# taz.de -- Israels Gesellschaft nach dem 7.Oktober: In den Straßen Tel Avivs
> Kunst und Kultur, die man in Deutschland kaum sehen wird. Ein Streifzug
> durch die liberale Metropole und ihre Versuche des öffentlichen
> Erinnerns.
(IMG) Bild: Tel Aviv, Dizengoffplatz. Erinnerung an Geiseln, die die Hamas während des Terroranschlags vom 7. Oktober 2023 entführte
Im Oktober 2025 tritt offiziell ein Waffenstillstand zwischen Israel und
der Hamas in Kraft. Wenige Wochen später reise ich mit einem Fellowship der
Minerva Stiftung nach Tel Aviv, um zu künstlerischen Strategien des
Gedenkens zu forschen.
Gestalterische Erinnerungsformen sind in Israel allgegenwärtig. Denk- und
Mahnmale erinnern an den zionistischen Kampf gegen die britische
Mandatsmacht und arabische Revolten, an jüdischen Widerstand im Holocaust
sowie den ersten arabisch-israelischen Krieg 1948, auch Israelischer
Unabhängigkeitskrieg genannt. Gedenksteine und Tafeln erinnern an
Anschlagsopfer sowie Gefallene aus allen Generationen.
Die Bearbeitung wiederkehrender Konflikte, Verlust und Trauer sind Baustoff
dieses Lands ebenso wie die Hoffnung auf Sicherheit und ein Ende der
Gewalt.
Nach meiner Ankunft besichtige ich Micha Ullmans „Letters of Light“. Das
kreisförmige Monument ist für die Nationalbibliothek in Jerusalem
entstanden und besteht aus 22 hebräischen Buchstaben, gehauen aus Kalkstein
aus dem Ramonkrater. In einem tiefer liegenden Schacht erzeugt das
Sonnenlicht ein Schattenspiel aus dem hebräischen Aleph, dem arabischen
Alif und dem lateinischen A.
## Anfänge und Schöpfung
Die Arbeit wurde im Oktober 2023 als Fortführung von Ullmans Denkmal zur
Erinnerung an die Bücherverbrennung am Berliner Bebelplatz aufgestellt, das
an den Versuch erinnert, die hebräische Sprache zu vernichten. Die
Jerusalemer Installation soll Anfänge und Schöpfung symbolisieren. Wegen
der Hamas-Massaker vom 7. Oktober wurde sie erst Monate später eingeweiht.
Ich erkunde Tel Aviv zu Fuß. Häufig sehe ich junge Menschen in Uniform und
mit Schusswaffen, überall begegnen mir Bilder der Toten vom 7. Oktober.
Noch erinnert „Bring them home“ an Hauswänden oder Brückenpfeilern an das
Schicksal der Geiseln. Bushaltestellen und Bahnhöfe sind übersät mit
Stickern für die Vermissten und Toten. Seit dem 7. Oktober 2023 prägen Tod,
Trauer und Verlust, Heroisierung und Militarisierung das Stadtbild.
Viele öffentliche Plätze haben sich hier, mehr als im religiöseren
Jerusalem, zu vernakulären Erinnerungsorten gewandelt. Am Dizengoffplatz
steht umgeben von Bars und Restaurants eine Brunnenskulptur von Yaacov
Agam, an der sich Porträts von Geiseln, Getöteten und Gefallenen
überlagern. Menschen legen Blumen ab und zünden Kerzen an.
Nach der Ermordung Jitzhak Rabins 1995 wurde der damals noch Kings of
Israel genannte Platz zu einem temporären Gedenkort. Freie Flächen waren
übersät mit politischen Statements und persönliche Reflexionen. 30 Jahre
später ist davon kaum etwas übrig, die Stadt ließ den Großteil entfernen.
Graffiti haben sich in Israel seitdem, so die Ha’aretz-Journalistin Naama
Riba, zu einer gängigen Protestform etabliert. Wie lange werden die
aktuellen Erinnerungsorte bestehen? Viele der Sticker, Poster und
Schriftzüge verblassen und blättern ab, doch kontinuierlich kommen neue
hinzu.
## Unterwegs zum Habimaplatz
Die Dizengoffstraße führt zum Habimaplatz. Vor einigen Jahren wurde er nach
Plänen von Dani Karavan umgestaltet, neben Ullman einer der wenigen in
Deutschland bekannten israelischen Künstler. In Berlin hat er das Denkmal
für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma entworfen.
Schräg gegenüber vom Nationaltheater, das einst vom selben Architekten wie
die Berliner Volksbühne, Oskar Kaufmann, entworfen wurde, leuchtete auf dem
Dach des Charles Bronfman Auditoriums zwei Jahre lang der Schriftzug „Bring
them home“. Seit Oktober steht dort „Welcome back home“.
Hier ist der Treffpunkt der wöchentlichen Kundgebungen, die als landesweite
Proteste gegen die Justizreform begannen und dann für ein Ende des Kriegs
eintraten. Hunderttausend Teilnehmer:innen zogen über die nahe gelegene
Kaplanstraße. Seit dem Waffenstillstand fordern sie eine unabhängige
staatliche Untersuchung zum 7. Oktobers.
Eine Kommission soll Fehler und Versäumnisse der Regierung von
Premierminister Benjamin Netanjahu untersuchen, die die Hamas-Massaker
nicht zu verhindern wusste. Viele Protestierende zeigen Fotos von getöteten
Kindern aus Gaza, in Bäumen hängen Bilder der Geiseln.
## Auf dem Hostage Square
Wenige Straßen entfernt liegt der Hostage Square. Der Platz vor dem Tel
Aviv Museum of Art beherbergte die Massenkundgebungen des Geiselforums, die
nach der Rückkehr fast aller Entführten jüngst endeten. Bei meinem Besuch
steht noch die begehbare Rekonstruktion eines Hamas-Tunnels. Viele der
Geiseln wurden in solch unterirdischen Gängen gefangen gehalten und
ermordet.
Auch im Museum sind Trauer und Zerstörung präsent. Bis November waren Werke
des in Deutschland weitestgehend unbekannten rumänischstämmigen Malers
Reuven Rubin zu Gast. 1912 studierte er an der Jerusalemer
Bezal’el-Akademie und ließ sich 1923 in Palästina nieder.
Normalerweise werden die Gemälde in seinem ehemaligen Wohnhaus im
historischen Kern der Stadt gezeigt, wo die meisten Gebäude während der
Mandatszeit im internationalen Stil erbaut wurden. Im Juni beschädigten
[1][iranische Raketen] das Museum und umliegende Häuser teils schwer.
Aktuell ist die Videoinstallation „Observation/The Field Observers of the
Gaza Sector“ von Talya Lavie zu sehen. Sie versammelt zehn Berichte von
jungen Frauen, die ihren Militärdienst zwischen 2016 und 2024 in
IDF-Beobachtungsposten leisteten. Die traditionell weiblichen tatzpitaniyot
überwachen den Grenzbereich zwischen Gaza und Israel.
## Museale Grenzerfahrung
Monate vor dem Überfall meldeten sie ungewöhnliche Aktivitäten im
Grenzbereich, etwa vermehrte Simulationen der Hamas von Angriffen oder
Geiselnahmen. Hochrangige Offiziere und Geheimdienstler nahmen die
Beobachtungen nicht ernst.
Die Arbeit unterstreicht die Forderungen nach einer
Untersuchungskommission. Im dunklen Ausstellungsraum brechen
Besucher:innen in Tränen aus. Anstelle einer gewohnten musealen Distanz
spiegelt das die emotionale Grenzerfahrung der Gegenwart wider.
Die Videoinstallation „By the Rivers“ von Ariel Hacohen wiederum geht vom
Chor der hebräischen Sklaven, auch Gefangenenchor genannt, aus Verdis Oper
„Nabucco“ aus. Diese erzählt die biblische Geschichte von der Zerstörung
des Ersten Tempels und der Vertreibung der Israeliten ins Exil.
Am Ausstellungseingang hängt die hebräische und arabische Übersetzung. Die
Projektion führt einen Chor aus kränklichen Duplikaten des Künstlers in
theatralem Setting vor. Ein Zyklus aus Sonnenauf- und -untergang spielt mit
Assoziationen an den Morgen des Hamas-Angriffs und den Lauf der Zerstörung,
die niedergebrannten Kibbuzim und den zerbombten Gazasteifen, die
herbeigesehnte Heimkehr der Geiseln sowie das Rückkehrrecht – an
kontinuierliche Vertreibung, Verlust und Trauer.
## Eretz Israel Museum im Norden
Mit dem Bus fahre ich ins Eretz Israel Museum im Norden der Stadt. Die
Ausstellung „Wuthering Heights“ von Yoav Weinfeld besticht dort zunächst
durch ihre Materialität. Der Künstler hat leuchtende Bilder auf
Aluminiumplatten aufgemalt und eingraviert. Das erinnert an frühe
fotografische Methoden, bei der Bilder auf Metallplatten fixiert wurden.
Das wiederkehrende Motiv eines Kinds zeigt den zweijährigen Neffen des
Künstlers. Almogs Mutter wurde am 7. Oktober ermordet, sein Vater, der
Schwager des Künstlers, in den Gazastreifen entführt. Zwei Jahre lang lebte
er bei Weinfeld und seinem Partner.
In Israel sind zeitliche Schichtungen im öffentlichen Raum beeindruckend
präsent. Die gegenwärtige Omnipräsenz von Trauer, Krieg, Leid, Verlust und
Zerstörung aber ist überwältigend. Zugleich sehe ich so viel herausragende
Kunst wie lange nicht, was auf die Tradition einer über Jahrzehnte
entwickelten Verarbeitungspraxis hindeutet.
## Und die Deutschen?
In etablierten Ausstellungshäusern in Deutschland wird sie wegen des
erstarkten Boykotts israelischer Künstler:innen wohl nicht gezeigt. Eine
differenzierte Auseinandersetzung mit dem gewaltigen Einschnitt, den der 7.
Oktober für die israelische Gesellschaft bedeutet, und künstlerische
Umgangsweisen damit scheinen immer weniger möglich.
Ende Dezember wird bekannt, dass der rumänischstämmige Bildhauer
Belu-Simion Fainaru auf der kommenden Biennale di Venezia Israel vertreten
wird.
Im Juni zerstörte [2][eine iranische Rakete] seine Wohnung und das Studio
in Haifa. In Deutschland vertrat ihn bisher die Berliner Galeria Plan B.
Seit der Bekanntgabe seiner Biennale-Teilnahme ist Fainarus Name von deren
Website verschwunden.
3 Feb 2026
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