# taz.de -- Einsparungen bei den Krankenkassen: Pflege unter Druck
> Der Entlastungstarifvertrag an der Charité ist ein Erfolgsmodell – das
> die Universitätsklinik jetzt beenden will. Grund sind Sparmaßnahmen des
> Bundes.
(IMG) Bild: Darf's wieder etwas mehr Belastung sein? Pflegerin am Krankenbett
In den 8 Jahren, in denen Franziska Aurich als Pflegerin an der
landeseigenen Universitätsklinik Charité arbeitet, haben sich die
Arbeitsbedingungen deutlich verbessert. Mehr Personal, weniger
unterbesetzte Schichten, mehr Zeit für die Patienten und sich selbst,
berichtet die Pflegerin. „In den letzten Jahren hatten wir einen
Personalaufwuchs von rund 1.000 Stellen“ berichtet Aurich.
Ein wesentlicher Grund, warum es der Charité trotz des massiven
Fachkräftemangels gelang, so viel einzustellen, [1][ist der 2021
abgeschlossene Entlastungstarifvertrag.] Doch genau diese Errungenschaft
will das Universitätsklinikum jetzt kündigen. Der Grund, dass die
kriselnden Kliniken noch weiter unter Druck geraten, sind die Sparvorhaben
der Bundesregierung im Gesundheitssystem.
Der Entlastungstarifvertrag gilt als eine der größten Errungenschaften der
Berliner Krankenhausbewegung. Im Zuge der Dauerbelastung durch die
Corona-Pandemie erkämpften die Pflegerkräfte der landeseigenen Kliniken
Charité und Vivantes nach wochenlangem Streik den Tarifvertrag.
Kern der Regelung ist ein Bonussystem, bei dem die Beschäftigten für
Überlastungssituationen kompensiert werden. Leisten die Beschäftigten
Dienst auf einer Station, deren Besetzung unter einer vorgegebenen Quote
liegt, erhalten sie Bonuspunkte. Diese können sie dann gegen Geld oder
Freizeit eintauschen.
## Entlastung wirkt
Nicht nur die Beschäftigten bewerten das System als Erfolgsmodell. „Nach
über vier Jahren Laufzeit lässt sich das Resümee ziehen, dass der
Tarifvertrag einen Wettbewerbsvorteil bei der Gewinnung und Bindung von
Fachpersonal darstellt und die Kontinuität der personellen
Ressourcenverfügbarkeit sichert“, sagt Charité-Sprecher Markus Heggen der
taz. Und fügt dann noch hinzu: „Er ist jedoch auch sehr kostenintensiv.“
[2][Seit Jahren stehen die Krankenhäuser unter einem enormen Kostendruck.]
Das alte Fallpauschalensystem reicht kaum für die Refinanzierung, die
Umsetzung der lang ersehnten Krankenhausreform lässt auf sich warten. Noch
dazu sparen die Länder, allem voran Berlin, an der Finanzierung der
Investitionskosten der Einrichtungen. Neue Ausrüstung, Bettenhäuser,
Hochspezialisierung – das alles müssen Krankenhäuser aus den ohnehin schon
knappen laufenden Mitteln bezahlen.
Zusätzlich zu der ohnehin schon prekären Situation will
Gesundheitsminiserin Nina Warken (CDU) nun auch an den Lohnkosten in der
Pflege sparen. Das Maßnahmenpaket im Entwurf [3][des
Gesetzliche-Krankenversicherungs-Spargesetzes] sieht unter anderem eine
Deckelung des Pflegebudgets vor. So sollen Tarifsteigerungen nicht mehr
vollständig refinanziert werden, sondern sich an dem deutschlandweiten
Grundlohnniveau orientieren. Neben der Deckelung sieht das Sparpaket
weitere Einschränkungen und Kürzungen des Budgets vor.
Beim Pflegebudget handelt es sich um einen Festbetrag, aus dem die
Leistungen der Pflegekräfte bezahlt werden. Das Pflegebudget wurde 2020
eingeführt, um die Pflege in den Krankenhäusern unabhängiger von dem
umstrittenen Fallpauschalensystem zu machen. Zuvor wurden Pflegeleistungen
über die erbrachten Behandlungen finanziert, was zu sogenannten „blutigen
Entlassungen“ führte. Weil es sich finanziell nicht lohnte, entließen
Krankenhäuser Patient:innen früher als es medizinisch sinnvoll war.
## Lohnkosten im Visier
„Das Paket ist ein direkter Angriff auf die Pflege am Bett und andere
Berufsgruppen im Krankenhaus“, kritisiert Verdi-Gewerkschaftssekretärin
Gisela Neunhöffer. Durch die Deckelung würden Geschäftsführungen vor das
Dilemma gestellt, hohe Tarifsteigerung womöglich durch Personalabbau
kompensieren zu müssen. Ein Problem, dass der Entlastungstarifvertrag
eigentlich zu durchbrechen versuchte. „Frau Warken bringt die Konflikte
wieder zurück in die Betriebe und erschwert gute Krankenversorgung massiv“,
kritisiert Neunhöffer die Gesundheitsministerin.
Offiziell begründet die Charité die Kündigung durch ein weiteres Gesetz
Warkens, das bereit Mitte April verabschiedet wurde. [4][Aber auch das
Krankenhausreformanpassungsgesetz] setzt Axt am Pflegebudget an. Die Reform
der Reform sieht vor, dass alle Leistungen, die nicht unmittelbar am Bett
erfolgen, zukünftig wieder aus den Fallpauschalen finanziert werden sollen.
Der Entlastungstarifvertrag sollte eigentlich nach dem Auslaufen
automatisch verlängert werden. Doch laut einer Sonderkündigungsklausel, von
der die Charité nun Gebrauch gemacht hat, kann der Vertrag vorzeitig
beendet werden, sollte sich etwas an der Krankenhausfinanzierung ändern.
Der Vertrag läuft nun bis zum Ende des Jahres aus.
Die Charité will den Entlastungstarifvertrag jedoch nicht ersatzlos
streichen, sondern mit der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi neu
verhandeln. „Ziel muss es also sein, bis spätestens dahin mit dem
Tarifpartner eine adäquate Folgeregelung zu vereinbaren“, sagt Heggen.
Verdi versucht nun, eine Verschlechterung zu verhindern, aber klar ist,
dass die Charité mit der Kündigung unterm Strich Kosten sparen will.
## Krise aber keine Planung
„Der Bund macht das Vorzeigemodell des Tarifvertrags Entlastung kaputt“,
kritisiert Tobias Schulze, gesundheitspolitischer Sprecher der Linken.
„Warken agiert, als hätten wir nie eine Pflegekrise gehabt. Dabei müssten
wir weiter alles tun, um Beschäftigte in der Pflege zu halten.“ Laut
Schulze rechnet der Senat mit einer Zusatzbelastung eines zweistelligen
Millionenbetrags durch die Bundesgesetzgebung.
Die Kündigung des Entlastungstarifvertrags ist vielleicht das erste, aber
nicht das letzte Opfer der Sparvorgaben des Bundes. Auch
Krankenhausschließungen, wie sich jetzt schon durch die Insolvenz des
Jüdischen Krankenhauses in Wedding andeutet, könnten die Folge sein. Silke
Gebel, pflegepolitische Sprecherin der Grünen, fordert daher ein
entschiedeneres Eingreifen des Senats. „Der Senat muss ein Bild herstellen,
wie die Gesundheitsversorgung in Berlin in den nächsten 20 Jahren aussehen
wird – das haben sie bisher nicht getan“.
4 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Jonas Wahmkow
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