sind. Aber wir können gut über die
       unterschiedlichen Positionen sprechen, und in unserem Alltag überwiegen die
       Gemeinsamkeiten. Natürlich interessieren sich viele Medien mehr für den
       Dissens. Die Nachricht, dass die Grüne Jugend glücklich mit einer Aussage
       des Parteivorsitzenden ist, schafft es selten in die Zeitungen.
       
       taz: Dass es bei den Grünen häufiger [2][Streit mit dem Nachwuchs] gibt als
       bei SPD oder Union, würden Sie nicht ernsthaft bestreiten? 
       
       Held: Nein, aber im Unterschied zur Jungen Union verstehen wir unsere
       Praxis auch nicht darin, junge Menschen auszubilden, um in der Partei
       Karriere zu machen. Wir sind ein Zusammenschluss ganz unterschiedlicher
       grünennaher Menschen. Die einen sind Kommunalpolitiker:innen, die anderen
       sind Aktivist:innen. Wir bringen ihre Perspektiven zusammen und scheuen uns
       nicht davor, für ihre Positionen in den Streit zu gehen.
       
       taz: Nachdem wir gerade gehört haben, dass die Jugend bei den Grünen offen
       ihre Meinung sagen dürfe: Wie finden Sie denn Felix Banaszak? 
       
       Held: Er bringt viele gute Punkte ein, die den Grünen lange gefehlt haben.
       Zum Beispiel, dass Systemkritik wichtiger ist als Individualismuskritik.
       
       taz: Was heißt das? 
       
       Held: Als Grüne Jugend sind wir lange davon weggekommen, die Klimakrise
       darüber lösen zu wollen, dass wir uns alle Bambuszahnbürsten kaufen. Wir
       müssen an die systemischen Probleme ran, die die Reichen, die Mächtigen und
       die Konzerne verursachen. Felix hat bei seiner letzten Parteitagsrede
       ähnlich argumentiert: Wir sollten als Grüne nicht kritisieren, wenn ein
       junger Mensch auf dem Land ein Dieselauto fährt. Wir sollten uns darum
       kümmern, dass man auf dem Land auch ohne Auto zum nächsten Club kommt.
       
       taz: Sie sind sich aber auch nicht immer einig. Auf dem Länderrat – dem
       kleinen Parteitag der Grünen – hat die Grüne Jugend vor einer Woche
       beantragt, dass die Grünen am gesetzlichen Kündigungsschutz festhalten. Das
       ging gegen eine entsprechende Forderung von Felix Banaszak im Frühjahr. 
       
       Held: Es stand in den letzten Monaten in Verbindung mit den Grünen im Raum,
       dass der Kündigungsschutz angezweifelt wird. Wir wollten mit dem Antrag ein
       Zeichen setzen, dass solche Errungenschaften der
       Arbeiter:innenbewegung und der Gewerkschaften unverhandelbar sind.
       
       taz: Was war falsch am Vorschlag des Parteichefs, den Kündigungsschutz zu
       lockern? 
       
       Held: Wir können über vieles diskutieren. Junge Menschen erleben aber
       derzeit, dass ihre materiellen Grundbedürfnisse nicht mehr gedeckt werden
       und die Bundesregierung noch dazu ihre Rechte als Arbeitnehmer:innen
       angreift – erst vor wenigen Tagen wieder mit den [3][Beschlüssen des
       Koalitionsausschusses]. Die Grünen müssen aufpassen, nicht das gleiche
       Signal zu senden.
       
       taz: Herr Banaszak, auf dem Länderrat hat der Vorstand den Antrag der
       Grünen Jugend übernommen. Haben Sie Ihre Forderung damit revidiert? 
       
       Banaszak: Wir konnten die Formulierung der Grünen Jugend problemlos
       übernehmen, weil weder ich noch irgendjemand anderes den Kündigungsschutz
       in Frage stellt. Ich hatte die Frage in den Raum geworfen, ob unsere
       Arbeitsmarktpolitik genug darauf ausgerichtet ist, den Menschen in einer
       Welt des Wandels Sicherheit zu geben und gleichzeitig neue Dynamik zu
       erzeugen. In Branchen wie der Stahlindustrie werden in den kommenden Jahren
       Arbeitsplätze verloren gehen. Wir haben zwar einen starken
       Kündigungsschutz, aber zu wenige Instrumente, um die Betroffenen
       rechtzeitig für andere Tätigkeiten zu qualifizieren oder ihren
       Lebensstandard in Übergangszeiten zu sichern.
       
       taz: Teil Ihrer öffentlichen Überlegung waren nun mal Lockerungen beim
       Kündigungsschutz. Ist an der Sorge von Frau Held denn nichts dran, dass
       solche Signale Menschen verunsichern? 
       
       Banaszak: Ich bin selbst Mitglied zweier Gewerkschaften. Gleichzeitig nehme
       ich wahr, dass viele Debatten gesellschaftlich gerade mit einer großen
       Verhärtung geführt werden – dafür spricht auch die Aufregung nach meinen
       sehr differenzierten Sätzen. Das hat viel damit zu tun, dass Friedrich Merz
       und Lars Klingbeil tatsächlich einen Großangriff auf die Rechte von
       Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern planen. Die Beschäftigten zur
       Krankschreibung ab dem ersten Tag zu zwingen, ist ein unverschämtes
       Misstrauensvotum. Der berechtigte und notwendige Protest gegen diese
       plumpen wie brutalen Angriffe darf aber nicht in völliger Verhärtung
       münden.
       
       taz: Deswegen befürworten Sie bei der Rente auch Härten wie eine höhere
       Regelaltersgrenze und das Ende der Rente mit 63? 
       
       Banaszak: Mein Anspruch an ein grünes Rentenkonzept: Es soll
       Gerechtigkeitsfragen klug beantworten und gleichzeitig umsetzbar sein. Wir
       haben deshalb auf der einen Seite kritisiert, dass die Empfehlungen der
       Rentenkommission keine Antworten auf die Ungerechtigkeiten innerhalb der
       Generationen geben – zum Beispiel darauf, dass arme Menschen früher sterben
       und weniger Rendite aus ihren Abgaben bekommen. Auf der anderen Seite ist
       die demografische Entwicklung keine Erfindung, sondern eine Realität, mit
       der man umgehen muss.
       
       taz: Frau Held, zusammen mit jungen Grünen-Abgeordneten haben Sie eigene
       Rentenforderungen aufgestellt – ohne höheres Eintrittsalter. Damit
       ignorieren Sie frei nach Felix Banaszak die Realität? 
       
       Held: Die Bundesregierung spielt die Generationen gegeneinander aus, um
       Verteilungsfragen aus dem Weg zu gehen. Natürlich haben wir den
       demografischen Wandel, aber es bringt meiner Generation nichts, wenn unsere
       Großeltern Pfandflaschen sammeln müssen. Wir können gerne immer weiter
       darüber diskutieren, wie lange wir alle arbeiten müssen. Aber wir müssen
       doch eigentlich darüber debattieren, wie wir Arbeitsbedingungen und Löhne
       verbessern können, damit die Menschen die Rente gesund erreichen und ihnen
       genügend Geld zum Leben bleibt. Oder darüber, wie wir das Äquivalenzprinzip
       abflachen können, damit Gutverdiener:innen, die sich auch privat absichern
       können, mehr zum System beitragen.
       
       Banaszak: Ja, die Verengung der Rentendebatte auf einen
       Generationenkonflikt ist falsch. Wir können trotzdem nicht negieren, dass
       es auch um Gerechtigkeit zwischen den Generationen geht. Natürlich gibt es
       Alternativen zu einem höheren Renteneintrittsalter. Mir ist aber wichtig,
       dass wir zwei Haltelinien ziehen: Die eine ist beim Rentenniveau. Aber auch
       die Beiträge dürfen nicht ungebremst steigen. Das muss doch ein linkes
       Anliegen sein – allein schon, weil die Beiträge Menschen mit geringen
       Einkommen viel stärker treffen als Gutverdiener.
       
       taz: Herr Banaszak, die Grünen haben gerade auf Rügen [4][einen Ostkongress
       abgehalten], und auf dem Weg dorthin sind Sie im Wohnmobil über
       Campingplätze getourt. Im Osten spielt die gesetzliche Rente in der
       Altersvorsorge eine überdurchschnittlich große Rolle. Haben Sie das in
       Ihren Gesprächen gespürt? 
       
       Banaszak: Ja, klar. Viele Menschen verunsichert, was die Bundesregierung
       macht. Sie haben das Gefühl, dass Vereinbarungen in der Koalition am Ende
       auf ihre Kosten laufen – zu Recht. Das ist eine perfekte
       Mobilisierungschance für Verfassungsfeinde bei den Landtagswahlen, die
       jetzt anstehen.
       
       taz: Ist es da nicht kontraproduktiv, wenn sich auch noch der Grünen-Chef
       auf ein höheres Renteneintrittsalter einlässt? 
       
       Banaszak: Menschen sind bereit, ihren Beitrag zu leisten, wenn sie das
       Gefühl haben, dass Reformen insgesamt ausgewogen sind. Diese Hoffnung hat
       Friedrich Merz den Leuten systematisch ausgetrieben. Sie merken, dass
       manche den Gürtel sogar etwas lockerer schnallen können.
       
       taz: Ganz allgemein: Was bringt es, wenn Sie im Wohnmobil über
       Campingplätze touren? 
       
       Banaszak: An einem Abend in der Altmark saßen Menschen bei mir, die sich
       als AfD-Wähler zu erkennen gegeben hatten. Am nächsten Morgen haben sie
       sich bedankt und gefragt, wann wir wiederkommen. Es ist also noch nicht
       alles verloren. Die rechtsextreme Landnahme funktioniert ja nur, weil
       demokratische Parteien und Institutionen Räume lassen. Wir sorgen uns
       darüber, dass die AfD Schanklizenzen für ihre Wahlkreisbüros erwerben will.
       Aber was hält uns davon ab, systematisch eigene Angebote zu schaffen, die
       Menschen zusammenbringen und die gesellschaftliche Verhärtung auflösen?
       
       taz: Frau Held, was sagen Sie als halbe Ostdeutsche? 
       
       Held: Ich finde den Ansatz richtig, zu sagen: Wir gehen hin, sprechen mit
       den Menschen und sind vor Ort ein Teil der Gemeinschaft. Das müssten wir
       noch viel weiter in die Breite der Partei tragen. Wir Grüne neigen dazu,
       noch den fünften Artikel über den Aufstieg der AfD zu lesen, um alles in
       der Theorie genau erklären zu können. Aber in einer Zeit, in der sich vor
       allem unter jungen Menschen eine krasse Einsamkeitskrise ausbreitet und in
       der jungen Menschen immer weniger Räume bleiben, ist es existenziell, als
       Partei auch Gemeinschaft zu schaffen. Ich empfinde es als Kern politischer
       Praxis, Fußballspiele und Grillfeste auf Campingplätzen zu organisieren.
       
       taz: Felix Banaszak macht mit seinen Touren durch den Osten also alles
       richtig und der Rest der Partei muss es nur noch nachmachen? 
       
       Held: Alles kann er nicht richtig machen. Er ist immer noch ein Politpromi
       aus dem Westen, wie alle Grünen an der Spitze von Partei und Fraktion. Bei
       der Grünen Jugend ist es ähnlich: Vor mir gab es in der Geschichte keine
       Bundessprecherin, die aus einem Landesverband im Osten kommt. An diesem
       Grundproblem müssen wir alle weiter arbeiten, und daran, dass ostdeutsche
       Perspektiven beispielsweise zur ungleichen Verteilung von Vermögen in West
       und Ost stattfinden.
       
       taz: Teile Ostdeutschlands lehnen Klimaschutz besonders stark ab. Die
       Campertour und der Ostkongress fanden [5][während der jüngsten Rekordhitze]
       statt. Welchen Eindruck hatten Sie in Ihren Begegnungen: Kann das Wetter
       neue Akzeptanz für Klimapolitik schaffen? 
       
       Banaszak: Zumindest wird diese Hitzewoche allen noch lange in Erinnerung
       bleiben. Gleichzeitig verschiebt die Union die Klimaziele in die Zukunft
       und die SPD hilft beim Abwürgen der Energiewende. Wenn die Kluft zwischen
       dem eigenen Alltag und der politischen Agenda zu groß wird, löst das
       Widerstand aus.
       
       Held: Als Grüne müssen wir aber eine bessere Sprache finden. Wir reden
       gerne darüber, welches Zehntelgrad Erderwärmung welche Folgen hat oder wie
       man eine Windkraftanlage technisch am effizientesten plant. Aber es ist
       noch nicht richtig in unserer Rhetorik angekommen, dass wegen der fehlenden
       Klimapolitik der Bundesregierung Menschen sterben und davon vor allem arme
       Menschen betroffen sind.
       
       Korrekturhinweis: Das Zitat aus der ersten Frage haben wir in der
       ursprünglichen Fassung des Interviews Sokrates zugeschrieben. Dass er den
       Satz tatsächlich gesagt hat, ist aber nicht belegt.
       
       5 Jul 2026
       
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