# taz.de -- Geschichte des Stuttgarter Killesbergs: Ein Schlamassel der deutschen Erinnerungskultur
       
       > In Stuttgart verhandelt ein Sprech- und Musikrundgang die Geschichte des
       > Höhenparks Killesberg. Er vermittelt ein Bild zwischen Idylle und
       > NS-Geschichte.
       
 (IMG) Bild: November 1941: Juden aus dem Sammellager Killesberg werden nach Riga deportiert
       
       Der Killesbergpark in Stuttgart-Nord ist eines der beliebtesten
       Naherholungsgebiete der Stadt. Er liegt in unmittelbarer Nähe der
       Kunstakademie und grenzt an die [1][berühmte Weißenhofsiedlung], die bald
       Jubiläum feiert: Im Auftrag des Deutschen Werkbundes entwarfen namhafte
       Architekten des Neuen Bauens wie Le Corbusier, Walter Gropius oder Hans
       Scharoun unter der Leitung von Ludwig Mies van der Rohe 1927 eine
       Mustersiedlung von 21 Häusern. Die Nazis diffamierten sie später als
       „Araberdorf“ und „Klein Jerusalem“. Trotzdem diente sich ihnen unter
       anderem Mies van der Rohe zunächst an.
       
       Die Weißenhofsiedlung gilt heute auch wegen ihrer historischen Ambivalenzen
       als architektonisches Paradebeispiel für die frühe Moderne. Die Geschichte
       des nahe gelegenen Höhenparks ist dagegen kaum bekannt. Dabei manifestieren
       sich hier besonders eindrücklich eine Dialektik der Moderne und Fragen der
       Kontinuitäten von NS-Kulturpolitik. Ihnen widmet sich der Sprech- und
       Musikrundgang „Schlamassel“, der von Aliki Schäfer und Andreas Vogel von
       der Künstler:innengruppe BSV in Kooperation mit der Akademie für
       gesprochenes Wort Stuttgart konzipiert wurde.
       
       Die anderthalbstündige Performance konfrontiert die Geschichte des Ortes an
       mehreren Stationen mit aktuellen jüdischen Perspektiven: Auszüge aus
       Interviews mit Stuttgarter Jüdinnen:Juden erzählen von deren Verhältnis zu
       Deutschland und Israel, vom Rechtsruck in beiden Gesellschaften, vom
       deutschen Umgang mit Geschichte und einer ritualisierten Erinnerungskultur,
       von Antisemitismus und dem [2][7. Oktober], aber auch von romantischen
       Verabredungen oder LSD-Trips im Park.
       
       Der vielstimmige Chor zeichnet kein einheitliches Bild von jüdischem Leben,
       sondern vermittelt individuelle Perspektiven und Widersprüche. Die Berichte
       werden von den Sprecher:innen Jule Hölzgen und Mario Pitz in
       Adidas-Trainingsanzügen vorgetragen. Theatrale Strategien des Einfühlens
       sollen vermieden und ästhetische Distanz gewahrt werden, wobei die
       Performance ohnehin von Vogelgezwitscher und dem Gelächter feiernder
       Jugendgruppen begleitet wird.
       
       ## Gebaut für die Reichsgartenschau 1939
       
       Die dokumentarischen Fragmente werden mit Ausführungen zu Geschichte und
       Gegenwart des Ortes verwoben: Unter Einsatz jüdischer Zwangsarbeiter:innen
       entstand der Höhenpark anlässlich der Reichsgartenschau 1939 nach Plänen
       des Gartenarchitekten Hermann Mattern auf dem Gelände eines
       Sandsteinbruchs. Mattern bekleidete zeitgleich den Posten eines
       „Landschaftsanwalts“ für den Bau der Reichsautobahn. 1935 entwarf er den
       Privatgarten von Albert Speer in Berlin-Schlachtensee.
       
       Bereits 1939 wurde im Park die Liliputbahn installiert, eine kleine
       Eisenbahn, mit der das Areal bis heute in Personenwagen aus der NS-Zeit
       erkundet werden kann. Zwischen 1941 und 1944 nutzten die Nazis das
       weitläufige Gelände als Sammellager für knapp 3.000 Jüdinnen:Juden sowie
       Sinti:Sintize, die vom Nordbahnhof aus in die Konzentrations- und
       Vernichtungslager Auschwitz und Theresienstadt, nach Riga und Iżbica
       deportiert wurden.
       
       Im Höhenpark erinnert daran seit 1962 ein Mahnmal, das 2013 nach Plänen der
       Künstlerin Ülkü Süngun um einen in den Boden eingelassenen großen Kreis aus
       Stahlprofil und Beton erweitert wurde. 1950 fand im Höhenpark die Deutsche
       Gartenschau statt. Als deren künstlerischer Leiter zeichnete wiederum
       Mattern verantwortlich, der damals auch in die Planung der [3][ersten
       „documenta]“ involviert war. Er übersetzte vormals eckige Beete und Teiche
       in eine organische Formensprache. 1961 und 1977 folgte die
       Bundesgartenschau, 1993 die Internationale Gartenbauausstellung.
       
       ## Kunden der Künstler waren Nazigrößen wie Adolf Hitler
       
       Im Park stehen bis heute Werke von Stuttgarter Bildhauern aus der Zeit der
       NS-Gartenschau. Exemplarisch macht die Performance auf drei unscheinbare
       Skulpturen aufmerksam: Josef Zeitlers „Hirschkuh mit Kalb“ galt nach 1945
       als vermisst. 2008 wurde sie auf dem Speicher des Garten- und
       Friedhofsamtes entdeckt und wieder aufgestellt. Von Zeitler stammt neben
       dem volkstümlichen Hans-im-Glück-Brunnen in der Stuttgarter Innenstadt auch
       die Bronzeplastik „In Polen brummt ein wilder Bär“. Das NS-Propagandawerk
       entstand anlässlich des deutschen Überfalls auf Polen.
       
       Die „Stehende“ von Fritz Nuss wiederum war 1938 zunächst auf der Großen
       Deutschen Kunstausstellung in München zu sehen, an der Nuss mehrfach
       teilnahm. An ihrem jetzigen Standort im „Tal der Rosen“ steht sie seit
       1950. Der Künstler, zu dessen Käufern Nazigrößen wie Adolf Hitler oder
       Martin Bormann zählten, war im Zweiten Weltkrieg als Kriegsberichterstatter
       tätig. Von 1952 an lehrte er an der Fachhochschule für Gestaltung in
       Schwäbisch Gmünd. Noch 1985 gestaltete er eine Medaille zu Ehren Arno
       Brekers, einem der prominentesten Künstler des Nationalsozialismus.
       
       Breker gehörte zu den 114 Bildhauern und Malern auf Hitlers „Liste der
       Gottbegnadeten“, die als „unabkömmlich“ galten und vom Front- und
       Arbeitseinsatz verschont blieben. Zu ihnen zählte auch der Stuttgarter
       Bildhauer Fritz von Graevenitz, von dem neben einem Bronze-Reh sowohl 1939
       als auch 1950 ein „Steigendes Pferd“ auf dem Gelände des Höhenparks
       platziert wurde.
       
       Von Graevenitz hatte ebenfalls mehrfach an der Großen Deutschen
       Kunstausstellung teilgenommen und Hitler porträtiert. Er war Mitglied im
       Stahlhelm und dem NS-Altherrenbund. Ab 1937 lehrte er an der Stuttgarter
       Kunstakademie, deren Leitung er bis 1946 offiziell innehatte. 1940 erschien
       seine Tornisterschrift „Kunst und Soldatentum“.
       
       ## Ein Plätzle, um Sorgen zu vergessen
       
       Deutschlandweit finden sich bis heute zahlreiche Arbeiten von ihm im
       öffentlichen Raum. Seinem Reichsadler an der Rosenberg-Brücke in Heilbronn
       wurde nach Kriegsende lediglich das Hakenkreuz abgeschlagen. Seit 1958
       thront der „Engel des Gerichts“ in der Stuttgarter Stiftskirche über der
       Gemeinde. Erst kürzlich integrierte das Graevenitz-Museum bei Schloss
       Solitude auf Kritik der Stiftung Geißstraße Hinweistafeln zu den
       Aktivitäten des Künstlers im NS in die Ausstellung. Sie zeugen von einer
       faszinierenden Fähigkeit zur sprachlichen Relativierung künstlerischer und
       individueller Verantwortung.
       
       Die Performance belässt es nicht beim Verweis auf historische
       Kontinuitäten. Vor dem Eingang zur Freilichtbühne von 1939 zählen die
       Sprecher:innen jüngste Auftritte von Musikgruppen auf, die offen die
       Israelboykottbewegung BDS unterstützen.
       
       Eine besondere Dramaturgie erhält die nüchterne Inszenierung, die
       Betroffenheitsgesten zu vermeiden versucht, durch musikalische Einlagen von
       Kasia Kadlubowska. Ihre experimentellen Stücke am Vibrafon, das wie
       Lautsprecher und Strahler auf Rollen durch den Park geschoben wird,
       begleiten die Textteile nicht nur, sondern ergänzen sie um eine weitere
       ästhetische Ebene. Deutlich wird das etwa in der elektronischen Vertonung
       eines Gedichts des polnisch-jüdischen Widerstandskämpfers Krzysztof Kamil
       Baczyński, der 1944 beim Warschauer Aufstand getötet wurde.
       
       Der Rundgang entlässt das Publikum nicht mit dem Gefühl einer
       Wiedergutwerdung, sondern endet mit einem Schlager von 1966. In breitem,
       schwäbischem Dialekt besingt er einen Sommer zwischen Blumen und den Park
       als ein Plätzle, wo Sorgen schnell vergessen werden. Das schließt an den
       Beginn der Perfomance an, bei dem eine Interviewperson mit folgender
       Passage zitiert wird: „Ich bin durch den Killesbergpark gegangen und habe
       diese Gedenkstätte gesehen und dann die schönen Blumen und die schönen
       Skulpturen und diesen Streichelzoo. Ich dachte: Wow, ist das die Art, wie
       Deutsche mit ihrer Geschichte umgehen wollen? Einfach alles mit Blumen zu
       dekorieren?“
       
       15 Jul 2026
       
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