# taz.de -- 60-Tage-Streik bei Vivantes-Töchtern: Die richtige Antwort auf Kürzungspolitik
       
       > Die Beschäftigten der Vivantes-Töchter konnten ein gutes Ergebnis
       > erzielen. Kürzungen auf dem Rücken der Beschäftigen wollen sie nicht mehr
       > hinnehmen.
       
 (IMG) Bild: Ohne die Beschäftigten geht im Vivantes Klinikum Am Urban in Kreuzberg: nix
       
       Einer der längsten Streiks im Berliner Gesundheitswesen ging diese Woche zu
       Ende. Nach über 60 Tagen im unbefristeten Ausstand einigte sich die
       Tarifkommission der Vivantes-Tochterunternehmen mit der Geschäftsführung.
       Das Maximalziel „100 Prozent TVöD“ hat Verdi zwar verfehlt. Doch angesichts
       der angekündigten Sparorgien im Gesundheitswesen ist das Ergebnis ein
       Erfolg, der zeigt: Gewerkschaftlicher Widerstand lohnt sich.
       
       Für sich gesehen [1][kann sich der Kompromiss] für die rund 2.200
       Beschäftigten in Gastronomie, Logistik, Reinigung, Technik und
       Rehabilitation sowie in den medizinischen Versorgungszentren (MVZ) sehen
       lassen. Sofort 6,8 Prozent mehr Lohn, dazu eine schrittweise Angleichung an
       den Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD), zu dem auch die direkt
       beim Mutterkonzern beschäftigten Pflegekräfte bezahlt werden. Dazu Erhöhung
       der Schichtzulagen und eine Verringerung der Arbeitszeit von 39 auf 38,5
       Stunden, bei vollem Lohnausgleich. Vergleichbare Tarifabschlüsse sieht man
       in Zeiten der Wirtschaftsflaute aktuell eher selten.
       
       Doch der Streik der Vivantes-Töchter war in vielerlei Hinsicht besonders.
       Statt nur um Lohnerhöhungen ging es um die Einlösung eines mittlerweile 10
       Jahre alten politischen Versprechens: Alle Töchter der landeseigenen
       Unternehmen sollen in die Mutterkonzerne zurückgeführt werden. So schrieben
       es mittlerweile drei Landesregierungen in ihre Koalitionsverträge.
       
       Ausgegliedert wurden die Töchterunternehmen ab Anfang der 2000er Jahre mit
       dem Ziel, Kosten zu sparen. Ein großer Vorteil war, dass durch das
       Outsourcing in Tochterunternehmen die Löhne gedrückt werden konnten. Die
       Reinigungskräfte, Lieferfahrer:innen und
       Sterilisationsassistent:innen fielen nicht mehr unter den teuren
       TVöD. Zuletzt lag [2][der Lohnabstand laut Verdi] in einzelnen
       Berufsgruppen bei bis zu 15 Prozent.
       
       ## Anti-Neoliberalismus
       
       So gesehen war der Streik Teil der Bemühungen, die Folgen der neoliberalen
       Sparpolitik der 2000er Jahre wieder rückgängig zu machen. Das Ziel schien
       fast erreicht: Bereits die Tarifrunde 2021 war eine harte
       Auseinandersetzung mit 50 Streiktagen, endete aber erfolgreich mit der
       Absichtserklärung, bis 2028 TVöD-Niveau erreichen zu wollen.
       
       Neben der Angleichung der Gehälter pochte Verdi dieses Mal nun vor allem
       auf die betriebliche Altersvorsorge. Die steht den TVöD-Beschäftigten des
       Mutterkonzerns zu, nicht aber den Vivantes-Töchtern. Vor allem die
       niedrigeren Lohngruppen würden profitieren, weil vielen
       Teilzeitbeschäftigten Altersarmut droht.
       
       Dass sich Verdi mit dieser Kernforderung nicht durchsetzen konnte, ist
       nicht als Scheitern zu verstehen. [3][Immerhin hätten die Rahmenbedingungen
       kaum schlechter sein können]. Durch jahrelanges Sparen bei der
       Krankenhausfinanzierung fährt Vivantes jährlich [4][ein Defizit von 120
       Millionen Euro ein], das es eigentlich abbauen will. [5][Die
       Bundesregierung verschärfte diese schwierige Ausgangssituation mit ihrer
       Ankündigung, das Loch in den Krankenkassen mit der Finanzierung der
       Krankenhäuser zu stopfen.] Die Kürzungspläne würden Vivantes mit zusätzlich
       70 Millionen pro Jahr belasten.
       
       In vielen anderen Unternehmen wären die Beschäftigten der erste Posten, bei
       dem gespart wird. Die Motivation, Lohnkosten zu drücken, hat ja eben erst
       zu Ausgliederung der Vivantes-Töchter Anfang der 2000er Jahre geführt.
       
       ## Ausdauer lohnt sich
       
       Es ist Verdi und vor allem den Beschäftigten hoch anzurechnen, dass sie
       sich trotz des Sparkurses nicht von den üblichen neoliberalen Predigten von
       „Alternativlosigkeit“ und „Wir müssen alle den Gürtel enger schnallen“
       haben einlullen lassen. Trotz schmerzhafter Lohneinbußen blieben die
       Beschäftigten der Vivantes-Töchter und pochten auf ihr Recht. Mit Erfolg:
       Das deutliche Lohnplus zeigt, dass die Beschäftigten eben kein abstrakter
       Wert in einer Excel-Tabelle sind, der nach Belieben gekürzt werden kann.
       
       Der Ball liegt jetzt wieder bei der Politik, die die Finanzierungslücke auf
       kurz oder lang füllen muss, will sie lebensnotwendige
       Gesundheitsinfrastrukturen erhalten. Der Streik hat sich somit als
       effektives Mittel gegen die Kürzungspolitik bewiesen.
       
       Damit sind die Beschäftigten der Vivantes-Töchter ein Beispiel für andere
       Branchen. Wirtschaft und Staat werden in Zeiten der Krise nichts unversucht
       lassen, den „Standort Deutschland“ wieder attraktiv zu machen. Das bedeutet
       in erster Linie, Löhne zu drücken, Arbeitsbedingungen zu verschlechtern und
       Sozialleistungen zu schleifen.
       
       27 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Streik-bei-den-Vivantes-Toechtern/!6190143
 (DIR) [2] https://www.verdi.de/gesundheit-soziales-bildung-bb/informationen-angebote/nachrichten-aktuelles/factsheet-tarifauseinandersetzung-vivantes-toechter
 (DIR) [3] /Arbeitskaempfe-im-Gesundheitswesen/!6162518
 (DIR) [4] https://www.vivantes.de/unternehmen/media-events/pressemitteilungen/presse-detail/einigung-auf-tarifvertraege-fuer-vivantes-tochtergesellschaften/
 (DIR) [5] /Einsparungen-bei-den-Krankenkassen/!6176128
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jonas Wahmkow
       
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